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zu knapp und unbehaglich. Ueberdies ist das englische das einzige Volk, das in seinem Heere den „stolzen rothen Rock“, wie Napier ihn nennt, beibehalten hat. Dieser Rock, der dem Soldaten das Ansehen eines aufgestutzten Affen giebt, foll, wie behauptet wird, durch feinen blendenden Glanz Schrecken unter die Feinde verbreiten. Du lieber Gott, wer jemals einen ziegelfarbigen Trupp englischer Soldaten gesehen hat, wird gestehen, daß ihre Röcke nach einem vierwöchentlichen Gebrauch in uns weit eher die Vorstellung der Schäbigkeit, als des Schreckens hervorrufen, und daß jede andere Farbe bei weitem mehr Schrecken einflößen würde, wenn fiel gegen Staub, Koth und Näffe Stand hielte. Die Dänen und Hannoveraner, die den rothen Rock angezogen hatten, legten ihn bald wieder ab. Der erste Feldzug in Schleswig bewies den Dänen, daß der rothe Rock und die weiße Kreuzkuppel dem Feinde ein todbringendes Ziel bieten. Die neue Uniform-Ordnung brachte den preußischen Waffenrock, den österreichischen Tschako für die Infanterie, den preußischen Helm für die Kavallerie; die Kreuzkuppel, die rothe Farbe und die knappen Hofen find geblieben, und der englische Soldat nimmt sich nach wie vor wunderlich genug unter den anderen europäischen Heeren aus. Eine Verbefferung jedoch, die Alles übertrifft, was in anderen Ländern für eine Vervollkommnung des Heerwesens geschehen ist, kam in der britischen Armee zur Ausführung: die Bewaffnung der Infanterie mit der von Pritchard vervollkommneten Minié-Büchse. Wie die abgelebten Männer an der Spitze des britischen Heeres, Männer, die im Allgemeinen in ihren Vorurtheilen erstarrt find, zu einem fo kühnen Entschluß kommen mochten, ist schwer zu erklären; aber sie thaten es und verdoppelten dadurch die Wirksamkeit ihrer Infanterie. Es ist außer allem Zweifel, daß bei Inkjerman die Minié-Büchse durch die tödtliche Sicherheit und größere Kraft ihres Schuffes den Tag zu Gunften der Engländer entschied. Die Kavallerie besteht aus fchönen, wohlberittenen Männern, und was sie leisten kann, hat sie bei Balaklava gezeigt. Allein im Ganzen ist der Mann für fein Roß zu schwer, und ein thätiger Felddienst von wenigen Monaten bringt daher die britische Reiterei auf Null herab. Davon hat uns die Krim ein frisches Beispiel geliefert. Wenn man das Maß eines schweren Kavalleristen auf fünf Fuß fechs Zoll und eines leichten auf fünf Fuß vier oder zwei Zoll reduzierte, so würde der Fall nicht eintreten, daß die zu beschwerten Pferde zusammenbrechen, bevor sie noch gegen den Feind geführt werden. Auch bei der Artillerie fehen die Engländer mehr auf Größe und Stattlichkeit, als auf eine gedrungene und unterfetzte Statur, die fich für einen tüchtigen Artilleristen so sehr eignet. Ihr Schießmaterial ist vom ersten Range. Ihre Kanonen find die besten in Europa: ihr Pulver ist anerkannt das stärkste in der Welt; Kugeln und Bomben von einer sonst wo unbekannten Glätte. Allein keine Artillerie wird von Offizieren kommandiert, die fo geringe Berufsbildung haben, als die englische. Ihre Kenntniß geht selten über die Elemente der Artillerie-Wiffenschaft hinaus, und im Praktischen ist das Handhaben eines Feldstückes. Alles, was fie, und auch das nur unvollkommen, verstehen. Zwei Eigenschaften zeichnen Soldaten und Offiziere in der britischen Armee aus: ein ungewöhnlich gutes Augenmaß und große Ruhe beim Feuern. Im Ganzen liegt die Wirksamkeit des Heeres durch die theoretische und praktische Unwiffenheit der Offiziere sehr im Argen. Die Prüfung, der fiel jetzt unterworfen werden sollen, ist lächerlich genug: Ein Oberst über die drei ersten Bücher des Euklid examiniert! Allein die englische Armee ist hauptsächlich dazu da, die jüngeren Söhne der Aristokratie und Gentry respektabel unterzubringen, und das Bildungsmaß der Offiziere richtet sich daher nicht nach den Erforderniffen des Dienstes, fondern nach dem Minimum von Wiffen, das gemeinhin bei einem „gentleman" vorausgesetzt wird. Und so ungenügend, wie das theoretische Wiffen, ist das praktische Können. Der britische Offizier glaubt nur eine Pflicht zu haben: am Schlachttage feine Leute fracks gegen den Feind zu führen und ihnen das Beispiel von Bravour zu geben; die Gewandtheit, in der Leitung der Truppen den günstigen Moment zu ergreifen und dem Aehnliches, muß man von ihm nicht erwarten; fich um feine Leute und ihre Bedürfniffe zu kümmern, kömmt ihm nicht in den Sinn. Die Hälfte der Unglücksfälle der Briten in der Krim rührt von der allgemeinen Unfähigkeit der Offiziere her. Da sie indessen größtentheils leidenschaftliche Jäger find, so befizen fiel die instinktartige und rasche Auffaffung der Terrain-Vortheile des Waidmannes. Die Untüchtigkeit der Offiziere erzeugt nirgends größeres Unheil als beim Stabe. Da kein regelmäßig gebildeter Stabkörper existiert, fo bildet jeder General seinen eigenen Stab aus den Offizieren des Regiments, die in jedem Zweige ihres Berufes unwiffend find. Ein folcher Stab ist schlimmer, als keiner. Das Rekognosziren namentlich geschieht stets in der lüderlichsten Weise, wie sich von Männern erwarten läßt, die nicht wissen, was sie zu thun haben. Zeugniß von dieser Unwissenheit gibt die kriegswiffenschaftliche Litera". Nicht ein Werk, das nicht von Fehlern wimmelte, die man

anderswo kaum einem Aspiranten zu einer Lieutenantsstelle nachsehen

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würde. Ein Bericht über Thatsachen wird in einer schlotterigen, un--

geschäftsmäßigen und unfoldatischen Weise gegeben – kurz, man erkennt daraus, daß der Schreiber feiner Sache nicht gewachsen ist. Nur wenige ehrenvolle Ausnahmen find zu merken: Napier's „Halbinfelkrieg“ und Howard Douglas' „das Flottengeschützwesen“ stehen in erster Reihe.

