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- dem gemeinen Brode, nur bekömmt der beffer durchgearbeitete Teig

etwas mehr Hefen und wird also leichter; 2) Muffins, unter der Gefalt weißer, leichter Scheiben mit einem feinen Häutchen statt der gewöhnlichen Kruste; 3) die dritte Sorte fcheint nur den Namen und den Preis der Luxusbrödchen zu haben; denn der Teig besteht aus Mehl, in welchem die Kleie zurückgeblieben ist, dem man bisweilen Roggenmehl beimischt. Diese Sorte Kleienbrod, leicht abführend, wird als erfrischend angesehen. Man genießt es in London ein- oder zweimal in der Woche. In Paris zählt man mehr denn zehn Varietäten von Luxusbrod: es giebt z. B. würfel- oder walzenförmige Brode, die in Pauken gebacken werden, um ihnen eine feine und minder gefärbte Kruste zu geben; ferner die Kaffeebrödchen, die Wiener Milchbrödchen u. s. w. Unsere besondere Aufmerksamkeit nimmt die Bereitung folgender Brodforte in Anspruch: wenn man den Weizenmehlteig unter einem schwachen Wafferstrahl vorsichtig auswäfcht, so zieht das Waffer die Stärkkörnchen und die auflöslichen Substanzen aus, während der Kleber, mehrere unmittelbare Urstoffe enthaltend, sich zusammenschließt und sich zu einer fehr schmiegsamen, dehnbaren, elastischen Substanz ballt. Durch diese einfache analytische Operation des Laboratoriums, weit ökonomischer mittelt eines finnreichen Geräths in einem großen Maßstabe vollbracht, wird zugleich die Stärke, die im Waffer niederschlägt, und der Kleber, der sich an die durchdringlichen Wände des Gefäßes heftet, ausgezogen. Das ist im Wesentlichen das heilsame Verfahren bei der Stärkebereitung, das die frühere auf die Gesundheit macht heilig wirkende Methode vertritt: sie bestand darin, den Kleber auf dem Wege der fauren und faulen Gährung zu trennen und aufzulösen, um die Stärke frei zu machen. Sonst gab man den Kleber preis, um die Stärke zu isolieren und auszuscheiden, jetzt extrahirt man die Stärke in großer Menge, sammelt aber den Kleber, der, mit außerordentlich nahrhaften Eigenschaften begabt, unter verschiedenen Gestalten eine nützliche Kost gewährt. Bald wird er unter dem Namen „Kränzel-Kleber“ in der Suppe gebraucht und nimmt es mit den besten Nudeln von Auvergne, Lyon und Italien auf; bald wird er frisch dem Mehl beigemischt und macht das Brod weit nahrhafter. Aus hundert Theilen Mehl und hundert Theilen des eben extrahierten Klebers bereitet man das Kleberbrod, das sehr leicht, dauerbar und verdaulich ist. Noch gesunder wird das Brod, nach Bouchardot, wenn man den beizumischenden feuchten Kleber einer Hitze von fechzig bis hundert Grad aussetzt. Dieses Brod ist seit einigen Jahren in Gebrauch, um dem Uebel der sogenannten Zuckerharnruhr entgegenzuwirken, daß unter dem Einfluß des Genuffes von gewöhnlichem Brode sich verschlimmern würde. Man fieht, daß die Wiffeuschaft bei den mannigfaltigen Fragen, die sich an den Cerealienbau und die Brodbäckerei knüpfen, eine gewichtige Stimme hat. Einen bedeutenden Zuwachs unserer Cerealien und anderen ernährenden Pflanzen verspricht uns die größere Entwickelung der gejäteten Saatfelder und künstlichen Wiesen, so wie die weitere Ausdehnung des Trockenlegens unserer feuchten Niederungen. Neue Mittel zur Aufspeicherung unserer Körner geben uns mächtige Bürgfchaften gegen eine Hungersnoth. Sinnreiche Methoden des Mahlens und Backens werden in Frankreich wie in England angewandt oder verbreitet. In Algerien unterstützen sie kräftig die Fortschritte der Colonisation. Das gegenwärtige Jahr, 1855, felbst, trotz dem leichten Ausfall, den der Aerndtestand befürchten läßt, wird hoffentlich die Moth“ wendigkeit einer noch ausgedehnteren Anwendung der Wiffenschaft auf den Anbau und die Bereitung der Cerealienfrucht, die als Grundlage der öffentlichen Ernährung angesehen ist, klar ins Licht setzen.

China. Eine Hinrichtung in Canton.

Der Ort in Canton, welcher als Richtstätte dient, befindet sich in der südlichen Vorstadt, ungefähr inmitten derjenigen Befestigungen, die Ausländern unter dem Namen der holländischen und franzöfischen „Thorheiten“ (Follies) bekannt sind. Er liegt übrigens etwas hinter dem Fluffe, ungefähr auf halbem Wege zwischen diesem und der füdlichen, mit dem Fluffe parallel laufenden Stadtmauer. Keine Straße führt unmittelbar dahin. Rings umher wohnt eine dichte Bevölkerung, die gegen Nord und West, unmittelbar am Platz, aus Laden- und Hausmiethern besteht, aber in dem Maße wohlhabender wird, als sie den etwa eine Mile entlegenen ausländischen Faktoreien näher rückt. Südwärts und ostwärts ist die Vorstadt im Allgemeinen arm, von einer niedrigen und sogar verbrecherischen Volksklaffe bewohnt. Die Richtstätte selbst ist eine kleine, von Süden nach Norden laufende Gaffe, etwa funfzig Ellen lang und am nördlichen Ende acht Ellen breit; sie ver

engt sich allmählich nach Süden zu, bis ihr der vorspringende Winkel“

eines Hauses auf fünf Ellen Länge nur anderthalb Ellen Breite läßt. Am Ende des Letzteren ist ein hohes und starkes Thor angebracht, das

