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keit einer Geschichte des Konvents. Es war bekannt, daß Madison solche ausführliche Aufzeichnungen in Händen habe, so lange er aber lebte, wurde nichts veröffentlicht bis auf eine kleine Ergänzung des Konventsprotokolles. Als er 1836, der letzte der Männer von Philadelphia, gestorben war, da kaufte der Kongreß die druckfertig hinterlaffenen Papiere, und auf defen Befehl erschienen fie Dr. L. O.

Polen. Die Eisenbahnen in Galizien. Bereits im Jahre 1840 kam in der Versammlung der galizischen Stände der Bau von Eisenbahnen zur Sprache, und unter dem 12. Oktober desselben Jahres trat unter Dr. Tomascheks Vorsitz eine Kommiffion zusammen, welche die Aufgabe zu lösen hatte, zu untersuchen, welche Vortheile die Anlage von Schienenwegen bieten könne. Dem Ober-Ingenieur Brettschneider wurde die Ausarbeitung des Planes übertragen. Nach den Vorlagen der Kommission stellte es sich heraus, daß der Bau einer Eisenbahn durch Galizien nicht nur der Hebung der Industrie im Lande selbst fehr ersprießlich fein müffe, sondern auch für die österreichische Monarchie, ja, für ganz Europa eine Sache von höchster Wichtigkeit sei. In früheren Zeiten war Lemberg durch viele Jahrhunderte hindurch der Mittelpunkt der Verbindungsstraße zwischen dem Orient und dem westlichen Europa, der Ort, wo die aus Armenien, der Türkei, Perfien und anderen Ländern des Ostens ziehenden Karawanen ihre Schätze niederlegten. Der Gedanke, durch einen Weg über Galizien das Schwarze Meer mit der Nordsee zu verbinden, ist durchaus kein neuer. Die Vereinigung von Dniestr und Bug, Weichsel und Oder, San und Dniestr sollten diesen großartigen Plan verwirklichen, kamen jedoch nicht zur Ausführung. Bei der Gestaltung, welche die Dinge in politischer Hinsicht in den letzten Jahren gewonnen haben, tritt die Nothwendigkeit der Verbindung aufs klarste hervor, und die Linie, welche einerseits Galacz und andererseits Hamburg zu Endpunkten hätte, müßte auch die galizische Hauptstadt berühren. Heute schon zieht sich der Schienenweg ununterbrochen von der Mündung der Elbe bis nach Dembitza. Die Strecke von dieser Stadt bis nach Bochnia war bereits 1853 vollendet, doch dachte man nicht an deren Anschluß an die Krakauer Bahn, was schon aus dem Umstande erhellt, daß man das auf dem Damm und defen nächster Umgebung reichlich wachsende Gras in Pacht gab. Der Umschwung, der durch den Krieg am Schwarzen Meere eingetreten ist, und welcher sich auch in Galizien deutlich genug fühlbar macht, hat mehr als alle industriellen Rücksichten auf die Beschleunigung des Baues der galizischen Bahn eingewirkt. Der General Baron von Heß war ganz besonders von dieser Nothwendigkeit durchdrungen und brachte in Vorschlag, zur schnelleren Förderung militairische Kräfte zu verwenden. Man befolgte einen Rath, und es gelang auf diese Weise, die Strecke von Bochnia nach Krakau – eine Entfernung von fünf Meilen – binnen Jahresfrist zu vollenden. Gegenwärtig arbeiten an der sechs Meilen langen Strecke von Dembiza nach Rzezów fechstausend Mann Soldaten, und im Kreise Krakau viertausend. Die Nivellierungen finden in zwei entgegengesetzten Richtungen statt, nämlich von Rzezów nach Przemysl einerseits und andrerseits von Suczawa nach Tschernowitz. Die Bahn hat den Zweck, Krakau mit der moldauischen Gränze in unmittelbare Verbindung zu setzen, und berührt auf ihrem Laufe die Städte Dembitza, Rzezów, Przemysl, Sambor, Halicz, Kolomyja, Tschernowitz und Suczawa, wo fie fich an die Moldauer Bahn anschließt, die über Jaffy nach Galacz führen soll, und deren Bau, den eine englisch-französische Gesellschaft übernommen, im nächsten Frühjahre beginnen soll. Lemberg wird sich durch eine Zweigbahn, welche in Przemysl oder Sambor einmünden soll, an die Hauptlinie anschließen. Im Laufe des Dezember soll eine Probefahrt auf der viertehalb Meilen langen Strecke von Trzebinia nach Oswiecim stattfinden und dann die ganze Linie zwischen Oderberg und Oswiecim, die eine Ausdehnung von zehntehalb Meilen hat, dem öffentlichen Verkehre übergeben werden. Man wird demzufolge mit Anfang des nächsten Jahres die Reise von Dembiza nach Oderberg zurücklegen können, ohne das preußische Gebiet zu berühren, dadurch fechs Stunden Zeit ersparen und von dem erstgenannten Orte aus zur Reife nach Wien nicht mehr als zwanzig Stunden gebrauchen. Die Stationen auf galizischem Gebiete werden fein: Czarna, Tarnów, Bogumillowice, Brzesko, Bochnia, Podlee, Krakau – Trzebinia, Chrzanów, Oswiesim, Dziedzic, Pruchno, Oderberg.

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Mit der Eröffnung der Bahnstrecke nach Oderberg erfolgt zugleich diejenige der Zweigbahnen nach Biala (Bielitz) und nach Troppau. Zum Frühjahre führt die Eisenbahn schon bis Rzeiów, und werden auch die Zweigbahnen zwischen Bierzunow und Wieliczka, Podlerie und Niepolomice, Szczakowa und den Kohlenbergwerken zu Jaworznia (unweit der preußisch-schlesischen Gränze) fo weit vorgeschritten sein, um fie benutzen zu können.

Daß diese neu eröffneten Straßen von größtem Einfluß auf den Verkehr fein müffen, bedarf wohl kaum der Erwähnung; sie werden aber auch der deutschen Intelligenz ein neues, großes und reichen Gewinn versprechendes Feld eröffnen, besonders wenn der einheimische Gutsbesitzer fich nicht bequemen will, mit der Zeit fortzugehen. Wenn auch, was wahrscheinlich ist, der Preis der Güter steigt, so wird er, im Verhältniß zu demjenigen, was bei angemeffener Behandlung der Boden bringt, immer noch ein mäßiger fein. (Now)

Mannigfaltiges.