Die Verwaltung in all ihren Zweigen ist im traurigsten Zustande, wie die Erfahrung in der Krim gelehrt hat. Von dem Bestreben, fie durch Centralisation zu verbeffern, läßt sich, fo lange die Civil-Verwaltung und das ganze Regierungsgetriebe daffelbe bleibt, wenig Gukes erwarten,

Bei all diesen Mißgriffen, Irrthümern und zwecklosen Lebensverlusten, die uns im Vergleich mit anderen Heeren unter gleichen Umfänden in Staunen fetzen, schleppt fich das britische Heer dennoch durch einen Feldzug, wenn auch ohne Erfolg, doch ohne Schande; selten erfährt es einen Rückstoß, nie eine völlige Niederlage, davor fchützen es die persönliche Bravour, die Zähigkeit, die Mannszucht und der blinde Gehorsam. So plump, unwiffend und hülflos der britische Soldat fich gebahrt, wenn er auf feine eigenen Quellen angewiesen oder zum Dienst der leichten Truppen aufgerufen wird, so übertrifft ihn Keiner in geordneter Schlacht, wenn er in der Maffe agiert. Seine starke Seite ist die Action in der Linie. Eine englische Schlachtlinie thut, was vor ihr kaum jemals von einer anderen Infanterie gethan worden: Sie nimmt die Kavallerie in ihre Reihen auf, bleibt im Anschlage bis zum letzten Moment und giebt dem Feinde, wenn er fich auf vierzig Schritt genähert hat, die volle Ladung und bei jeder Wiederholung mit vollkommenem Erfolg. Keine Truppe feuert in dem äußerst kritischen Moment mit folcher Kaltblütigkeit. So warfen die Hochländer in Linie die russische Kavallerie bei Balaklava zurück. Die unbeugsame Zähigkeit dieser Infanterie zeigte sich nirgends in größerem Vortheile, als bei Inkjerman, wo die Franzosen unter gleichen Umfänden unfehlbar den Kürzeren gezogen hätten; dagegen hätten fich diefe nimmer in einer folchen Stellung überraschen laffen. Diese Festigkeit und Zähigkeit in Angriff und Vertheidigung haben das britische Heer von mancher wohlverdienten und durch unfähige Offiziere, durch unverständige Verwaltung, durch schwerfällige Bewegungen absichtslos vorbereiteten Niederlage gerettet.“

Frankreich.

Ueber die öffentliche Ernährung, die Cerealien und das Brod.

(Fortsetzung.)

In Frankreich giebt es leider noch fehr viele Anhänger des alten Schlendrians, bei denen jeder gute Rath in den Wind gegeben wird, wenn nicht das Beispiel eines Nachbars, der mit Hülfe der oben angegebenen einfachen Vorkehrungen fich eine beffere Aerndte sichert, sie zur Nachahmung spornt. Hoffen wir, daß die Grundbesitzer, die vermöge ihrer Stellung und Bildung hier den Vortritt zu nehmen berufen find, nicht lange auf fich werden warten laffen.

Die Ereigniffe des gegenwärtigen Jahres veranlaffen uns, hier ein Wort über die Hülfsquellen zu fagen, welche der Cerealienbau der Consumtion verheißt. Die Hoffnung, die eine von mildem Regenwetter begünstigte rasche Entwickelung der Saaten erweckt hatte, haben fich leider beim Ausdrusch nicht verwirklicht. Erst da bewährten fich die trüben Besorgniffe, die durch einige örtliche Beobachtungen hervorgerufen worden. Die hohen, dichtgedrängten Halme mit ihren zahlreichen großen Aehren gaben allerdings, als fiel unter der Sense fielen, die erwartete Menge Garben; allein der Körner-Ertrag nach dem Dreschen bot nur die Hälfte, höchstens zwei Drittel einer gewöhnlichen Aerndte. Die Beschädigung der Halme und Blüthen-Organe durch Insekten oder Kryptogamen hatte das Korn auf die eine oder andere Weise verletzt, daher der bedeutende Ausfall beim Dreschen. Man hatte volle Garben und leere Scheunen. Kein Wunder, daß die Getraidepreise gestiegen sind und noch immer steigen werden. Sehen wir nun zu, von wo dem Bedarf die Hülfe kommen kann.

In Frankreich wird der Ausfall durch die Kartoffel-Aerndte gedeckt werden. Wohl waren den Hoffnungen, welche die Landleute auf die treffliche Vegetation dieser Frucht gegründet, neue Besorgniffe gefolgt; glücklicherweise haben fich diese nicht bewährt. Die Thatsache, die diese entgegengesetzten Strömungen der öffentlichen Meinung hervorgerufen hat, ist in der Krankheitsgeschichte dieser Pflanze bemerkenswerth. Die Wachsthumsperiode derselben verlief unter den günfigsten Witterungsverhältniffen und schien ihr Schutz gegen Krankheits-Anfälle zu verbürgen. Da plötzlich kündigten die welken, anfangs gelblichen, später braunen Stengel und Blätter den Einbruch der gefürchteten Geißel an. Schon hatte sich durch die landwirthschaftlichen Vereine, wie durch die Lokalblätter die betrübende Kunde nach allen Richtungen verbreitet: als man glücklicherweise darauf kam, die Knollen zu untersuchen, die fich dann als gesund zeigten. Die Aerndte

- gefunder Kartoffeln wird also im Allgemeinen reichlicher ausfallen, als

man gehofft hatte. Zu dieser Hülfsquelle kommen noch der eben so reichliche Ertrag der Hülsenfrüchte: Bohnen, Erbsen u. f.w, und der verfügbare Ueberschuß der Cerealien-Aerndte in Algerien. Indeffen würde das alles nicht ausreichen, den Ausfall von fechs bis fieben Millionen Hektoliters (1154–134 Millionen Berliner Scheffel) zu decken, wenn wir nicht auf den auswärtigen Handel zu zählen hätten. Der Seehandel, von allen Hemmketten befreit, wird, durch die hohen Getraidepreise angefeuert, seine Speculation nach Amerika richten, wo der diesjährige Ueberschuß unseren Ausfall um das Vierfache übersteigt, wo der Mais-Ertrag an die zweihundert Millionen Hektolitres (3850 Millionen Berl. Scheffel) reicht. Aegypten kann ziemlich starke Quantitäten Körner liefern, die, zwar fahrläffig geärmdtet, durch die geschickten Apparate unserer Müller aber gereinigt, auch in der Qualität befriedigen werden. Auch Sicilien, defen Regierung wohl nicht lange zum Nachtheil der Gutsbesitzer das Verbot der Ausfuhr aufrecht halten wird, dürfte mit einem Aerndte-Ueberschuß einen erklecklichen Beitrag an den Handel abgeben. Außerdem haben Spanien und die Türkei konstatierte Aerndte-Ueberschüffe, welche die Lücken in Frankreich und England werden ausfüllen helfen

Wir haben nun das Getraide von der Aussaat bis zur Aerndte verfolgt; eine weitere Reihe von Operationen fordert in gleicher Weise die Intervention der Wiffenschaft.