während einer Hinrichtung verschloffen und bewacht wird. Die östliche Seite begränzt in ihrer ganzen Ausdehnung eine kahle Mauer aus Ziegeln von ungefähr zwölf Fuß Höhe, welche die Rückseite einiger Wohnungen oder kleiner Waarenläger bildet. An dieser Mauer ist, in ziemlich gleicher Entfernung von beiden Enden der Gaffe, ein Gerüst errichtet, auf welchem man immer eine Anzahl Menschenköpfe in verfchiedenen Stadien der Verwesung fieht. Weiter gegen das nördliche Ende zieht sich an derselben Mauer ein Wetterdach, unter welchem die Nachrichter u. f. w. auf die Ankunft der Verbrecher warten. Die westliche Seite der Gaffe besteht aus einer Reihe Werkstätten, in welchen die gröbste Art unverglaster irdener Geschirre gefertigt wird. Die Thüren und die kleinen, als Fenster dienenden Oeffnungen dieser Werkstätten find der Gaffe zugekehrt, die man, fo oft keine Hinrichtung stattfindet, mit der als dann in der Sonne trocknenden Töpferwaare theilweife anfüllt. Der enge Durchgang am füdlichen Ende der Gaffe führt auf einen schmutzigen viereckigen Platz, den ähnliche Töpferwerkstätten umziehen; das nördliche Ende aber wird von einer ziemlich fauberen Straße in rechten Winkeln durchschnitten. Das nach der Gaffe zu offene Stück dieser Straße ist mit einem Ziegeldach überbaut, unter welchem die Aufsicht führenden Würdenträger während der Executionen fitzen; ein dahinter befindlicher Laden wird alsdann geschloffen, und die Straße zu beiden Seiten besetzt das dienende Gefolge. Man stellt übrigens eine spanische Wand vor die Sitze der hohen Herren, so daß sie nie eigentlich sehen, was vorgeht. In dieser Gaffe, die nicht breiter ist, als das Verdeck eines Schiffes, find während der vergangenen acht Monate gegenwärtigen Jahres (1851) über vierhundert Menschen hingerichtet worden. Immer hat man hier den Geruch verwesender Köpfe und den Brodem einzuathmen, welchen die glühende Sonne einem mit Menschenblutgetränkten Boden entsteigen läßt. Zuweilen gestattet die Behörde, daß Körper derjenigen Verbrecher, welche Freunde haben, fo lange liegen, bis diese sie zur Bestattung abholen. Als ich den Ort das erste Mal betrat, fah ich vier solcher Körper, die in verschiedener Haltung dalagen, wie sie gefallen waren; ihre Köpfe lagen bei ihnen, und zwei Schweine bewegten sich um sie herum und labten sich in der Lache des Blutes, das aus den Rümpfen geströmt war. Etwa sieben Ellen weit davon und dieser Scene gegenüber faß ein Weib an der Thür eines der Töpferschuppen, ein kleines Kind zärtlich auf dem Schooße haltend: Beide stierten verwundert, nicht die am Menschenblut fich letzenden Schweine, sondern die seltsam gekleideten Fremden an! Da ich am Abend des 29. Juli (1851) erfahren hatte, daß vierunddreißig Rebellen oder Banditen am folgenden Tage zwischen acht und zehn Uhr hingerichtet werden sollten, fo ging ich um halb acht Uhr mit zwei anderen in Canton wohnenden Engländern, die bis dahin keiner Execution beigewohnt, nach dem mehr erwähnten Orte. Wir fanden nur einige der niedrigsten Gerichtsdiener. Ein Loch in der Erde, bei welchem ein roh ausgehauenes Kreuz gegen die Mauer lehnte, überzeugte mich, daß mindestens. Einer die höchste gerichtliche Strafe des lebendig Zerschnittenwerdens, welche ling-tschi heißt, auszustehen habe.“) Wenige Schritte vor dem Sitze der Würdenträger am nördlichen Ende brannte ein Stoß wohlriechenden Sandelholzes am Boden. Da ich wußte, daß man, wenn Hinrichtungen stattfinden, einen Jeden, der nicht amtsmäßig anwesend ist, auszusperren pflegt, fo wählte ich uns eine Stellung auf einem Haufen trocknen Schuttes im füdlichen Winkel der Gaffe. Nachdem wir hier lange gewartet und unsere Taschentücher reichlich mit Kölnischem Waffer getränkt hatten, sahen wir endlich das Gros der Gerichtsdiener anrücken. Das hölzerne Kreuz wurde in der Grube aufgepflanzt und befestigt, worauf man den zudringlichen Pöbel aus der Gaffe hinausprügelte. Ein Büttel winkte uns, daß wir unseren Standort verlaffen möchten: als ich ihm aber ruhig erklärte, wir würden dies nicht eher thun, bis die Würdenträger es ausdrücklich verlangten, ließ man uns ferner ungestört. Das Thor am südlichen Ende wurde jetzt geschloffen und von innen eine Wache postiert. Bald darauf brachte man die Verurtheilten herein; die Meisten kamen zu Fuße, viele Andere aber wurden in großen Körben an Stangen getragen. Die Getragenen mußten in einem Zustande gänzlicher Erschöpfung fein; denn als man sie aus den Körben fallen ließ, blieben sie ohnmächtig liegen. Dann wurden fie in knieende Stellung gebracht und von Männern, die hinter ihnen fanden, unterstützt. Die Enthauptung geht also vor sich: Ein Klotz ist nicht vorhanden; der Delinquent kniet fo, daß fein Gesicht mit der Erde parallel ist und der Nacken eine horizontale Lage erhält. Zuweilen, jedoch felten, widerstrebt er bis zum Aleußersten, indem er den Kopf zurückwirft. In solchen Fällen stellt sich ein zweiter Büttel vor ihn, faßt ihn an seinem langen (sonst auf dem Kopfe des Delinquenten zum Knoten aufgerollten) Zopfe und zieht ihm den Kopf wagerecht.

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Der Henker steht zur Linken feines Opfers. Das gewöhnliche Richtschwert ist mit Einschluß eines fechs Zoll langen Griffes nur etwa drei Fuß lang; die Klinge ist am Hefte nur anderthalb Zoll breit, sie verengt sich und krümmt sich etwas gegen die Spitze hin. Sie ist nicht dick und keinesweges schwer, überhaupt gar nicht verschieden von dem Säbel, den die chinesischen Offiziere im Dienste tragen. Der Nachrichter wird immer aus den Reihen der Armee genommen, und sehr oft verlangen Offiziere von ihm, daß er ihrem noch jungfräulichen Degen die Bluttaufe gebe; man nennt dies k’ai kein (die Schneide öffnen), und das Schwert foll wirksamer werden, wenn es schon dem Henker gedient hat.“) Es wird mit beiden Händen geführt. Der Henker nimmt in einiger Distanz eine feste Stellung, hält den Säbel einen Augenblick rechtwinklig zum Nacken und ungefähr einen Fuß hoch darüber, um nach einem Gelenke zu zielen; dann fagt er dem Verbrecher in fcharfem Tone: „Rühre Dich nicht!“ erhebt das Schwert bis zu einem eigenen Kopfe und führt einen raschen Hieb, der dadurch noch gewaltiger wird, daß er seinen Körper im Augenblick, wann die Klinge den Nacken berührt, senkrecht in eine fitzende Lage finken läßt. Ein zweiter Hieb ist niemals nöthig, und gewöhnlich ist der Kopf glatt abgeschnitten; felten bleibt er auch nur an einem Stücke Haut hangen.