– Schladebach's Univerfallexikon der Tonkunft. Von dem in diesen Blättern bereits erwähnten „Universallexikon der Tonkunst“, unter Mitwirkung von Liszt, Marschner, Reiffiger und Spohr herausgegeben von Dr. Jul. Schladebach,“) liegen uns die beiden ersten Hefte vor, welche von A bis Albinoni reichen. Es finden sich in diesen Heften unter Anderem die wichtigen Begriffe „Aesthetik“, „Akkord“ und „Akustik“ abgehandelt, von welchen besonders der letztere Begriff mit großer Vollständigkeit und augenscheinlich mit den Erfahrungen eines kompetenten Beobachters behandelt ist. Jedes der beiden Hefte ist mit einem schönen Stahlstiche, der Eine Mozart und der Andere Beethoven darstellend, Ersterer von finnigen Emblemen umgeben, geschmückt. Wir entnehmen dem Vorworte des Herausgebers die nachstehenden Notizen:

„Das erste Dictionnaire de Musique gab Seb. de Broffard im Jahre 1703 heraus; mehr als ein halbes Jahrhundert später folgte ihm Rouffe au's wohlbekanntes und in den ästhetischen Artikeln vorzugsweise werthvolles Werk unter gleichem Titel. Ersteres darf als die Grundlage aller späteren ähnlichen Schriften angesehen werden, zu denen für Frankreich namentlich noch die ganz nach Rouffeau bearbeitete Encyclopédie méthodique de Musique von Framéry und Ginguené gehört. Deutschland ließ dann nicht lange auf sich warten und brachte in J. G. Walther's „musikalischem Lexikon“ (1732) das erste wahrhaft bedeutende Werk dieser Gattung, dem sich die Späteren bis auf die neue Zeit zu schuldigem Danke verpflichtet fühlen müffen und das, was ausschließlich den biographischen Theil betrifft, von dem wackeren L. G. Gerber in seinem (alten und neuen) „Lexikon der Tonkünstler“ bis in den Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts sorgfältig fortgeführt worden. England brachte ein Musical Dictionary, von James Graffineau (1740), mit vorzugsweiser Benutzung des Werkes von Broffard, und sodann des berühmten Thomas Busby Complete Dictionary of Music (1801), während Italien erst im zweiten Viertel unseres Jahrhunderts durch einen Deutschen, Peter Lichtenthal,“) etwas Bedeutendes auf diesem Gebiete in dem sehr sorgfältig gearbeiteten Dizionario e Bibliografia della Musica (1826) erhielt.“

– Entvölkerung der Sandwich-Infeln. Die Bevölkerung des Inselreiches des Königs Kamehameha vermindert sich in einem erschreckenden Grade, worüber ein daselbst stationierter Missionär in einem in den „Annales de la propagation de la foi” veröffentlichten Briefe folgende Angaben macht:

„Wir Miffionäre hier können uns wie Leute betrachten, welche eingeladen find, um dem Leichenbegängniß einer Nation beizuwohnen. Das allmähliche Verschwinden des havaiischen Volkes ist wahrscheinlich. Zu Cook's Zeit waren 300.000 Bewohner auf diesen Inseln; zur Zeit des Regenten Kahumanu 150.000; 108.000 im Jahre 1836; 78.000 im Jahre 1850; 1854 blieben blos noch 71,000. Diese Angaben find aus offiziellen Dokumenten geschöpft. Ich las kürzlich in einem öffentlichen Blatte der Regierung, daß man in den Annalen der Welt kein Beispiel einer gleichen Zerstörung sähe, als die in diesem Archipel vorgehende. Es ist gewiß, daß, wenn das Mißverhältniß, welches sich alljährlich zwischen der Ziffer der Gestorbenen und der der Geborenen herausstellt, in gleichem Maße fortschreitet, unsere Nachfolger im Apostolat und vielleicht noch einige unserer jetzt lebenden Kollegen nur neuen Ansiedlern das Evangelium zu verkünden haben werden.“

*) Dresden, Verlag von Robert Schefer. Der Herausgeber hat sich das Recht zu einer Uebersetzung des Werkes ins Französische und Englische selbst vorbehalten.

*) Der die Italiäner auch mit Leffing’s „Laokoon“ und mit Winckelmanns Ideen über die Kunst bekannt machte. D,

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Griechenland.

Platon in der Gegenwart.*)

Die Griechen und Römer waren nicht blos im Alterthume die unversöhnlichen Feinde der Barbaren, sondern find es heute noch und werden es immer fein. So oft das Barbarenthum sein Haupt erhebt, muß man diese feine natürlichen Gegner wieder ins Feld rufen und mit ihren Waffen die Widersacher echter Humanität immer von neuem bekämpfen. Als im Mittelalter die Wiffenschaft in spitzfindige Scholastik, die Religion in dumpfen Fanatismus ausgeartet war und die Menschheit in den Feffeln geistiger und leiblicher Knechtschaft schmachtete, da waren es die aus dem Grabe wiedererstandenen Alten, welche die Rettung brachten und den Menschen die verlorenen Güter wiedereroberten, und so oft eine Umkehr zur Barbarei droht, werden fiel uns immer vor ihr schützen. Das klassische Studium darf daher nicht auf die Schule beschränkt bleiben, es muß, wenn es feine volle Wirksam“ keit beweisen foll, aus der Schule mit in das Leben hinübergenommen und wieder Gemeingut aller Gebildeten werden, und deshalb ist jeder Versuch, die Kenntniß der Alten auch dem Laien zu erleichtern und zugänglich zu machen, mit Dank aufzunehmen.

In diesem Sinne verdient auch die in der Anmerkung genannte Schrift des Herrn Arnold volle Beachtung. Es liegt uns nur der zweite Theil vor. Der erste ist in zwei Heften 1835 und 1836 erschienen und enthielt achtzehn Schriften Platon's, und zwar die kleineren und leichteren Gespräche nebst dem „Phädon“ und „Parmenides“. Der zweite Theil liefert die noch übrigen Gespräche. Ein dritter Theil foll dann die Platonische Lehre im Zusammenhange und ausführlich darstellen, und ihm wird ein Register beigegeben werden, die wichtigsten Begriffe, Lehren, Geschichtliches u. f. w. nach der Buchstabenfolge enthaltend. – Ueber den Zweck feiner Schrift äußert sich der Verfaffer folgendermaßen: - „Der Zweck des Buches ist wesentlich dahin gerichtet, die Schwierigkeiten, die sowohl der Inhalt, als auch die Methode und Form der Platonischen Schriften bieten, zu beseitigen, indem der Gedankengang in kürzeren Sätzen dargelegt und fo die ganze Gliederung des Gesprächs genau und deutlich verzeichnet wird. Auf diese Sätze folgt dann nach jedem derselben ein Auszug des Inhalts des Werks selbst, der durch kleineren Druck unterschieden ist. Dies zusammen soll fowohl dazu dienen, durch die Gliederung beim Lesen der Platonischen Werke das Verständniß zu erleichtern und den Ueberblick und inneren Zusammenhang darzulegen, als auch beim weiteren Fortschreiten auf den zurückgelegten Weg mit feinen verschlungenen Pfaden zurückzuschauen und dem Gedächtniffe zu Hülfe zu kommen. Endlich hat es auch die Bestimmung, bei der späteren Darstellung der Lehre in ihrem Zusammenhange. Vieles kürzer faffen zu können, indem auf das hier schon VSorliegende verwiesen wird. Wenn diese Auszüge also nicht das Lesen der Platonischen Werke selbst entbehrlich machen wollen, indem fie das Wesentliche kurz darbieten, sondern gerade jenem förderlich sein follen: so schließt das doch nicht aus, daß in einzelnen Fällen und für Manche fiel auch für sich genügen mögen, so wie in der Geschichte der Philosophie auch solches durch Auszüge bezweckt wird, ohne daß erwartet wird, daß alle die bezüglichen Schriften felbst noch von Allen gelesen würden, sondern, wenn dies geschieht, dann auch als Führer und zum leichteren Orientieren in den ausführlichen Werken dienen sollen. Demnach bietet sich das Buch in verschiedenen Beziehungen als ein Hülfsmittel beim Studium des Platon dar.“

