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England.

Goethe und Thackeray.

Die Liebe und die Verehrung, welche Deutschland dem größten Dichter der Engländer weiht, wird von England durch eine fast gleiche, dem Heros der deutschen Poesie gezollte Achtung erwiedert. In seiner eigenen Heimat wird Goethe kaum höher geschätzt, als unter dem gebildeten Theile des englischen Publikums, die englischen Uebersetzungen des „Faust“ zählen nach Dutzenden, und „Egmont“, „Götz“, „Iphigenia“, „Taffo“, „Hermann und Dorothea“, „Wilhelm Meister“ find alle in mehrfachen, nicht selten recht gelungenen Versionen verbreitet. Einen neuen Beweis von der Popularität unseres berühmten Dichters giebt die kürzlich erwähnte, eben erschienene Arbeit über das Leben und die Werke Goethe's,“) deren Verfaffer, der durch feine „Geschichte der Philosophie in Biographieen“ bekannte G. H. Lewes, eben so gründliche Kenntniß der deutschen Literatur überhaupt, als Begeisterung für feinen Gegenstand insbesondere, an den Tag legt. Er hat sich nicht darauf beschränkt, Alles zu studieren, was an gedrucktem Material vorliegt; feine Verbindungen mit der Familie und den persönlichen Freunden Goethe's haben ihm auch handschriftliche Quellen eröffnet, zu denen fich mündliche Mittheilungen gesellten. Die Horazische Regel hat er dabei auf das gewissenhafteste befolgt, indem er, wie aus der Vorrede hervorgeht, fich feit fast zehn Jahren mit dieser Arbeit befchäftigt hat. Als er sie begann, waren die ausführlichen Biographieen von Viehoff und Schäfer noch nicht veröffentlicht worden. Wohl die größere Hälfte des Buches ist mit Analysen der Goethefchen Dichtungen und kritischen Bemerkungen über dieselben angefüllt. „In dem Leben eines großen Feldherrn“, fagt der Verfaffer, „nimmt die Beschreibung feiner Feldzüge nothwendigerweise vielen Raum ein.“ Eines der intereffantesten Kapitel ist das, welches die wissenschaftlichen Leistungen Goethe's behandelt, deren Verdienste ungemein hoch gestellt und gegen die Verkleinerer in Schutz genommen werden. Mit gleicher Wärme wird der große Dichter gegen den Vorwurf des Egoismus, der Servilität und des Mangels an Sympathie für die politischen Bewegungen der Zeit vertheidigt. „Es lag nicht in Goethe's Natur“, heißt es unter Anderem, „fich von den vorübergehenden Unruhen der äußeren Welt tief aufregen zu laffen. Ein reflektiver Geist, wie der feinige, mußte in den ewigen Satzungen der Natur jenen Reiz und jene Nahrung fuchen, welche Andere aus den augenblicklichen Erfcheinungen des Tages zogen. Man kann von einem Dichter und einem Philosophen mit Recht fordern, daß er sich für die großen Fragen der Poesie und der Philosophie interessiere, aber ihm zum Verbrechen machen, daß er sich an der Politik nicht betheiligt, ist so unvernünftig, als etwa einen Staatsmann deshalb tadeln, weil ihm die Streitigkeiten über griechische Kunst oder die Metamorphose der Pflanzen gleichgültig sind. Es ist thörichterweise gesagt worden, daß Goethe sich von der Politik zur Kunst und Wiffenschaft gewendet habe, weil die Politik ihn in seiner Ruhe störte und er zu selbstfüchtig war, sich für die Angelegenheiten. Anderer zu interessieren. Aber dergleichen Anklagen sind eben so ungroßmüthig, wie die Verdächtigungen engherziger Splitterrichter, welche die Heterodoxie für den Schild der Immoralität erklären, als ob religiöse Zweifel nur aus verderbten Sitten entspringen könnten. Wie entfernt Goethe von aller Selbstsucht war, wifen die am besten, die ihn am besten kannten; wohl uns, wenn sich das von Allen sagen ließe, welche fich patriotischen Bestrebungen hingaben. Und wenn Goethe aufrichtig das Wohl der Menschen begehrte und in seiner Weise mit einer Ausdauer dafür wirkte, die von Wenigen erreicht worden, so hat man wahrlich kein Recht, ihn der Selbstsucht zu zeihen, weil die Politik außer dem Kreise seiner Wirksamkeit gelegen hat.“ Die bisher ungedruckten Materialien zur Biographie Goethes, auf welche der Verfaffer sich beruft, scheinen uns weder sehr umfang*) The Life and Works of Goethe; with Sketches of his Age and

Contemporaries. By G. H. Lewes. 2 vol. London, D. Nutt. Berlin, A. Asher & Comp.

