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Frankreich.

Ueber die öffentliche Ernährung, die Cerealien und das Brod.*)

Zu allen Zeiten haben Oekonomisten und Gelehrte den so mannigfaltigen wie schwierigen Fragen, welche die Production und Vertheilung der Nahrungsstoffe betreffen, ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Bald handelte es sich um den Schutz der öffentlichen Gesundheit, bald um das Verproviantieren der Städte, Festungen, Schiffe, das mit den Bedürfniffen der Bevölkerung, der Truppen, der Schiffsmannschaft in Verhältniß zu bringen war. Bis auf eine sehr neue Zeit jedoch wurde man bei dem Versuchen, diese ernsten Aufgaben zu lösen, nur von allgemeinen Thatsachen einer unsicheren Praxis geleitet, und konnte daher auch zahlreichen Irrthümern, selbst gefährlichen Mißgriffen nicht entgehen. Von der ältesten Zeit bis zum Ende des letzten Jahrhunderts fehlte es an den sicheren Grundsätzen, welche die organische Chemie und die Experimental-Physiologie, besonders in ihrer fruchtbaren Vereinigung, an die Hand gaben. Heutzutage sind die aus diesen Wiffenfchaften hergeleiteten Lehren in Bezug auf die öffentliche Gesundheit fo fehr Gemeingut geworden, daß jede Volksschicht, von dem hochbegüterten Lebemann bis zu dem hart schaffenden Arbeiter, sie fich leicht aneignen kann. Und welches Glied der Gesellschaft hat nicht ein Intereffe, die Mittel kennen zu lernen und anzuwenden, die, feiner Stellung angemeffen, ihm jenen mit Recht beneideten Zustand, ohne den kein irdisches Glück denkbar ist: eine mens sana in corpore sano erwerben und erhalten können? Nun aber ist eine Hauptbedingung, dieses Ziel zu erreichen: eine normale und gesunde Kost.

Sind aber die Wiffenschaft und die administrativen Staatsbehörden berechtigt, einzuschreiten, um der Bevölkerung die gefundesten Nahrungsmittel anzugeben? Bei den Franzosen ist die öffentliche Meinung für dieses Einschreiten; nicht also bei den Engländern vor gar noch nicht langer Zeit. Dafür führt der Verfaffer zwei Thatsachen an:

„Gegen das Ende des Jahres 1850, von dem Ackerbau-Ministerium mit einer speziellen Sendung nach England beauftragt, sollte ich hier mehrere Fragen in Bezug auf Nahrungsmittel studieren. Bevor ich an die Prüfung der praktischen Thatsachen ging, die eine der wichtigsten Fragen, das Bäckereiwesen, berühren, und in der Hoffnung, mir die Prüfung leichter zu machen, glaubte ich, zuvörderst die von der Staatsverwaltung eingeführten Regeln und die den Bäckern in Großbritannien auferlegten Pflichten kennen lernen zu müffen. Keiner, sagte man mir, könnte mich darüber beffer belehren, als Lord Granville. Ich wandte mich demnach an ihn, und feine ganze administrative Bibliothek wurde mir mit der liebenswürdigsten Zuvorkommenheit zur Verfügung gestellt. Lord Granville rieth mir ferner, mich mit dem Chef der Polizei in Verbindung zu setzen, der mir über die Maßregeln zur Ausführung der Vorschriften, so wie über die gewonnenen Resultate, Auskunft geben könnte. Nachdem ich mir die Gewißheit verschafft hatte, daß nach englischen Gesetzen das Bäckergewerbe frei, die Beimischung aller nährstofflichen Cerealien und Schotengewächse zu dem Brode erlaubt, der Gebrauch ungesunder Salze und anderer Subflanzen verboten sei, ging ich zu dem Polizei-Chef, der mir noch manche Einzelnheit in dem Geschäftsgange mittheilte. Auf die Frage aber ob es ihm leicht würde, die vorschriftlichen Maßregeln in Ausführung zu bringen, meinte er: „Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß hier, wie bei vielen anderen Anläffen, meine Aufgabe mir keine Schwierigkeiten bietet, denn die Bevölkerung ist nichts weniger als anspruchsvoll. Im Allgemeinen hat sie es nicht gern, daß der Staat sich in ihre Angelegenheiten mische. Die Engländer, sehen Sie, wollen nach ihrer Façon sich unterhalten und langweilen, effen und trinken, sterben und sich begraben laffen, ohne daß sich die Regierung darum kümmere; und wir laffen fie machen. So vereinfachen wir unser Geschäft und thun es ihnen zu. Danke.“

„Noch ein Beispiel: Ein junger und geschickter Chemiker, in den Pariser Laboratorien gebildet, hatte sich seit einigen Jahren in Man

*) Nach Payen in der Revue des deux Mondes. Vgl. Nr. 146 des „Magazin“.

chester niedergelaffen und war anfangs durch öffentliche Vorträge, später durch chemische Arbeiten, angewandt auf Bleichen, Färben und Metallurgie, vortheilhaft bekannt worden. Seine Prozeduren spielen gegenwärtig eine bedeutende Rolle in mehreren großen englischen und französischen Fabriken; Zeugniffe davon geben im Augenblick manche Productionen in der Welt-Ausstellung. Als ich ihn mit dem Zweck meiner Mission bekannt machte und feinen Rath ansprach, theilte er mir zuvorkommend feine zahlreichen Analysen von Mehl- und Brodarten mit, und aus einer genauen Prüfung der gewonnenen Resultate ging hervor, daß ein großer Theil der Mehl-Quantitäten, die 1847 und 1848 über Liverpool eingeführt worden, mehr oder weniger durch Beimischungen von Reis, Mais, Feldbohnen verfälscht waren; daß das Brod in Manchester überdies fast durchgehends Alaun, schlechtes Salz, Waffer in unverhältnißmäßiger Menge enthielt. Die Arbeiten des jungen Profeffors, wodurch er fich wohl den Dank des Manchesterer Publikums verdient hätte, wurden indeß noch im Laufe desselben Jahres unterbrochen. Die Erklärung dieser überraschenden Erscheinung gab er mir selbst mit den Worten: „Ich war eben im vollen Gange, meine mühsamen chemischen Forschungen in Bezug auf die Nahrungsmittel durch mündliche Mittheilungen in die Oeffentlichkeit zu bringen, als eine Deputation von Fabrikanten und Handelsleuten aus Manchester und Liverpool in meinem Laboratorium erschien, und Einer aus ihrer Mitte kam ohne weitere Einleitung zur Sache, indem er mir geradezu erklärte, daß, wenn ich fortfahre, meine kleinlichen Untersuchungen über Mehl, Brod und verschiedene Nahrungsmittel zu veröffentlichen, ich auf ihre Mitwirkung zu einer Belehrung, welche die Bevölkerung beunruhigt und den Handel stört, nicht zu rechnen habe.“ Man begreift leicht, daß der junge Chemiker sofort eine andere Richtung einschlug, deren nützliche Früchte nicht lange auf sich warten ließen."