II. Das Mahlen des Getraides.

Um gewiffe Ursachen der Verschlechterung der Körner, die Bedingungen eines wirksamen Einkalkens, die Hauptergebnisse der verschiedenen Mahlsysteme zu begreifen, ist es nöthig, den Bau der Körner und die eigenthümliche Zusammensetzung jedes einzelnen Theiles derselben zu kennen. Wir nehmen ein Weizenkorn als Beispiel, denn dieses unterscheidet sich von den anderen Cerealfrüchten nur durch den verhältnißmäßig größeren Kleberbestandtheil. Das Korn hat einen äußeren Theil, die sehr biegsame Rinde oder Hülfe – fie giebt die Kleie – und einen inneren Theil, den mehligen, zerreiblichen Kern. Die Geschicklichkeit des Müllers besteht nun darin, die Kleie sehr fein und so breit abzuschälen, daß sie in dem Beutel zurückbleibe, und ein möglichst weißes Mehl zu gewinnen. Nach der Methode des Weißgriesmahlens (mouture à gruaux blancs) – beim weichen oder lieber halbharten Weizen anwendbar – zerreibt man das Korn zwischen den etwas von einander gerückten Mühlsteinen, um dann durch wiederholtes Beuteln und Sieben die Kleie desto beffer auszuscheiden. Der so zubereitete, vom Staubmehl und von aller Kleie befreite Gries wird nun von neuem auf den Mühlstein gebracht und zu jenem fchönen Mehl mit geschmeidigem und fehr dehnbarem Kleber gemahlen, aus welchem die fogenannten Griesbrode mit sehr weißer Krume gebacken werden. In der Weizenfrucht find in verschiedenen Verhältniffen fechs Haupt-Ingredienzien von Nährstoffen, die, außer dem Kleber, fich in den anderen Cerealien wiederfinden: a) Die Stärke, als respiratorischer, wärmezeugender Nährstoff angesehen, eine organische, weiße, faulige, mehlige Substanz, die den größten Theil der Frucht ausmacht. b) Die stickstoffigen Substanzen (Kleberstoff, Faserstoff, Käsestoff, Eiweißstoff), die eine solche Analogie mit den weichen Theilen des thierischen Organismus haben, daß sie in ihrer Zusammensetzung fast identisch mit denselben sind. Diese Stoffe, die fich unferen Organen affimilieren, gelten daher auch für vorzugsweise nahrhaft, und durch das Verhältniß, nach welchem fiel in den Nahrungsmitteln enthalten find, wird der Werth der letzteren bestimmt. c) Das Dextrin, eine auflösliche, etwas schleimige Substanz, von derselben Zusammensetzung und Nahrung wie die Stärke, nur ist sie noch verdaulicher. d) Die Fettsubstanzen, den verschiedenen Pflanzen-Oelen analog; ihre Bestimmung, ist die Athmungs-Organe zu ernähren oder, nach Umständen, die Fettfecretionen zu vermehren, d. h. das Fettwerden zu fördern. e) Der Zellfoff in dünnen Häutchen, der das Gewebe der Pflanzen und vielleicht im zersetzten Zustande zum Theil als respiratorisches Nährmittel die Stärke oder das Dextrin ausmacht. f) Die alkalischen und erdigen Salze, namentlich phosphorfaurer Kalk und phosphorsaure Magnesia, die in ihren Bestandtheilen identisch find mit den phosphorsauren Salzen, die einen Bestandtheil der Knochen bilden und also ihrer Natur nach sich denselben affimilieren; ihre Bestimmung wäre demnach, in dem festen Theile des thierischen Organismus die Verluste zu ersetzen oder die Entwickelung zu befördern. Vergleicht man die Verhältniffe dieser verschiedenen Bestandtheile in den verschiedenen Cerealien, fo ergiebt sich Folgendes: Der Weizen, besonders der harte, ist am reichsten an stickstoffigen Nahrungssubstanzen; Hafer und Mais find am reichsten an Fettsub

flanzen, jener enthält davon ein Zwanzigstel, dieser ein Zwölftel des Gefammtgewichts; der Reis ist am ärmsten an stickstoffigen, fetten und falzigen Substanzen und bietet daher das dürftigste und unvollständigste Nahrungsmittel. Die Kleie enthält vierzig Prozent unverdauliche Substanz, und man folte nun meinen, es könnte darüber gar kein Streit sein, daß die Vorzüglichkeit des Mehls eben in der gänzlichen Befreiung von jenem zur Ernährung untauglichen Stoff bestehe. Dem ist aber nicht fo. Noch zur Stunde giebt es ausgezeichnete Physiologen und Chemiker, die uns zum Gebrauche des Brodes, das noch die gesammte Kleie enthält, zurückführen möchten! Sie gründen ihre Ansicht auf die übrigens wahre Thatsache, daß in der Kleie phosphorsaure und andere Salze, organische, fickstoffige, fettige, stärkemehlige, gummige, die Verdauung befördernde Substanzen vorhanden seien. Auf dieses Argument erwiedern wir: Allerdings enthält die Kleie Substanzen, die das Stärkemehl flüffig und die Verdauung geschickter macht, und wäre der Mensch genöthigt, hauptsächlich und fast ausschließlich vom Brode zu leben, dann müßte es das Gesammtprodukt der Mühle, Kern und Schale, Mehl und Kleie, enthalten. So ist es aber nicht, oder follte nicht fein in einem civilisierten Lande, felbst nicht unter den arbeitenden Klaffen. Hier muß im Gegentheil die Nahrung, wenn sie kräftigend, wohlschmeckend, ja, felbst aus Oekonomie, außer dem Brode und defen Aequivalenten (Kartoffel, Reis, Mais) auch animalische Subfanzen: Fleisch, Fische, Eier, Käse, begreifen. Auf das Brod allein beschränkt, würde ein hartschaffender Arbeiter täglich etwa 4 Pfund verzehren und im Verhältniß zu feiner unvollständigen Nahrung oder einer mühsamen Verdauung einen Theil feiner Kräfte verlieren. Nimmt er aber nur 4 Pfund Fleisch zu Hülfe, fo braucht er nur 2 Pfund Brod, und doch ist feine Kost vollständiger, gesunder und kräftigender, was durch zahlreiche Thatsachen bestätigt wird. Die englischen Unternehmer von Werken, die anstrengende und dringende Arbeiten fordern, machen ihren Arbeitern die gemischte Diät von vegetabiler und animalischer Kost zur Pflicht. Aus noch stärkerem Grunde ist der wohlhabende Theil der Bevölkerung nicht ausschließlich auf das Brod angewiesen. In diesem Falle nun, der mit dem Fortschritt der Industrie allgemein werden muß, wird man unbestritten einräumen, daß es vortheilhaft ist, völlig von aller Kleie gereinigtes Mehl zum Brode zu nehmen. Die Neigung, ja, man könnte fast fagen, der natürliche Trieb, drängt die Bevölkerung in diese Richtung, und es ist kein Grund vorhanden, es zu bedauern; denn die aus der menschlichen Nahrung ausgeschiedene Kleie giebt den grasfreffenden Thieren ein Futter, nach dem fie begierig find, das fiel beffer als wir verdauen und in Milch und Fleisch verwandeln, in eine Kost, die den Verdauungskräften unseres Organismus und unserem Geschmack weit beffer zusagt. Nach diesen Grundsätzen haben die Verpflegungs-Behörden der Armee und der Marine die Kleie in dem Brod für die Truppen und die Schiffsmannschaft allmählich vermindert und endlich ganz verbannt; zugleich beseitigten fiel eine der Haupt-Ursachen zur Entwickelung des ungesunden Verschimmelns der Brode: die Gährung durch Sauerteig (Schluß folgt.)