Berlin, Donnerstag den 29. November

1855.

reich, noch von großer Bedeutung. Doch befindet sich darunter eine Mittheilung, die nicht nur wegen ihres Gegenstandes, sondern auch wegen der Person, von der sie herrührt, Erwähnung verdient, und die wir unseren Lesern vorlegen wollen. In den ersten dreißiger Jahren dieses Säkulums hielten sich mehrere Engländer in Weimar auf, theils in der Absicht, ihre Studien im nahen Jena zu vollenden, theils von dem Verlangen beseelt, den klaffischen Boden zu betreten und dem genius loci ihre Huldigung darzubringen. Zu diesen gehörte ein junger Mann, dessen Namen heutzutage in der englischen Literatur unter den Sternen erster Größe strahlt: William Makepeace Thackeray. Schon damals zeigte er die Anlage zur Satire, die den künftigen Verfaffer von „Vanity Fair" und den „Newcomes” ankündigte, und feine Karikaturen sind in Weimar noch jetzt nicht vergeffen. Von Herrn Lewes aufgefordert, ihm feine Erinnerungen an Goethe mitzutheilen, entsprach er diesem Verlangen durch folgendes Schreiben: „Ich wünschte, ich hätte Ihnen mehr über Weimar und über Goethe zu erzählen. Vor fünfundzwanzig Jahren widmeten sich wenigstens zwanzig junge Engländer in Weimar dem Studium, der Zerstreuung und der Gesellschaft, was sich ihnen. Alles in der freundlichen, kleinen sächsischen Hauptstadt darbot. Der Großherzog und die Großherzogin empfingen uns mit der anmuthigsten Gastfreiheit. Der Hof war glänzend, aber doch höchst ungezwungen und gemüthlich. Man lud uns der Reihe nach zu Diners, Bällen und Affembléen ein. An Winternächten pflegten wir die Portechaisen in Beschlag zu nehmen, die uns durch den Schnee zu jenen heiteren Hoffesten trugen. Ich hatte das Glück, Schiller's Degen durch Kauf an mich zu bringen, welcher einen Theil meines Hofkostüms bildete und noch jetzt in meinem Studierzimmer hängt, wo er mich an die schönsten Tage meiner Jugend erinnert. Wir wurden in alle Geschäftskreise der kleinen Stadt eingeführt, und hätten die jungen Damen nicht ohne Ausnahme fo vortreffliches Englisch gesprochen, so wäre uns Gelegenheit geworden, das allerbeste Deutsch zu lernen. Das Theater war zweioder dreimal die Woche geöffnet, und wir versammelten uns dort wie in einem Familienzirkel. Goethe hatte sich von der Leitung zurück, gezogen, aber die großen Traditionen waren geblieben. Das Theater wurde vortrefflich dirigiert, und, außer der sehr tüchtigen stehenden Truppe, gaben die berühmtesten Schauspieler und Sänger aus allen Theilen Deutschlands im Winter Gastrollen. So erinnere ich mich, in jenem Winter Ludwig Devrient als Shylock, Hamlet, Falstaff und Franz Moor und die schöne Schröder im „Fidelio“ gesehen zu haben. „Nach dreiundzwanzigjähriger Abwesenheit verbrachte ich wieder ein paar Sommertage in dem wohlbekannten Orte und war so glücklich, einige Freunde meiner Jugend wieder zu treffen. Frau von Goethe lebte noch in Weimar und empfing mich und meine Töchter mit ihrer ganzen früheren Herzlichkeit. Wir tranken Thee in der freien Luft, im berühmten „Gartenhaufe“, welches der Familie noch immer gehört und welches ihr berühmter Schwiegervater so oft bewohnt hatte. m-Obwohl von der Welt zurückgezogen, war Goethe im Jahre 1831 für Fremde noch immer sehr zugänglich. Der Theetisch feiner Schwiegertochter war stets für uns gedeckt, und wir verlebten dort manche Stunde und manchen Abend in der angenehmsten Weise mit Unterhaltung und Musik, indem wir endlose Romane in französischer, englischer und deutscher Sprache lasen. Mein Hauptzeitvertreib in jenen Tagen bestand darin, Karikaturen für Kinder zu zeichnen, und als iunger Bursche war ich nicht wenig geschmeichelt, zu erfahren, daß der große Goethe einige davon durchgesehen habe. Er selbst blieb zwar in feinen Privatgemächern, zu welchen nur einige privilegierte Personen Zutritt hatten, aber er hörte gern, was um ihn vorging, und intereffirte sich für alle Fremde. Wenn ihm ein Gesicht auffiel, so ließ er durch einen in Weimar anfäffigen Künstler ein Portrait davon anfertigen und hatte in dieser Weise eine vollständige Galerie von Köpfen in schwarzer und weißer Kreide gesammelt. Ueberhaupt war sein Haus über und über mit Gemälden, Zeichnungen, Modellen, Statuen und Medaillen bedeckt.