Dieselbe nationale Stimmung fand der Verfaffer in Glasgow, Belfast, Edinburg, Birmingham, überall in den drei Reichen herrscht eine tiefe Abneigung gegen Alles, was den Gang und die Freiheit des Handels irgend hemmen könnte, auch auf die Gefahr der algemeinen Gesundheit hin. Indeß hat die Stimmung in diesem Bezuge neuerdings eine Modification erfahren, und feit 1851 wetteifert England mit Frankreich auch in diesem wichtigen Punkte der Wohlfahrt. Kapitalisten, Landbauer und Fabrikanten richten ihre Unternehmungen und Arbeiten auf den Wachsthum der Production und die möglichst dauernde Erhaltung der Nahrungsmittel, so wie auf die Vervollkommnung ihrer Zubereitungsweisen.

Wie find nun die verschiedenen Nährstoffe aus allen Naturreichen aufs billigste und in einem der Gesundheit zuträglichen Zustande zu gewinnen? Die Lösung dieser Doppelfrage foll der Gegenstand dieses Aufatzes sein.

I. Die Cerealien und ihr Anbau.

Unter dem Namen Cerealien begreift man die nährende Kornfrucht mehrerer Pflanzen aus der Gräferfamilie: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais und Reis. Einige fügen noch die Moorhirse und die Hirse, so wie den Buchweizen und anderes, hinzu. Hier haben wir es mit den Getraide-Arten zu thun. Man kennt zwar fieben unterfchiedene Weizen-Arten, die noch in zahlreiche Varietäten auslaufen; unter dem ökonomischen Gesichtspunkte können indeß alle Klaffen auf eine einzige zurückgeführt werden, die drei Hauptgruppen in fich faßt: der harte, halbharte, weiche oder weiße Weizen.

Der harte Weizen unterscheidet sich – abgesehen von feinen äußeren Merkmalen und namentlich von feiner festen Konfistenz, die ihn für eine längere Aufbewahrung eignet – durch feine Reichhaltigkeit an Stickstoff und Fett und wird mit Recht als diejenige GetraideArt angesehen, die alle anderen an Nahrungsgehalt übertrifft. Er wirft weit weniger Kleie ab, als der halbharte Weizen, giebt demnach auch mehr Mehl; allein eben wegen seiner derberen Konfistenz ist das Mehl nicht so fein, oder mehr gekörnt und überdies minder weiß,

Der halbharte Weizen, weniger konsistent und fchwieriger auf zubewahren, als der harte, wird noch allgemeiner in Frankreich zur Bereitung der feinen Mehlarten verwendet.

Noch zerreiblicher ist der weiche oder weiße Weizen; er liefert ein schönes Mehl, desto schwieriger läßt sich daraus Gries bereiten. Ohne Mühe kann aus den beiden letzteren Arten der Kleber und die Stärke ausgeschieden werden. Während des Keimens kömmt der Weizen in Regionen, wo die gewöhnliche Temperatur noch fo fehr differiert, z. B. zwischen dreizehn und vierzehn Grad, gleich gut fort; die Fortschritte des Wachsthums aber bis zur Reife find um fo rascher, je stärker die Besonnung und je höher die Temperatur bis zu einem gewissen Grade ist. Folgendes Schema wird das Gesagte verdeutlichen: Durchschnittliche Temp.

Um Paris reift der Weizen in 160 Tagen: 13,4 Grad, bei Cincinnati - - s - 137 - 18–19 - Venezuela - - s - 100 - 22, - Truxillo - - s - 92 - 24

Nach einer chemischen Analyse, die der Verfaffer gemeinschaftlich mit Bouffingault angestellt, giebt der Weizen unter dem Einfluß einer höheren Temperatur mehr Stickstoff, Oelsubstanz und Salz. So enthielt auf hundert Theile: der Weizen von Venezuela 22, Stickst. 2, 1 Oelt. 3,02 Salz, der afrikanische Weizen 19,5 - 2,12 - 2,1 1 Im Allgemeinen find die harten Weizen im Süden am reichsten, die weichen im Norden am ärmsten an Stickstoff, der hier bis auf fechzehn Prozent, ja, zwölf Prozent herabfinkt; er kann aber bei reicher Düngung bis auf funfzig Prozent steigen. Der Weizen kömmt nur in ziemlich festen, lehmig-fandigen, mit einigen Prozenten Kalk vermischten Boden fort. Allerdings läßt fich auch einem fandigen, etwas kalkhaltigen Boden Weizen abgewinmen; ohne reichlichen Regen aber tragen die mageren Aerndten kaum die Kosten des Anbaues. Da, wo man den Weizen nicht mit Nutzen anbauen kann, wird man immer noch eine lohnende Roggen-Aerndte erzielen; die Aerndten gestalten fich überhaupt günstiger, wenn die Schicht der Frucht-Erde tief genug ist zum Anbau der Jätepflanzen und der Kunstwiesen. Beide haben den Vortheil, daß sie das Unkraut nicht aufkommen laffen. Die Aerndten laffen ein sehr nützliches Hülfsmittel an Pflanzendünger zurück; außerdem vermehren das Ausraufen und das tiefe Pflügen die Mächtigkeit des Bodens. So wird die schwache Düngung mehr als aufgewogen, welche die Brache dadurch gewährt, daß der ruhende Boden und die wildwachsenden Pflanzen das Gas und den Stickstoff aus der Luft einfaugen und untergepflügt werden. Auf diese Art werden in manchen Gegenden Frankreichs und Englands ergiebige Aerndten gewonnen. . . . . . . Außer einer verständigen Eintheilung in Schläge steht in erster Reihe als Mittel, gewife Gegenden fruchtbarer und ertragreicher zu machen: die Entwäfferung oder Dränirung des festen oder thonigen Bodens. Darin haben die englischen Landwirthe den fichersten Weg eingeschlagen. Die Dränirung durch Röhren ist die größte ackerbauliche Verbefferung des neunzehnten Jahrhunderts, und über ihre Vortheile herrscht heutzutage kein Zweifel. Durch das Arbeiten des stagnirenden unterirdischen Waffers wird der Luft, die den Wurzeln der Pflanzen unumgänglich nothwendig ist, der Zufluß gestattet, das Keimen wird in größerer Bodentiefe möglich gemacht, und eine der erkältenden Ursachen, die auf die Vegetation störend einwirken, aus dem Wege geräumt. Ueberdies hat die Dränirung, indem sie die andauernde, endemische Fieber erzeugende Feuchtigkeit der Luft beseitigen helft, auch auf die Gesundheit einen wohlthätigen Einfluß. Außer der nothwendigen Vorbereitung des Bodens muß aber auch das Samenkorn, das ihm anzuvertrauen ist, forgfältig ausgewählt werden, und das können wir durch neuerfundene fehr wirksame Mittel. Mit Hülfe des finnreichen Vachoufchen Ausscheiders laffen sich die minder gefunden von den kräftigen Körnern, die man zur Aussaat bestimmt hat, leicht absondern. Doch nicht immer reicht diese Vorsichtsmaßregel aus; denn in dem scheinbar gesunden Korn, namentlich in der Kerbe zwischen den beiden Samenlappen, befinden sich oft die Samenfäubchen von Schmarotzerpilzen. Um die Keimkraft dieser Samen zu zerstören, bediente man sich feit lange pulverisierten ungelöschten Kalks, der unter das angefeuchtete Saatkorn gemischt wird. Man nennt dieses Verfahren: das Einkalken; eine Benennung, die uneigentlich auch von anderen noch ficherer zum Ziele führenden Verfahrungsweifen, wobei andere Substanzen, z. B. eine schwache Dosis Arsenikfäure, kupferiges schwefelsaures Salz u. a., zur Anwendung kommen, gebraucht wird. Die Quantität des Saatkorns steht in geradem Verhältniß zu der Tragekraft des Bodens. Steht das Getraide hoch im Preise und der Arbeitslohn niedrig, so dürfte es vortheilhaft sein, Korn bei Korn in gewiffen. Zwischenräumen zu fäen; man hat dann auf eine im Verhältmiß zur Aussaat reiche Aerndte zu rechnen. Die Saatzeit wechselt natürlich nach Klima, Lage und anderen örtlichen Umständen. Die Wintersaat muß im Allgemeinen früh genug bestellt werden, damit der Keim fich zeitig genug so weit entwickelt,