Vorlesungen des Herrn Philarete Chasles in Berlin,

Bei dem öffentlichen Unterrichte ist es nothwendig, daß Lehrer und Zuhörer an einander gewöhnt sind und fich genau kennen. Dadurch wird vielen Mißverständniffen und ungerechten Urtheilen vorgebeugt dadurch besonders entsteht auch jene Sympathie, die dem Unterrichte fo fehr förderlich, ja, gewissermaßen unentbehrlich ist. Diese Betrachtung wurde uns durch die Vorlesungen eingegeben, die Herr Philarète Chasles über den „Roman im neunzehnten Jahrhundert“ am hiefigen Orte gehalten hat, und wovon die letzte am Sonnabend den 1. Dezember stattfand.

Da der französische Gelehrte seine Zuhörer nicht kannte, fo hat er ihnen, trotz des besten Willens, manche Veranlaffung gegeben, an dem Gebotenen Ausstellungen zu machen. Man fieht es z. B. bei uns nicht gern, wenn der Lehrer zu fubjektiv ist, fich häufig über fich, feine Perfönlichkeit, eine Absichten ausspricht, wie es hier öfter geschah. Auch hat Herr Chasles Manches als bekannt vorausgesetzt und unberührt gelaffen, was die Zuhörer gern erwähnt oder näher erklärt gefehen hätten. Er hat hingegen Mehreres ausgelegt, wie, um nur Eines anzuführen, den Geist und den Einfluß Goethe's, was man genauer kannte, als er, oder wenigstens ganz anders auffaßte und beurtheilte. Andererseits ist das hiesige Publikum an die Methode des höheren Unterrichts in Frankreich nicht gewöhnt. Die französischen Gelehrten haben z. B. oft die Eigenthümlichkeit, einen fpeziellen Gefichtspunkt als Grundlage eines Buches oder einer Vorlesung anzunehmen, um durch denselben Alles erklären zu wollen. Die Grund-Idee des Herrn Philarète Chasles ist nun der Einfluß der englischen und deutschen Literatur auf die französische feit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts und fogar feit

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längerer Zeit Dieser Einfluß aber ist nach ihm eigentlich nur eine Seite einer viel allgemeineren Thatsache, der durch den Fortschritt der Zeit immer innigeren Annäherung und, so zu sagen, der allmählichen Verschmelzung (exceptis excipiendis) der drei Hauptvölker Europas. Diese Idee, deren Werth wir nicht besprechen können, mag fehr intereffant fein; sie reicht aber gewiß nicht hin, den Geist, die Tendenzen, überhaupt den Charakter des modernen „Romans“ zu erklären, und der Vorwurf der Einseitigkeit trifft unvermeidlich den geistreichen Redner. Dieser bei französischen Gelehrten fehr häufig anzutreffende Fehler hat sehr verschiedenartige und tief liegende Ursachen, auf die wir vielleicht später zurückkommen werden. s Derselbe findet sich häufig in Begleitung einer anderen Gewohnheit, welche dem Deutschen eben fo wenig gefallen kann, der nämlich, einen wissenschaftlichen Gegenstand als ein Thema zu allerlei Abschwei

fungen zu gebrauchen, so daß der Lehrer de omnibus rebus et quibus

dam aliis spricht. Diese ganze Art hat nun mehrere Zuhörer des Herrn Chasles irre geführt und bewirkt, daß sie den Vortragenden der Oberflächlichkeit beschuldigten. Doch ist dieser Vorwurf, unserer Ansicht nach, hier durchaus nicht verdient und gerechtfertigt. Einen solchen Gegenstand in sechs Vorlesungen zu behandeln und dabei alle Ausfprüche zu begründen, das war eine Aufgabe, die Niemand zu lösen im Stande gewesen wäre, und die auch Herr Chasles nicht die Absicht haben konnte erschöpfend zu lösen. Sein Zweck war mehr, anzuregen, als wirklich zu belehren, und in der That, das ist in mehreren Disziplinen, wie z. B. in der Literatur, die Aufgabe des akademischen Unterrichts mehr, als das Beibringen positiver Kenntniffe. Diese letzteren werden viel vortheilhafter durch Privat-Lektüre, besonders der Autoren felbst, erworben, und dem Lehrer liegt mehr die Pflicht ob, feinen Zuhörern einen Sporn zu geben und ihnen neue Gesichtspunkte zu eröffnen. Wie hat nun Herr Philarète Chasles diese doppelte Aufgabe gelöst? Wir müffen gestehen, daß hier unser Eindruck auch ein doppelter gewesen ist. Was den zuletzt bezeichneten Punkt betrifft, das Eröffnen neuer Horizonte, fo müffen wir gestehen, daß die Vorlesungen uns unbefriedigt gelaffen haben. Denn Herr Chasles hat mehrere Thesen vorgebracht, die entweder nicht neu oder nicht durchweg begründet waren, wie z. B. die Bemerkung, daß die Männer von Genie gewöhnlich fehr einfach wären; andere Sätze erschienen mehr paradox, als wirklich originell. Ein folcher ist, daß jeder Romanschreiber, der, wie E. Souvestre, C. de Bernard, nicht den sozialen Standpunkt, welchen der Redner als den einzig modernen betrachtet, annimmt, auf allen glänzenden Ruhm verzichten muß. Laffen wir aber für einen Augenblick diese in unseren Augen falsche Ansicht gelten; hätte Herr Chasles nicht hinzufügen sollen, daß der bescheidene Ruhm, den ein Schriftsteller dadurch ärndtet, daß er moralisierende Romane schreibt, ja, daß die Dunkelheit selbst dem geräuschvollen Applaus einer bethörten Menge tausendmal vorzuziehen ist? Und da wir einmal von der moralifirenden Kraft der Romane sprechen, fo müffen wir erklären, daß wir mit allem dem durchaus nicht einverstanden waren, was der Redner von George Sand fagte, dieser genialen Schriftstellerin, die aber so großen Schaden angerichtet hat. Herr Chasles hat in dem ganzen Wirken G. Sand's nur Stoff zu einigen geistreichen Witzen gefunden, ihren demoralisierenden Einfluß aber ganz unberührt gelaffen. So ist es auch mit dem, was er von Eugen Sue sagte, und von mehreren ähnlichen Schriftstellern.“) Unser Vorwurf trifft ihn aber um fo mehr, als er unsere moralischen Ansichten vollkommen theilt, wie wir es an mehreren Aeußerungen, fowohl in den Vorlesungen, als in der vertraulichen Unterhaltung, mit Freude wahrgenommen haben. Er hat wirklich Manches vortrefflich gesagt, wie unter Anderem, daß die für die Emancipation ihres Geschlechtes schwärmenden Frauen gegen sich selbst arbeiten; denn die Frau ist nur durch die Familie und in der Familie. Etwas, die Emancipation aber würde die Familie vernichten. Wir müffen bedauern, daß solche Aeußerungen nicht häufiger vorkamen, denn bei jedem Unterrichte ist uns der moralische Standpunkt bei weitem der wichtigste. Wo dieser nicht als Endzweck gilt, da ist sogar die Aufklärung mit folchen Gefahren verbunden, daß wir beinahe die Unwiffenheit vorziehen würden. Die Vorlesungen des Herrn Chasles hätten also viel lehrreicher und wohlthuender fein können, und wären es gewiß gewesen, wenn er einigen Schriftstellern, deren Auslaffung man bedauern muß, als