„Natürlich erinnere ich mich vollkommen der ängstlichen Aufregung, mit der ich, ein junger Mensch von neunzehn Jahren, die lange erwartete Kunde vernahm, daß der Herr Geheime-Rath mich an dem und dem Tage empfangen wolle. Diese denkwürdige Audienz fand in einem kleinen Vorzimmer feines Privatgemachs statt, dessen Wände von oben bis unten mit alten Gypsabdrücken und Basreliefs behangen waren. Er war in einem langen, grauen oder hellbraunen Oberrock gekleidet, mit einer weißen Halsbinde und einem rothen Bande im Knopfloch. Er hielt die Hände hinter dem Rücken, genau wie in Rauchs Statuette. Seine Gesichtsfarbe war sehr hell, klar und rosig; feine Augen ungemein dunkel, durchdringend und feurig. Ich fürchtete mich ordentlich vor ihnen und verglich sie in Gedanken mit den Augen des Helden eines gewiffen Romanes, genannt „Melmoth der Wanderer“,“) der vor einigen dreißig Jahren uns Knaben in Schrecken zu fetzen pflegte; die Augen eines Mannes, der einen Pakt mit dem Gottseibeiuns geschloffen hatte, und die im höchsten Alter ihren unheimlichen Glanz beibehielten. Es schien mir, Goethe müffe als Greis noch viel schöner fein, als er selbst in den Tagen seiner Jugend gewesen. Seine Stimme war voll und wohlklingend. Er legte mir einige Fragen über mich selbst vor, die ich beantwortete, so gut ich konnte, und war ich zuerst erstaunt und dann etwas erleichtert, als ich fand, daß er Französisch mit einem nicht sehr korrekten Accent sprach. „Widi tantum. Ich sah ihn im Ganzen nur dreimal: einmal im Garten feines Hauses am Frauenplan spazierend; ein andermal an einem sonnenhellen Tage im Begriff, in seine Equipage zu steigen, mit einer Mütze auf dem Kopfe und einem Mantel mit rothem Kragen. Er liebkoste in dem Augenblicke eine wunderschöne, goldgelockte, kleine Enkelin, über deren füßes, holdes Gesicht sich die Erde auch schon längst geschloffen hat.“) „Diejenigen von uns, welche Bücher oder Magazine aus England erhielten, schickten sie immer zu ihm, und er durchblätterte fie mit großem Eifer. Es erschienen damals die ersten Nummern von Fraser's Magazine, und ich weiß noch, welches Intereffe ihm die trefflichen Portraitskizzen einflößten, die in den ersten Nummern dieses Journals gegeben wurden. Aber es war eine darunter, eine abschreckend häßliche Karikatur des Herrn R., die er zornig von sich warf. „Aus mir würden sie auch eine solche Fratze machen“, fagte er, obgleich ich mir nichts Heitereres, Majestätischeres und Gefunderes denken kann, als den grandiosen alten Goethe (the grand old Goethe). „Wiewohl feine Sonne im Untergehen war, schien der Himmel ringsum noch immer klar und ruhig und beleuchtete das kleine Weimar mit seinem Glanze. Es gab nicht einen einzigen von diesen freundlichen Salons, in welchem man nicht von Kunst und Wiffenschaft sprach. Das Theater besaß zwar keine Talente ersten Ranges, wurde aber mit edler Intelligenz und Ordnung geleitet. Die Schauspieler waren Männer von Bildung, Gentlemen, und fanden zu dem „Adel“ in keinem unfreundlichen Verhältniß. Am Hofe war der Ton äußerst gemüthlich, einfach und fein gebildet. Die (jetzt verwitwete) Großherzogin, eine Dame von seltenen Gaben, war oft so freundlich, Bücher von uns zu borgen oder uns die Ihrigen zu leihen, und sich mit uns jungen Leuten über unsere literarischen Beschäftigungen und Ideen zu unterhalten. In der Ehrfurcht, welche dieser Hof dem Patriarchen der Literatur erwies, lag, wie ich glaube, etwas für den Unterthan und Fürsten gleich Ehrenvolles. Nach einer Erfahrung von fünfundzwanzig Jahren seit den glücklichen Tagen, von welchen ich schreibe, und nach zahllosen Bekanntschaften unter den verschiedensten Typen der Menschheit, kann ich wohl sagen, daß ich nie eine einfachere, gutmüthigere, höflichere, mehr gentlemanartige Gesellschaft kennen gelernt habe, als die jenes lieben, kleinen sächsischen Städtchens, wo der edle Schiller und der große Goethe lebten und begraben liegen.“ Das Buch des Herrn Lewes ist feinem Freunde Thomas Carlyle gewidmet, „welcher England zuerst Goethe würdigen lehrte.“

Griechenland.