Wenn wir auch gern zugestehen, daß die übersichtliche InhaltsAngabe der einzelnen Gespräche dem Laien das Studium Platon's fehr zu erleichtern im Stande ist, so wäre doch für ein Gesammtverständniß der PLatonischen Schriften noch beffer gesorgt worden, wenn der Verfaffer auch den Zusammenhang der Gespräche unter einander berückfichtigt hätte. Wir können es ihm indeß nicht verargen, daß er sich

*) Platon's Werke, einzeln erklärt und in ihrem Zusammenhange dargestellt von Aug. Arnold. Zweiter Theil. Erfurt, C. Villaret, 1855.

Berlin, Donnerstag den 20. Dezember

1855.

keinem der früheren Kritiker in der Anordnung der Platonischen Gespräche angeschloffen, weil auch fie meist von subjektiven Anfichten über das vermeintliche System oder den angeblichen Entwickelungsgang Platon’s ausgehen, fondern es vorgezogen hat, die Methode, nach der er selbst am leichtesten zum Verständniß Platon's gelangt ist, zu Grunde zu legen, zumal er selbst für sie durchaus nicht die Unbedingtheit in Anspruch nimmt. – Viel Beachtenswerthes hat der Verfaffer in der Einleitung über den Entwickelungsgang der Philosophie und ihre gegenwärtige Periode und über die Bedeutung Platon's für die Philosophie überhaupt und insbesondere für die Einführung in dieselbe gesagt. „Jetzt“, heißt es unter Anderem, „kömmt es nicht mehr darauf an, neue Methoden zu entdecken, die wahren find fchon alle gefunden und angewandt worden; auch nach neuen Prinzipien wird man vergebens suchen; es handelt sich nur darum, unter den vorliegenden die ersten richtig zu ergreifen, dann von ihnen aus alle Begriffe fo, wie fie wirklich zufammenhängen, abzuleiten, zu ordnen und das Ideale mit dem Realen, oder das Gedachte mit der Wirklichkeit, in harmonische Einheit zu bringen, wo die Behandlung und Verwendung der Gegensätze, zugleich als eins und als verschieden, die Haupt-Aufgabe bleibt. Somit liegt ein verderbliches Mißverständniß und der Hauptgrund der Anfeindung der Philosophie darin, daß man diese selbst, die eine ideale, mit den vielen realen, erscheinenden, oder den Schulen, Systemen verwechselt, die immer individuell beschränkt find, wo fich Wahrheit und Irrthum mischen. Es verhält fich hier, wie mit der einen Religion und den vielen, oder der allgemeinen, unfichtbaren Kirche und den vielen streitenden, wo jede den echten Ring geerbt zu haben behauptet, daher Schiller feinen „Glauben“ fo bekennt: „Welche Religion, ich bekenne? Keine von allen, die Du mir nennft! – Und warum keine? – Aus Religion.“ Die ideale allgemeine Religion, wie die Philosophie, sind aber eins, denn die wahre Gottes-Erkenntniß ist der Grund und die Wurzel der wahren Philofophie.“ Jetzt gerade, wo das Reale das Ideale, die Materie den Geist zu verdrängen drohen, thut ein Platon noth. Auch wir haben noch unsere Sophisten in der Politik, in der Wiffenschaft und Religion, gegen welche die Waffen Platon's noch nicht stumpf geworden find. Auch jetzt noch, wie damals, verhüllen Sophisten in schöne Phrasen von Tugend und Volksbeglückung ihre Selbstsucht und Eitelkeit. Zu welchen Grundsätzen der Materialismus im Leben führt, das läßt Platon im Gorgias den jungen Kallikles, einen echten Zögling damaliger Zeitbildung, die, das Ideale verachtend, nur auf das Reale und Praktische drang, mit jugendlicher Offenheit aussprechen: „Es giebt ein von Natur Schönes und Gerechtes, und das ist, wenn Jemand, der richtig leben will, feine Begierden so groß als möglich werden läßt und ihnen, wie groß fiel auch find, Genüge zu leisten sucht durch Tapferkeit und Klugheit. Weil aber die Meisten das nicht im Stande sind, so tadeln fie gerade solche Menschen, aus Scham ihr eigenes Unvermögen verbergend, und fagen, Ungebundenheit sei etwas Schändliches, und loben die Besonnenheit und Gerechtigkeit ihrer eigenen Unmännlichkeit wegen. Der Wahrheit nach aber verhält es fich fo: Ueppigkeit und Ungebundenheit und Freigebigkeit, wenn sie nur Rückhalt haben, sind eben Tugend und Glückseligkeit, jenes aber ist Ziererei, widernatürliche Satzungen, leeres Geschwätz der Leute und nichts werth.“ Worauf Sokrates fehr richtig erwiedert: „Du fagt ganz offen heraus, was die Anderen zwar auch denken, aber nicht fagen wollen.“ Und wie den Materialismus im Leben, so bekämpft Platon den Materialismus in der Wiffenschaft. Der Einwand, den er zu seiner Zeit den materialistischen Naturforschern gemacht hat, die, wie er sagt, fest darauf beharren: Alles was fie nicht mit Händen zu greifen im Stande sind, sei durchaus nichts, ist heute noch so schlagend, wie damals: „Wenn fie“, meint er, „dem Körper auch nur ein Sein beilegen und ihm ein gewisses Vermögen zu wirken und zu leiden zugestehen, so setzen sie schon ein Ueberfinnliches, das das Sinnliche bestimmt.“ Und wie er auf der einen Seite gegen den grobfinnlichen Materialismus kämpft, so ist er auf der anderen Seite das beste Gegengift gegen unklare Gefühlsschwärmerei und dumpfen Autoritätsglauben, gegen alle Gefangennehmung der Vernunft. Herr Arnold hat Recht, wenn er es besonders hervorhebt, daß Platon Idealist, aber nicht Mystiker, Träumer, nicht vom göttlichen Wahnsinn getriebener Prophet ist, wie oft geglaubt wird. „Es ist also nicht wahr, wenn man fagt: „Der Tiefsinn des Platon hat immer etwas von dem heiligen Dunkel der Götterhaine, daß es oft beffer ist, in der Andacht, mit welcher man ihn lief, nur feinen Geist nachzuahmen, als ihn mit Alles erklärenden Analysen eines Feuers zu berauben“ (Schloffer: „Platon's Briefe“, S. XXXI). Er widerspricht dem überall felbst. Weder will er selbst nur „ahnen“, noch Andere „nachahmen“ laffen. Was wollte er mit feiner steten Frage: Was ist die Erkenntniß? Was das Gerechte? Was die Tugend? u. f.w, wenn es ihm nicht auf den klaren und genauen Begriff überall ankäme? Er müßte ja fonst das „richtige Meinen“, das Ahnen, Fühlen der Wahrheit, über Alles fetzen und nicht fordern, daß es erst „gebunden“ und zum Sicheren und Verklärten „durch den im Denken aufgefundenen Grund“ gemacht werde. Wo das Ahnen anfängt, da hört das Philosophieren auf, und das Dichten, das Meinen, das Unwißbare liegt außerhalb dieser. Gerade die scharfe und einschneidende Logik, die Dialektik, ist feine Stärke, und wo diese ihr Ziel, wie meist, erreicht, da ist es, wo man „der Wahrheit und ihm nicht widersprechen kann.“ – Platon ist Wiffenfchaft die Erkenntniß der Idee des Guten, und Tugend gerecht und fromm fein mit Einsicht, und den Weg dazu findet er in der Verähnlichung mit Gott so weit als möglich. Philosophie und Religion find bei ihm wahrhaft eins. Darin eben besteht der Vorzug Platon's vor allen anderen Philosophen, daß er die Philosophie vom Leben nicht trennt, daß er uns nicht ein abstraktes, wifenschaftliches System, fondern eine wahre Lebenskunft giebt, in einem idealen Sokrates das Muster aufstellend, wie durch die Philosophie das Wahre gefunden und das Gute und Schöne im Leben verwirklicht wird. Darum stimmen wir von Herzen dem Herrn Arnold bei, wenn er das Studium Platon's besonders der reiferen Jugend empfiehlt. Sie möge fich wieder durch ihn an dem Idealen erwärmen lernen, damit, wie einst zu der Medizeer Zeiten, Platon zum zweiten Male die Welt von fophistischem und fcholastischem Wuste reinige. E. M.