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Ch. Nodier, A. de Vigny, A. de Muffet, 3. de Maistre, einen Theil der Zeit gewidmet hätte, die er mit gewifen, zwar sehr pikanten, doch etwas langen Erzählungen und Beschreibungen ausgefüllt hat. Man glaube nicht etwa, daß wir diese Episoden tadeln wollen; weit entfernt davon, finden wir, daß dieselben mit der Art des Vortrages den Vorlesungen ihren größten Reiz verliehen haben, und dies ist die zweite, die angenehme Seite des Eindrucks gewesen, den sie auf uns gemacht haben. Herr Philarète Chasles ist in den individuellen, pittoresken, anekdotischen Details unübertrefflich, und er weißfie so geistreich und besonders fo lebendig anzubringen, daß, wie ein junger Mann von vielem Geiste uns sagte, man gleich daraus ein Bild machen könnte. Was den Vortrag betrifft, fo möchte es schwer halten, wie es scheint, einen angenehmeren zu haben. Es ist viel anregender, aus dem Stegreife zu sprechen, wie Herr Chasles und die französischen Profefforen es gewöhnlich thun, als. ein Heft abzulesen. Der Ton felbst und die Sprache waren gleich entfernt von Trivialität und von einem pedantischen Vornehmthun, rein, elegant, natürlich und einer Unterhaltung ähnlich. Die Geschicklichkeit endlich, mit welcher der Redner von einem Gegenstand zum anderen gleichsam hinüberglitt, mit einem Worte, die schwere Kunst der Uebergänge, die Herr Chasles in hohem Grade befizt, verlieh dem Ganzen einen Reiz, der von den Zuhörern geschätzt wurde, wie es der immer zahlreiche Besuch hinlänglich bewies. Wir können also schließlich sagen, daß, wenn auch Manches in diesen Vorlesungen nicht ansprach – ein Faktum, dessen Ursachen oben erklärt worden – wenn diese Stunden eben nicht viel Belehrung boten, fie doch anregend und angenehm waren; und wir wünschten für unseren Theil, daß folche Gelegenheiten öfter vorkämen, unsere geistreichen und beredten Nachbarn näher kennen zu lernen, damit der Rhein, wie Herr Chasles fagte, Deutschland und Frankreich nicht mehr trennte, fondern vielmehr verbände. C. d. l. H.

Mannigfaltiges.

– Klein-Dorrit. Früher noch, als das Original aus London, geht uns aus Leipzig die erste Lieferung einer von Moritz Busch veranstalteten Uebersetzung des neuesten Romanes von Boz-Dickens zu.“) In Folge einer Vereinbarung, die der Verleger der „Leipziger Illustrierten Zeitung“ mit dem Verfaffer getroffen, ist der Erstere in den Stand gesetzt, feine von Dickens autorisierte deutsche Ausgabe gleichzeitig mit dem Londoner Originale erscheinen zu laffen. Gewiß kann es für den Lesetisch einer Dame kaum ein reizenderes WeihnachtsGeschenk geben, als den Subscriptionsschein auf dieses neue Werk des beliebten Novellisten, verbunden mit den ersten Lieferungen von „KleinDorrit.“ Der Anfang ist vielversprechend. Die beiden ersten Kapitel schildern einen heißen Sommertag in Marseille, im Hafen, im Gefängniß und in der Quarantaine, während uns das dritte Kapitel mit einem langen, nichts weniger als heiligen Sonntag Londons bekannt macht. Der unübertreffliche Volksdarsteller hat auch in diesem Romane die Sittenverbefferung seiner Zeit im Auge, und das ist jedenfalls für alle Leser ein Feld, auf dem fie gern verweilen.

– Whewell's Ueberfetzungen aus dem Deutschen. Wir haben neulich einer Ueberfetzung von Auerbach’s „Frau Profefforin“ durch den berühmten englischen Gelehrten Whewell gedacht. Derselbe hat auch Goethes „Hermann und Dorothea“ im Versmaß des Origimals übertragen und fo, wie er fich in einem uns vorliegenden Schreiben ausdrückt, „feine Landsleute mit dem fchönsten Gedichte und der gelungensten Prosa-Erzählung neuerer Zeit bekannt gemacht.“ „Keine von diesen beiden Arbeiten“, fährt er fort, „hat in England viel Beifall gefunden. Wie das englische Publikum zu glauben scheint, daß Kant's Philosophie, obwohl für Deutsche voll mächtiger Wahrheiten, diesen Charakter in einem englischen Gewande verliert, so lebt es auch der Ueberzeugung, daß Goethe's Hexameter, fo poetisch fiel auch in der Ursprache sein mögen, sich im Englischen nicht mit gleichem Erfolge wiedergeben laffen, wie andere Versmaße. Dieses Vorurtheil ist ohne Zweifel ein Resultat der in England gebräuchlichen klaffischen Erziehung, nach welcher der Zögling den Hexameter in einer Weise lesen lernt, die ihm überhaupt allen Rhythmus benimmt.“

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Italien.

Literatur-Berichte aus Italien.

Zur Geschichte des Littorale. – Jahrbücher der Statistik. – Der Magnetismus als Heilmittel. – Architektur in Italien. – Der Philosoph Rosmini. – Kirche und Staat. – Aegyptische Alterthümer in Turin.