Athen und die neueren Griechen.

(Fortsetzung.)

Es bleibt also nur die große Welt, d. h. etwa zweihundert Personen, die das Französische fertig sprechen, in London, München, Paris erzogen find und Europa nicht aus den Augen laffen, um deffen Moden, Lächerlichkeiten, Laster, ja, defen Revolutionen nachzuäffen. Hier findet Ihr in verjüngtem Maßstabe die Ränke, Zerfreuungen, Skandale unserer großen Städte, freilich auch – versteht fich ausnahmsweise – ehrenwerthe Charaktere, liebenswürdige

*) Von dem auch durch eine Tragödie „Bertram“ bekannten Charles Robert Maturin, einem genialen, aber höchstercentrischen Irländer, der im Jahre 1824 starb. D. R.

s“ von Goethe starb 1844 im noch nicht vollendeten sechzehnten

Bildung, edle Genüffe. Hier haben unsere Diplomaten ihre Menfchenverachtung geschöpft, unsere Satiriker ihre aufs Blut geißelnden Streiche geholt. Hier haben unsere Touristen ihre Geschichtchen aufgeklaubt, die an die Klatschereien Krähwinkels mahnen und eben fo glaubwürdig find. Noch einmal, ist das wirklich das griechische Volk? Das moderne Athen hat sich fast wie das alte Rom gebildet. Es war eine Zuflucht, ich fage nicht, für Banditen, aber für Ehrgeizige, Müßiggänger, Spekulanten, Ausgewiesene; aus Ost und West strömten sie herbei, um Jagd auf Glück zu machen. Sie vermischten fich mit den wahrhaften Griechen, die ihre Bedürfniffe, ihre Rechte oder die Wahl der Regierung in die neue Hauptstadt beriefen. Dazu