England. Englische Literatur-Briefe. Zwölfter Monats-Bericht. 1855.

(Fortsetzung.)

Aber wer wird die Nachtseiten einer so riesigen Stadt, wo natürlich auch riesige Laster vorkommen, so zufammenstellen? Warum nicht auch lichte Punkte? Leider muß man darauf aufmerksam machen, daß es in dieser Beziehung gar keinen Tag in London giebt, am allerwenigsten im November. Allerdings kommen Fälle vor, daß ein Droschkenkutscher das Geld, welches ein Bank-Clerk in der Droschke liegen ließ, erpreß in die Bauk wieder hineinfährt; aber dann find die Herren so erstaunt, daß sie ihm gleich eine Zehnpfundnote geben, und dann, beschämt über ihre Knickerei, ihm noch eine Zehnpfundnote nachschicken. So ein Stück Ehrlichkeit bringt die Leute ganz außer Faffung. Sie wifen nun nicht, wie fiel einen fo unglaublichen Fall von Ehrlichkeit belohnen sollen. Ehrlichkeit umsonst? Kein Gedanke. Wird nicht der ehrliche „Kit“, dieser liebenswürdige Held, neben dem Swiveller von Dickens, ungeheuer verhöhnt, weil er verspricht, er wolle das nächste Mal für den Shilling, auf den er nicht herausgeben kann, das Pferd noch mal halten? Und erregt er nicht den schwärzesten Verdacht, weil er wirklich kam? Möchte da nicht die raffinirtete Gaunerei dahinter stecken? Und warum fucht Dickens feinen Helden der Ehrlichkeit blos unter den Söhnen der Waschfrauen? Warum nicht in den Kreisen, in welchen fich Thackeray bewegt. Da find die „Newcomes". Newcomes, antwortet Ihr, mir glaubt man's nicht. Ja, die Literatur antwortet ausführlich und unwiderleglich. Sie ist in ihren besten Werken das wirkliche englische Leben, und dieses Leben erscheint darin durchweg als Humbug, Hypokrifie und Hohn auf Alles, was die England-Gläubigen für heilig halten, um defenwillen es in ihrem Glauben gegen Rußland kämpft. Mit dem Gläubigen zu streiten, ist gefährlich und mindestens vergeblich. Man glaubt in Deutschland an England, weil man durchaus an etwas außerhalb glauben will. Und Frankreich ist als dieser Glaubensartikel ganz und gar aus der Mode gekommen. Während der revolutionairen Bewegungen glaubten die Liberalen in den Provinzen an Berlin, die Berliner an Wien, einmal halb Deutschland an Dresden, dann fast ganz Deutschland an Ungarn, dann an die Türkei. Ja, zuletzt müffen die Türken als Glaubensartikel für die christlich-germanische „gute Sache“ in Leipzig herhalten. Aber mit der Zeit hielt auch dieser Artikel die Farbe nicht. Es kamen Ahnungen, daß man sich in die Türkei

theilen werde, um deren „Integrität“ von verschiedenen Seiten her zu beschützen und zugleich einen kleinen Ersatz für ausgelegte Gelder und Blutströme zu haben. Also was blieb nun? Nichts als England. Da ist die beffere Zukunft zuhause, da ist Vorrath, da braut Palmerston in dem liberalen Hexenkeffel der Diplomatie eine ungeheure Maffe Freiheitstrank, und da der Herr die Deutschen so lieb hat, giebt er ihnen davon im Schlafe ein, fo daß fie, früh Morgens erwacht, noch mit der Schlafmütze auf dem Kopf, fich plötzlich frei und glücklich fühlen, „Erholungspause des Völkerlebens“ hinter sich, und Freiheit und Brüderlichkeit und wohlfeile Kartoffeln in Menge, frisch