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um der Strenge des Winters Stand halten zu können. – Das Säen selbst geschieht, namentlich in England und in Nord-Frankreich, mit der Säemaschine nach der Linie; in Gegenden, wo der Boden nicht fruchtbar, nicht durchgearbeitet und pulverisiert genug ist, ist jenes Verfahren nicht anwendbar und das Säen auf den Wurf vorzuziehen. Beim Schneiden des Getraides halten die Engländer treu an den Grundsatz: das Sicherste das Beste (the best is to make things sure). Wenn die Keimhülle noch weich ist, ohne die volle Reife abzuwarten, wird geschnitten, mag das Wetter fein, wie es wolle. Sind die Halme unter der Sense, der Sichel oder der Maschine gefallen, dann beeilen sich Männer, Frauen, Kinder, fie in Gebinde zu fammeln und diese in Reihen neben und über einander fo aufzustellen, daß ihnen der Regen nichts anhaben kann. Diese Methode, die übrigens auch bei den Hülsenfrüchten und beim Lein angewendet wird – beugt dem Nachtheil vor, daß die überreifen Körner bei der geringsten Bewegung leicht ausfallen. Dank diesem Verfahren, bekömmt der Landmann befferes, schwereres, leichter zu bewahrendes Korn, das beim Mahlen weit weniger Abgang giebt. (Fortsetzung folgt.)

Palästina.

Die Fürstin Belgiojoso über die Alterthümer Jerusalems.*)

Die in einem Thalgrunde des Calvarienberges erbaute Kirche des heiligen Grabes erscheint wie eine noch nicht vollendete Kirche des Mittelalters, die gerundeten Linien, die geräumigen Arkaden zeigend, die man an den alten Klöstern in Pavia und Monza bemerkt. An der linken Seite des Eingangs erhebt sich ein halb verfallener Thurm; an der rechten Seite steht mehr im Vordergrunde eine kleine, mit einer Kuppel versehene Kapelle. In die Basilika eingetreten, befindet man fich in einer großen Vorhalle, deren Seitenwand zur Rechten eine Art von Loge enthält, die für den muselmännischen Kadi und feine Beifizer bestimmt ist. Es ist nämlich, um den Konflikten zwischen den drei christlichen Gemeinschaften, die sich in der Kirche begegnen, ein Ende zu machen, auf den Antrag der Christen selbst, ein permanenter muselmännischer Gerichtshof errichtet worden. Ist man einige Schritte weiter vorgetreten, fo befindet man sich in dem Hauptraume der Basilika, d. h. in einer Rotunde, die an den Wänden Kapellen und in ihrer Mitte den Hauptaltar hat. Nahe bei dem Altar führt eine Fallthür in das Heiligthum, in dem fich das Grab Christi befindet. Ein kleiner Quaderstein vor der Eingangsthür ist dem griechifchen Kultus vorbehalten. Unter den Kapellen zog die der habyffinischen Christen zunächst meine Aufmerksamkeit auf fich. Die vor dem Altar ziemlich zahlreich versammelten Habyffinier waren Männer von hohem Wuchs, mit regelmäßigen Gefichtszügen, nur durch ihr wolliges Haar, ihre fchwarze Hautfarbe und ihre etwas dicken Lippen an die afrikanische Raçe erinnernd. Ein Wamms von blauem Zeuge, ein Mantel von derselben Farbe, ein großer Turban und Sandalen bildeten das Kostüm. Den verschiedenen Momenten in der Passionsgeschichte entsprechen eben fo viele Kapellen.

Die Mauern der heiligen Stadt gehören zu den intereffantesten Denkmälern; fiel rühren aus dem Mittelalter her. Das Fundament der Mauern am Thal Josaphat und am Oelberg ist aus ungeheuren, funfzehn bis zwanzig Fuß langen und fieben bis acht Fuß hohen Quadersteinen erbaut; man führt dieses Fundament auf den König Salomo zurück. Gewiß ist es, daß solche Bauten dem europäischen Baufyl fremdfind. Auch gränzen diese Bauwerke an den Platz, auf welchem der von Salomo erbaute Tempel gestanden.

Jerusalem liegt auf einer Anhöhe, die im Norden allmählich ansteigt und füdlich ein enges Thal beherrscht, während im Westen und im Osten der Boden fich bis zum Bett des Kidron, der ganz ausgetrocknet ist, abdacht. Verfolgt man die Mauern außerhalb von Norden nach Westen und von Westen nach Süden, so stößt man zunächst auf eine kleine Anhöhe, welche, zur rechten Hand sich hinziehend, ein Plateau bildet, welches mit der heiligen Stadt ungefähr auf demselben Niveau liegt. Diese Anhöhe ist die Stadt David's, welche von den Armeniern zu ihrem Begräbnißplatz gemacht worden ist, und welche, obwohl sie sonst keine Spur mehr von ihrer früheren Pracht zeigt, um zweier Denkmäler willen von allen Reisenden besucht wird. Das eine dieser Denkmäler ist der Saal, in welchem Christus zum letzten Male mit feinen Jüngern zu Tisch geseffen haben soll. Das zweite ist das kleine Gemach, in welchem er die Nacht nach feiner Gefangennehmung zugebracht haben soll. Das erste ist gegenwärtig die Wohnung eines Derwisch, der es mit der dieser Menschenklaffe eigenen Unreinlichkeit entweiht. Diese Entweihung drückt aber weder Verachtung, noch feindfelige Gesinnungen aus. Die Muselmänner verachten und haffen die

*) Die hier mitgeheilten Schilderungen sind den unter dem Titel: „La wie intime et la vie nomade en Orient" veröffentlichten Reise-Erinnerungen der Fürstin Trivulzio di Belgiojojo entnommen.