Dreiunddreißig von den Verurtheilten knieten dieses Mal in Reihen, ihre Köpfe gegen Süden, d. h. gegen unseren Standpunkt, bückend. In der vordersten Fronte ließ die Enge der Gaffe nur einem Manne Raum, der etwa fünf Ellen vor uns kniete; dann kamen zwei in einer Reihe, dann vier, fünf u. f. w. Hinter allen übrigen, etwa fünfundzwanzig Ellen vor uns, ward der Hauptverbrecher, der Führer einer Bande, ans Kreuz gebunden. Der Nachrichter, defen Aermel aufgeschürzt waren, stand dem vordersten Verbrecher zur Seite. Er war ein wohlgebauter Mann von mittlerem Wuchs und fehr kräftigem Ansehen, defen Geficht keine Rohheit und Grausamkeit verkündete, vielmehr einen gutmüthigen und verständigen Ausdruck hatte. Er richtete feinen Blick unverwandt auf den die Execution unmittelbar beaufsichtigenden Unteroffizier; und fobald der Letztere das Wort pan! (vollstrecke!) aussprach, warf er sich in die oben beschriebene Positur und begann sein Werk. Den ersten Kopf trennte er nicht vollständig vom Rumpfe, so daß die Mienen des Enthaupteten nach dem Niederfallen noch eine Zeitlang gräßlich fich verzerrten. Unterdefen fuhr der Nachrichter in feiner schrecklichen Arbeit rasch und rüstig fort. Er schien etwas aufgeregt, warf nach der zweiten oder dritten Enthauptung das erste Schwert hinweg, erfaßte ein zweites, das einer der Büttel schon bereit hielt, und fand mit einem Sprunge an der Seite feines nächsten Opfers. Wenn ich mich recht erinnere, so hieb er in weniger als drei Minuten die dreiunddreißig Köpfe ab, und alle, mit einziger Ausnahme des ersten, waren vollkommen von den Rümpfen losgetrennt. Die meisten Körper fielen, sobald der Kopf weg war, vorwärts nieder; nur drei oder vier derselben blieben nach der Enthauptung aufrecht und würden sich vielleicht in die Höhe geschnellt haben, wären sie von dem dahinter stehenden Manne nicht festgehalten worden; dieser gab ihnen dann einen tüchtigen Stoß, daß fie vorwärts zu ihren Köpfen fielen. Wahrscheinlich hatten die Delinquenten, denen diese Körper angehörten, ihre volle physische und moralische Kraft bewahrt. Sobald das Werk der Enthauptung zu Ende war, schritt der Henker mit einem einschneidigen Meffer auf den Mann am Kreuze los, defen einzige Bekleidung aus weiten Beinkleidern befand, die bis an die Hüften hinabgezogen und von unten bis an die Sitztheile aufgestreift waren. Dieser war ein sehr kräftig gebauter Mann über Mittelgröße und schien ungefähr vierzig Jahr alt. Er hatte sich der Behörde freiwillig gestellt, um feine verhafteten Angehörigen zu retten und ihnen die fiebentausend auf feinen Kopf gebotenen Dollars zu fichern. Die Behörde hält nämlich bei solcher Gelegenheit gewöhnlich ihr Wort, da sie künftige Fälle im Auge hat. Da der Verbrecher fünfundzwanzig Ellen weit von uns entfernt war, so konnten wir nicht die ganze grausige Operation beobachten; doch fahen wir wenigstens die zwei Einschnitte in feine Stirn, das Abschneiden der linken Brust und das Ablösen der Schenkelmuskeln. Vom ersten Mefferschnitt bis zu dem Augenblick, als der Körper vom Kreuze losgeschnitten und enthauptet ward, vergingen vier bis fünf Minuten. Wir hörten indeß keinen einzigen Schrei des Unglücklichen.

Gleich nach dem Niederfallen des ersten Enthaupteten fah ich, wie ein Mann an defen Halfe niederkauerte und mit geschäftiger Miene ein Büschel Binsenmark in das Blut tauchte; als dieses wohl getränkt war, legte er es forgfältig auf einen Haufen der anliegenden Töpferwaare und tippte dann ein anderes Bündel in das Blut. Bin

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fenmark, das also getränkt worden, dient den Chinesen als ein Arznei- l

mittel. Nachdem alle Hinrichtungen vorüber waren, nahm ein junger Bursche, vermuthlich Gehülfe des Henkers, einen Säbel, fetzte einen Fuß auf den Rücken des ersten Körpers, ergriff mit feiner Linken den Kopf (der, wie schon gemeldet, nicht vollständig abgehauen war), und fägte ihn vollends ab. Die übrigen waren unterdefen in Särge aus ungehobelten Brettern gelegt worden. Zuletzt wurde das Thor wieder geöffnet, und wir eilten von einem Schauspiele fort, dem gewiß nur Wenige ohne ganz besondere Gründe ein zweites Mal beiwohnen möchten. Wenige Jahre vorher war ich auf Befehl des Sir John Davis (damals Bevollmächtigten Ihrer Majestät in China), in Begleitung eines Detachements Soldaten, offizieller Zeuge der Hinrichtung von vier Chinesen, wegen Ermordung britischer Unterthanen; und auch die eben beschriebene Execution mit anzusehen bewog mich hauptsächlich ein Pflichtgefühl: ich wollte mich gegen eine solche Schau (die mein Beruf mir öfter zur Pflicht machen kann) abhärten und zugleich das gewöhnliche strafgerichtliche Verfahren der Chinesen genau beobachten. (Journal of the R. Asiatic Society)

Mannigfaltiges.

– Eine verwandelte Stadt. „Seit den fabelhaften Tagen des Kadmus und den faktischen Wundern der Gold-Distrikte Kaliforniens und Australiens“, schreibt Dickens in feinen Household Words, „hat es kein Beispiel fo zauberhaft rascher Bauten gegeben, als in dem neuverwandelten Paris. In den drei Jahren, während deren fie hauptsächlich stattgefunden, hat man ganze Reihen von engen, krummen Straßen weggeräumt, durch welche fich Ströme ekelhaften Unflaths ergoffen; welche ohne Trottoir waren und wo Fußgänger, Pferde, Wagen und Koth fich in gräueliger Verwirrung mischten; welche bei Tage wegen der Höhe der fich dicht gegenüberstehenden Häuser von der Sonne nicht beschienen und bei Nacht nur fchwach von elenden, quer über der Straße hängenden Lampen erleuchtet wurden; welche vom Keller bis zum Dach vollgestopft waren von zahllosen Bewohnern, die fich durch den gemeinschaftlichen Charakterzug abschreckenden Schmutzes auszeichneten; in welche vorsichtige Leute sich nie nach Sonnen-Untergang hineinwagten und wo Unvorsichtige häufig beraubt und nicht felten durch den coup de clef oder einen anderen Zwangspaß für die Morgue qualifiziert wurden: Nester, mit einem Wort, des Unfriedens, der Krankheit und des Verbrechens. Nicht allein find ganze Reviere dieser Art spurlos verschwunden, fondern auch jeder einzelne Stadttheil hat ein mehr oder weniger verbeffertes Ansehen erhalten. Bei Straßen von mäßiger Breite ist der enge Eingang erweitert, scharfe Winkel find abgestumpft, Häuser, die sich vordrängten, zurückgeschoben und in gleiche Linie mit den übrigen gebracht, bequeme Durchgänge durch Sackgaffen eröffnet und getrennte Viertel verbunden worden. Und doch hat man nicht allein dem Nützlichkeitsprinzip bei diesen Verbefferungen Rechnung getragen. Die Liebe zur Pracht und Großthuerei, welche die Franzosen stets charakterisierte, tritt auch hier im glänzendsten Lichte hervor, namentlich in der Rue de Rivoli und auf dem Boulevard de Sébastopol. Vor Allem aber spricht ein gesunder Sinn, dieser ungewöhnlichste aller Sinne, fich in jeder metamorphofirten Straße, in jedem umgestalteten Hause aus, und ein englischer Architekt oder ein Mitglied der Londoner Bau-Kommission, dem der letzte Rest von Gewifen und Beobachtungsgeist nicht abhanden ge