kamen einige Klephten, die sich unterworfen haben, eine gewisse Zahl

unter Flintenschüffen gewählter Deputierten, Palikaren mit wallenden Gewändern, die sich nicht entschließen konnten, das Grab scheit zu ergreifen. Indeß zähle ich die Fremden genau und fehe, daß in der Athenischen Gesellschaft, dem Gegenstand Eurer Sarkasmen, daß in der neugebackenen Aristokratie, der einzigen, die Euch bekannt ist, die Athener, die Kinder des freien Bodens in der Minorität find; gerade wie zu den Zeiten Renophon"s das Seltenste in Sparta ein SpartaMPP MPQ. Wollt Ihr die griechische Raçe ernstlich beobachten, lernt erst das Neugriechische, verlaffet Athen und durchziehet Griechenland in kleinen Tagereien; übernachtet bei dem Dorf-Aeltesten oder bei dem Priester mit langem Bart, der mit eigenen Händen, feinen Enkeln zulächelnd, den Pflug führt; studiert die Sitten voll Einfalt, ohne roh zu sein; lauschet der Sprache, in welcher Ihr weder Klarheit, noch Reiz vermiffen werdet; vergleichet die Schäfer Arkadiens mit den Feldbauern von Meffenien oder Argolis, die Ziegenhirten des Parnaffos mit den Winzern von Korinth und Achaja; machet einen Abstecher nach Patras und Kalamata, um den Handelsverkehr nach Andros und Milo, um das Treiben der Seeleute anzuschauen; laßt Euch in jenen beflügelten Barken, die an Homers Schilderungen gemahnen, von Insel zu Insel tragen. Sehet nicht überall eine Mischung von venetianischem und albanesischem Blut: die venetianischen Abkömmlinge verkümmern auf den Zinnen alter Citadellen; die Albaneser bewohnen abgesonderte Dörfer und bewahren ihr Kostüm, ihre geschorenen Köpfe und ihre unverständliche Sprache. Und wenn Ihr diese wissenseifrige Pilgerfahrt durch das freie Griechenland vollbracht, wenn Ihr manchmal unter den dürftigen Gewändern die Typen entdeckt habt, die durch die antike Kunst unsterblich geworden: dann sollt Ihr berechtigt sein, das neugeborene Volk zu verurtheilen, Die zu brandmarken, die Eure Väter so sehr geliebt haben; Ihr werdet dann etwas mehr gesehen haben, als falsche Griechen in Pariser und falsche Pariser in Athenischen Salons. Es ist das Schicksal des neueren Griechenland, stets Intereffe erregt zu haben und stets falsch beurtheilt worden zu fein. Heute verleumdet man das griechische Volk, vormals verkannte man defen Meisterwerke, das Erbe seiner Väter. Wir täuschten uns in der Politik, unsere Vorfahren täuschten sich in der Kunst. Kaum war Athen Mahomed II. in die Hände gefallen, als es anfing, die Aufmerksamkeit Europas auf sich zu ziehen, nicht des feudalen Europa, das während der Kreuzzüge fich aus dem klassischen Boden Marquifate und Herzogthümer zugeschnitten hatte, sondern des gelehrten Europa, daß schon von den Exulanten Konstantinopels ihre Sprache, ihre Geschichte und ihre Ehrfurcht vor den Ahnen lernte. Aber weder die Erzählungen der Reisenden, noch die Schilderungen der Griechen felbst genügten der Wißbegier Europa’s. Der Orient war den Christen verschloffen; die Reifen waren damals mit fo viel Gefahr, wie sie heute mit Reiz gepaart find; die Denkmäler der Kunst waren schwer zugänglich, und die Wenigen, die sie zu Gesichte bekamen, waren obendrein höchst unwiffend. Man höre darüber einen französischen Alterthümler, Dr. Spam, in einem einleitenden Vorworte zu der naiven Beschreibung Athens von Pater Babin, die er 1674 herausgab: „Diejenigen, die in Reifeberichten oder geographischen Lehrbüchern von Athen sprechen, thun es mit so wenig Kenntniß und mit so tiefer Verachtung, daß man wohl sieht, sie berufen sich auf Schriftsteller, die Athens alte Größe danach meffen, was noch davon geblieben ist, und das ist allerdings fehr wenig. Vielleicht hat mancher Reisende, der die Minervenstadt will gesehen haben, sie nur aus der Ferne gesehen, versteckt hinter dem Hügel, auf welchem sich die Citadelle erhebt, oder sie haben nur den Löwenport (Piräeus) gesehen, von dem nur einige Häuser übrig find, und hielten diese für verfallene Hütten der Stadt Athen felbst, die fie in ihrer Einbildung ans Meerufer verlegten. Du Pinet nennt fie: ein Schloß mit einem elenden Dorfe, das vor Wölfen und Füchsen nicht ficher ist. Laurembergius in seiner Beschreibung Griechenlands drückt fich darüber oratorisch aus: Es hat früher ein Griechenland, es hat in Griechenland ein Athen gegeben; jetzt ist kein Athen mehr in Griechenland, ja, es ist kein Griechenland in Griechenland felbst. Ortelius in einen „geographischen Synonymen“ behauptet mit der Keckheit eines Geographen, der, ohne aus dem Zimmer zu kommen, die ganze Erde * fehen und meffen will, daß von dem Athen nur noch einige elende Hütten übrig sind.“ Span ahnte nicht, daß auch ihn als Reisenden dieselben, ja, noch fchwerere Vorwürfe treffen würden, da man das Recht hatte, von ihm mehr als von feinen Vorgängern zu erwarten. Und doch fuchen wir alle Dokumente, die älter sind, als das Ende des fiebzehnten Jahrhunderts, die besten, wie die schlechtesten, felbst die unvollständigen Riffe, die lächerlichen Zeichnungen, die kindischen Erzählungen, die verdächtigen Zeugniffe mit einem wahren Heißhunger in den Bibliotheken, Archiven, Privatmappen auf; wir untersuchen fiel mit der Geduld und Spitzfindigkeit eines Richters, der aus den Zeugen die Wahrheit, die fie nicht wissen, herausverhören will; wir kehren jedes Wort unserer Schriftsteller um, sondieren ihre Gedanken und hoffen hinter dem, was fie gesehen haben, das herauszufinden, was sie hätten fehen sollen. Der Grund aber, daß in diesem alten Bücherstaub fo gierig gewühlt wird, ist, daß vor 1656 der Blitz die Propyläen noch nicht zerstört, daß vor 1687 eine venetianische Bombe das Parthenon noch nicht gefprengt hatte. Die Pilger der vorangegangenen Jahrhunderte fanden fie noch unverletzt, in der Blüthe der Schönheit, die eine ewige Dauer verhieß: die Marmorgebilde, in denen der Genius eines Mnefikles, Iftinos, Phidias athmete. Sind wir nicht zu der Erwartung berechtigt, daß die Gelehrten, die Künstler, die Reisenden einer bevorzugten Epoche uns so viele Herrlichkeiten schildern werden? Sollten nicht in einem Buche, einer Bemerkung, in einem ihrem Album entfallenen Blatte die Meisterwerke wieder auferstehen, die heute in Trümmern liegen? Dieser Gedanke war es, der Herrn v. Laborde veranlaßte, durch ganz Europa die Urkunden über Athen im funfzehnten, fechzehnten und fiebzehnten Jahrhundert zu fammeln. Durch folche Untersuchungen mußte der Geschichtsschreiber des Parthenon das begonnene Werk vorbereiten. Aus Erfahrung weiß ich, mit welchen Schwierigkeiten fonst Einer zu kämpfen hatte, der die zerstreuten und bereits vergeffenen Zeugniffe zusammenbringen wollte. Heutzutage braucht man nicht nach Wien, London, Venedig, Kaffel zu schreiben, die Register der Paläste Barberini durchstöbern zu laffen, die Pariser Bibliotheken um eine Befchreibung Athens von Pater Babin vergeblich anzugehen. Die Manufkripte find herausgegeben, die felten gewordenen Texte mit gewifenhafter Treue neu abgedruckt, Pläne und Riffe durchgezeichnet, die originalen Fragmente durch die Photographie in jedem Zuge unverändert wiedergegeben; und was besonders erfreulich ist: kostspielige Werke, für Gelehrte bestimmt, die sie nicht kaufen konnten, in den Bibliotheken der Reichen vergraben, die sie nicht lesen mochten, nehmen jetzt auf unseren bescheidenen Bücherbrettern ihren Platz ein. Der Verfaffer skizziert den Gang feiner Forschungen in folgenden Zeilen: „Nachdem ich das beredte und majestätische Athen in feinen Büchern, das verstummte und verödete Athen, diese erhabene Ruine auf dem Schauplatze feiner Unsterblichkeit gesehen hatte, fragte ich mich: Wie ist diese Verwüstung geschehen? Welche Barbarenhände, welche rasende Wetter haben diese unvergleichlichen, zur ewigen Belehrung der Menschheit aufgeführten Denkmäler niedergeworfen, verstümmelt, geschändet?“ Er versetzt uns nun zuerst in das Jahr 1460 zurück. Athen ist das Leibgedinge des Obersten der fchwarzen Verschnittenen. Mit Milde verwaltet, von einem mächtigen Beschützer felbst gegen die Pfortenminister vertheidigt, kannte die Stadt noch den Reichthum und eine scheinbare Freiheit. Um diese Zeit verfaßte ein gelehrter Grieche, deffen Name unbekannt geblieben, eine Beschreibung Athens, wovon einige Fragmente in der Wiener Bibliothek wieder aufgefunden wurden. Aber welche Beschreibung! Wie find die Erinnerungen durch einander geworfen! Welch eine Unkenntniß der Vorzeit! Welche Vergeffenheit der nationalen Berühmtheiten! Platon's Schule heißt das Paradies, die Klephydra (die Waffer-Uhr) nennt er die Schule des Sokrates der Tempel des olympischen Zeus wird zum Palast; Kekrops hat die athenischen Tempel von innen und außen vergoldet; das Parthenon ist ein der Mutter Gottes geweihter Tempel u. f. w. Solche tiefe Nacht lag auf den Geistern des funfzehnten Jahre hunderts! Der sogenannte Anonymus ist, wie Laborde richtig vermuthet, ein fremder Reisender durch Attika und ist daher nur das Echo der Gelehrten des Landes. Diese mochten noch Geschmack haben an der wunderbaren Sprache ihrer Ahnen, mochten noch die Schönheiten ihrer Literatur empfinden; allein die Schönheiten, die fich hinter den Maffen verbergen, die den Stein beseelen, sich in den Linien, Verhältmiffen, Konturen aussprechen, die idealen Conceptionen der Skulptur – alles das war für sie ein todter Buchstabe; anstaunen mochten sie, nicht bewundern. Die Byzantinische Kunst stumpfte zuletzt bei den entarteten Griechen alles Gefühl für die Meisterwerke der Vorzeit ab. Was that nun Italien, das glückliche Land, worin der antike Genius neu auflebte? Haben die großen Künstler der Renaissance ihre Augen auf Griechenland gewendet? Suchen die Fürsten und Päpste deffen Reichthümer auszubeuten? So viele Paläste in Venedig, Flo

