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Nord- Wlmerika.

Horace Greeley, Redacteur der Tribune in New-York.*)

Vor etwa fünfundzwanzig Jahren trollte ein langgewachsener, linkischer, weißköpfiger, verhungert aussehender Bursche durch NewYorks Straßen mit einem Bündel an einem Stabe über der rechten Schulter; feine Toilette hielt mit dem urzuständlichen FeigenblattKostüm einen ziemlichen Vergleich aus; der Ausdruck feines Gesichtes bot eine feltsame Mischung von Staunen und Apathie dar; kurz, feine ganze Erscheinung machte den Eindruck eines dem Meister entlaufenen Lehrjungen, der in Verzweiflung fich nach einem anderen Unterkommen umfieht. Frisch aus den Wäldern Neu-Englands war er nach der großen Metropole gekommen, fein Glück zu suchen, mit kaum zehn Dollar in der Tasche. Unbekannt mit der Welt und den gesellschaftlichen Manieren, kam er den geputzten Leuten in der City wie ein Pilger aus dem Monde vor. Seine ungeschlachten Bewegungen hatten etwas fo Groteskes, daß die Leute auf den Straßen stehen blieben und ihn anstarrten. Bei näherer Anschauung jedoch fanden sie auf dem Gesichte dieses feltsamen Burschen eine eigenthümliche Schönheit leuchten. Hinter den umwölkten Zügen blitzte eine ungewöhnliche Intelligenz hervor. Eine hohe, klare, symmetrisch gerundete Stirn schien zum Wohnsitz tiefen Denkens geschaffen. Seine festen, wohlgeschnittenen Lippen, auf denen sich „Stärke und Milde harmonisch paarten“, verriethen das Arbeiten eines thätigen, kraftvollen Geistes, kurz, wer ihn genauer ins Auge faßte, fah, daß dieser Herumtreicher kein „gemeiner Kerl“ war.

So war Horace Greeley bei feinem Eintritt in eine Bahn, die ihn zu einer gewissen Höhe unter den Tages berühmtheiten führte. Und reich an Intereffe und Belehrung ist diese Laufbahn: fie wirft ein starkes Licht auf den Geist unserer Zeit und auf den Charakter der amerikanischen Institutionen; sie wäre fast unmöglich in einem anderen Lande oder in einer früheren Zeit. Er war, wie es scheint, gerade in einer Epoche zur Welt gekommen, die feine angeborenen Gaben braucht, und in einem Gesellschafts-Zustande, wo sie sofort nutzbar zu machen find. Vom gemeinen Handwerker, der das knappe tägliche Brod erarbeitete, schwang er sich hinauf zur Stellung eines Leiters der öffentlichen Meinung. Mit der Kraft und Gedrängtheit eines Styls zwingt der autodidaktische Drucker aus dem Hinterwalde die gebildetsten Klaffen, feinen täglichen Worten zu lauschen. Geboren in der dunkelsten Volksschicht der neuengländischen Pächter, ohne höhere Schulbildung, ohne den blendenden Schimmer des Reichthums und Ranges, zu furchtlos und zu persönlich im Ausdruck feiner Meinungen, zu unabhängig in feiner Gesinnung und in feinem Benehmen, um nützliche Freundschaften durch Schmeichelei zu gewinnen, bietet er das deutliche Beispiel, wie die auf fich felbst ruhende Kraft die Gewalt der Umstände bewältigt.

Schon eine Geburtsstätte war ganz geeignet, mannhafte Kühnheit, kräftige Anstrengung, festen Widerstand gegen die unfreundliche Wirklichkeit und, durch den Kontrast, Idealität und Begeisterung in der jungen Seele zu erzeugen und zu fördern. Seine Aeltern bewohnten ein niedriges, einstöckiges Haus, von einem weitläufigen Zaun umfriedet; über einem altfränkischen Ziehbrunnen schwebte ein bemooster eichener Eimer hoch in der Luft, und die Umgebung starrte von einer fast ununterbrochenen Felsmaffe. „Felsen in dem alten Obstgarten hinter dem Hause; Felsen gucken aus dem Grafe auf den Weiden hervor; Felsen verbrämen den Fuhrweg; Felsen an den Halden; Felsen auf dem Kamm der Hügel; Felsen überall, nichts als Felfen.“ Der Stadt Amherst in New-Hampshire, worin diese bescheidene Wohnung lag, ist von der launischen Natur ein harter Boden und ein unfreundliches Klima beschieden worden. Die einzigen Kostbarkeiten, die fiel aufzuweisen hat, find die Schwärme von Jünglingen, die sie von