und warm mit über Nacht gebackenen Milchbroden. So spekuliert der

gute deutsche Glaube an England. England macht's und wir kriegen was ab. Wer also England „schlecht macht“, will uns um die in der Wolle gefärbten, wafferdichten, gegen Mottenschaden verficherten Freiheitsartikel bringen, die wir später jedenfalls abkriegen; wer also England „schlecht macht“, ist Kreuzzeitung, ist Ruffe. Der Kerl hat Rubel in der Tasche, credo. Warum glaubst Du's? Credo, quia absurdum, denn, wenn ich's beweisen könnte, wenn ein Sinn darin läge, warum braucht' ich's denn zu glauben? Warum glaubst Du? Weil ich nach der „Erholungspause“ auch etwas abkriegen will. Kannst Du Dir nicht ein Bischen felbst besorgen? Thörichte Frage von dem niederträchtigen Ruffen. Wir – können, auch dürfen wir ja nicht! – Aber warum nun gerade an England glauben? – Da erkennt man wieder die Rubel in der Tasche. Schnöder Ruffe, an wen sollten wir denn sonst glauben? Habt ihr uns etwas Anderes übrig gelaffen? Ei wohl, ich follte meinen, Deutschland felbst mit dem in Musik gesetzten kategorischen Imperativ: „Sein Vaterland muß größer sein.“ Der Engländer glaubt an England, der Franzose an Frankreich, der Ruffe an Rußland, felbst der Maikäfer fliegt mit eigenen Schwingen, aber Deutschland glaubt an England und fliegt nur, wenn ihm John Bull pustet. Wenn die schnöden deutschen Korrespondenten in England irgend eine geheime Absicht haben, warum fie England immer fo „schlecht machen“, ist es die, daß Deutschland an fich glauben lerne. Ein Bischen ordentliche deutsche Geschichte, und Ihr wißt, daß Alles, was wir in der ganzen Welt Freiheit, Civilisation, Fortschritt u. f. w. nennen, immer wesentlich von Deutschland aus germanischen Schöpfungen hervorging. Die Substanz der Freiheit in England, in Amerika ist uralte, deutsche Institution, jetzt überwuchert, zerfetzt, zerfetzt, in den Koth getreten von Entartung, Barbarei und Humbug aller Art. Und Ihr glaubt an England, an das der romanifchen. „Freiheit“ Napoleon's verfallene England. „England macht's, und wir kriegen was ab!“ – Ja, wartet nur, Ihr müßt abgeben an England, an Rußland, an Frankreich, weil Ihr die Einzigen feid, die bei der ganzen Geschichte etwas verdient und profitiert haben. Das Pathos und der Zweck des Krieges ist, wie die Times wiederholt fehr richtig bemerkte, zu sehen und zu probieren, wer am meisten verlieren und fich am meisten ruinieren laffen kann. Verlieren und ruinieren thun fie. Alle, und zwar ungeheuer en gros. Der nationale, stolze Engländer fagt: Wir können uns am längsten, am großartigsten ruinieren und ruinieren laffen, denn wir haben das Geld. Also immer d'rauf! Schont weder Menschen, noch Geld! We can afford it! Wir haben's dazu. Wir halten's länger aus, als diese „Ruhschäns“, denn diese haben nur Getraide und Fett auf dem Lande, wir aber das Geld. Sie merken nicht, daß sie damit den natürlichen Vortheil, den Rußland vor ihnen voraushat, zugeben und aussprechen, und Rußland trotz aller Niederlagen doch am wenigsten ruiniert wird, zumal da England nach wie vor defen Talg und Getraide kauft, nur theurer, weil Deutschland als Mittelglied feine Spesen haben muß. Da diese Spesen zugleich der einzige Profit find, der nicht wieder todtgeschlagen wird, profitiert auch Deutschland nur allein dabei und muß deshalb nach dem Frieden nach Osten und Westen abgeben, wie es die einzige Macht ist, die Rußland aufhalten kann. Deutschland wird sich aber nicht durch Krieg gegen Rußland gefährlich zeigen, fondern es bekämpft Rußland von innen heraus. Die Civilisation, die wirkliche, echte Kultur Rußlands ist bereits wesentlich eben fo deutsch, wie die Kultur Englands, in beiden Ländern direkt vom Throne herab bis zu dem geringsten deutschen Sprach- und Musiklehrer. Die deutsche Neutralität ist kein Zufall, keine Marotte, keine Schmach, wie sie die Englandgläubigen darin finden, fie ist auch nicht „Erholungspauserei“ in Feffeln, fie ist die civilisierende, ausgleichende, tiefe, feit vielen Menfchenaltern ohne Renommifterei thätige, immer mächtiger hervortretende That der Kulturgeschichte, für welche felbst der blödsinnig gewordene Mars russische Rubel und englische Sovereigns in preußisch Courant verwandeln muß. Der Deutsche, wenn er privatim, ehrlich und moralich Partei nehmen will an diesem Kriege, muß er vor Rußland Respekt haben mit Verachtung gegen die Heuchelei der „wirklichen Civilisation“. Rußland kämpft doch wenigstens ehrlich und wirklich um Zwecke, um welche immer Waffenkriege geführt werden, um materielle Eroberung, Vergrößerung, um Meerwaffer für feinen Handel; die Alliierten aber weder für die Türkei, noch zur Verkleinerung Rußlands, nicht einmal für ihre eigenen Intereffen. Der ehrliche Deutsche mit einem Kopfe kann für keine der Kriegsmächte wirklich Partei nehmen, will er es aber doch privatim thun, um der vermeintlichen Schmach und Lächerlichkeit der Neutralität wenigstens innerhalb einer vier Pfähle zu entgehen, so muß er erstens den Krieg überhaupt anerkennen und dann die Macht vorzugsweise, die es mit diesem Kriege am ehrlichsten und ernsthaftesten meint. Das ist Privatsache. Geschichtlich aber und als „moralische Kollektivperson“ nimmt der Deutsche nach keiner Seite für oder wider Partei; er fieht den Friedensbruch auf beiden Seiten und sucht deshalb im Osten und Westen die Vernunft wieder herzustellen. Will man Etwas glauben, so glaube man an den Sieg dieses Versuchs, dieser wahrhaft weltgeschichtlichen deutschen That; der Deutsche glaube an eine Betheiligung, vom Sackträger in Memel und Königsberg, bis, durch alle deutsche Kunst, Wiffenschaft, Literatur, Industrie hindurch, zum Friedens-Kongreß-Präsidenten herauf, der aber nicht der Sache nach als an der Spitze dieser Miffion stehend betrachtet werden foll. Es ist charakteristisch, daß die Nationalen und Radikalen in England fortwährend von dem zunehmenden Uebergewicht „des Germanismus“ als russischer Agentur in England, reden, während in Petersburg und besonders in Moskau die Menschikoffifen, die Altruffen, die deutsche Partei am Hofe als verkappte Engländer zu denunzieren und aus ihrem festen Sattel zu werfen suchen. Noch find die Deutschen weder am Hofe Englands, noch Rußlands der wirkliche, echte, geschichtliche Germanismus, in Petersburg fogar ganz besonders Direction der „hohen“ Polizei; aber an beiden Höfen ist Entwickelung, Zuströmung aus dem Stamm- und deutschen Vaterlande, das größer fein muß, und – was die Hauptsache ist – der wahrhaft mitfionäre Germanismus beschränkt sich nicht auf die Höfe, fondern fällt wesentlich in das foziale, industrielle, wissenschaftliche Leben, in die ganze Breite der Kultur-Atmosphäre. Einem englischen Literaturbriefe find darin besondere Schranken angewiesen. Sehen wir uns innerhalb derselben einmal etwas um. Literarisch tritt der Germanismus in England zunächst entschieden und immer deutlicher als Negation gegen das spezifische Englischthum auf, gegen das nationale, soziale, politische, diplomatische, eigenthümlich infulirte und isolierte, „boredom", den, flunkeyism, snobishness”– Ausdrücke, die fich erst neuerdings formiert und geprägt haben, um dieses erkannte und verdammte, durch keinen bisherigen Ausdruck zu treffende, nicht zu übersetzende, verrottete, in fauliger Gährung fich zerfetzende und renommitische Blasen werfende, spezifische Englischthum zu bezeichnen. Dieses spezifische England hat in England felbst keinen einzigen Freund mehr. England in England? Ja, ich bitte, dies wohl zu beachten. Darauf kömmt es gerade an. Das spezifische England ist gerade das, an welches man im Auslande glaubt, denn es ist das herrfchende, das politische, das nationale, das respektable, welches fich von den Phrasen nährt, wie: „wir sind die anglo-sächsische Raçe“ – freier, gebildeter, reicher, christlicher, mächtiger, reinlicher (dies ist richtig), stärker, stolzer, respektabler, nobler u. f. w., als jede andere „Nation“ der Erde, drei Franzosen, fünf Preußen, funfzehn Ruffen erst fo viel wie ein gemeiner englischer Anglo-Sache. Wir find die Freiheit, das Geld, die Macht über die Erde, Arndt's „wahres Christenthum“, die eigentliche westliche Civilisation, Alles jenseits des Kanals Barbarei, höchstens der Politik wegen Frankreich gerade unter Napoleon für die Dauer der Allianz ausgenommen.“ – Das find die Phrasen, in denen kein wahres Wort steckt. Aber das übrige England hat lange daran geglaubt, jetzt nicht mehr, Deutschland glaubt noch daran. Das übrige England! Was an jenen Phrasen. Wahres ist, fällt gerade in dieses „übrige England“, politisch und fozial den Bodensatz, auf welchem das fpezifische herumtrampelt, politisch und fozial reine Null, in Production, Bezahlung, Plack und Qual – Alles. Es wählt nicht, wird nicht gewählt. Unendlich Viele in diesem „übrigen England“ haben das Geld zu politischen Rechten, aber sie enthalten sich mit peinlichster Reinlichkeit und Privattugend jeder Einmischung in Wahl-, Meetings- und Demonstrations-Angelegenheiten. Sie gehören zu dem Heere der „retired gentlemen", Künstlern, Mechanikern, Kauf- und Handelsleuten, Gelehrten und der in England ganz eigenthümlichen, fehr zahlreichen Klaffe von Familien, die in stillen, stets verschloffenen, respektablen Häusern respektabler Stadttheile wohnen und nichts thun, als ihre Rechnungen bezahlen. Sie haben fo und fo „much a year", man weiß nie genau, wie viel, nie genau, woher. (Schluß folgt.)