Dem Lloyd Austriaco in Triest, defen literarisch-artistische Abtheilung die treffliche Monatsschrift „Letture di Famiglia” herausgiebt, verdanken wir auch die Herausgabe eines für die Geschichte höchst wichtigen Werkes von dem berühmten Alterthumsforscher Dr. Kandler, welches den bescheidenen Titel führt: „Nachweifungen für die geschichtlichen Thatsachen des Littorale“. Obwohl, streng genommen, das Küstenland (Littorale) nur Triest mit Istrien und den umliegenden Landschaften umfaßt, hat doch der gelehrte Verfaffer in diesem Werke in chronologischer Folge alle Begebenheiten aufgezählt, welche die ganze für Deutschland so wichtige Küstenstrecke des Adriatischen Meeres betreffen, welches die Bestrebungen der unter dem Namen Lloyd bekannten Handelsgesellschaft eigentlich zuerst zu einem deutschen Meere gemacht haben. Kandler hatte in feiner archäologisch-geographischen Zeitschrift Istria bereits fehr viel Material zur Geschichte jener Landestheile gesammelt. Jetzt hat er dieselben zu einem Ganzen verbunden und vervollständigt. Im Gebiete der Staats- und Rechtswiffenschaft zeichnen sich durch gediegene Aufsätze die „Jahrbücher der Statistik, Staatswiffenschaft, Gesetzgebung u.fw“ aus, von welcher eben in Mailand von G. Sacchi der fünfte und fechste Band erschienen sind.“) Unter Anderem findet man darin eine Nachricht über die in der Lombardei befindlichen Taubfummen-Anstalten, über den Zustand des Handels in den fardinischen Staaten, über den Zustand der Hypotheken-Gesetzgebung in Frankreich und über die dieserhalb in der Lombardei zu erwartenden Verbefferungen u. f. w. Obwohl viele Geistliche und Laien auch in Italien gegen den Magnetismus eifern, so fehlt es doch nicht an Aerzten, welche denselben anwenden, und an Schriftstellern, welche denselben verbreiten. Von diesen haben wir früher den Profeffor Taddeo dei Confoni erwähnt, welcher nicht als Arzt, sondern als sehr thätiger Naturforscher sich vielfach und mit Glück damit beschäftigt. Ein praktischer Arzt Terzaghi,“) hat den Magnetismus vorzüglich als Heilmittel gegen die Epilepsie angewandt. Wir nennen in der Anmerkung einige der jetzt in Italien erscheinenden, geachteten medizinischen Zeitschriften.“) Bekanntlich find die Italiäner unsere Lehrer in der Baukunst gewefen; sie fahren auch noch fort, darin Großes zu leisten. Der OberIngenieur Ghenga, welcher die Sömmering-Bahn baute, ist ein Italiäner, wie Paleocappa, welcher den größten Tunnel in Europa durch die Apenninen zwischen Genua und Turin führte; als Schriftsteller über den Bau der Eisenbahnen verdient Erwähnung Milefit) und über öffentliche Bauten überhaupt Reibell und Saldi.+) Die italiänische Literatur hat einen großen Verlust durch den Tod des Philosophen Rosmini erlitten. Antonio Rosmini-Serbato war 1797 geboren, Geistlicher, und als solcher stand er auf dem Standpunkte des heiligen Thomas von Aquino. Man macht ihm den Vorwurf, daß er auf jesuitische Weise eine reiche Dame bewogen, ihr

schönes Schloß zu Stresa nebst ihrem Vermögen zu einem geistlichen Seminar herzugeben, dem Rosmini vorstand. Er war bei der Akademie der italiänischen Philosophie, welcher Mamiani vorsteht, in großem Ansehen. Besonders aber find es jetzt die Neapolitaner, welche sich mit Philosophie beschäftigen. Ein solcher, Namens Manzoni, ein gelehrter, junger Mann, hat in den Akten der Akademie feinen Lehrer Rosmini in dialogischer Form trefflich geschildert. Ein anderer junger Neapolitaner, Borghi, ebenfalls Rosmini's Schüler, hat sich durch Ueberfetzungen von Aristoteles und Plato ausgezeichnet. Des gelehrten Neapolitaners Arbarella d'Afflitto, welcher in Turin viel zur Ausbreitung der evangelischen Kirche beiträgt, haben wir bereits erwähnt. Aber es fehlt dort auch nicht an Vertheidigern der katholischen Kirche. Zu diesen gehört der Priester Mangotti, einer der hauptsächlichsten Mitarbeiter der ultra-klerikalen Zeitschrift L'Armonia, welche von dem Marchese Birago geleitet wird, der von Rußland das Heil der Welt erwartet, da ihm die jetzige Civilisation fehr verächtlich vorkömmt. Margotti's Werk“) über die Trennung der Kirche vom Staate in Piemont ist eine Widerlegung des früher erwähnten Werkes des Advokaten Boggio, „die Kirche und der Staat in Piemont“, welcher ganz zu Gunsten der Monarchie ist; so wie überhaupt der Sinn in diesem Lande durchaus monarchisch ist, die Dynastie geachtet und der jetzige König wahrhaft geliebt wird. Er hat den Namen: „Der ehrlichste Mann im Staate“. Mangotti führt aus, daß die Welt drei Revolutionen durchgemacht habe: die Reformation war eine dogmatische, fiel trennte die Vernunft von der römischen Kirche; die zweite war philosophisch, indem sie 1789 die Kirche von dem Glauben trennte; die jetzige ist ökonomisch, indem sie aus materiellen Intereffen gegen die Kirche und den Glauben sich auflehnt und zum Protestantismus führt. Eben hat zu Turin ein bedeutendes antiquarisches Werk die Preffe verlaffen, nämlich der Katalog der ägyptischen Alterthümer in dem königl. Museum zu Turin, von dem Profeffor Orcutti, wovon der erste Theil 1852 herauskam.“) Der Verfaffer zeigt die hohe Bedeutung der ägyptischen Alterthümer überhaupt und würdigt die Verdienste Champollion’s, Rosellinis und Lepfius" um dieselben. Dann erzählt er die Entstehung des Turiner Museums, von Drovetti 1820 angefangen, wobei die Verdienste erwähnt werden, welche fich der berühmte Orientalist Peyron, der Bibliothekar und Archäolog Gazzera, der Graf Prosper Balbo und Ritter San Quintino um diese Sammlung erworben haben. J. F. Neigebaur.

Frankreich.

Ueber die öffentliche Ernährung, die Cerealien und das Brod.

(Schluß) Ill. Das Brod backen.

Um die Aufgabe, gutes Brod zu erhalten und fo auf die Gesundheit der Bevölkerung mittelbar zu wirken, vollständig zu lösen, muß zunächst für die Erhaltung des Getraides und Mehls und dann für die Verbefferung des Knetens und Backens gesorgt werden. Gründliche Studien und zahlreiche Erfahrungen in Frankreich geben die Hauptbedingungen zur Lösung an die Hand.