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ihrem Weichbilde aussendet, um andere Plätze des Landes zu bevölkern. Die Arbeit der Farmer ist von der härtesten Art. „Da führen fie den Pflug auf den Halden der steilen, felsigen Hügel hin, der Pflug knarrt, die Ochsenföhnen, der Treiber, ein kleiner Bube, springt von Scholle zu Scholle, der Mann lenkt den Pflug um die Felsen herum, Mann und Bube rufen jede Minute mit schrillendem Schrei den kräftigen Thieren ein Halt zu, wenn der Pflug auf einen verborgenen Stein gestoßen, der zu groß ist, um ihn wenden zu können; und die feierliche Langsamkeit, womit der dröhnende, feufzende Zugfich dahinwindet, giebt dem fchlaffen Städter, der zufällig vorübergeht, einen neuen Begriff von hartem Schaffen und ein neues Gefühl des eigenen behaglichen Looses.“ Die Aeltern Greeley's gehörten zu den fchlichten, hart schaffenden Farmern dieses rauhen Landstriches. Seine Mutter, die erste Lehrerin des wißbegierigen Kindes, war das merkwürdigste Muster eines neuengländischen Weibes. Mit männlicher Stärke verband fiel ein fanftes, liebreiches Gemüth; unermüdlich fleißig, keinen Augenblick müßig, fcheute fie keine Arbeit als zu schwer oder widerwärtig. Durch ihre muntere Laune verbreitete sie ununterbrochene Heiterkeit um fich her. Kinder waren gern um fie, während ihre Gutherzigkeit und ihr natürlicher Witz fiel zum Liebling jedes Alters machten. Ein unerschöpflicher Vorrath alter Balladen, hübscher Märchen, ländlicher Lieder und Gefchichten belebten ihre Unterhaltung und zogen Jung und Alt in ihre Gesellschaft. Der Knabe Horace, den Geschichten der Mutter lauschend, wenn fie mit gleicher Rüstigkeit Spindel und Zunge in Bewegung fetzte und den Faden des Flachfes und der Erzählung zu gleicher Länge fortspann, fog schon früh von ihren Lippen Hang zum Lernen. Er lernte lesen, bevor er noch recht sprechen konnte. Das kaum dreijährige Kind kauerte über der ehrwürdigen Familienbibel, die zu feiner Unterhaltung auf dem Boden aufgeschlagen lag, guckte mit anhaltender Neugierde in die Zeitungsblätter, die man ihm zu spielen gab, gleichsam als Vorzeichen feines künftigen Berufs. Im vierten Jahre konnte er jedes beliebige Buch fertig lesen. Er begnügte sich aber nicht, die Worte in ordentlicher Reihe zu lesen, sondern fand Vergnügen daran, das Buch verkehrt zu halten, und in allen Richtungen von oben nach unten, von unten nach oben, von der Rechten zur Linken die Uebung vorzunehmen. Psychologen dürften das Streben des Mannes nach allseitiger Betrachtung der Dinge in dem Spiele des Kindes vorgezeichnet finden. In der Distriktschule, die er nun besuchte, galt er bald für ein Wunder, besonders in der Buchstabierkunst. Bei den Buchstabierspielen, die dazumal mit dem Eifer eines literarischen Turniers getrieben wurden, wählte man ihn stets als Lieblingskämpen. Bis zu feinem zehnten Jahre versäumte er die anderthalb engl. Meilen von feiner Heimat entfernte Schule keinen Tag, wie oft er auch an Wintertagen in Gefahr gerieth, verschneit zu werden. Die Neigung zum Lesen wuchs in ihm mit den Jahren und wurde zur Leidenschaft. Groß war aber die Schwierigkeit, die angemeffene Nahrung zu finden, fiel zu befriedigen. Die Hausbibliothek enthielt wenig mehr, als die Bibel, das presbyterianische Glaubensbekenntniß und etwa einige Dutzend einzelner Bände. Zum Glück kam wöchentlich eine Zeitung ins Haus, und der Tag ihrer Ankunft war ein Fest für den Knaben. Mit Ungeduld zählte er die Tage bis zu ihrer Ankunft, und wenn die glückliche Stunde schlug, lief er dem Postreiter auf der Straße entgegen, riß ihm das kostbare Blatt aus den Händen, eilte damit an einen entlegenen Platz, warf sich ins Gras und verschlang gierig den Inhalt. Auf die Länge jedoch wollte diese knappe Kost dem Heißhunger nicht vorhalten. Bücher waren für ihn eine Lebensbedingung; fie aufzutreiben, streifte er meilenweit umher, und als die Sammlungen der Nachbarn erschöpft waren, dehnte er feine Jagd bis auf die nächsten Städte aus. Bald gab es in der Umgegend kein Buch, das er nicht gelesen hätte. Ohne Buch fah man ihn nie. „Jede Minute, die er von der Schul- und Hausarbeit abmüßigen konnte, verwendete er aufs Lesen, und war darein oft so vertieft, daß, wenn er von den Aeltern zu einer Dienstleistung gerufen wurde, er wie aus einem tiefen Schlafe erwachte und fich erst auf das befinnen mußte, was er zu thun habe. Das Buch ließ er aber auch dann nicht aus der Hand: lesend ging er in den Keller, in den Holzfall, in den Garten, zu Nachbarn, und hatte er feinen Auftrag bestellt, fo zog er das Buch aus der Tasche und fetzte das unterbrochene Lefen fort.“ Fing es an, dunkel zu werden, fo zündete er einen tüchtigen Fichtenknorren auf dem ungeheuren Heerde an, streckte sich auf den Boden hin, das Geficht nach dem Feuer gewendet, und las still, regungslos, todt für die Umgebung, die ganzen geschlagenen Winterabende. So verliefen rasch die ersten Tage der Knabenzeit. Es war das Leben der Seidenraupe, die von dem Maulbeerlaub Stoff zu künftigen kostbaren Erzeugniffen vorbereitet. Noch hatte sein Geist, ob

gleich mit Nahrung überfüllt, kein Zeichen von Selbstthätigkeit ge

geben, noch hatte sich durch Nichts die Gegenwart des schaffenden Genies verrathen. In einem eilften Jahre fiel ihm eine Abschrift der Gedichte von Mrs. Hemans in die Hände; fie berührten eine neue Saite in seinem Herzen, erweckten die verborgenen Quellen der Begeisterung und brachten ihn zum Bewußtsein der edleren Impulse seiner Natur. „Ich erinnere mich“, sagt er irgendwo, „als wenn es gestern wäre, wie unter dem Eindruck des Wahren, Schönen, der tiefen Herzenskunde, welche die Gedichte der Mrs. Hemans charakterifiren, meine unreife, knospenartig eingehüllte Seele fich allmählich entfaltet hat.“ Wenige Jahre nach dieser bedeutenden Wendung in seinem inneren Leben finden wir Horace als Lehrling in einer Druckerei auf dem Lande, eine Stelle, die lange als Traum feine jugendliche Phantafie beschäftigt hatte und jetzt das Maß feines Ehrgeizes füllte. Hier wurde er in die politische Debatte eingeweiht. Bald galt er für ein Orakel in dem Bunde der ländlichen Staatsmänner, die ihre abweichenden Meinungen seiner Entscheidung unterwarfen. Der Redacteur der Dorfzeitung, bei dem Greeley in der Lehre war, fand oft verdutzt vor den geschickten Fragen und Winken des embryonischen Polemikers. In den wöchentlichen Meetings des „Lyceums“ öffnete sich unserem Horace ein paffender Schauplatz zur Uebung seiner gladiatorischen Talente, und er wurde bald ein leitendes Mitglied der Gesellschaft. Hier „ragte er als wahrer Riese hervor. Nicht rednerische Anmuth zeichnete einen Vortrag aus: aber er sprach fließend und feffelnd und wußte der Debatte eine unerwartete Wendung zu geben, indem er die Hörer an irgend eine wohlbekannte, aber übersehene Thatsache erinnerte, oder ein falsches Citat berichtigte, oder sich auf die sogenannten Grundprinzipien berief. Er war ein furchtbarer Opponent, aber selbst die besiegten Gegner liebten ihn wegen feiner Offenheit und feines Ernstes. Er verlor niemals feinen Gleichmuth.“ Seine Lehrjahre gingen jetzt zu Ende. Er war der beste Arbeiter in der Druckerei, und auch bei der Redaction der Zeitung wurden feine Dienste gesucht. Im Alter von zwanzig Jahren schied er vom Schauplatze feiner frühzeitigen Siege, und mit festem Muth und praktischem Blick reichlich, mit klingenden Mitteln aber spärlich ausgerüstet, trat er die Wanderung an, um sich nach einem weiteren Wirkungskreis umzusehen. Nachdem er in verschiedenen Landdruckereien sein Glück verfucht hatte, steckte er feinen mageren Sparpfennig zu fich, der obendrein durch die Unterstützung eines verarmten Vaters auf ein Geringfes zufammengeschrumpft war, tauchte in die Wälder, die sich in der Richtung nach dem Erie-See hin dehnen, und gelangte endlich nach New-York in dem oben beschriebenen Aufzuge. Vierzehn Monate arbeitete er in Druckereien auf Tagelohn. Er eröffnete dann eine Druckerei auf eigene Rechnung; aber unaufhörlich schwebte seiner Phantasie der Redactionstraum vor. Sein erster glücklicher Versuch war die Herausgabe des New-Yorker. Es war ein neuer Schritt auf der Bahn des amerikanischen Journalismus. Die erste Nummer erschien im Frühling 1834. Das Blatt schlich fich geräuschlos ins Dasein, ohne vorangegangenen Posaunenchall, und gewann dennoch allmählich einen anfehnlichen Lesekreis. Das markierte Gepräge desselben zog bald die Aufmerksamkeit des Publikums auf fich; es gefiel durch die Kraft und Schärfe der Leitartikel, durch die Vollständigkeit und Genauigkeit der Nachrichten, durch die Offenheit und den guten Geschmack der litera