kommen ist, wird schwerlich ohne ein Gefühl der Beschämung und

Demüthigung durch Paris wandeln können.“

– Deutsche Monatshefte von New-York. Die unter diesem Titel seit drittehalb Jahren in New-York erscheinende, bisher von Kolatschek herausgegebene und mit schönen Stahlstichen ausgestattete, deutsche Zeitschrift ist seit kurzem in den Verlag des Herrn Paul Bernhard, Herausgebers der „Neuen Zeit“, übergegangen. Gleichwie die letztgenannte deutsche Wochen-Zeitung bringt fie ebensowohl in Amerika geschriebene, deutsche Original-Artikel als aus Werken und Zeitschriften der deutschen Heimat abgedruckte Aufsätze. Das Oktober-Heft enthält neben einer Original-Novelle: „Der Heerd im Westen von Oskar Falke, „Lebensbilder aus dem Süden“, von Siemering, so wie Schilderungen und Skizzen von Schleiden, Franz Löher u. A., ferner ein Portrait William H. Sewards, des amerikanischen Staatsmannes (Senators von New-York), der im Gegenfatze zu den neuen Ignorantinern (Knownothings) ein Freund der Deutschen ist, endlich für das Damen-Publikum Stickmuster e.

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England.

Englische Literatur-Briefe.
Zwölfter Monats-Bericht. 1855.

November, der Monat des Nebels, Mordes und Selbstmordes, dessen meteorologischer und moralischer Charakter. – Beispiele der sittlich-sozialen Zustände in England. – Nachtseiten ohne entsprechende lichte in dem spezifischen England. – Der Einfluß des Germanismus auf England und Rußland. – Kritik des deutschen Glaubens an das spezifische England. – Deutschlands Mission für die Weltkultur. – Germanismus der englischen Literatur als Negation gegen das spezifische England. – Das „spezifische“ und das „übrige“ England. – Die englische Literatur selbst größte Gegnerin gegen das „spezifische England“. – Thackeray, Dickens, Carlyle u. . w. – Geschichtliche Berichte über den Krim-Feldzug. – Charakter der Kriegs-Literatur in der Tagespreffe und

deren Wirkung. – Amerikanische Ansicht und Berechnung der Folgen.

London, Anfangs Dezember.

Der Monat des Nebels und xa“ Sozy-Selbstmordes ist endlich vorüber, aber er dauerte viel länger, als selbst ein 31tägiger Monat. So etwas von Wetter muß man sehen, um es zu glauben. Nicht Regen und Schnee und Sturm – das wäre Mal, das wäre orangenblühendes Italien dagegen. In dem deutschen „Schlackenherbstwetter“ liegt Poesie, liegt Leben und Bewegung. Es regnet doch, es schneit wohl auch dazwischen, und der Wind pfeift und praffelt doch hindurch und treibt lustigen Gespensterspuk mit den abgefallenen Blättern. Das ist Wetter, von dem man sogar sprechen kann, in welchem man Etwas fehen, genießen, beobachten kann, ohne gerade ein Dove zu sein. Aber Londoner November? Ja, das ist ein meteorologisches Phänomen! Ich begreife nicht, wo die meisten wirklichen Londoner die Courage hernehmen, einen solchen Monat zu überleben, und fich nicht lieber in einem kontinuierlichen Strome von der London-Brücke in die Themse stürzen. Um sich von dem Londoner November eine annähernde Vorstellung zu machen, muß man sich vier Wochen lang Tag und Nacht unaufhörlich windstill, Sack und Asche über den ganzen Himmel hinweg gespannt und stets feucht und still bis auf den Kopf herunterreichend, dazu aber dicken Rauch und Schmutz, von unten stets in die Höhe strebend, denken, aber zu faul und träge, als daß Sack und Asche von unten nur die geringste Bewegung verriethe. Zwischen dieser doppelt fack- und aschewattierten, bewegungslosen Meteorologie, in der man zuweilen Mittags um zwölf Uhr zwei Lichter brennen und auf der Straße mit Fackeln fahren muß, bewegen fich fets mehrere Millionen Proletarier, mit Sack und Asche angezogen und fo und so viel Tausend Omnibus, Droschken und Lastwagen, in stillen Straßen mit Leierkasten, Puppentheatern, Murmelthieren, Affen, Austern, Aepfeln, Nüffen, Scheeren, Schwefelhölzern, Stahlfedern und Bleistiften und tausenderlei öffentlich ausgeschrieenen Dingen, von denen man aber in der Regel durchaus nichts fehen kann. Man muß fich dies durchaus vier Wochen lang dauernd und festhaltend denken, sonst hilft Ihnen drüben auf dem Kontinente die ganze Vorstellung nichts. Allerdings scheint sich zuweilen der Himmel (Gott im Himmel, das muß man hier auch Himmel nennen!) aufheitern zu wollen, d. h. das tausend Meilen dicke Sacktuch über uns scheint sich zuweilen zur Heiterkeit halb geräucherter Schinkenschwarte aufklären zu wollen; aber kaum scheint es uns, als ob dies möglich erscheinen könnte, wirft man die Arbeit weg, da man nicht mehr fehen kann, und zündet Licht an, um welches sich aber das solide, massive Sacktuch der Luft sofort wie leises Morgengrauen oder letzter Schimmer des Abendroths dick herum legt.

Man kann sich daher gewiß denken, was während dieses gänzlichen Mangels an Himmel und Erde, Luft und Licht die englische berühmte „fireside”, das „cheerful fire” im offenen Kamine, das große glühende Auge von Steinkohlen in jedem Zimmer werth ist, warum der Engländer immer gern der Welt nach allen Seiten den Rücken kehrt und für nichts Sinn und Auge hat, als für dieses Feuer, vor dem er stundenlang filzen kann, ohne ein Wort zu sagen. Es ist die einzige wirksame Medizin gegen Spleen und Selbstmord bei dem, der nicht jede Mußestunde dazu benutzt, fich zu betrinken. Manche ge