Betrachtungen über die fittlichen Zustände des englischen Volks.

Der Londoner Economist enthält einen lesenswerthen Aufsatz über die fittlichen Zustände Englands, der, an die traurigen Erscheinungen anknüpfend, welche fich in der britischen Armee im Orient dargeboten, die ungeschwächte Existenz eines nur zu allgemein verbreiteten Lasters unter dem Volke konstatiert und die von verschiedenen Seiten

vorgeschlagenen Reformpläne bespricht. „Seit mehr als einem Vierteljahrhundert“, heißt es, „haben Männer aller Parteien fich in dem eifrigen Wunsche vereinigt, den fozialen Fortschritt der unteren Klaffen zu befördern. In dieser Absicht find Schulen jeder Art errichtet, Sparbanken eingeführt, Mäßigkeitsvereine gebildet und Gelübde völliger Enthaltsamkeit anempfohlen worden; man hat die verschiedenartigften Befferungspläne befürwortet, Geld, fchweres Geld unterzeichnet, Prämien ausgesetzt, Traktätlein verheilt; Geistliche aller Sekten, Diffemter, Katholiken und Episkopalen, haben sich der Sache angenommen, Novellisten haben darüber geschrieben und populäre Redner dafür agitiert. Nach fo vielen wohlgemeinten, jahrelang fortgesetzten Bestrebungen, durch die Fackel moderner Wiffenschaft erleuchtet und durch die vom Alter geheiligten Lehren der Religion unterstützt, ist es betrübend, die von der Times veröffentlichten Berichte über die Trunksucht unserer Soldaten zu lesen und die fich überall aufdrängende Unmäßigkeit, Sittenlosigkeit und Rohheit unserer ländlichen fowohl als städtischen Bevölkerung wahrzunehmen. Als Resultat aller Bemühungen scheint nur die Thatsache festzustehen, daß der Zustand des Volkes sich eher verschlimmert, als verbeffert hat; der Abgrund, der die gebildeteren Stände von den Maffen trennt und den der Philanthropismus zu überbrücken fuchte, hat sich erweitert und vertieft; „die Reichen find“, um die denkwürdigen Worte Gladstone's zu gebrauchen, „reicher und die Armen ärmer geworden“, und es fehlt nicht an Symptomen, daß die getäuschten Hoffnungen der regierenden Klaffen die Ueberzeugung in ihnen hervorzurufen beginnen, es fei zur Heilung der Gebrechen des Volkes, zur Beseitigung feiner Laster und Hebung feines Charakters ein System der Beschränkung und des Zwanges vonnöthen. „Diese Erscheinung ist um so merkwürdiger und beklagenswerther, je mehr Umstände fich in der letzten Zeit vereinigt haben, die Lage der arbeitenden Klaffen günstiger zu gestalten. Der Freihandel hat dem Arbeiter reichlichere Nahrungsmittel eröffnet und den Lohn feiner Thätigkeit erhöht. Die Gold-Entdeckungen und felbst die Kartoffelkrankheit haben ähnliche Wirkungen hervorgebracht, nachdem die erften traurigen Folgen der letzteren beseitigt waren. Die politische Freiheit ist erweitert, die Literatur durch Entfernung der darauf lastenden Steuer in den Bereich des Aermsten gebracht worden, und es fehlt weder an Büchern, noch an Lesern. Die beschleunigten Verbindungsmittel haben dem Volke gleichsam eine neue Welt erschloffen, indem sie es in den Stand setzen, fich rasch von einem Punkt zum anderen zu bewegen und dort Arbeit zu suchen, wo die Arbeit gerade am dringendsten verlangt und am theuersten bezahlt wird. Und dennoch, trotz aller dieser Vorzüge, deren unser Volk fich in höherem Grade erfreut, als irgend ein anderes in Europa, steht es durch feine Völlerei und andere Laster den Franzosen und Deutschen gegenüber in dem unvortheilhaftesten Licht und wird von Nationen verspottet, denen es in sonstiger Beziehung überlegen ist. Es ist natürlich, daß die Erklärung eines derartigen Phänomens den Scharfsinn unserer kundigten Beobachter auf die Probe spannen mußte, und man hat demnach die Behauptung aufgestellt – die, wenn begründet, die Sache hoffnungslos machen würde – daß diese fchrecklichen Laster unserem Volksstamme angeboren und echt angelsächsisch find, wie einige unserer gerühmten Tugenden. „Im Widerspruch mit dieser Ansicht ist jedoch zu bemerken, daß besagte angelsächsische Laster fich nicht in denselben Individuen mit den angelsächsischen Tugenden vereinigt finden – daß die tapfersten und geschicktesten unserer Landsleute nicht zugleich auch die größten Trunkenbolde und Uebelthäter find, und ferner, daß diese eigenthümlichen angelsächsischen Laster vor nicht gar langer Zeit auch unter den höheren und mittleren Klaffen gewöhnlich waren und von ihnen abgelegt wurden, ohne daß die fich zugleich der angelsächsischen Tugenden entledigten. Eine solche Wandelung dürfte wohl zu dem Glauben berechtigen, daß diese Laster keinesweges zu den nothwendigen Befandtheilen des angelsächsischen Charakters gehören und daß es auch dem Angelsachsen möglich sei, sich dieselben abzugewöhnen. „Da nun aber die bisherigen Reformpläne jedenfalls mißlungen find, so bleibt die Frage zu beantworten, durch welche Mittel die Reform sich denn wirklich erzielen laffe? Sie liegt uns eben so fehr am Herzen als den eifrigsten Vertheidigern des Maine-Liquor-Gesetzes und den kräftigsten Beförderern von Schulen und Befferungs-Anstalten; wie aber die höheren Stände der Völlerei ohne förmliche