rischen Besprechungen und durch die glückliche Auswahl der vermisch

ten Mittheilungen. Die Preffe im Allgemeinen bewillkommnete es freundlich, und der Redacteur wurde bald weit bekannt und geschätzt. Mancherlei ungünstige Umstände wirkten aber zusammen gegen einen pekuniären Erfolg des „New-Yorker“, und nach einem siebenjährigen fruchtlosen Ankämpfen ging er in der Tribune unter, wovon die erste Nummer im April 1841 ausgegeben wurde. Was sie unter feinen Händen geworden und was sie eben nur unter folchen Händen werden konnte, weiß Amerika. Sie ist ein treuer Spiegel feiner Prinzipien, feiner Ueberzeugungen, feiner – denn ist der Redacteur nicht Mensch – Vorurtheile. Die meisten Original-Aufsätze floffen und fließen aus seiner Feder; sein Geist webt in jeder Zeile; in den Augen des Publikums find die Vorstellungen Horace Greeley und Tribune identisch.

England.

Englische Literatur-Briefe. Zwölfter Monats-Bericht. 1855. (Schluß) Ek. Alles dieses „übrige England“, in welchem man den „wahren Gentleman“, der nichts Unreinliches, nichts Unsittliches, nichts Gemeines, nichts Heuchlerisches leiden kann, in welchem man allein die Tugend und Schönheit Englands findet bis ganz hinunter in die Kreise, aus denen Dickens fo oft Gold hervorgrub, hat einen größeren Abfcheu vor dem spezifischen, als ich jemals zu erkennen zu geben verfucht habe. Dieses übrige England – im weitesten Sinne das ganze, mit Ausnahme der Spezifischen, liefert allerdings stets eine Menge Werkzeuge und Narren für das spezifische, aber die Kluft wird immer größer und entschiedener, da eine mittlere Stellung zwischen beiden immer unmöglicher wird. Das wirklich „übrige England“ kann Niemand aufrichtiger lieben und achten, als ich, der ich es in manchen lieben Personen und Familien immer näher kennen zu lernen Gelegenheit habe. Aber dieses liebe, achtbare England hat durchaus gar nichts zu thun mit dem spezifischen, an welches Deutschland glaubt. Das „übrige England“ fieht, erkennt und verachtet in dem spezifischen den ausgebildetsten, faulsten, „most infernal humbug". Es besteht aus Individuen, Privatpersonen, deren Stolz es ist, Privatperson zu fein und nichts mit den „öffentlichen Angelegenheiten“ zu thun zu haben. So haben sie nicht den geringsten Einfluß auf das England, welches den – deutschen Glaubens-Artikel bildet. Schafe und Böcke sind streng geschieden. Deutschland aber glaubt in den Böcken an die Tugenden der Schafe. Das ist ein kläglicher Irrthum, kläglich, weil er aus Mangel an Selbstvertrauen hervorgeht, kläglich, weil er diesen Mangel nährt, kläglich, weil ihn eine schwere Strafe erwartet, kläglich, weil er nicht zu kurieren ist („bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren“), kläglich, weil er als Irrthum so ungeheuer grob ist und sich gegen die ganze Geschichte der englischen Politik und Diplomatie mit Brettern vernagelt. Glaube, Liebe, Hoffnung könnten sich aus der Thatsache nähren, daß das „übrige England“ gefund, gut, edel und ehrlich ist und wirklich die größte Majorität bildet, die früher oder später über den herrschenden „infernalen Humbug“ fiegen müffe. Das glaube ich auch, aber es dauert jedenfalls länger, als der Krieg, just weil sich

alle wirklichen Gentlemen von aller Politik, als etwas Unanständigem,

fern halten, länger, als bis Palmerston feinen Freiheitstrank für Deutschland in feinem Hexenkeffel fertig machen kann. Bekömmt er ihn früher fertig, verwende man ihn als Rattengift und dergleichen und entwickele sich in Deutschland „von innen heraus“. Geht das nicht, dann lieber gar nicht, was zwar etwas zu konservativ, aber immer noch beffer wäre, als die Entwickelung durch englisch-diplomatischen Brechweinstein. Der Abscheu vor dem herrschenden englischen Humbug kann nicht größer sein, als im „übrigen England“ selbst. Das alte, germanische, ehrliche Element Englands selbst und das wissenschaftlich und literarisch aus Deutschland importierte tritt mit einer Schärfe, Breite und Entschiedenheit dagegen auf, daß man in Deutschland fich die Augen ausstechen oder gewaltsam glaubensblenden muß, um es nicht zu fehen. Liest man keine englische Zeitungen in Deutschland? So unficher, schwankend und diplomatisch diese auch leitartikeln, kann man es doch aus jeder Spalte sehen. Liest man keine englische Bücher, die doch fuderweise übersetzt werden? Liest man die Thatsachen nicht zuweilen aus den verschwimmenden Zeitungs-Phrasen heraus? Man lese dann z. B. die englische Krimgeschichte im Zusammenhange, von Augenzeugen, von