brauchen auch beide Mittel, z. B. mein eigener Hauswirth nebst feiner befferen Hälfte. Sie fitzen jede Nacht von neun bis ein Uhr mit ihrem Kakadu vor einem glühenden Kaminfeuer, trinken fortwährend Brandy mit heißem Waffer und fchweigen fortwährend dazu. Selbst der Kakadu, fonst fehr redselig, verfällt jedesmal in dieselbe fille Andacht. Immer hilft freilich die Medizin auch nicht, selbst nicht in der angedeuteten Verdoppelung, so daß die Zeitungen während des Novembers oft die Politik einschränken müffen, um nur die „intereffantesten“ Morde und Selbstmorde unterzubringen, z. B. wie ein alter, respektabler Beamter der englischen Hauptbank mehrmals von Fälfchungen und Unterschlagungen träumte und plötzlich nach einem folchen Traume in die Küche hinunterlief, fich mit einem Meffer den Bauch aufschnitt und dann mit den Seinigen noch „ganz vernünftig“ sprach, bis er todt war; wie ein deutscher Tabackshändler mitten in der City sich mit Gewalt endlich doch aufhing, nachdem man ihm öfter abgerathen (Engländer hängen sich nie felbst); wie ein Engländer, aus der Themse gezogen, sich doch noch einmal ersäufte; wie – doch ich will die Nachtseiten (d. h. im November in London die Tages-) des Lebens nicht weiter spezifizieren, und deshalb von den regulären Mordthaten, die alle Tage in den Zeitungen stehen, wie der Börsen-Cours, gar nicht sprechen. Es wird in England eben immer viel gemordet, befonders aber im November. Manchmal kömmt der Mörder, oder Selbstmörder, oder Gemordete auch mit einem blauen Auge (das in England aber immer schwarz aussieht: „black-eye”), oder mit einigen zerbrochenen Rippen, oder, noch glücklicher, mit einer tüchtigen Tracht Prügel davon. Unter den letzteren Glücklichen machte. Einer noch fein besonderes Glück mit der Tracht Prügel. Er hatte einer schönen, jungen Dame die Ehe versprochen, welche aber kurz darauf seine Verheiratung mit einer anderen Dame las. Sie grämte sich nicht ab, ersäufte sich auch nicht, klagte auch nicht auf „Bruch des Versprechens“, welches in England durch gute „Blechung“ genietet werden muß, fondern kaufte sich eine derbe, von Kuhhaut geflochtene Karbatsche (cowhide) und karbatschte den ungetreuen jungen Ehemann auf öffentlichem Markte, wo er Kartoffeln und dergleichen verkaufte, fo durch, daß das ganze Gesicht entstellt ward. Dadurch ward der Mann plötzlich so berühmt, daß alle Welt zu ihm frömte und Kartoffeln von ihm kaufte, blos um den merkwürdigen Mann zu sehen, der von einer Dame „gekuhhäutet“ worden war. Auf diese Weise machte er so brillante Gefchäfte, daß er sich von einem Anderen Kartoffeln kaufen mußte, um fie zu seinem Braten effen zu können. Es ist überhaupt ein charakteristischer Zug der großen Maffe am ausgebildetsten in England, daß bei derselben das Verbrechen populär macht, wenn nur irgend eine Eigenthümlichkeit damit verbunden ist. Alice Grey ward in allen Zeitungen biographisiert und selbst abgebildet in einigen. „Viele Gentlemen“ hatten viel Geld spendiert, um sie im Gefängniffe zu fehen. Dabei muß man nicht vergeffen, daß sie furchtbar häßlich und roh ist. Und woher diese Popularität? Sie hatte etwa zwanzigmal unschuldige Personen des Diebstahls angeklagt, von denen die Richter mehrere verurtheilten. Gewöhnlich wollte sie, fremd und allein auf Eisenbahnhöfen angekommen, um ihre Börse mit all ihrem Vermögen gekommen sein, was sie fo rührend darzustellen wußte, daß die Gerichtshöfe und Zuhörer allemal mehrere Pfund für fiel fammelten. Außerdem war sie, endlich entlarvt, furchtbar grob und bediente sich der gemeinsten Schimpfreden. Das ist das ganze Fundament ihrer Popularität in der großen und gebildeten Maffe, in den Zeitungen, in der Tagesliteratur! Auch die frommen Herren Paul, Strahan und Bates wurden photographiert und in den Bilder-Zeitungen persönlich abgedruckt, ehe sie jeder zu vierzehn Jahren Transportation verurtheilt worden waren. Ein neuer Held in diesem Fache ist der hochkirchliche Geistliche, Dr. Vaughan, in einem fashionablen Stadttheile Londons, der feine Todten sehr oft doppelt begrub (?), wenigstens immer dann, wenn doppelte Bezahlung irgendwie zu erlangen war, um fein aus achtzigtausend Pfund bestehendes Privatvermögen zu verbeffern. Auch Lieutenant Austin, Direktor des Gefängniffes von Birmingham, führte doppelte Buchhaltung, wurde aber nur deshalb, weil er einen Knaben durch Tortur direkt hatte todtmachen laffen, zu einigen Monaten Gefängniß verurtheilt. Das Gesetz hatte für ihn Transportation auf Lebenszeit; man nahm jedoch Rücksicht auf feine fonstige „Respektabilität“. In Indien, wo mehrere Hundert Fälle von faktischer grausamster Tortur (z. B. eine Art Daumenschrauben an weibliche Brüste angebracht) englischer Steuer-Einnehmer amtlich ermittelt in einem Kommissionsberichte“) vorliegen, wäre er ganz straflos davongekommen. Eine Witwe, die wegen entrüsteter Abweisung indecenter Anträge vom Steuer-Einnehmer und defen Polizeidiener an beiden Brüsten mit dem Tortur-Knebel („Killis“) gemartert und an den auf dem Rücken zusammengebundenen Händen in ihrer Hütte auf gehangen worden war, bis sie ohnmächtig und bewußtlos geworden, klagte bei der englischen Behörde, mit ärztlichen Zeugniffen versehen. Sie wurde abgewiesen, weil sie eine „respektable, amtliche Person“ verklagte. (Dies ist ein Schlüffel zu den jetzigen mörderlichen Revolutionen im englischen Indien.) Im Mutterlande der Kolonieen bestraft man doch wenigstens noch die Verbrechen, wenn sie zu Tage kommen und wenn ein gehöriger Ankläger auftritt, z. B. den 60jährigen hohen Richter in Edinburg, einen der höchsten der hochkirchlichen Elite dieser Stadt, bei dem ein Deutscher, durch hohe Empfehlungen eingeführt, Zutritt hatte, bis er einmal erzählte, daß er Strauß' „Leben Jesu gelesen. Seit der Zeit ward er von keiner der Familien, die mit dem hohen Richter umgingen, wieder eingeladen. Derselbe hohe Richter wurde neuerdings wegen in großer Menge nachgewiesener Fälle von unzucht gegen unreife Kinder zur Transportation verurtheilt. unlängst wird eine der vielen Tausenden obdachloser Weiber und Mädchen in London auf der Straße von Wehen überrascht. Eine mitleidige Seele miethet ihr in einem schmutzigen „Court“ elende vier Wände. So wie die Hauseigenthümerin bemerkt, daß sie ein Kind geboren, wickelt sie letzteres in ein Stück Zeug ein und nöthigt und stößt die Mutter desselben zum Hause hinaus mit verschiedenen Drohungen, um beide Geschöpfe auf die kalten Steine der Straße zu placiren. Ein mitleidiger Policeman holt ihr etwas „Brandy and water“ und bringt die Sache vor den Magistrat. Die Mutter des gestorbenen Kindes, hier gefragt, warum sie sich nicht an ein Arbeitshaus gewandt habe, antwortet, daß sie dies gethan, aber mit Gewalt hinausgestoßen worden sei, wie die Untersuchung auch bestätigt. – Vor einiger Zeit findet ein Mann in der Nacht ein sterbenskrankes Weib auf der Straße. Sie bittet ihn, ihr nach Hause zu verhelfen, und führt ihn in eine abgelegene Höhle der Armuth. Hier wird er plötzlich von den Helfershelfern der „Sterbenskranken“ ausgeplündert und gemißhandelt davongejagt. Fälle ähnlicher Art, aber mit einem romantischeren Schein, find sogar eine sehr übliche Praxis. Eine halbverschämte, halbwillige, ziemlich fein angezogene Dame findet endlich einen Gimpel, der ihr in einen stillen, dunkeln Theil einer Straße (allemal sehr nahe) folgt, weil sie lispelnd sagt, daß sie sich nicht der Gefahr aussetzen wolle, von ihrem Manne oder einem ihrer Dienstboten (fie zeigt dabei auf ein brillantes Haus) gesehen zu werden. Kaum hat der Gimpel einige zärtliche Worte mit der Dame in der abgeschiedenen Dämmerung gewechselt, springt ein Mann hervor. „Herr, was haben Sie hier mit meiner Frau zu thun? Und Dich, Frau, schlag ich todt!“ – Sie klammert sich ängstlich an den zärtlichen Unbekannten: „Sir, beschützen Sie mich, verlaffen Sie mich nichtu – Er, verdutzt und dummer, als je zuvor, weiß natürlich nicht gleich, was er, von der Schönen umklammert, thun foll. Ueberraschung und böses Gewifen machen ihn ganz unfähig, zu sehen, was zu thun sei oder was gerade jetzt mit ihm vorgenommen werde. Er fände vielleicht noch länger unschlüssig, wenn die Dame nicht plötzlich davonliefe und der entrüstete Gatte hinterher. Jetzt nimmt sich der Zurückgebliebene Zeit, wieder an seine Füße, an feine Person, an fein Ich und Eigenthum, also auch an seine Börse zu denken. Erst begreift er gar nicht, wie fiel aus feiner Tasche gekommen fein kann, bis er endlich auf den schwarzen Gedanken kömmt, fie fei vielleicht in Gedanken mit der Dame davongelaufen. Die Erfahrung hat bestätigt, daß die Geldbörsen in diesem Falle immer die merkwürdige Eigenfchaft besitzen, mit der Dame davonzulaufen. (Fortsetzung folgt.)