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Christen; aber auf Christus und das Christenthum dehnen sie diese

A

Gesinnnngen nicht aus. Es ist sogar wahrscheinlich, daß sie diesen Ort in ehrfurchtsvoller Gesinnung einem Wesen zur Wohnung gegeben, welchem fie, ihrer Religion zufolge, Verehrung fchuldig find. Das zweite der erwähnten Denkmäler, welches die Armenier den Lateinern, die es früher besaßen, entriffen haben, ist gegenwärtig ein kleiner, mit weißem Marmor gepflasterter und mit ziemlich niedrigen Säulenhallen umgebener Hof, auf welchem die Bischöfe der armenischen Gemeinde begraben sind. Eine Kapelle nimmt die südliche Seite des Hofes ein. Dieses Heiligthum ist im Innern sehr fauber und schön gehalten; es ist ganz und gar mit kleinen quadratförmigen Platten von emaillierter Fayence bekleidet; – eine Art von Ausschmückung, die man im Orient ziemlich häufig findet. Eine Thür zur Linken des Altars führt in eine Zelle, die so klein ist, daß man kaum glauben kann, fie fei jemals dazu bestimmt gewesen, einen Menschen aufzunehmen. In diesem Raum foll Christus nach feiner Verhaftung bis zum ersten Verhör eingesperrt gewesen sein. Es erinnert dieser Raum an die Garderobeschränke, die man in den Kapellen schöner Schlöffer findet. Verfolgt man die Mauern von Jerusalem weiter von Westen nach Süden, so entdeckt man bald das Thal Josaphat's, d. h. das Bett des ausgetrockneten Kidron, welches auf der einen Seite von der Anhöhe, auf welcher Jerusalem liegt, auf der anderen Seite vom Oelberge eingeschloffen ist. Ein kleines arabisches Dorf, welches noch den Namen Siloah hat, liegt westlich im Thale, wo daffelbe fich etwas zu erweitern anfängt. Gegenüber diesem Dorfe, am Fuße der Anhöhe, auf der Jerusalem liegt, fließt langsam das Waffer der Quelle von SiIoah, zuerst in einem grob gemauerten Kanal, dann frei die Gärten des Dorfs bewäffernd. Weiter im Thalgrunde, auf der Seite, wo das Dorf liegt, sieht man drei kleine Gebäude von auffallender Form, in denen die Ueberreste Absalon's und zweier von feinen Gefährten enthalten sein sollen. Noch etwas weiter bemerkt man fast am Fuß des Oelbergs eine weiße Mauer, die eine quadratförmige Fläche einschließt, auf welcher mächtige, Jahrhunderte alte Olivenbäume stehen. Diese Fläche wird für den Garten gehalten, in den Jesus Christus sich so gern zurückzog. Ein Mönch verbringt jeden Tag, vom Aufgange der Sonne bis zum Untergange, in diesem Raume, er pflegt darin einige Blumen und empfängt die Reifenden, welche aus Frömmigkeit oder aus Neugierde herbeikommen. Die Bäume find riesig groß, und zahlreiche Sprößlinge umgeben ihre zum Theil bloßgelegten Wurzeln. Eine über das Bett des Kidron gelegte Brücke verbindet die Stadt mit dem Oelberge. Die Brücke und der auf den Berg führende Weg trennen den Garten des Oelbergs von einem großen alterthümlichen Gebäude, in welchem, wie man glaubt, die irdischen Ueberreste der heiligen Jungfrau enthalten find. Die Christen des Orients haben bis auf den heutigen Tag um den Besitz dieses Grabes auf das Leidenschaftlichste gestritten. Das Gebäude ist eine geräumige und schöne Kapelle, zu der man auf einer großen Treppe hinabsteigt; der lateimischen Geistlichkeit ist es nicht gestattet, hier Gottesdienst zu halten. Hinter dieser Kapelle befindet sich die Grotte, in welche fich Jesus Chrifus, als die Soldaten, ihn zu verhaften, kamen, zurückgezogen haben soll. Einige Altäre in dieser Grotte gehören der lateinischen Geistlichkeit Der Oelberg ist nur eine kleine Anhöhe, auf deren Gipfel jetzt eine Moschee steht. Der Stein, auf welchem Jesus gestanden haben soll, als er gen Himmel fuhr, und auf dem auch noch feine Fußspuren zu bemerken sein sollen, wird in der Moschee aufbewahrt und wird nicht blos von den Christen, fondern auch von den Moslemin heilig gehalten. Aus dem Fenster eines nahe bei der Moschee stehenden Belvedere hat man eine fehr befriedigende Aussicht auf die heilige Stadt und den Platz, auf dem der Salomonische Tempel gestanden und jetzt die Moschee Omar's steht. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß in dieser noch Ueberreste von jenem enthalten find. Die Moschee Omar’s gleicht keiner der vielen Moscheen, welche man in Asien fieht. Vor denselben befindet sich gewöhnlich ein von hohen Mauern eingeschloffener, mit Bäumen bepflanzter Hof, in defen Mitte ein Springbrunnen die Luft erfrischt. Die Moschee Omar's dagegen steht auf einem leeren, großen, quadratförmigen Platze, der hier und da noch durch Bruchstücke von Säulenhallen begränzt ist. Die Moscheen find gewöhnlich eine Zusammenhäufung von verschiedenen Gebäuden; bei der Moschee Omar's ist dies nicht der Fall. In der biblischen Schilderung des Salomomischen Tempels findet man den großen leeren Platz, die diesen Platz umgebenden Säulenhallen, kurz, Alles wieder, wodurch die Moschee Omar's fich von allen anderen Moscheen unterscheidet. Die Moslemin halten streng darauf, daß kein Ungläubiger die Moschee Omar's betritt oder sich ihr auch nur nähert. Jerusalem ist nicht blos die Stadt Christi, sondern auch die Stadt der jüdischen Könige und Propheten. Es begegnen uns in Jerusalem auch Denkmäler aus der Geschichte des Alten Testaments: die Grotte Jesaias" und die Gräber der Könige; in der Umgegend der Stadt die Gärten Salomo's, der Jordan und das Todte Meer.