verschiedenen Standpunkten, auch dem der Vertheidigung, und wenn

dem Leser nicht selbst aus letzterem ein Licht aufgeht, muß seine geistige Amaurofis vollständig ausgebildet und unheilbar geworden sein. Es liegen jetzt drei authentische Krimgeschichten vor: die bekannte, von dem Times-Korrespondenten Mr. Ruffel, eine zum Theil vertheidigende, mehr militairische vom Oberst-Lieutenant Bruce Hamley („The Story of the Campaign of Sebastopol”) und eine vom Korrespondenten des Morning Herald, Mr. Woods, die eben erschienen ist, und welche ich noch nicht gesehen habe. Sie foll in einem Grade vertheidigend sein, daß er mit den Entschuldigungen die Schuld nur um so ungeschickter hervorkehrt. Der Deutsche könnte sich ein Verdienst erwerben, wenn er die Thatsachen aus allen kombinierte und fie logisch verbände und beleuchtete. Manches Richtige und Treffende fände er auch in den bis jetzt fünfunddreißig Traktätchen des Sir Arthur Hallam Elton, eines unabhängigen Baronets, über den jetzigen Krieg und die innere Krifis („Tracts for the Present Crisis". 1–XXXV). Er ist ein Mann des Friedens, aber nicht wegen Pfd, Shill. und Pence, wie die Herren von Kattun und Manchester, sondern, „weil keine Art von Ehre für England aus diesem Kriege hervorgeht“, wohl aber die Krifis, welche Englands Bestehen gefährde. Er fürchvon feinem Standpunkte aus den Ruin der feudalen Schichtung Englands und der Privilegien der Oligarchie. Die, welche in diesem Untergange eine Auferstehung „zeitgemäßer Reformen“, d. h. aller bisherigen Disposition nach, entschiedenere und offenere Ausbildung der Mittelklaffen-Herrschaft, der Plutokratie fehen, finden in dieser Aussicht auch keinen Trost, wenn sie nicht gerade zu den Männern der Administrativ-Reform-Affociation-Farce gehören. Ich will die Kriegs- und Krisen-Literatur nicht weiter verfolgen und möchte hier ein- für allemal die Leser der Literatur-Briefe bitten, in den bisherigen Hinweisungen auf die faulen Flecke des politischen, geltenden, spezifischen England wesentlich nichts als Versuche zu erblicken, Deutschland mit feinem Glauben auf fich felbst zu verweifen, nicht auf das geographische Vaterland, sondern auf die welthistorische, kosmopolitische Misfion deutschen Wiffens und Schaffens, durch welche andere Länder und Nationen bereichert, in der Kultur gefördert, mit einander vermittelt und versöhnt werden; nichts als Versuche, Deutschland mit dem Walde, den es vor Bäumen nicht fieht, bekannt zu machen, mit dem Walde von Thatsachen, daß es stets mehr giebt, als empfängt, daß es auch ganz wesentlich England befreien muß, fatt von ihm „beffere Zukunft“ u. dgl. zu erhalten. Ich habe schon früher auf die kontinentale, besonders deutsche Richtung im englischen Leben, in Industrie, Wiffenschaft, Kunst, Literatur hingewiesen und gemeint, den Vogel schon an den Federn zu kennen, z. B. am Barte. Ja, ich sehe in dem kaum fechs Monate alten Schnurrbarte von Charles Dickens blos aufgegangene Saat eines neuen Frühlings, die alten Schollen und Schrullen des spezifischen England durchbrechend. Vielleicht fieht man dies deutlicher aus den zwanzig Heften von „Little Dorrit”, wovon das erste Heft erschien oder fich vielmehr in ganze Wulfte von Anzeigen verkroch. Aus welcher ursprünglichen Quelle fließt Thackeray's feine, schonungslose, absolute, satirische Polemik gegen das spezifische England? Aus Deutschland, aus Goethe, aus Weimar, wo er einen hübschen Theil feiner Jugend verlebte. Woher kömmt die deutsche Sprache, die deutsche Literatur, die deutsche Erziehung in immer zahlreicheren, edlen Kreisen Englands? Nun, wahrscheinlich weder vom Monde, noch aus Sibirien. Dickens fand nie in direkter Beziehung zu der deutschen Literatur. Aber er felbst hat es wiederholt versichert, daß er Carlyle, dem wesentlich deutschen Denker und Dichter, unendlich viel verdanke. Das spezifische England erklärte ihn, Carlyle, zuweilen für verrückt, aber feine Popularität hat dabei immer zugenommen. Lewes widmet ihm feine „Biographie Goethe's“, als dem edlen Manne, der England zuerst lehrte, Goethe zu würdigen, dem ersten, gründlichen Lehrer des Germanismus in England; Carlyle’s Werke, bisher der großen Menge ziemlich unzugänglich, weil sie zu voluminös, zu theuer und zu tief waren, find jetzt in einer wohlfeilen „Anthologie“ („Passages selected from the Writings of Thomas Carlyle. By Thomas Ballantyne". Chapman & Hall) erschienen. In Kritiken über dieses Buch wird er, der einst Verrückte, der finnlose Schwärmer u. f. w., „der wichtigste Schriftsteller Europa's“ genannt, nach den Urtheilen von Thackeray, Dickens, Ruskin, Tennyfon u. f. w. unübertrefflich in Größe und Tiefe des Gedankens, in Malerei und Humor, ein Shakespeare in Darstellung der franzöfischen Revolution, gegen welche die von Lamartine ein schöngeistiges Gewäsch fei. Auch Macaulay’s elegante, conventionelle Form und Geschichtsschreibung verschwinde gegen Carlyle's tiefe, historische, individualifirende, stets ins Herz einer Personen und Thatsachen dringende Darstellung zu oberflächlicher Rhetorik. In diesem Tone geht es fort. Es kömmt uns hier nicht darauf an, solche Kritik zu kritisieren, mag fiel übertrieben fein. Richtig darin ist die begeisterte Anerkenmung des produktivsten, reichten und nobelsten Schriftstellers und Menschen, der das Wesen feines Verdienstes und seiner ganzen Production aus dem Geiste des Germanismus, aus der deutschen Literatur fchöpfte und zu bescheiden ist, um seine eigene Genialität und dichterische Fülle für Etwas an fich zu halten. Uebrigens kann man auf diese überschwängliche Anerkennung Carlyle's in der englischen Kritik eben so wenig geben, als auf dessen Anschwärzung früher. Wenn er nicht fich und Autoritäten, wie die genannten, für sich hätte, der Kritik selbst könnte man nicht trauen. Es ist ein allgemeiner, oft unnatürlich werdender Fehler der Engländer unter sich, daß sie sich gegenseitig unaufhörlich und bis in die gröbste Schmeichelei hinauf belobqualmen. In jeder Gesellschaft werden fiel alle nach der Reihe mit Toaften belobhudelt. Stundenlang steht immer. Einer nach dem Anderen auf, um, betoastet und apotheofirt, fich gegen einen Dritten zu revanchieren und in Hyperbeln das Unmögliche zu leisten. Um mich in literarischer Sphäre zu halten, erinnere ich nur an die neue Ausgabe der „Noctes Ambrosianae", vom Profeffor Wilson in vier Bänden, von denen die beiden ersten erschienen find. Ich weiß nicht, ob sie in Deutschland bekannt sind. In England hat sich der gute Ruf derselben erhalten, seitdem sie der Reihe nach in Blackwood's Magazine zuerst erschienen. Launige, feine, humoristische Schilderungen und Betrachtungen. Aber in Kritiken jetzt