Nord- Wlmerika.

Die Begründung des nordamerikanischen Bundesstaats. Nach Eduard Reimann.*) Herr Cornelius de Witt hat vor kurzem in einer aus den neuesten Quellen geschöpften Biographie Washingtons dem Publikum ein leb*) Report of the Commissioners for the Investigation of Illegal Cases of Torture in the Madras Residency.

*) Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika im Uebergange vom Staatenbunde zum Bundesstaate. Bon Dr. Eduard Reimann, ord. Lehrer an der RealSchule z. heil. Geist in Breslau. Weimar, Hermann Böhlau, 1855.

haftes Bild des Befreiungskrieges und der ersten Schicksale der nordamerikanischen Republik vorgeführt. (Vergl. Revue des deux Mondes, 1. Mai 1855; „Magazin für die Literatur des Auslandes“, 28. und 30. August 1855). In der That muß sich in einer Geschichte desjenigen Mannes, der in dem Freiheitskampfe der Oberfeldherr und in den ersten acht Jahren der Republik ihr Präsident war, ziemlich deutlich die gleichzeitige Geschichte der gesammten Nation darstellen. Indeffen der Pariser Friede erfolgte 1783, und Washingtons Präsidentfchaft beginnt erst 1789. Die Zwischenzeit war keine Mußezeit, und fie steht an historischer Bedeutung keiner anderen nach. Hatte Amerika sich durch Waffengewalt der englischen Herrschaft entzogen, fo befand feine zweite, große Aufgabe darin, sich aus dem Chaos der Revolution zu retten, und durch lebenskräftige Institutionen eine Vereitelung aller bisherigen Erfolge zu verhüten. Die Verfaffung der Vereinigten Staaten war das Werk jener ersten Friedensjahre, und die Verfammlung, welche, durch das Vertrauen aller dreizehn Unionsstaaten berufen, dieses oberste Grundgesetz auszuarbeiten hatte und es nach viermonatlichen, eifrigen und erschöpfenden Erörterungen im September 1787 wirklich zu Stande brachte, steht naturgemäß im Mittelpunkte dieses ganzen Interregnums. Eines der zahlreichen, talentvollen und patriotischen Mitglieder des Konvents von Philadelphia war allerdings auch Washington, ja, er war, als der gefeiertste Mann der Nation, zum Vorsitzenden defelben gewählt worden, und es machte im Lande einen mächtigen moralischen Eindruck, daß fein Name an der Spitze der Unterzeichner der neuen Verfaffung stand. Aber an der Entstehung derselben im Einzelnen hatte er doch nur geringeren Antheil, schon feine Stellung als Präsident brachte es mit sich, daß er in die Debatten der Versammlung fich nicht mischte und an den Ausschußberathungen nur felten Theil nahm. Die innere Geschichte des Konvents von Philadelphia oder, mit anderen Worten, die Geschichte der Begründung des nordamerikanischen Bundesstaats nimmt daher in der Wittichen Biographie Washington’s mit Recht nicht mehr als etwa zwei Bogen ein. Und wie sehr ist fiel dennoch einer eingehenden Darstellung werth? Verdankt der nordamerikanische Freistaat doch diesem Konvent noch bis auf den heutigen Tag feine Organisation, also zum Theil feine Existenz. Wen sollte es nicht intereffiren, im Einzelnen dem Gange der Verhandlungen zu folgen, welche zu einem so großen Resultate führten? Daß „hier zum ersten Male in der Geschichte der Bundesstaat auftritt“, das giebt dem Konvent von Philadelphia feine welthiistorische Bedeutung; daß die Amerikaner die große Aufgabe, an welcher die deutsche Nation vor wenigen Jahren gescheitert ist, am Ende des vorigen Jahrhunderts aufs glücklichste gelöst haben, das macht uns den Gegenstand besonders wichtig und lehrreich. Mit hoher Freude begrüßen wir daher das Reimannsche Werk, welches gerade diese hochwichtigen geschichtlichen Vorgänge, über welche bisher noch kein Buch mehr als eine dürftige Kunde enthielt, zu einem ausschließlichen Thema hat. Das Buch ist ein Produkt fiebenjähriger Studien und befizt alle Vorzüge einer gediegenen wissenschaftlichen Arbeit. Nach einer höchst sorgfältigen, zum Theil mühsamen Herbeischaffung des Materials, ging der Verfaffer mit gleicher Gewissenhaftigkeit an die Verarbeitung des selben, in doppelter Beziehung feinem Gegenstande gewachsen. Er bekundet nämlich erstens in hohem Grade jene Reife des politischen Denkens, die für ein Geschichtswerk dieser Art ganz unerläßlich war. Dann aber verstand er es, den ziemlich unfügsamen Stoff geistig fo zu durchdringen, daß er ihn vollkommen beherrscht und mit Umficht und Klarheit zur Darstellung bringt. Dadurch wird ein Vortrag nicht nur da, wo er thatsächliche Ereigniffe zu veranschaulichen hat, überfichtlich und feffelnd, sondern auch wo er, wie in dem größeren Theile feines Buches, von den politischen Verhandlungen des Konvents ein Bild entwirft, ist die Lektüre deutlich und bequem. Bedenkt man, daß der Konvent in tiefer Abgeschloffenheit von dem übrigen Volke berieth, daß zwischen ihm und der Außenwelt keine jener Wechselwirkungen stattfand, welche font konstituierenden Versammlungen erhöhtes Intereffe verleihen, so muß es dem Verfaffer als kein geringes Verdienst angesehen werden, daß es ihm gelungen ist, diese umfangreichen Verhandlungen „in Geschichte umzusetzen“, ohne den Leser zu ermüden. Er hat den Stoff nach feinen Hauptmaterien, wie Wahl und Rechte der Nationalvertretung, Wahl und Rechte des Bundespräsidenten, vertheilt, und durch diese glückliche Anordnung nicht nur angenehme Ueberfichtlichkeit erzielt, sondern die einzelnen Kapitel des Buches werden dadurch zu umfaffenden Abhandlungen über die wichtigsten Fragen des staatlichen Lebens, und ein Politiker wird darin nicht vergeblich Rath und Belehrung fuchen. In der Einleitung ist fehr paffend von den früheren Unionsverfuchen der englischen Kolonieen die Rede, namentlich von der