Wenige Schritte von der Stadt entfernt, erhebt sich ein röthlicher Hügel, in welchen ein enger Weg eingehauen ist. Dieser Weg führt zur Grotte Jesaias", einer überall mit Pflanzenwuchs überzogenen Höhle. Vor der Grotte befindet sich ein von den Aesten und Zweigen eines alten Feigenbaumes überschatteter kleiner Garten, der einem Derwisch zum Aufenthaltsorte dient.

Von der Grotte Jesaias" kömmt man bald zu den Gräbern der jüdischen Könige. Auf dem Wege zu diesem Labyrinth von Bosquets und Felfen begegnet man einer alten Mauer, die eine Art von Hof einschließt. Das Basrelief auf dem in diesen Hof führenden Thor, eine Guirlande von Weinranken darstellend, kann wohl nicht auf die Zeit der jüdischen Könige und auf die jüdische Nation zurückgeführt werden. Die unterirdischen Räume auf dem Hofe find leer; früher waren sie durch massive feinerne Thüren von einander abgesondert. Diese Thüren liegen jetzt auf dem Boden. Der Eindruck, den die leeren Grabgewölbe machen, ist ein solcher, daß man froh ist, wenn man fie wieder hinter sich hat. Wir gehen weiter, durch Bethlehem, ein hübsches fast ganz aus weißem Stein gebautes Dorf, zu den Gärten Salomo's. Der Eindruck, den die mit diesem Namen bezeichnete herrliche Stätte hervorbringt, ist um fo mächtiger, da man, um zu ihr zu gelangen, einen ermüdenden Weg durch eine der dürrsten Gegenden Judäa's machen muß. Reichere Teppiche von duftenden Blumen, melodischeren Gesang von Vögeln kann man sich nicht vorstellen.

Für die Exkursion zum Jordan und zum Todten Meere ist es rathfam, fich eine gute Eskorte mitzunehmen. Von Jerusalem bis zum Kloster St. Saba ist die Entfernung nicht bedeutend, aber in den wenigen Stunden hat man viel auszuhalten. Der Weg zieht sich zwischen Felsen hin, bei deren blendender Weiße und vollkommener Trockenheit man die Wärme und das Licht der Sonne doppelt unangenehm zu fühlen bekömmt. Wir vergaßen einen Augenblick unsere Leiden, als wir den Blick in eine enge Schlucht mit riesigen Felsblöcken gewannen. Diese Schlucht war das Bett des ausgetrockneten Hebronstromes. Der eine der die Schlucht bildenden Berge zeigt unzählige Grotten; in diesen, sagte man uns, hätten St. Saba und feine Schüler gelebt; der andere auf dem linken Ufer des ausgetrockneten Stromes liegende Berg ist mit verschiedenen Gebäuden: Häufern, Kirchen, Festungswerken, die von einer Mauer eingeschloffen sind, bedeckt. Diese Gruppe von Gebäuden ist das Kloster des St. Saba, welches der griechischen Kirche gehört und von Mönchen bewohnt wird, die schon öfter ihre reichen Befitzungen gegen die fie angreifenden und belagernden Araber haben vertheidigen müffen. Am zweiten Tage unferer Exkursion fetzten wir uns noch vor Aufgang der Sonne in Bewegung, und wir waren auf dem Gipfel der letzten das Jordanthal bildenden Berge angelangt, als die Sonne aufging. Wir fahen zu unseren Füßen. Alles mit dichten Nebeln bedeckt. Die Nebel stiegen allmählich auf und verwandelten sich in Wolken über unseren Häuptern. Dies war das erfreuliche Vorzeichen eines der im Orient in dieser Jahreszeit fo feltenen Regentage. Das Thal des Jordans lag frei und ausgebreitet vor uns. Zur Rechten verlor es sich in ein fchwarzes Wafferbecken, auf dem noch die Morgennebel lagen. Das war das Todte Meer, defen Wellen über die Ruinen von Sodom hingehen. Zur Linken zog fich, fo weit das Auge reichte, das Thal hin, überall dürr und ohne Vegetation. Aber wo war der Jordan? Auf welchem Wege wälzt er sich ins Todte Meer? Wir bemerkten in weiter Ferne nur einen kaum wahrnehmbaren grünen Streifen. Nachdem wir zwei Stunden im Thale niedergestiegen waren, befanden wir uns an dem Ufer des Todten Meeres. Die Gegend, welche diesen See umgiebt, ist öde und trübe, aber in feinem dunklen Wafferspiegel spiegeln fich die Schönheiten des Himmels. Es ist nicht wahr, was man erzählt, daß kein Fisch im Todten Meere lebt, daß kein Vogel sich ihm nähert, daß kein Pflanzenwuchs ihn umschattet. Wir setzten unseren Weg noch zwei Stunden lang fort, wie auf einer aus mächtigen Felsblöcken gebildeten Treppe, deren Ende wir nicht absehen konnten. Plötzlich bemerkte ich eine Aufregung unter unseren Arabern; sie streckten, unverständliche Töne ausstoßend, ihre Arme nach Süden aus; unsere Pferde wieherten und richteten die Köpfe auf; fie fetzten fich in Galopp, und wir ließen fiel laufen; wir bemerkten noch Nichts von einem Fluffe. Bald aber vernahm ich ein dumpfes Geräusch, wir gingen noch einige Schritte, und wir genoffen eines der ergreifendsten NaturSchauspiele. Der Jordan wälzte vor unseren Augen rauschend feine etwas schlammigen, aber tiefen und reichen Wogen zwischen den von riesigen und über einander geschichteten Bäumen bedeckten Felswänden. Mit Mühe bahnten wir uns den Weg durch das Gehölz und den üppigen Pflanzenwuchs, den Myriaden von fliegenden Infekten mit ihrem Gesumme erfüllten. Der Jordan ist nicht blos ein großer, gefchichtlicher Fluß, er ist auch ein großartiger, herrlicher Fluß; wie durch Zauber wandelt er die ihn umgebende Natur um.

Ostindien.