heißt es, Nichts in der Welt feifo humoristisch, wie diese „Noctes Ambrosianae", und der „Schöpfer derselben vereinige alle Schönheiten des Sokrates, Shakespeare, Johnson und Burke in sich.“ Das klingt beinahe fehr kühn! Die Alliierten, Helden. So und So, ohne Gleichen in der Geschichte der Menschheit, haben das Unmögliche gethan, mehr, als die Titanen, die den Himmel stürmten; sie haben Sebastopol genommen; aber was sind fiel alle gegen meinen Freund Jenkins oder Johnson, d. h. Schulze oder Müller, welcher mit den göttlichen, unferblichen Waffen feines Genius, feines Pinsels, noch viel tiefer und fester verschloffene Geheimniffe der Kunst in Farben und Lichtern offenbarte! „Ehre den Helden auf der Krim, aber mehr Ehre für den Pinsel meines Freundes Schulze!“ So spricht ein erster englischer Freund. Die weißen, mit rothen Bändern besetzten Jacken der Damen in Abendgesellschaften find „spezifisch englisch“, eben fo wie die „Cambridge Essays”, alle von Mitgliedern der Universität geschrieben und mit vollen Namen unterzeichnet. Man muß dabei nicht vergeffen, daß die „Fellows” der Universität zeitlebens Mitglieder der Universität bleiben, wo fiel das Leben später auch hinversetzen mag. Die diesjährigen „Cambridge Essays” bestehen aus neun Abhandlungen: „Marine“, „Tennyson“, „Cooper“ u. f. w. Ich habe blos Galton's „Notizen über moderne Geographie“ wissenschaftlich werthvoll und weniger spezifisch englisch gefunden. In den anderen Effays klingt es immer, als wäre England mit feiner von klösterlichen Mauern und Institutionen geschützten Wiffenschaft (die also nicht „umzukehren“ braucht) etwas ganz Auserwähltes vor Gott und Menschen. Noch muß ich ein Stück Kriegs-Literatur in Fraser's Magazine (November-Heft), „A Campaign with the Russian Army", von einem deutschen Wundarzte, erwähnen. Er fungierte als russischer Wundarzt in Sebastopol und dem russischen Lager während der Belagerung. Er schildert malerisch und treffend. Man liest aus jeder Zeile die Ueberzeugung, daß er Alles selbst fah und erlebte, daß er richtig fah und deshalb richtig urtheilen kann. Der Tumult und die Schrecken in Sebastopol vor dem Sturme, die Nacht vor der Schlacht an der Alma, die Schlacht felbst sind großartige Gemälde frisch aus dem Leben weg. Auch er bestätigt, daß nur die Franzosen Alma gewannen und nicht nur dies, sondern daß sie auch den Herzog von Cambridge aus einer Situation retteten, welche die Niederlage vielleicht unvermeidlich gemacht hätte. Man wird dabei unwillkürlich wieder an Aktenstücke und Thatfachen erinnert, aus denen hervorgeht, daß den Türken unter OmerPascha, während die Alliierten in den Sümpfen hinter Varna aufgerieben wurden (vor denen Omer-Pascha expreßgewarnt hatte) Niederlagen und den Ruffen an der Alma Erfolg gewünscht ward (?), eben so an die Intriguen, durch welche Omer-Pascha während seiner ganzen Krimzeit an allen entscheidenden Thaten und unabhängigem Handeln behindert ward. – – Wir haben Sündfluthen von Geschichten der Krim-Expedition, aber noch lange keine Geschichte derselben. Diese wird aber erst unter ganz anderen Personen und Zuständen möglich fein, wenn die Sündfluth von Geschichten abgelaufen sein wird. Die Sündfluth von Geschichten! Diese find wahrhaft pyramidal und ragen weit mehr als funfzehn Ellen über die höchsten Berge, fo daß keine Rettung vor ihnen möglich ist. Ueberall, wohin man fieht, Kriegsbilder, Kriegsgeschichten. Jedes Unterhaltungsblatt hat immerwährend Kriegsnovellen, jede Bilder-Zeitung wimmelt jeden Sonnabend frisch von in Holz geschnittenem Pulverdampf mit Bajonetten, Leichen und springenden Bomben dazwischen, Lagercenen, Landungen, Abreifen, Alles, auch das Unmöglichte, das Ekelhafteste (z. B. das Verbrennen ungezieferlicher Kleidungsstücke) wird in Holz geschnitten, oft groß wie ein Scheunthorflügel und in großen bedruckten Penny-Fahnen verkauft. Kulturgegenstände, Kunst und Wiffenschaft find dabei ganz in Vergeffenheit gekommen, Geschmack und Bildungsrichtungen im Volke barbarifiert und verdorben, zumal da die in Holz geschnittenen und in Buchdruckerschwärze verwandelten Kriegsgeschichten in der Regel mit einem Texte auftreten, welcher die Barbarei der Kunst literarisch noch übertrifft. „Wir haben da und dort fo und so viel Ruffisches zerstört, verbrannt oder versenkt, die Ruffen uns aber blos fo und fo viel geschadet, folglich haben wir so und so viel weniger Schaden, als die Ruffen.“ Beiläufig, ein großer Irrthum. Man hat bereits den meiften Siegen der Alliierten den Pyrrhussieg nachgewiefen, schon aus dem Umstande, daß unter der englischen Mißverwaltung im Durchschnitt jeder Soldat ein Pfund Sterling täglich kostet und dabei früher wenigstens ganz direkt verhungerte und erfror. Das Bombardement von Sweaborg soll den Engländern über eine Million Pfund Sterling mehr kosten, als die Beschädigungen an den Festungswerken negatives Kapital für Rußland gemacht haben. – „Wir haben 1815 fo und fo viel Kriegs-Ausgaben bestritten, ohne zu Grunde zu gehen, folglich können wir jetzt, reicher und zahlreicher geworden, recht gut auf viele Jahre jährlich achtzig bis hundert Millionen Pfund Sterling extra für den Krieg erübrigen. Also immer zu; aber nicht zu rasch, damit wir recht lange zeigen können, was der John Bull für Geld hat und wie viel er vertragen kann.“ – Solche Betrachtungen liest man um die Holzschnitte herum. Was mit diesen Opfern erreicht werden solle und müffe, das kümmert sie nicht. Die allgemeine Phrase: John Bull hat das Geld, damit muß er die Ruffen niederschmettern, koste es, was es wolle, genügt. Von einem bestimmten FriedensObjekte, von einem Werthe, wie er etwa der „Civilisation“ zu Gute kommen und die Opfer aufwiegen könnte, hat man keine Vorstellung, geschweige, daß solch ein Objekt Geist und Begeisterung zu liefern im Stande wäre. Deshalb ist der Krieg von Seiten der Westmächte ein verpfuschter Krieg, aus dem für die europäische Civilisation nichts Gutes erstehen kann. Der Deutsche, der einen „Freiheitskrieg“ in der Geschichte und zum Theil noch in den Gliedern hat, möchte das am besten verstehen können. Die Amerikaner fehen durchweg ganz richtig, und sehr oft habe ich in amerikanischen Blättern statistische und arithmetische Beweise und Berechnungen gefunden, daß der Krieg, in der bisherigen Weise fortgeführt, trotz einer halben Mandel noch anderer zerstörter Festungen Rußlands, nur mit geringerem Vortheile für Letzteres enden könne. Die Amerikaner – ein hübsches Stück Palmerston-westlicher Civilisation, daß er auch fiel mit Krieg bedrohen ließ – glauben weder an Rußland, noch an England, fondern fie rechnen, fiel rechnen wahrscheinlich auch richtig