renz, Rom, Padua füllten sich mit Statuen, Basreliefs, Inschriften, das Feld der Nachgrabungen erstreckt fich bis nach Spanien und Aegypten: warum ist Griechenland völlig vergeffen? Man kopiert, ohne zu fragen, ob das Original griechisch oder römisch, aus einer blühenden oder verfallenen Epoche fei. Keiner denkt daran, die Spuren der griechifchen Kunst zu verfolgen, obgleich die großen Namen der griechischen Geschichte und Literatur mit Ehrfurcht und glühender Begeisterung genannt werden. – San-Gallo, der eine Sammlung bedeutender Studien italiänischer Monumente anlegte, erhält von einem Griechen, der eben aus Athen kömmt, versprochenermaßen einige kopierte Zeichnungen, unter anderen auch eine vom Parthenon. San-Gallo findet aber, der Tempel habe nicht die Größe und den Reichthum, den die neue Architektur heicht. Er stutzte ihn daher nach feiner Weise zu: verwandelte die dorische in die korinthische Ordnung, ersetzte die Winkelsäulen durch Pilaster, erhob ein neues Gebäude über dem Giebel, kurz, schuf das griechische Parthenon in das römische Pantheon um; nur die Skulpturen am Giebel und im Fries erinnern an jenes. Was Wunder, daß, je weiter nach Westen, die Künstler in ihren Werken Athen die Physiognomie ihrer eigenen barbarischen Städte gaben? Louis de Bourges, ein unterrichteter Mann, ein ausgezeichneter Kunstfreund, läßt von feinem Maler Athen mit Kirchen, Thürmchen, gothischen Festungswerken einer flandrischen Stadt darstellen; Michael Wohlgemuth giebt ihr das plumpe, stille Aussehen einer deutschen Stadt. (Schluß folgt.)