Eine Probe aus den Biographieen (Taskira's) moderner Schriftsteller Hindostans.*)

„Tana Schah ist der Ehrenbeiname Abulhaffan Schah's des Königs, der des Vergnügens Freund war. Er gehörte zu der Zahl der berühmten Sultane und der Machthaber von hoher Würde in Dekan. Obgleich der Ruf der Vergnügungen und Freuden dieses Lebemannes und der Ruhm feiner Ergötzungen und Luftbarkeiten bekannt sind bis zum Monde und dem Fisch“ (metaphorische Bezeichnungen der WeltEnden, von der Höhe bis zur Tiefe), „fo erscheint es mir dennoch nöthig, Etwas zu fchreiben über die Lebensumstände dieser Zierde des Thrones in dem Palaste der Fröhlichkeit und der Fülle von Seelenlust. „In den Tagen, da Alanguir“ (Welteroberer, Beiname des Mongolenfürsten Aurangzeb), „der in der Unsterblichkeit wohnt, die Adil Schahi und die Niam Schahi stürzte und sich der Soiba (Provinz) Dekan bemächtigte, wurde Abulhaffan Tana Schah nach vielen Verwirrungen zum Gefangenen gemacht. So kehrte sich das launische Glück gegen ihn und zeigte ihm etwas Anderes, als Vergnügungen und Lustbarkeiten. Die Freude der Macht war gestört, und anstatt der Gesellschaft fröhlicher Lebemänner, die ihn fonst umgaben, hatte er jetzt nur einen Kreis der Trauer. Indeß ergab sich Tana in die Härte der Lage, die ihm Alanguir bereitet hatte, ließ ihm jedoch dringende Vorstellungen in Bezug auf den Gebrauch der Hukkah (Pfeife) machen: „Ich liebe sie gar fehr; wenn man mir das Rauchen erlaubt, fo wird das der Ausbund der Gunst für mich sein.“ „Da dieser Radschah (Tana) ein Freund des Vergnügens war und im Rausche des guten Tisches während der acht“) Pahar verfunken blieb, so wich die Hucca keinen Augenblick von seinem Munde; er hatte die Gewohnheit, nachdem er eine Pfeife ausgeraucht, den Pfeifenkopf mit einer Flasche Rosenwaffer abzukühlen; dann feuchtete fein Hukkah-Bardar“ (Diener, dem die Besorgung der Pfeife obliegt) „den Taback aus einer Flasche Weidenwaffer an. Ergeben wie er diefem Genuffe war, schlief er nur wenig in der Nacht und verbrauchte also im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden Hunderte von Flaschen des edelsten Rosenwaffers und der Weidenwaffer-Effenz. Diese Umfände mit all ihren Einzelnheiten blieben dem Alanguir nicht unbekannt. Da bat der Radschah durch eine Gesandtschaft in Demuth, daß man ihm täglich fechzehn Flaschen Rosenwaffer und acht Flaschen Weidenwaffer bewillige. Nach einigen Tagen lief von Seiten der erhabenen Regierung folgende Antwort ein: „O, Gott! die Hukkah weicht nicht von Deinem Munde während der acht Pahar, und durch den Dunst, der fich von dem Orte Deiner Gesellschaft verbreitet, wird die Eifersucht geweckt, und der Rauch des Neides sagt dem trügerischen Himmel, daß unterhalb des Firmaments, welcher der Sterblichen spottet, ein Mensch acht Hukkahs Taback am Tage und eben so viel in der Nacht raucht, und indem er den Giftqualm in Maffen verschluckt, lebt er in einer ärgerlichen Erschlaffung.“ „Mittlerweile sprach Alanguir einige Tage nachher: „Es ist eine große Verschwendung, fechzehn Flaschen Rosenwaffer und acht Flaschen Weidenwaffer täglich auf die Hukkahs zu verbrauchen. Inzwischen, da das Gesetz das Rauchen erlaubt und keine peinliche Vorschrift obwaltet, fo wollen wir ihm aus meinem Palaste täglich acht Flaschen schicken.“ in Tana begnügte sich demnach, fein Herz mit vier gestopften Hukkahs zu laben und nach jeder ausgerauchten Pfeife eine Flasche zur Kühlung zu verwenden. „Als Aurangzeb das erfuhr, zog er, entgegen feinem Versprechen, vier Flaschen ab, und Tana verlangte nun von feinem Hukkah-Bardar nur zwei gestopfte Pfeifen. Als nach einigen Tagen die Ration um noch zwei Flaschen geschmälert wurde, ließ er sich nur Eine Pfeife des Tages und Eine des Nachts reichen. Endlich blieben eines Tages auch die letzten zwei Flaschen aus, und von da an wollte er nicht mehr rauchen. Nach drei Tagen sprach fein Hukkah-Bardar zu ihm: „Dein ergebener Sklave ist durch die Huld der Zuflucht der Welt (feines Herrn) in den Stand gesetzt worden, so viel zu ersparen, daß für Eure Majestät genug da ist, außer den Kosten für die Trinkschale, auch die von zehn Pfeifen täglich für die Dauer mehrerer Jahre zu bestreiten. Er hofft, Eure Majestät werde geruhen, ihm den Befehl zu geben, den Rauchfaal einzurichten, damit das Reis eingepflanzt werde in den Boden der Ehre.“ Tana antwortete: „Seine Majestät (Aurangzeb) bekümmert sich angelegentlichst um die Vorschriften des Gesetzes, *) *) Uebersetzung eines Arti - - - - - - fast se ' ' ' '' ' “: '' **) So viel wie „Tag und Nacht“; denn jener wie diese wird in vier Pahat, geht

). Die strengen Muhammedaner enthalten sich alles Lurus in Kleidern und Speisen.

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obwohl er keinen Anstand genommen, die Moschee (von Mekka) zu durchwühlen und sich des Schatzes zu bemächtigen. Wenn er das erfährt, so wird er verlangen, daß Du ihm das Kapital der Summe, die Du auf meine Hukkah verwendet, in sichere Verwahrung übergebet. – Da legte der Hukkah-Bardar die Hand auf den Kopf und fing an zu weinen. „Seit dem Tage rauchte Tana nicht mehr, so lange er Gefangener blieb und bis er überging aus dieser vergänglichen Wohnung zur Herrlichkeit der ewigen Stätte. – O, Gott! Betrachtet man die Dinge mit dem Auge der Gewißheit, so überzeugt man sich, die Welt sei zumal ein Ort des Mühsals und eine Wohnstätte der Verwarnung. „Ein Vers: Wo find die glücklichen Kosroës und Jamsched? Wo ist Kubad? Wo find Alexander und Darius? Wo ist Kaikáus? Beschaut man mit beiden Augen der Beobachtung diese Männer, die berauscht waren von ihrem Range, so kann man ihr Loos nur bedauern und beklagen. „Da der Verstand, zu regieren, in der Eroberung und dem Befitze der Königreiche, in vollem Besitze der Könige aus erlauchter Abkunft ist, wie vermag dieser Arme (der Verfaffer) aus dem Winkel, den er bewohnt, sich in diese Sachen mischen? Indeffen fagen einige Weisen, daß Aurangzeb, der die Könige von Dekan, trotz ihrer Vorstellungen, so hart behandelt, der die Moschee von Mekka durchwühlt hatte, um daraus den Schatz zu rauben, eine tadelnswerthe Handlung sich auf den Hals geladen habe. Gott weiß, welche Vergeltung dieser Handlung vorbehalten sei. Noch kann man hinzufügen, daß bei Aurangzeb, bevor er Dekan erobert hatte, die Auflagen und Steuern aus dieser Landschaft einliefen, und er wurde Schahin Schah (König der Könige) genannt; und dennoch dünkte ihn die Summe, die er dem Tana abquälte, ungeheuer groß, und es scheint, daß er durch diese Maßregel, die er für eine haushälterische in der Verwaltung hielt, an Würde steigen wollte. „Ein Vers: „Die Könige sind unterrichtet von den Schwierigkeiten der Herrschaft. Du, armer Unglücklicher, aus dem Winkel, wo Du filzest, bilde Dir nicht ein, daß Du etwas Gutes fagst.“ „Kurz, man schreibt dem erhabenen Schah Abulhaffan Tana Schah, dieses matla” (Anfangsvers eines Gedichtes) „zu: „An welche Thür foll ich gehen, mein Leid zu klagen. Wohin werd' ich gehen können? Ich will an mein eigenes Herz mich wenden; es sei für mich mein mihrab” (die Blende in der Moschee, gegen die man sich zum Gebete kehrt). „Wenn meine Freunde nur ein Wort mir jagen, es wird für mich ein kühles Zelt in der Sommerzeit sein.“