Frankreich.

Theologie nnd Philosophie.

Daß die französische Philosophie nicht mehr anti-theologisch sei, sondern mit weiser Mäßigung die Achtung, welche fiel von der Theologie fordert, auch dieser angedeihen läßt, haben unsere Leser kürzlich (Nr. 121) aus den Proben ersehen, die wir ihnen aus Jules Simon's trefflichem Buche über „die Pflicht“ mitgetheilt. Seitdem haben wir einen neuen Beweis von dieser Wandlung des philosophischen Geistes unserer Nachbarn durch ein Werk des Herrn Matter, ehemaligen General-Inspecteurs des öffentlichen Unterrichts in Frankreich, erhalten.“) Herr Matter, allerdings ein geborener Elfaffer und durch feine Jugendbildung mit deutschem Wiffen und deutscher Philosophie vertraut, geht in feiner „Geschichte der Philosophie in ihren Beziehungen zur Religion seit der christlichen Aera“ von der Ansicht aus, daß keine Philosophie ohne Theologie denkbar sei, daß ihre Beziehungen zu einander zwar beständig wechseln, daß sie bald innigst verbunden, bald blos in freundlichen Verhältniffen und bald sogar in offener Feindschaft leben, daß es jedoch keine Philosophie gebe, die nicht entweder aus einer Theologie hervorgegangen, oder einer Theologie entgegengesetzt, oder endlich mit einer Theologie vereinigt fei. „Zu allen Zeiten“, sagt Herr Matter, „haben diese Beziehungen ein tiefes Bedürfniß zum Grunde gehabt, und seit der christlichen Aera find sie so lebendig, bald in ihrer innigen Verbindung, bald in ihrem Gegensatze gewesen, daß man davon nicht abstrahieren kann, ohne sich der Gefahr auszusetzen, entweder die Geschichte der Philosophie, getrennt von der der Theologie, oder die Geschichte der Theologie, getrennt von der der Philosophie, unverständlich zu machen.“ Es giebt Epochen, fügt Herr Matter hinzu, wo die Philosophie die Theologie konstituierte, wie die Alexandrinische, oder die des heiligen Klemens und Origines; andere, wo umgekehrt die Theologie die Philosophie konstituierte, wie die der Scholastik, und endlich wieder Epochen, wo die Theologie der Herrschaft der Philosophie unterlag, wie die von Descartes bis Kant. Diese drei verschiedenen Epochen umfaffen in der That die ganze Geschichte der Philosophie. Daß eine solche Darstellung der Philosophie in ihren Beziehungen zur Theologie nicht ohne Schwierigkeiten und Klippen ist, begreift sich sehr leicht, doch hat sie der Verfaffer glücklich zu überwinden gewußt. Vor Allem hat er sich vor jenen Declamationen gehütet, in welche die katholische Schule so leicht gegen die Philosophie verfällt; er hat aber auch andererseits den nichts weniger als philosophischen Indifferentismus vermieden, den die entgegengesetzte Schule fo gern gegen die Theologie zur Schau trägt. Als unparteiischer Geschichtsschreiber beider Disziplinen, erkennt er an, daß beide berechtigt find, die Eine neben der Anderen zu sein, und vindiziert er daher auch jeder das Recht, sich nach ihrem eigenen, inneren Bedürfniffe zu entwickeln. Das Thema ist übrigens so umfaffend, und die Zeit, die diese Geschichte der Philosophie behandelt, fo außerordentlich reich an theologischen und philosophischen Entwickelungen, daß der Gegenstand unmöglich in einem Bande, wie ihn Herr Matter geliefert, erschöpft werden konnte. Es ist dies gewissermaßen ein erster Versuch, und

Ty Histoire de la philosophie dans ses rapports avec la religion depuis Pére chrétienne. Un vol. in-12. de XII et 432 pp.

zwar fowohl auf philosophischem, als auf theologischem Gebiete. Aber man muß ein solcher Freund bei der Disziplinen fein, man muß sich fo wenig von Leidenschaften der Schule oder der Partei leiten laffen, wie der französische Verfaffer, wenn man, feinem Versuche folgend, die Geschichte der Philosophie und der Theologie in den achtzehn Jahrhunderten feit der Offenbarung des Christenthums erschöpfend und würdig der geläuterten Auffaffung unserer Zeit bearbeiten will.

Mannigfaltiges.

– Shakespeare in Amerika und in Deutschland. Auch in Amerika ist jetzt eine kritische, mit Einleitungen, Erläuterungen und abweichenden Lesarten ausgestattete Ausgabe Shakespeare's erschienen, die erste ihrer Art auf dem westlichen Kontinent.“) Herausgeber derselben ist Profeffor Hudson in Boston, der in der Vorrede nicht verschweigt, daß er auch der deutschen Kritik des großen britischen Dichters Manches zu verdanken habe, während die englischen ShakespeareEditoren die deutschen Leistungen auf diesem Gebiete gern ignorieren, oder auch für unpraktische Speculationen erklären. Ohne den Dichter mit Details zu überladen, geht Herr Hudson doch sowohl vom literargeschichtlichen, als vom kritischen Standpunkte so tief in den Gegenfand ein, daß der Leser über Alles belehrt wird, was irgendwo im Shakespeare einer Erläuterung für die Gegenwart bedarf. In Amerika glaubt man fogar, der Erläuterungen in sprachlicher Hinsicht weniger zu bedürfen, als in England selbst. Dort sollen sich noch aus der Zeit der „Pilgrim Fathers", die unter den Stuarts nach Amerika ausgewandert waren, Wörter und Redewendungen der Elisabethanischen Aera, die in England längst veraltet und unverständlich geworden, im Munde des Volkes erhalten haben.