Zuvörderst muß das Korn vor Infekten und Feuchtigkeit bewahrt werden, und das geschieht am zweckmäßigsten in fogenannten Silos (unterirdischen Behältern), wie in Spanien, Italien und Algerien; in Ländern, wo die Luft feuchter ist, find bewegliche Scheunen, versetzbare Magazine mit Ventilatoren am besten anzuwenden. Je nach den Oertlichkeiten füllt man mit Nutzen das vorher getrocknete Korn in große verschloffene Behälter. Beim Mehl verhütet man in naffen Jahren das Verderben am ficherten durch Austrocknung

*) Annali universali distatistica, economia publica, legislazione, storia, viaggi e commercio, compilati da Giuseppe Sacchi. Vol. V. e VI. Milano, 1855, presso la societa degli editori. *) Cronaca del magnetismo animale dal Dott. Giuseppe Terzagbi. Milano, 1855. ***) Annali universali di medicina, compilati dal Dottore Annibale Omodei. Milano, presso la società degli editori. Gazetta medica Italiana dal Professore B. Panizza. Milano. Giornale Veneto di scienze mediche, dal Dottore Forio. Venezia. Il Veterinario dal Dott. Corvini Lorenzo. Milano. †) A. Milesi, la construzione delle Strade Ferrate. Venezia, 1855. †) Nuovo corso di publiche costruzioni compilato dei Reibell e D. Nicoletti. Venezia, 1855. Giornale dell’ Ingeniere-Architetto ed Agronomo, dal B. Saldi. Milano, 1855.

*) Alcuni considerazioni intorno la separazione dello stato dalla chiesa in Piemonte. Torino, 1855.

*) Catalogo illustrato dei monumenti Egizj del Regio Museo, compilato da Professore Pier Camillo Orcutti. Torino, 1855.

Die Veränderungen, welche die Behandlung des Teiges heischt, interessiert die Bäcker nicht minder, als die Konsumenten: jene werden bei der gewöhnlichen Verfahrungsart übermäßig angestrengt, diesen dürfte die Vorstellung von gewissen Handhabungen, die überdies von ungesunden Einflüffen nicht frei sind, ein Gefühl des Ekels erwecken. Beiden Uebelständen begegnet man durch die Anwendung der mechamischen Backtröge, von welchen zehn verschiedene merkwürdige Modelle auf der Pariser Ausstellung waren, wie sie bereits in den großen Haushaltungen der Armen-Anstalten, in mehr als zweihundert französischen und in zwanzig Pariser Bäckereien eingeführt sind. Mehrere Backöfen, wovon die Erfinder Modelle zur Ausstellung geschickt haben, ersparen den Arbeitern den mühsamen Dienst der alten Backöfen. Das bisherige Verfahren da, wo die neuen Geräthschaften noch nicht eingeführt sind, ist folgendes: Das Einsäuren, Einrühren und Kneten wird mit den Händen bewirkt; das Kneten besonders ist eine abspannende Anstrengung; die Bäckerjungen arbeiten halbnackt, den Unannehmlichkeiten, ja, den Gefahren einer jählings wechselnden Temperatur ausgesetzt. Kaum haben sie einige Minuten mit aller Kraft und mit einem stöhnenden Ruck die Teigmaffe gehoben und gesenkt, fo find sie in Schweiß gebadet, der in den Backtrog rinnt und sich mit dem Teige vermischt. Und das Ekelerregende, vielleicht auch das Gesundheit bedrohende dieses Verfahrens – denn es ist noch gar nicht so ausgemacht, daß der allerdings hohe Grad der Ofenhitze alle giftigen Beimischungen bis in die Krume hinein aufzehrt – kann sehr einfach durch das mechanische Verfahren beseitigt werden, das von Seiten des Bäckers nur eine leichte Ueberwachung anspricht und den Konsumenten den Genuß durch keine widerwärtige Vorstellung vergällt. Man würde die wünschenswerthen Verbeffernngen in der Bäckerei vervollständigen durch den Gebrauch der neuen Oefen, wovon die Ausstellung mehrere Modelle darbot. Sie werden mittelst besonderer Feuereffen geheizt, so daß der Heerd, wo die Brode gesetzt werden, von dem Brennmaterial unberührt bleibt. Man erspart dadurch das fehr mühsame Abfegen des Heerdes zwischen einem Gebäck und dem anderen, wobei unvermeidlich Asche und Kohlen zurückbleiben, die sich an die Bodenkruste des Brodes anhängen. Einen noch wichtigeren Vortheil hat der Backofen mit besonderer Effe, daß die Arbeiter die Glutmaffe, die namentlich das Auge so sehr angreift, nicht auszuscharren brauchen. In England ist das Bäckergewerbe frei, der Brodpreis keiner Taxe unterworfen. Trotz der Konkurrenz der von der Stadt entfernten Bäckereien, halten die Stadtbäcker im Einverständniß auf einen Preis, der ihnen einen größeren Gewinn abwirft, als die der Taxe unterworfenen Bäckereien in Frankreich jemals erzielen können. So wird das Kilogramm Brod (2. Pfund) in Paris mit funfzig, in London mit zweiundsechzig Centimes verkauft. In Frankreich wie in England stößt die Gründung großer Bäckereien auf bis jetzt unübersteigliche Hindernisse. Ein Punkt jedoch steht fest: Eine solche wird nur da mit Vortheil operieren, wo ihr eine zahlreiche Kundschaft von Armenhäusern, Gymnasien, Schulen und anderen öffentlichen Anstalten gesichert ist und ihr gestattet, die mechanische Kraft des Dampfes und verschiedene Verbefferungen anzuwenden, indem sie nur unter dieser Bedingung die Kosten der Einrichtung und Unterhaltung zu tragen vermag. Wie eine Bäckerei aufs beste organisiert sein müßte, haben wir gesehen; untersuchen wir nun, welchen Forderungen sie zu genügen hat. Einerseits sind die wohlhabenden Klaffen, für welche das feine Brod gebacken wird, andererseits ist die Mehrzahl der Bevölkerung, für welche die Fabrication vorzugsweise die Sparsamkeit im Auge haben muß. Man begreift, daß dem Intereffe dieser Mehrzahl der erste Platz gebührt. Zu verschiedenen Zeiten fehen wir angebliche Erfinder auftauchen, welche die Mittel entdeckt haben wollen, das Brod wohlfeiler liefern zu können. Durch Spezial-Kommissionen forgfältig geprüft, liefen diese Erfindungen im Allgemeinen darauf hinaus, Kartoffel, Kleie oder Reis, den letzteren ganz oder gestampft, dem Brodteig beizumischen. Die Ergebnisse der angestellten Versuche laffen fich leicht zusammenfaffen. Die Beimischung der Kartoffel in bedeutendem Verhältniffe, z. B. von funfzehn bis dreißig Prozent, verlangt ein vorgängiges Kochen, Reinigen und ein mühsames Einrühren, was zusammen einen kostspieligen Tagelohn herbeiführt. Das fo gewonnene Brod ist schwärzer, fester, etwas minder nahrhaft, als Brod von reinem Mehl, und doch kömmt es im Kostenpreise eben so hoch zu stehen. Unter allen Umfänden kostet die Kartoffel, in ihrer unveränderten Gestalt gekocht und verzehrt, weit weniger, als in Brod verwandelt. Die Kleie, als Bestandtheil in das Brod aufgenommen, muß in kaltem oder heißem Waffer kräftig ausgewaschen werden; die mittelst wiederholten Preffens ausgezogene, stärkemehlige oder schleimige Flüffigkeit dient statt des Waffers zur Verdünnung des Sauerteigs. Man erhält dadurch ein an Umfang und Gewicht größeres Brod, das aber