Mannigfaltiges.

– Die englische Gesellschaft. Die Geduld des lesenden Publikums würde sicherlich durch den langathmigen Roman von Thackeray, die „Newcomes", erschöpft worden sein, wenn es nicht die leidige Lust an Karikaturen dabei hätte befriedigen können. Es ist unbegreiflich, daß die stolzen Engländer einem Schriftsteller ihre Gunst zuwenden, der sie so gründlich lächerlich macht, der fie nicht nur als übermäßig eitel, hochmüthig und dumm, sondern auch als boshaft und gemein schildert. Einzelne Züge mögen der Wirklichkeit entnommen fein, aber die ganze englische Gesellschaft kann unmöglich eine folche Fratze sein, wie Thackeray und wie mitunter auch im „Magazin“ deffen Londoner Korrespondent fie zeichnet. Der Drang, vornehm zu scheinen, ist nach Thackeray die Triebfeder alles Dichtens und Trachtens in England – in Deutschland und Frankreich macht sich eine ähnliche Tendenz geltend, aber so elende, fo herzlose Mittel zum Zweck hat gewiß vor Thackeray Niemand für möglich gehalten. Die Grobheiten, die er feinen Landsleuten sagt, scheinen diesen völlig zu imponieren; sie laffen sie sich nicht nur ruhig gefallen, sondern schweigen auch zu den unzähligen Fehlern und Langweiligkeiten seines Buches. Es ist ohne Zusammenhang, ohne Spannung, ein konfuses Durcheinander uninteressanter Personen, deren Lebensgeschichte man dennoch ab ovo anhören muß. Es erfordert ein übermenschliches Gedächtniß, um nur die Namen zu unterscheiden und zu behalten, während man liest. Die Erzählung ist fofkizzenhaft, so nachlässig und doch so gränzenlos weitläufig, daß es fast unmöglich ist, ihr zu folgen. Alles das haben die Engländer ohne Murren ertragen; es ist nirgends ein Tadel laut geworden, und unsere deutschen Kritiker, die nicht einmal Zeit haben, die vaterländischen Erzeugniffe durchzulesen, arbeiten fich mühfam durch die vielen Bände des englischen Schriftstellers und loben ihn!

F. v. H.

*) Die englische Kritik äußert sich nicht so über diesen Liebling der Damen-Lesewelt. Wir werden nächstens Gelegenheit haben, ein von dieser Anficht sehr abweichendes Urtheil über Thackeray mitzutheilen. D. R.

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England. Das englische Heer, nach amerikanischer Darstellung.

Aus der Rundschau über die europäischen Heere von einem Amerikaner in Putnam's Monthly, die in unserem Blatte kürzlich mitgetheilt wurde, heben wir noch, als das Intereffe des Tages nahe berührend, den Artikel über das britische Heer heraus: „Das britische Heer bildet den schärfsten Gegensatz zum franzöfischen. Worin das französische stark, ist das englische schwach, und umgekehrt. Wie Alt-England felbst, so ist fein Heer unter üppig wuchernden Mißbräuchen verrottet bis ins Herz hinein. Alles scheint darauf abgesehen, jeder Möglichkeit, zu einem vorgesteckten Ziele zu kommen, vorzubeugen. Durch einen unerklärlichen Zufall taucht unter einem Wust verjährter Erbärmlichkeiten die kühnste Verbefferung auf Und doch, so oft die plumpe, knarrende Maschine ins Werk gesetzt wird, so thut fie hin und wieder ihre Schuldigkeit. Die Organisation des britischen Heeres ist schnell beschrieben: Es besteht aus drei Regimentern Garde-Infanterie, fünfundachtzig Regimentern Linie, dreizehn Regimentern leichte Infanterie, zwei Regimentern Schützen. Während des gegenwärtigen Krieges haben die Garde-Schützen und einige andere Regimenter drei, die übrigen zwei Bataillone; eine Compagnie in jedem bildet das Depot. Die Rekrutierung reicht jedoch knapp aus, die durch den Krieg verursachten Lücken auszufüllen, und von dem zweiten Bataillon kann man kaum fagen, daß es vorhanden sei. Der jetzige Effektivbestand der GesammtInfanterie übersteigt gewiß nicht die Ziffer 120.000 Für die reguläre Truppe bildet die Miliz eine Art Reserve oder Pflanzschule. Sie hatte nach einer Parlaments-Akte 80.000 betragen, zählt aber gegenwärtig nur 60000. Nach dem bestehenden Gesetz kann sie in den Kolonieen freiwillig dienen, aber nicht auf die Schlachtfelder außer Landes geführt werden. Sie ist daher nur zu verwenden, die Garnisonen der Linie in Korfu, Malta, Gibraltar und vielleicht späterhin in noch ferneren Niederlaffungen abzulösen. Die Kavallerie zählt drei Regimenter Garde-Kürassiere, sechs Garde-Dragoner, drei schwere Dragoner, drei leichte Dragoner, Fünf Regimenter Husaren, vier Regimenter Lanziers. Das Regiment auf dem Kriegsfuß soll außer einem Depot aus vier Schwadronen zu 250 Mann bestehen. Einige Regimenter rückten in dieser Stärke aus; allein der Winterfeldzug in der Krim, der kopflose Angriff bei Balaklava, der Mangel an Rekruten brachten sie durchgehends auf den alten Friedensfuß herab. Schwerlich zählen die sechsundzwanzig Regimenter 10.000 Reiter oder durchschnittlich vierhundert Säbel. Die Artillerie besteht aus einem Regiment Fuß-Artillerie (zwölf Bataillone mit sechsundneunzig Batterieen) und einer Brigade reitende Artillerie (sieben Batterieen und eine Raketen-Batterie). Jede Batterie hat fünf Kanonen und eine Haubitze; bei jenen ist das Kaliber drei-, fechs-, neun-, zwölf- und achtzehnpfündig, bei diesen 4, 4, 5, 8 Zoll. Jede Batterie hat überdies zwei Musterkanonen von fast jederartigem Kaliber, schwere und leichte. Im Ganzen aber find die Neunpfünder und die fünftehalbzölligen Haubitzen (Vierundzwanzigpfünder) in der britischen Artillerie neben den sechs- und zwölfpfündigen Raketen allgemein eingeführt. Da das britische Heer auf dem Friedensfuß nur den Stamm für den Kriegsfuß bildet und da es sich nur durch freiwillige Werbung ergänzt, so ist eine wirkliche Stärke in einem gegebenen Momente niemals genau zu bestimmen. Nach einem ungefähren Ueberschlag dürfte das Heer gegenwärtig bestehen aus 120.000 Mann Infanterie, 10.000 Mann Kavallerie, 12.000 Mann Artillerie mit 600 Kanonen (von welchen nicht ein Fünftel bespannt ist). Von diesen 142.000 Mann find etwa 32.000 Mann in der Krim, 50.000 in Indien und den Kolonieen und der Rest von 60.000, wovon die Hälfte noch ungeschulte, die andere Hälfte in der Einübung begriffene Neuangeworbene find, in der Heimat. Dazu kommen noch 60.000 Mann Miliz. Die Penfionierten, die berittene Leibgarde und andere Corps, die zum auswärtigen Dienst nicht herangezogen werden, kommen gar nicht in Anschlag