Wir wollen bei dieser Gelegenheit nicht unbemerkt laffen, daß kürzlich auch die fechste Lieferung des Deliuschen, englischen Shakespeare (mit deutschen Einleitungen, Anmerkungen und Nachworten) erschienen ist.“) Es ist mit dieser sechsten Lieferung, den „Titus Andronicus“ enthaltend, der erste Band einer Arbeit geschloffen, die der deutschen Kritik und Kenntniß ausländischer Literatur jedenfalls zur Ehre gereicht. Nachdem Shakespeare seit Leffing, Eschenburg und Goethe in Deutschland durch vielfache Uebersetzungen und Erläuterungen dem Volke wie den Gebildeten zugänglich geworden, fehlte nur noch eine Ausgabe, wie die Deliusche, damit er auch in seiner eigenen Sprache bei uns wie in feinem Vaterlande gelesen und vollkommen verstanden werde. Wer jetzt in Deutschland den großen englischen Dramatiker im Originale lesen will, der mag nicht versäumen, sich den Shakespeare von Dr. Nikolaus Delius anzuschaffen.

– Forster's Leben Goldfmith's. Der Verfaffer des „Vicar of Wakefield” ist eine der dankbarsten Aufgaben für den Biographen. Der kindlich naive Charakter des berühmten Dichters, fein genialer Leichtsinn, die wechselvollen Phasen einer schriftstellerischen und gefellschaftlichen Laufbahn und der stete Kampf mit einem feindlichen Geschick, das nicht aufhörte, ihn bis an fein Ende zu verfolgen, bieten den Stoff zu einem so dramatischen Gemälde, wie sie in den Annalen der Literatur nicht häufig vorkommen. So wurde denn auch das reiche Material, das von Prior über das Leben Goldsmith's gesammelt worden, von Washington Irving zu einer jener anziehenden Schillderungen verarbeitet, in welchen der geistvolle Amerikaner eine so unerreichte Meisterschaft befizt. Ausführlicher, als die biographische Skizze Irving's, und lesbarer, als die fleißige, aber schwerfällige Compilation Prior's, ist die von Forster herausgegebene Lebensbeschreibung, die uns jetzt in einer neuen Ausgabe vorliegt.“) Sie enthält nicht nur anziehende Details über die Lebensverhältniffe Goldsmith's und kritische Analysen einer Werke, die allerdings von Parteilichkeit nicht ganz frei find, sondern giebt auch ein graphisches Bild der literarischen und fozialen Zustände Englands zu einer Zeit, wo der „große Lexikograph“ (Johnson) als Autokrat der englischen Literatur florierte und die ersten Geister des Tages, Goldsmith mit eingeschloffen, als Satelliten um feinen Thron versammelte. Die Memoiren Boswell's und Horace Walpole's lieferten natürlich eine Fundgrube von Anekdoten, die, von dem Verfaffer mit Umsicht benutzt, seinem Werke große Lebhaftigkeit und Mannigfaltigkeit verleihen und es zu einer höchst interessanten Lektüre machen.

*) Boston, Munroe & Co. **) Elberfeld, 1855, Verlag von R. L. Friderichs. ***) The Life and Times of Oliver Goldsmith. By John Forster. A New Edition. London: Bradbury & Evans. Berlin, A. Asher & Comp. –------------- Gese–

Das mit dem 31ften d. M. zu Ende gehende Abonnement wird. Denjenigen in Erinnerung gebracht, die im regelmäßigen Empfange dieser Blätter keine Unterbrechung erleiden wollen.»

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Ostindien.

Privatleben eines orientalischen Königs.“)

Vor etwa fünfundzwanzig Jahren ward der anonyme Verfaffer des vorliegenden (im „Magazin“ bereits erwähnten) Werkes, der fich zur Zeit in Kalkutta aufhielt, durch die ihm zu Ohren gekommenen Berichte über den Glanz des Hofes von Audh zu dem Wunsche veranlaßt, eine Reise nach Lacknau, der Hauptstadt jenes Königreichs, zu unternehmen. Man hatte ihm namentlich die Vorliebe des Königs für Europäer und europäische Sitten gerühmt und ver fichert, daß es für ihn ein Leichtes sein würde, einen eben so ehrenvollen als lukrativen Posten im Hofstaate Sr. Majestät zu erhalten. Von dieser Aussicht verlockt, machte er sich also nach der Residenz des indischen Potentaten auf. Bekanntlich ist Audh einer der bedeutendsten der den Engländern tributpflichtigen Staaten Hindostans. „In früherer Zeit war es eine Provinz des großen Mogulreichs, und fein Beherrscher hieß der Nawab Wefir. Dem englischen Volke wurde der Nawab von Audh zuerst dadurch bekannt, daß Warren Hastings zwei Frauen feines Hofes ausplündern und die Sklaven derselben auf die Folter spannen ließ, um von ihnen Andeutungen über die Schätze ihrer Herrinnen zu erpreffen. Im Parlament erhob sich Burke mit glühender Beredtsamkeit gegen die von Hastings verübten Gewaltthaten, und man betrachtete allgemein den Nawab von Audh als einen schändlich mißhandelten Mann, während er in der That ganz zufrieden war, daß man nicht ihn felbst, fondern die Witwen feines Vorgängers beraubt hatte, der nur fein Adoptivvater war. Als Lord Wellesley nach Indien kam, war Audh größer, als England, und hatte sich stets als der treueste Alliierte der Briten gezeigt. Zur Belohnung dieser Treue vereinigte der GeneralGouverneur die Hälfte des Landes mit der Präsidentschaft Bengalen; er konnte kein befferes Mittel finden, das Volk von Audh für die Treue feiner Regenten zu belohnen, als indem er es unter feine unmittelbare Hut nahm. Der Marquis von Hastings borgte zwei Crore Rupien, d. h. zwei Millionen Pfund Sterling, von dem Nawab Ghafi-eddin und gab ihm dagegen ein den Nepaulesen abgenommenes wüstes Stück Land am Fuße des Himalaya, genannt Terai, mit dem Titel als Kö

nig. Seine Hoheit der Nawab war solchergestalt in Seine Majestät"