Ostindien.

Ein Handelsvertrag zwischen England nnd Siam.

Das Königreich Siam, von den Siamesen felbst „Thai“ genannt, bildet einen der fünf von einander unabhängigen Staaten, aus denen die 36.000 Quadrat-Meilen große Halbinsel Hinter-Indien, auch wohl Indo-China genannt, besteht; ein von der Natur überaus begabtes Land jenseits des Ganges, in welchem alle tropischen Früchte die größte Vollkommenheit erreichen, die dicksten Wälder der herrlichsten Bäume die Gebirge bedecken, Gold im Grunde vieler Flüffe ruht, Edelsteine von feltenster Schönheit, Silber, Eisen, Kupfer und Blei sich finden. Von diesem gesegneten Lande, defen Bewohner freilich durch den Despotismus gedrückt sind, war das Königreich Siam ehemals das mächtigste Reich, es ist aber im Laufe der Zeit durch die Birmanen fehr beschränkt worden. Etwa 12.000 Quadrat-Meilen groß, mit 4 Millionen Bewohner, nimmt es die Mitte der Halbinsel ein und liegt zwischen dem 116° und 124° östl. L. und dem 7° bis 20° nördl. Br. um den Meerbusen von Siam herum. Die Hauptmaffe des Landes bildet ein weites Thal von Norden nach Süden vom Fluffe Menam, der dem Irawaddy indessen an Größe nachsteht, durchströmt. Seine regelmäßigen Ueberschwemmungen, welche im Juli beginnen und beinahe fechs Monate anhalten, verleihen den weiten Ufern eine fehr große Fruchtbarkeit. Dagegen ist die Hitze in dem nur nach Süden geöffneten Thale unerträglich und felbst den Eingeborenen nachtheilig. Es giebt zwei Jahreszeiten: die trockene und die naffe.

Die Produkte find die der übrigen Halbinsel, doch giebt es hier noch eine Menge in Europa wenig oder gar nicht bekannter Bäume. An Zucker werden jährlich 36.000 Centner gewonnen; die Kultur ist jedoch noch einer fehr erheblichen Ausdehnung fähig, namentlich wenn zum chinesischen Fleiße noch das europäische Geschick tritt. In zweiter Reihe gedeiht dort der Reis, welcher in den fruchtbaren Ebenen Siams in der üppigsten Fülle wächst und früher fo oft ungeärndtet blieb, als der Landesbedarf durch die vorhandenen Vorräthe gedeckt schien. Da nämlich die Reis-Ausfuhr verboten war, fo wollten die Siamesen die Aerndtekosten sparen. Der fiamesische Kaffee wird an Qualität felbst dem Mauritius-Kaffee vorgezogen. Ferner produziert Siam Weizen, Mais, Südfrüchte bester Art, Palmen, Ananas, Gewürze, Baumwolle fein wie Seide, mehrere Gummiarten, Waldbäume (Adlerbaum, Eisenholz, Teak-, Firniß-, Sandelbäume, Bambus), Thee fo viel und so gut wie in China, Seide, Indigo; es werden außerdem dort gewonnen: Diamanten, Saphire, Achate, Gold, Silber (nach der Regenzeit schwimmen Stücke in der Größe eines Thalers von den Bergen herab), Zinn, Salz.