Anweifungen und Ermahnungen, ohne Mäßigkeitsvereine und Enthaltsamkeitsgelübde, ohne Ausnahmsgesetze zur Bestrafung der Trunksucht und zur Belohnung der Nüchternheit entsagt haben, einfach und allein weil fie zu der Ueberzeugung gelangt waren, daß die Völlerei ein Uebel sei, daß sie die Gesundheit zerstöre und das häusliche Glück untergrabe, fo möchten wir beinahe vermuthen, daß auch die Maffen, wenn man sie nur sich selbst überließe, auf eine ähnliche Entdeckung gerathen und nach ähnlichen Beweggründen handeln würden. Sie streben nach Reichthum, wie die höheren Stände; fiel kleiden fich, reisen, gehen ihren Vergnügen nach, wie die höheren Stände; sie haben dieselbe Fähigkeit, Böses vom Guten zu unterscheiden, wie die höheren Stände, und da ihre eigene Vernunft hinreicht, die meisten ihrer Handlungen zu leiten, so könnte man ihnen auch getrost die Aufgabe überlaffen, ein Laster zu beseitigen, defen unglückselige Folgen jedem Vernünftigen einleuchten müffen. Die Zeloten hingegen, welche die für die Menschen und die Natur herabwürdigende Theorie erdacht haben, daß die natürlichen Motive zur Nüchternheit nicht genügen, und daß es künstlicher Vorkehrungen und Zwangsmaßregeln bedürfe, tragen durch ihren unbesonnenen Eifer eher dazu bei, das Unheil zu vergrößern, welches fiel auszurotten fuchen. In jedem Fall war ihr Erfolg so gering, daß sie bei einigem Nachdenken selbst an die Weisheit ihres Verfahrens zweifeln und die Möglichkeit zugeben müffen, daß sie nach einer fehlerhaften Theorie zu Werke gegangen find. Ist dies möglich, so mögen sie ferner überlegen, daß der Trunkenbold nur fich selbst zu Grunde richtet, während diejenigen, welche die Trunkenheit durch eine falsche Theorie befördern, nicht allein Taufende zu Grunde richten, fondern auch den Charakter des Volks benachtheiligen. Die Moralität läßt sich einmal nicht erzwingen, bei dem Volke eben so wenig als bei den regierenden Klaffen, und je eher die letzteren dies einsehen, desto beffer ist es vielleicht für Beide.

Mannigfaltiges.

– Illustrirter Kalender für 1856.“) Dieser Kalender aller Kalender liegt nun in feinem eilften Jahrgange vor uns. Wenn irgend ein Jahrbuch dieser Art es verdient, eine „vorwärts gekehrte Zeitgeschichte“ zu heißen (wie man die Geschichte einen „rückwärts gekehrten Propheten“ genannt hat), so ist es der „Illustrirte Kalender“, der sich zu allen anderen deutschen Spezialkalendern, mögen sie nun elegant oder einfältig ausgestattet sein, wie eine Encyklopädie zu einer FibelSammlung verhält. Was bringen uns nicht alles diese auf jeder Seite mit reichem Bilderschmucke verzierten Tages- und Jahreshefte! Außer dem gewöhnlichen, aber ebenfalls mit Rubriken, wie fiel anderswo nicht gefunden werden, ausgestatteten astronomischen, chronologischen, meteorologischen, Festtags- und Erinnerungs-Kalender, einen durch zahlreiche Illustrationen erläuterten Geschichts-, Hof-, Militair-, Marine-, Landwirthschafts-, Handels-, Gewerbe-, Kirchen- und Schul-, Gelehrten-, Rechts-, Heilwiffenschafts-, Literatur-, Kunst- und Künstlerfest-, Haus- und Frauen-Kalender. Damit ist es aber noch nicht zu Ende, denn nun folgt noch ein Jahrbuch der Statistik aller vorgenannten Zweige des öffentlichen Lebens, das so viele deutsche und außerdeutsche Namen enthält, daß kein Leser ficher ist, nicht auch den feinigen darin zu finden. Kaum irgend ein Leser, gleichviel welchem Stande und Beruf er angehören möge, wird aber auch in diesem Buche etwas von dem vermissen, was er zur Aushülfe oder zur Erinnerung in einem Kalender fucht. Uns Literaten speziell interessiert der Bericht über das, was in Deutschland im Jahre 1854 (auf welches Jahr fich alle historischen Rückblicke des Kalenders für 1856 beziehen) für das Recht des literarischen Eigenthums und das internationale Verlagsrecht geschehen, in welcher letzteren Beziehung der Vorstand des (Leipziger) Börsenvereins der deutschen Buchhändler von der königlich sächsischen Regierung aufgefordert worden, Vorschläge zu machen, die bei den an die Bundesversammlung in dieser Hinsicht zu richtenden Anträgen als Grundlage benutzt werden können.“) Die Frauen werden fich ganz besonders durch zwei Aufsätze befriedigt finden: durch eine Uebersicht der Thätigkeit, welche die Frauenvereine Deutschlands zur Linderung der Noth ihrer leidenden Mitmenschen entwickelt haben, und durch das Lebensbild der Frau von Bavier, welche in Berlin seit dem Jahre 1848 mit bewunderungswerther Aufopferung und Ausdauer eine Zufluchtsstätte für arme Kinder vom zartesten Alter gegründet und erhalten hat. Die Redaction dieses Kalenders, der Jedem etwas zu bringen weiß, leistet in der That Außerordentliches. Mag immerhin das Material, welches die Leipziger „Illustrirte Zeitung“ an Zeichnungen und Schilderungen allwöchentlich aufsammelt, eine sehr zur Hand liegende Quelle sein, so bedarf es doch großer Aufmerksamkeit und Umsicht, um diese verschiedenartigsten Stoffe für die Zwecke des Kalenders, nach einem einheitlichen Plane, und zwar immer durch eine fachkundige Hand, verarbeiten zu laffen.