Vereinigung des Jahres 1643 und von dem Bündniffe von 1754. Beide Male gaben äußere Angriffe dazu den Anstoß. Merkwürdigerweise war die erste Verbindung gegen die Herrschaftsgelüste der Holländer, die zweite gegen die Eingriffe der Franzosen gerichtet und von der englischen Regierung selbst aufs eifrigste ins Werk gesetzt worden. Als es sich später um die Losreißung vom Mutterstaate handelte, da wurden die Rollen gewechselt, und die Union hatte im Kriege gegen England sowohl Frankreich als auch Holland zu Bundesgenoffen. Die Wichtigkeit dieses Entscheidungskampfes knüpfte natürlich auch das Band der Union enger als je zuvor; „der Generalkongreß leitete die KriegsOperationen, schloß Bündniffe und Verträge, fchickte und empfing Gefandte und vertrat überhaupt die Nation dem Auslande gegenüber. Aber nur in der ersten Zeit hatte der Krieg diese Wirkung. Die dreizehn „freien und unabhängigen Staaten“ entäußerten sich keinesweges der Mitwirkung. Der Kongreß empfahl, rieth und beschloß, aber die Ausführung blieb den Staaten überlaffen. Je länger der Kampf dauerte, desto mehr ging die eigentliche Gewalt vom Centrum nach der Peripherie, und die Staatenpolitik überwog hier wie dort. Eiferfüchtig auf einander und auf den Kongreß, der wohl selbst zu kräftigerem Handeln vom Oberbefehlshaber ermahnt werden mußte, fahen die einzelnen Staaten vorsichtig darauf, daß sie keine größeren Lasten übernähmen als ihre Nachbarn; einer wartete ab, was der andere thun würde, und alle handelten mit Widerstreben, bis die höchste Noth gebieterich Gehorsam erzwang.“ Mit einer bewundernswürdigen Ausdauer überwand Washington diese eigenthümlichen Schwierigkeiten, und der Krieg hatte den erwünschtesten Ausgang. Aber jeder denkende Patriot hatte sich in dieser Zeit von der Nothwendigkeit einer Stärkung der Centralgewalt überzeugt. Daher beschäftigten fich einzelne Männer, wie Hamilton, Franklin, und der Kongreß selbst ernstlich mit einer Regeneration des Bundes, und schon 1781 kamen neue BundesArtikel zu Stande. „Der Kongreß führte jedoch auch nach der allseitigen Annahme derselben das frühere fielche Leben fort, ein namenloser Schatten, eine bedeutungslose Versammlung, und Alles litt unter dieser Schwäche der Centralregierung.“ So wurde endlich von verschiedenen Seiten her das Bedürfniß einer gründlichen Reform, der Ruf nach einem außerordentlichen Generalkonvent laut und fand überall, mit Ausnahme Rhode-Islands, des kleinsten und hartnäckigsten Staates der Union, den lebhaftesten Anklang. Der Konvent follte am 2. Mai 1787 in Philadelphia feine Sitzungen beginnen. Von zweiundsechzig Gewählten langten allmählich fünfundfunfzig an, „nicht Neulinge in der Politik, sondern begabte, kenntnißreiche und erprobte Männer, eine Versammlung von Halbgöttern, wie Jefferson einmal in einem Briefe fiel nannte.“ Bald zeigte sich jedoch, daß die Vertreter der Nation, wie diese felbst, in ihren Anfichten und Bestrebungen mannigfach unter einander abwichen. Der Wunsch, ein kräftiges Bundesregiment zu schaffen, erregte die Besorgniß und den Widerspruch. Vieler, die darin eine Gefahr für die junge Freiheit erblickten; fchon dieser Punkt war die Quelle der heftigsten Konflikte. Nicht minder widersetzte man sich jeder Erweiterung der Centralgewalt auf Kosten der Behörden der einzelnen Staaten. Ueberhaupt bot der Partikularismus hier, wie überall unter ähnlichen Verhältniffen, die größten Schwierigkeiten dar. Denn außer dem gemeinfamen Intereffe, das alle Staaten gegen eine Beschränkung ihrer Befugniffe durch die Bundes-Autoritäten vereinigen mußte, fanden sich in den wichtigsten Fragen die speziellen Intereffen der einzelnen Staaten unter einander feindlich gegenüber. Ging man an die Organisation des Handels, an Steuer-, Ein- und Ausfuhrgesetze, an die Erledigung der Sklavenfrage, bald traten sich der Norden und der Süden in geschloffener Phalanx entgegen. Am tiefsten aber griff der Gegenfatz der großen und kleinen Staaten in alle Verhandlungen ein. Das Institut des Senats, in welchen alle Staaten eine gleiche Zahl von Vertretern zu senden haben, war eine Konzession an die kleinen Staaten, die in einer nur nach Köpfen gewählten National-Repräsentation mit ihren Sonderintereffen stets in der Minorität zu bleiben fürchteten. Von gleichem Einfluß war der Widerspruch der kleinen Staaten bei Bildung der Exekutivgewalt, bei den Bestimmungen über direkte oder indirekte Wahl des Präsidenten, über feine Amtsdauer und Wiederwählbarkeit u. a. m. „In dieser Weise zog sich der Widerstreit der Intereffen und der Kampf der großen und kleinen Staaten bis zum Schluffe der Berathung hin.“ Ohne diese Gegensätze wäre das Verfaffungswerk unvergleichlich müheloser und rascher zu Stande gekommen. Und wie es zur künstlerischen Darstellung eines großen Kampfes gehört, daß der Autor den Leser eben so oft in die getrennten Lager der Gegner führe, wie auf den gemeinsamen Kampfplatz – wir erinnern an das Muster eines Homer oder Taffo – fo hätten wir allerdings gewünscht, daß auch der Verfaffer uns in einem besonderen Kapitel ein zusammenhängendes Bild der einzelnen Staaten und ihrer charakteristischen Unterschiede gegeben und uns die großen Faktoren gezeigt hätte, aus denen wir aus den innersten Trieben des amerikanischen Lebens jene geschilderten Kämpfe des Konvents und die Verfaffung der Vereinigten Staaten als Produkt resultierten. Es kann unsere Aufgabe nicht fein, die Debatten des Konvents hier im Einzelnen zu verfolgen. Ihr endliches Ergebniß war die im Großen und Ganzen noch jetzt bestehende Constitution des nordameri