den König verwandelt, und Ghafi-eddin mußte zufrieden fein oder wenigstens zufrieden fcheinen.“ Die Erhebung Audhs zum Königreich fand im Jahre 1819 statt. Der erste König, Ghafi-eddin-Heider, der fich durch das von ihm oder vielmehr auf feinen Befehl zusammengestellte große lexikalische Werk „Die fieben Meere“ um die orientalische Literatur verdient machte, starb am 20. Oktober 1827; ihm folgte sein Sohn Suleiman-SchahNafir-eddin-Heider, der, als unser Verfaffer nach Lucknow kam, etwa dreißig Jahr alt war. Die Höfe der indischen Scheinkönige, welche durch die Gnade der Engländer regieren, bieten eine feltsame Mischung von europäischem Flitterstaat mit den alten verknöcherten Gebräuchen des Ostens dar, die eine Menge halb lächerlicher, halb trauriger Kontraste erzeugt. „Niemand darf fich einem orientalischen Monarchen mit leeren Händen nahen;“ diese Wahrheit findet fich schon auf den ältesten affyrischen Monumenten ausgedrückt und wird durch die von dem Verfaffer in der Hauptstadt von Audh gemachten Erfahrungen bestätigt. Nachdem er die Erlaubniß des britischen Residenten erhalten, in die Dienste Seiner indischen Majestät zu treten, wurde er zu einer Audienz beim König zugelaffen, der ihn nicht mit orientalischem Pomp, fondern in nonchalanter europäischer Weise empfing. „Ich blieb“, fagt er, „am Ende eines Fußpfades im Schloßgarten stehen, um die Ankunft. Seiner Majestät zu erwarten. Mein Geschenk, fünf goldene Mohare (1 Mohar = 10 Thaler), trug ich in der offenen Hand, die aber durch ein feines Batiftuch von den Goldstücken getrennt wurde. Die linke Hand

*) The Private Life of an Eastern King. Bya Member of the Household of his late Majesty Nussir-u-Deen, King of Oude. London: Hope & Co., 1855.

unterstützte die rechte, auf der das Tuch und das Gold lagen. In dieser Stellung harrte ich der Majestät; es war meine erste Lection in der Hof-Etikette, und als ich fo fand, dachte ich unwillkürlich, daß ich wie ein rechter Narr aussehen müffe. (Sehr aufrichtig!) Ich war natürlich unbedeckt, da ich meinen Hut auf eine neben mir befindliche Bank gelegt hatte; die Sonne schien glühend heiß auf mich nieder, und ehe der König anlangte, war ich in einem improvisierten Schwitzbade. Endlich kam die königliche Gesellschaft zum Vorschein. Der Monarch war, wie ein englischer Gentleman, in einen einfachen schwarzen Anzug gekleidet, mit einem Londoner Hut auf dem Kopfe. Sein Gesicht, von einer hellen, sehr hellen Sepiafarbe, hatte einen angenehmen Ausdruck. Sein schwarzes Haar, schwarzer Backen- und Schnurrbart harmonierten sehr gut mit der Farbe seiner Wangen und erhöhten den Glanz feiner kleinen, durchdringenden, schwarzen Augen. Er war mager und von mittler Größe. Als er sich näherte, hörte ich ihn fich mit feinem Gefolge in englischer Sprache unterhalten. Der König kam auf mich zu, lächelte, legte feine linke Hand unter die meinige, berührte das Gold mit den Fingern feiner rechten Hand und bemerkte dann: „Sie haben fich also entschloffen, in meine Dienste zu treten?“ – „So ist's, Ew. Majestät“, war meine Antwort. – „Wir werden gute Freunde sein. Ich liebe die Engländer.“ Mit diesen Worten ging er weiter, indem er sein früheres Gespräch fortsetzte. Ich fchloß mich dem Gefolge an. „Steckt Eure Gold-Mohare gleich ein“, flüsterte mein Freund mir zu, „sonst werden die Eingeborenen fie Euch bald abnehmen.“ Ich ließ fie augenblicklich in meine Tasche hineingleiten, ergriff meinen Hut und folgte der Gesellschaft ins Schloß. Die Zimmer waren meistens geräumig und mit prächtigen Kronleuchtern und einer großen Anzahl Gemälde in reichen, aber geschmacklosen Rahmen verziert. Im Allgemeinen waren fiel zu fehr mit Schmuckfachen überladen, die eher ein Gefühl der Verwunderung als des Wohlgefallens erregten. Der Speisesaal, d. h. der Privat-Speisesaal, den der König nur im Kreise seiner vertrauten Freunde zu benutzen pflegte, war der einzige gemüthliche Raum im ganzen Palast. Er war nicht zu voll und wich in keinem wesentlichen Punkte von einem englischen dining-room ab. Einmal des Monats veranstaltete der König ein öffentliches Frühstück für die englischen Offiziere feiner Regimenter, welche zu diesem Zwecke von den jenseits des Gumty, fünf Meilen von Lacknau gelegenen Kantonierungen nach der Hauptstadt kamen, und auch dem Residenten und feinen Freunden wurden mitunter Staats-Diners gegeben, aber alle folche ceremoniöse Gesellschaften waren dem Könige höchst lästig. „Gott sei Dank“ habe ich oft sagen hören, als er davon erlöst war, „Gott sei Dank, daß fie. Alle fort find. Nun laßt uns in Ruhe ein Glas Wein trinken. Boppery bopp! (eine Interjection, die etwa mit unserem: o weh! zu vergleichen ist) was find das für langweilige Geschichten!“ Und dann gähnte die Majestät, streckte die müden Glieder aus und warf ihre mit Juwelen geschmückte Mütze in die andere Ecke des Zimmers.“ Obwohl Nafir-eddin es, dem Koran zum Trotz, im Champagnertrinken mit dem besten Europäer aufnahm, war er doch in jeder anderen Beziehung ziemlich ungebildet, woran eher eine unüberwindliche Trägheit, als Mangel an Fähigkeiten schuld war. „Er entschloß fich ein Mal nach dem anderen, eine Stunde täglich dem Studium zu widmen, da er den fehnlichen Wunsch hegte, fertig Englisch zu sprechen So aber war er oft genöthigt, sich im Gespräch mit einem hindustamischen Worte auszuhelfen. Er setzte sich also mit feinem Lehrer an einen mit Büchern bedeckten Tisch nieder. „Nun, Meister“ (er nannte feinen Lehrer immer „Meister“), „nun wollen wir im Ernst anfangen.“ Der Lehrer las ihm eine Stelle aus dem Spectator oder einem populären Roman vor, welche der König ihm nachlas. Der Lehrer ging zu einer zweiten über. „Boppery bopp! das ist ja gewaltig trocken“, riefen dann. Seine Majestät aus, als die Reihe zu lesen wieder an Höchstdieselben kam. „Laßt uns ein Glas Wein trinken, Meister“ Das Glas Wein leitete eine Unterhaltung ein, die Bücher wurden bei Seite geschoben, und die Lehrstunde war zu Ende. Dergleichen, Stunden“ dauerten selten länger als zehn Minuten, und der Lehrer erhielt dafür ungefähr funfzehnhundert Pfund Sterling jährlich.“ (Schlußfolgt.)

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