Berlin, Donnerstag den 13. Dezember

1855.

Das System der freiwilligen Werbung macht es in Kriegeszeiten sehr schwierig, das Heer in feiner vollzähligen Stärke zu erhalten; was die Engländer erst neulich wieder erfahren haben. Wir sehen, daß jetzt, wie unter Wellington, 30–40.000 Mann das Marimum ist, was sie auf einem Kriegsschauplatze konzentrieren können; und da fie jetzt nicht Spanier, fondern Franzosen zu Verbündeten haben, so verliert sich fast die „heroische kleine Truppe“ in dem alliierten Heere. Eine einzige Einrichtung im britischen Heere genügt vollkommen, die Volksschicht, aus welcher der britische Soldat geworben wird, zu charakterisieren: die Strafe des Peitschens. Im französischen, preußischen und verschiedenen anderen Heeren kleinerer Staaten besteht keine körperliche Züchtigung, und selbst in Oesterreich, wo die Angeworbenen meist Halbbarbaren find, bestrebt man sich augenscheinlich, fie abzuschaffen; fo ist das Spießruthenlaufen aus dem Kriegsgesetzbuch gestrichen. In England dagegen wird die „Neunfchwänzige“ – ein Marterwerkzeug, das der russischen Knute um kein Haar breit weicht – in voller Kraft gehandhabt. Seltsam, fo oft im Parlamente eine Reform des Militair-Gesetzbuches besprochen wurde, waren es die alten Haudegen, und keiner eifriger als Wellington, die sich an der Neunschwänzigen fest anklammerten. Ein ungepeitschter Soldat erschien ihnen als ein Ungeheuer, mit welchem nichts anzufangen sei. In ihren Augen waren Tapferkeit, Mannszucht, Unbefiegbarkeit ausschließlich die Tugenden eines Menschen, der die Narben von mindestens funfzig Streichen auf seinem Rücken trägt. Nicht zu vergeffen, die Neunschwänzige ist nicht blos ein Werkzeug, das schmerzliche Wunden schlägt – es zeichnet durch die zurückgelaffenen Narben den Mann fürs Leben; es brandmarkt, ja, selbst bei feinen Kameraden im britischen Heere zu ewiger Schmach. Und dieses Mittel, das nach der Meinung seiner Vertheidiger die Mannszucht aufrecht erhalten soll, richtet sie gerade dadurch zu Grunde, denn sie zerstört das edle Selbstbewußtsein, den point d'honneur in dem Soldaten. Daraus erklären sich zwei Thatsachen: Zuerst die große Zahl englischer Ueberläufer vor Sebastopol. Im Winter, als den britischen Soldaten die übermenschliche Aufgabe zugemuthet wurde, die Laufgräben zu bewachen, bekam die Peitsche, wer nicht 48–60 Stunden ununterbrochen wach bleiben konnte! Männer, die fich in den Laufgräben als Helden erprobten, die, trotz ihrer Führer, den Tag von Inkjerman gewannen, zu peitschen! Aber die Kriegsartikel ließen keine Wahl. Der beste Soldat im Heere, von Anstrengung übermannt, mußte den Rücken herhalten, und entehrt, wie er war, lief er zu den Ruffen. Kann es ein mächtigeres Argument gegen diese Menschenschinderei geben? In keinem früheren Kriege kamen in irgend einem Heere solche maffenhafte Ueberläufer zu den Ruffen vor; sie wußten, daß sie hier schlimmer als zuhause behandelt werden. Dem britischen Heere war es vorbehalten, ein so reiches Kontingent an Ueberläufern abzugeben, und nach der Aussage der Engländer felbst war es die Peitsche, die sie zum Feinde trieb. Die zweite Thatsache ist das Fehlschlagen des Versuchs, eine Fremden-Legion unter den Bedingungen des britischen Militair-Kodex aufzurichten. Die Nicht-Briten find etwas kitzlich auf dem Rücken. Die Aussicht auf die Peitsche überwand das Gelüsten nach dem hohen Handgelde und der guten Besoldung. Bis Ende Juni waren erst tausend Mann eingeschrieben, wo man funfzehntausend Mann brauchte. Und gewiß, sollten es sich die Oberen einfallen laffen, auch bei diesen tausend Taugenichtsen die Katze einzuführen, dürften sie sich auf einen Sturm gefaßt machen, dem fie entweder nachgeben, oder die Legion auflösen müßten. Uniform und Rüstung der britischen Soldaten find ein Muster von dem, was sie nicht sein sollten. Bis zur Stunde ist die Soldatentracht dieselbe, wie sie bis 1815 in allen Heeren im Gebrauch vor; keine Verbefferung wurde zugelaffen. Der alte schwalbenschwänzige Frack, durch garstige Aufschläge verunstaltet, zeichnet noch immer den britischen Soldaten vor jedem anderen aus. Die Hosen sind knapp und unbequem; noch immer herrscht die Kreuzkuppel, welche Bajonettscheide, Tornister und Patronentasche festhält, in fast allen Regimentern vor. Die Reiterei ist paffender und weit feiner gekleidet; aber doch ist Alles

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