diesen trügerischen Zuwachs nur dem Waffer verdankt, das sich in der Krume verhalten hat: es steht an. Weiße und Geschmack tief unter dem Brod von reinem Kornmehl und mag überdies manche der Kleie anhängenden, mehr oder weniger ungesunden Substanzen enthalten. Auch der Kostenpreis bietet keine Ersparniß, man müßte denn den Rückstand der ausgewaschenen Kleie als Viehfutter in Auschlag bringen. Das dritte Mittel giebt scheinbar günstigere Resultate. Kocht man fünf Kilogramme ganzen oder gestoßenen Reis in einer Ouantität Waffer, dessen Gewicht sich zu jenem wie 13 : 1 verhält, und rührt man in diesen Brei fünfundneunzig Kilogramme Mehl zu einem Teig, so gewinnt man 140–142 Kilogramme Brod von schönem Ausfehen, während hundert Kilogramme reines Weizenmehl nur 133–135 Kilogramme Brod geben. Allein es ist leicht einzusehen, daß der ganze Ueberschuß – aus Waffer besteht, ohne reellen, nahrhaften Werth und die Ersparniß bloßer Schein ist. Die Bäckerei in der Avenu de Neuilly, die vor einigen Jahren dieses wafferreiche Produkt mit dem Namen pain hydrofuge (gleichsam wafferscheues Brod) taufte, hat diesen Puff auf eigene Verantwortlichkeit zu vertreten. Sollte denn demnach der Bäcker für die Verminderung der Brodpreise gar nicht mitwirken können? Das wollen wir nun untersuchen. In den Jahren, wo die Unzulänglichkeit der Aerndte zwar mit keiner Hungersnoth bedroht, aber doch den Preis steigert, ist das äußerst selten die Wirkung eines wahren Ausfalls, der auf die Dauer von vierzehn Tagen der Confumtion des Landes gleichkömmt oder fie übertrifft. Jede der im Verlauf dieser Studie erwähnten Verbefferungen einzeln genommen – vorausgesetzt, fie würde in einem Theil Frankreichs allgemein durchgeführt – könnte zur Deckung des Ausfalls ausreichen. Da nun dieser, die einzige Ursache der PreisErhöhung des Mehls, kaum vier Prozent beträgt – nach dem ungefähren Verhältniß von vierzehn zu dreihundertfünfundsechzig Tagen – fo ist klar, daß die Beimischung von nur einem Vierundzwanzigstel Gewicht an anderen nahrstoffigen, verbacklichen Substanzen das Defizit ausfüllen würde; das Sinken der Preise in natürlicher Folge der verfügbar gewordenen Mehl-Quantitäten käme bald der ganzen Bevölkerung zu Gute. Welches sind nun die Cerealien, die in so schwachen Verhältnissen wie 1 : 24 dem Weizenbrode beigemischt werden können, ohne defen Genießbarkeit und Gesundheit zu beeinträchtigen? Amtauglichsten wären: der Reis, der Mais – dieser hat Irland zu der Zeit, wo die unglückselige Bevölkerung von der durch die Kartoffel-Krankheit herbeigeführten Hungersnoth dezimiert worden, die ersprießlichsten Dienste geleistet – die Bohne, die Gerste und der Roggen. Ein fchwacher Beifatz dieser Nahrungsmittel zum Brode würde ohne jeglichen Uebelstand den Preis desselben herabdrücken. Warum aber, frägt man, der Reis nicht in Waffer gekocht, wie in Indien, den Mais nicht als dicker Brei, als potente, wie in Italien, die Bohnen nicht durchgeschlagen als besonderes Gericht zum Theil an der Stelle des Brodes genießen? Weshalb sie erst unter Brodgestalt verzehren? Weil die Bevölkerung in keinem Theile Frankreichs mit diesem Surrogat fich begnügen würde. Ohne eine gewisse Ration Brod, oder was nur Brodgestalt hat, glaubt sie nicht satt werden zu können. Die Bauern in den Landes backen den Maisteig in Näpfen und geben dieser mehr oder weniger festen Maffe den Namen Brod, das sie, wenn es schon verschimmelt und höchst ungesund geworden ist, ohne Anstand genießen. In der Dauphiné wird meistens nur zwei- oder dreimal des Jahres Brod in ungeheuren Laiben gebacken; es wird freilich steinhart, bei feuchtem Wetter wachsen Pilze darauf – schadet nichts: es wird gegessen, und wirkte es auch noch fo nachtheilig auf die Gesundheit, es ist einmal Brod. Bei dieser Vorliebe der französischen Bevölkerung für die Brodform, ohne über den Inhalt sehr skrupulös zu sein, ja, ohne zu beachten, daß ihr andere, an Nährstoff bei weitem reichere Nahrungsmittel oft billiger zu Gebote stehen, bleibt nun kein anderer Ausweg, als auf die angegebene Weise den Ausfall zu decken. Wir kommen nun zu der Fabrication des Luxusbrodes. In Paris, wie in London werden Phantasiebrödchen gebacken, die dem Bäcker einen etwas höheren Gewinn abwerfen und ihn dadurch in den Stand setzen, das gewöhnliche Brod um fo viel billiger abzulaffen. Es giebt Bäcker in London, die sich ihre Brode, von jeglichem Umfang und jeglicher Form, zuweilen von etwas feinerem Mehl, jedes Mal theurer bezahlen laffen, diese führen daher den Namen full price (Vollpreis). Diese Speculation wäre unbegreiflich, wenn man nicht wüßte, daß in diesem Lande der Adel und aus Nachäfferei ein großer Theil der Bürger eine Ehre darin sucht, theurer zu kaufen, als der gemeine Mann. Diesem Publikum der Elite find die ersten Sitzungen, die ersten, bisweilen die zweiten Tage der mit Eintrittsgeld verbundenen, das heißt also fast aller Schaustellungen in England vorbehalten. Die Luxusbrödchen in London laffen sich auf drei Hauptsorten zurückführen: 1) Rolls, von ihrer meist walzenförmigen Gestalt, bald einfach, bald doppelt oder geflochten, von mehr oder weniger Dicke. Dem Gehalte nach unterscheidet sich diese Sorte durchaus nicht von

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