kanischen Freistaats, eine Schöpfung, die sich in mehr als fechzigjähriger Praxis glänzend bewährt hat. Die alte Verfaffung wurde durch fie nicht modifiziert, sondern völlig umgestaltet; an die Stelle des Staatenbundes trat der Bundesstaat. „Der Bund vom Jahre 1781 war ein Verein von dreizehn unabhängigen Staaten. Nun wurde die Einsetzung einer obersten Regierung für eine Nation vorgeschlagen. „Wir, das Volk der Vereinigten Staaten“, lautet der Eingang, „beschließen und errichten hiermit diese Verfaffung für die Vereinigten Staaten von Amerika.“ Die Centralgewalt wurde von der Mitwirkung der Staaten befreit und mit den Mitteln ausgerüstet, ihren Gesetzen Geltung zu verschaffen. Ihre Anordnungen gehen nicht mehr auf Staaten, sondern auf Individuen. Sie erhebt selbst die nöthigen Steuern; die Truppen find nicht mehr die Kontingente der einzelnen Staaten, fiel werden, wie die Verwaltungsbeamten und Richter des Bundes, von diesem besoldet. In den ConföderationsArtikeln von 1781 versprach jeder Staat, sich der Entscheidung der im Kongreß versammelten Vereinigten Staaten in allen Punkten zu unterwerfen, welche rechtmäßig vor dieselben gehören. In der neuen Verfaffung wurde diese selbst nebst den Gesetzen und Verträgen des Bundes für das höchste Landesgesetz erklärt; auch die Repräsentanten und Senatoren, die Verwaltungsbeamten und Richter der Einzelstaaten müffen fchwören, die Verfaffung und die Gesetze des Bundes auf recht zu halten.“ Wenn im Laufe der langen Verhandlungen die Leidenschaftlichkeit der Parteien fich oft zu einer bedenklichen Krisis gesteigert hatte, wenn der greife, weise Franklin fich einmal veranlaßt fand, vorzuschlagen, daß man den Beistand des Himmels erflehen und jeden Morgen die Sitzung mit Gebet beginnen sollte, fo nahm später der Sinn der Versöhnlichkeit im Konvent zu, und Franklin, „die schöne Pflicht des Alters erfüllend“, rieth nicht vergeblich zum Nachgeben. Nur durch diesen Geist der Freundschaft und gegenseitigen Nachgiebigkeit gelangte man endlich zu dem erwünschten Ziele, nur durch diesen Geist allein fand die neue Verfaffung Zustimmung und Annahme in der Union. Wohl machte sich fowohl in der Preffe als auch in den Legislaturen der Einzelstaaten mannigfache Opposition geltend, als das Werk, welches in der Einsamkeit der verschloffenen Gemächer geschaffen worden war, ans helle Licht der Oeffentlichkeit trat, „ein Kind des Glückes, um von den Einen geliebkost, von den Anderen geschlagen zu werden“ (Washington an Lafayette). Aber der gesunde Sinn des Volkes verwarf jede Gegenrede, und ein glückliches Auskunftmittel hob leicht über alle Schwierigkeiten hinweg. Der Konvent hatte, auf den Antrag Madison's, jeden künftigen General-Kongreß der Vereinigten Staaten ermächtigt, Verbefferungen der Verfaffung, die sich als nothwendig herausstellen sollten, vorzunehmen. Die meisten Staaten-Konvente nun nahmen die ihnen vorgelegte Verfaffung einfach an, und was sie verändert oder hinzugesetzt wünschten, formulierten sie als stehende Instruction für ihre künftigen Vertreter bei dem Kongreffe. „Am 13. September 1788 traf der Kongreß die nöthigen Anfalten zur Einführung der Verfaffung, indem er nach den Bestimmungen des Konvents von Philadelphia die Zeit der Wahlen für die Senatoren und Repräsentanten und für den Präsidenten, fo wie Zeit und Ort des Zusammentritts der neuen Bundesversammlung, festsetzte. Die Wahlen gingen vor sich und fielen günstig aus. Amerika begann eine andere Periode feiner staatlichen Entwickelung“ „Der neue Kongreß trat in New-York zusammen, und Langdon aus New-Hampshire verkündigte das Ergebniß der Präsidenten-Wahl: einstimmig hatte das Volk Washington zu dieser hohen Stellung berufen, J. Adams aus Maffachusetts wurde Vice-Präsident. Am 30. April 1789, fünf Tage vor der Eröffnung der französischen National-Versammlung, schwur Washington auf dem Balkone der Bundeshalle vor beiden Häufern des Kongreffes und in Gegenwart einer unübersehbaren Volksmenge, daß er sein Amt treu verwalten und nach Kräften die Verfaffung aufrecht halten, schützen und vertheidigen wolle. Hiermit schließt die verdienstliche und wohlgelungene Arbeit des Herrn Reimann. Zum Schluffe noch ein Wort aus der Vorrede des Verfaffers über die Eigenthümlichkeit feiner Hauptquelle, der „Papers of James Madison, published by H. D. Gilpin" (New-York, 1841), in drei Bänden. „Wir finden in diesem Buche die Verhandlungen des Konventes vom Anfange bis zum Schluß der Sitzungen. Wie Thukydides die Wichtigkeit des peloponnesischen Krieges alsbald erkannte und daher den Stoff für ein unsterbliches Werk frühzeitig zu fammeln anfing; eben so war auch Madison, durchdrungen von der Aufgabe, welche der Konvent zu lösen hatte, von vorn herein darauf bedacht, die Verhandlungen desselben der Nachwelt aufzubewahren. Zu dem Ende wählte er feinen Sitz, dem Präsidenten gegenüber, so daß er Alles, was gesprochen wurde, gut hören konnte, und jedesmal, wenn eine Sitzung beendigt und der Eindruck noch frisch war, arbeitete er nach den gemachten Bemerkungen feinen Bericht aus. Es traf sich fo glücklich, daß ihn kein Unfall und keine Abhaltung zu Versäumniffen zwang, und auf diesem Umstande, fo wie feiner Ausdauer, beruht die Möglich

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