– Auswahl aus Washington Irving's Schriften. Einen Ehrenplatz unter den Erzeugniffen der deutschen Presse nimmt eine fo eben bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienene, mit Illustrationen versehene Auswahl aus den Schriften Washington Irving's (englisch und deutsch) ein, die in fplendider Ausstattung mit den ersten typographischen Meisterwerken Englands und Frankreichs rivalisiert und in künstlerischer Vollendung nicht wenige derselben übertrifft.“) Die dazu gehörigen Zeichnungen find theils von Henry Ritter, einem jungen Kanadier, der, in Düffeldorf unter den Augen Karl Sohn's gebildet, zu den glänzendsten Hoffnungen berechtigte, aber leider zu früh der Kunst entriffen wurde, theils von Wilhelm Camphausen, der auf den Wunsch des Sterbenden die fehlenden Skizzen hinzufügte. Manche von ihnen, z. B. die Scenen aus „Rip Wan Winkle", „The Spectre Bridegroon” „Dolph Heyliger” c. find in der That kleine Meisterfücke; fie enthalten eine Fülle von Humor, der sich in jedem Zuge ausspricht und ihnen daffelbe charakteristische Leben verleiht, welches die geist- und gemüthvollen Gebilde durchdringt, zu deren Erläuterung fie bestimmt find. Wir können das Werk als eines der paffendsten Festgeschenke für gebildete Familienkreise empfehlen.

– Deutsche Bücher und französische Kritiker. Das Athenaeum Français vom 1ften d.M., welches aus dem fo eben erschienenen dritten Bande von Leopold Ranke’s „Französische Geschichte, vornehmlich im 16ten und 17ten Jahrhundert“ das Kapitel über Richelieu vollfändig mittheilt, bringt zugleich eine fehr anerkennende Kritik von A. Stahr's „Torso“, den das Journal als ein der Schule Winckelmanns und Leffing’s würdiges, kunstwiffenschaftliches Werk bezeichnet. Es ist gewiß erfreulich, daß das französische „Athenäum“ den neueren literarischen Erzeugniffen Deutschlands eine solche Aufmerksamkeit schenkt, aber darum sollte es endlich auch fich und feine Mitarbeiter von dem alten, längst widerlegten Vorurtheile emanzipieren, daß die Deutschen nur sesquipedalia verba und kein verständliches, geschmackvolles Buch zu schreiben verständen. Erst kürzlich wurde dies wieder einmal von Herrn Alfred Maury bei Gelegenheit einer Anzeige von H. Brugsch's „Reiseberichten aus Aegypten“ ausgesprochen, welchem Buche zwar ein einfacher, deutlicher und konziser Stil zuerkannt wurde, doch seien dies, meinte der Kritiker, schriftstellerische Eigenschaften, an die man in Deutschland durchaus nicht gewöhnt sei. Urtheile solcher Art muß man oft von französischen Kritikern über deutsche Bücher hören. Aber wir glauben, es gehe diesen Kritikern wie jenem Bauern, der durch keine Brille lesen konnte; die deutschen Bücher würden diesen Herren immer unverständlich fein, auch wenn sie noch fo verständlich abgefaßt wären.

– Druckfachen auf der Pariser Ausstellung. Unter den bereits mehrfach von uns erwähnten Druckwerken der Pariser Ausstellung befanden sich auch die „Atharva Veda Sanhita", herausgegeben von Rath und Whitney, und die „Grammaire démotique", von Profeffor Brugsch. Die Ausstattung und insbesondere die Typen dieser Druckwerke haben unter den Sachkennern dieses Faches, das gerade in Paris beffer als irgendwo vertreten ist, so vielen Beifall gefunden, daß die Verlags-Buchhandlung Ferdinand Dümmler in Berlin, welche eben nur diese beiden Werke zur Ausstellung gesandt hatte, mit der filbernen Denkmünze prämiert worden ist.

*) Washington Irving. Auswahl aus seinen Schriften. Selections from the Works of Washington Irving. Illustrated by Henry Ritter and Wilhelm Camphausen. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1856.

Literarischer WAnzeiger.

Berliner Schachzeitung,

*) ## J. J. Weber. 1856. Pr. 1 Thlr.

*) Der Börsenvorstand hat dieser Aufforderung gemäß, im Oktober d. J. mit Sachverständigen, die aus allen Theilen Deutschlands eingeladen waren, eine Berathung gepflogen, als deren Resultat zunächst eine in vieler Beziehung (namentlich wegen ihrer echt deutschen, aus einander gehenden Mannigfaltigkeit) intereffante Zusammenstellung der in Deutschland geltenden, gesetzlichen Bestimmungen über das Urheber- und Verlagsrecht, verglichen mit der französischen und englischen Gesetzgebung, zu betrachten ist. D. R.

herausgegeben von DA. Anderssen und E. Kossack. Preis des Jahrgangs: Drei Thaler. Schachfreunde und Schachgesellschaften erlauben wir uns zeitig auf den neu bevorstehenden Eilften Jahrgang aufmerksam zu machen, für welchen abermals reiche und wichtige Gaben von den bekannten Mitarbeitern – u. A. von von d. Lafa, von Jaenisch, Lange, von Oppen, den Herausgebern u. f. w. – zu erwarten sind. Die ersten Hefte bringen die Fortfüh rung und den Schluß des Werkes des berühmten Damiano, bearbeitet von v. d. Lafa, und in Bezug auf eine so geistvollen Probleme durch zahlreiche Diagramme illustrirt; – ferner die Auflösung und Preisvertheilung für das Nathanische Problem, zu welchem gegen hundert Lösungsversuche aus allen Weltgegenden eingegangen sind. Neu hinzutretenden Abonnenten liefern wir den im November und Dezember d. J. bereits enthaltenen Anfang des Damianoschen Werkes gratis nach. Der Jahrgang 1855 enthält gegen hundertfunfzig gespielte Partieen, hundertzwanzig Aufgaben und zahlreiche theoretische (u. a. Evans Gambit von Anderfen), historische und die Gegenwart betreffende Mittheilungen. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen " QIM. Berlin, Ende November 1855. Veit & Comp.

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