In der Hauptstadt des Landes Si”-po-Chiya-Schudia oder Siam, am Ausfluffe des Menam, auf einer Insel in demselben, herrscht bereits seit langer Zeit ein ziemlich lebhafter Handel, jedoch unter den erheblichsten Beschränkungen für die Fremden, indem fremde Schiffe theils nur bedingungsweis bis zur Stadt herankommen durften, theils auch in Bangkok, einem der wichtigsten Handelsplätze von HinterIndien, welcher den Vorhafen von Siam bildet, eine fast prohibitives Flaggengeld zu erlegen hatten. Ueberdies durften viele Landesprodukte entweder gar nicht oder nur gegen eine hohe Steuer ausgeführt werden. Außerdem fand die despotische Regierungsform, nach welcher der Handel ein Monopol des Königs ist und selbst die sogenannten Freien den halben Tag für den Herrscher arbeiten müffen, fo wie das vorherrschende Pachtsystem, dem auswärtigen Handel hindernd im Wege. Diefen Uebelständen hilft zum großen Theil der von dem englischen Gesandten, Sir John Bowring, Namens der englischen Regierung vom 18. April d. J. mit dem Königreiche Siam abgeschloffene Freundschafts- und Handelsvertrag ab. Kraft defelben wird zunächst das Pacht- und Monopolsystem, fo weit folches den auswärtigen Handel angeht, abgeschafft. Das Ausfuhr-Verbot auf Reis, Agilaholz, Gummi, Pfeffer und andere Landesprodukte ist aufgehoben. Fremde Schiffe sind in Bangkok ferner keinem höheren Tonnengelde unterworfen als fiamesische und chinesische, und alle Vergünstigungen, welche künftig diese genießen, follen auch jenen zugestanden werden. Von allen Einfuhr-Gegenständen ist die gleichmäßige Eingangssteuer von drei Prozent des Werthes zu erheben. Die alten Ausfuhrzölle find ermäßigt worden, und zwar für Gummi auf 3 Dollars 60 Cents, für Büffelhörner auf 60 Cents, für andere Hörner auf 90 Cents, für Saganholz auf 37 Cents pro Picul, für Reis auf 2 Dollars 40 Cents pro Cappan von 40 Piculs (ungefähr 24 Tons). Britischen Unterthanen ist das Recht vorbehalten, fich in einem Umkreis von 60 Miles um Bangkok niederzulaffen und Grund und Boden anzukaufen, Ackerbau und Handel zu treiben ohne die geringste Beschränkung, fo wie Religionsfreiheit zu genießen. In Bangkok foll ein britischer Konsul residieren, dem von dem Augenblicke an, wo zehn britische Schiffe in den Hafen Bangkok eingelaufen find, ausschließlich die Jurisdiction über britische Unterthanen zusteht. Der Vertrag tritt am 6. April 1856 in Kraft und wird nach zehn Jahren revidiert. Dieser Vertrag zeichnet sich vor allen übrigen europäisch-asiatischen Verträgen durch zwei Umstände vortheilhaft aus. Derselbe ist zunächst nicht gleich den chinesisch-japanischen Traktaten erzwungen und gleichfam mit dem Schwert in der einen, der Feder in der anderen Hand diktiert, sondern er ist eine freiwillige Gabe des fiamesischen Selbstherrschers. Eben deswegen find nun auch die Konzessionen, welche er dem fremden Handel macht, viel liberaler, als diejenigen, welche fein Vorgänger der Ostindischen Compagnie gewährte und welche kürzlich die chinesisch-japanischen Vertrage den Europäern zugestanden. Die mongolisch-chinesische Welt ihrer altherkommlichen Isoliertheit immer mehr zu entreißen und fiel in den Organismus des menschlichen Gesammtverkehrs als integrierendes Glied aufzunehmen, ist eine der Aufgaben unserer Zeit. Den rastlosen Anstrengungen des Handels ist es vorbehalten, auch diese kulturhistorische Aufgabe zu lösen – eine brache Welt des Ostens der Kultur zu erobern.

Mannigfaltiges.

– Der Unterricht in Deutschland, von Franzofen beurtheilt. Im Jahre 1831 unternahm Victor Cousin, damals General-Inspektor der Universität in Frankreich, im Auftrage des Ministers des öffentlichen Unterrichts, Herrn v. Salvandy, eine Reise nach Deutschland, um das Unterrichtswesen daselbst, besonders aber in Preußen, kennen zu lernen und darüber einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Dieser Bericht erschien im Jahre 1832 in zwei Bänden unter dem Titel: „Rapport sur l'état de l'instruction publique dans quelques pays de l'Allemagne”) und machte fowohl in Frankreich als in Deutschland großes Aufsehen, weil er zum ersten Male in schlagender Weise auf die Vorzüge der deutschen und insbesondere der protestantischen Schulen, im Gegensatze zu dem unter den Einflüffen des katholischen Klerus stehenden, höheren und primären Unterrichtswesen in den romanischen Ländern hinwies. Damals, im Jahre 1831, bald nach der Juli-Revolution, die hauptsächlich in dem Haffe gegen den herrschend gewesenen Jesuitismus ihre Nahrung gefunden hatte, war die Strömung in Frankreich eine antirömische. Deshalb ward der von den protestantischen Universitäten Deutschlands verkündete Geist der freien Forschung, als allein zur Wahrheit und zur Wiffenschaft führend, freudig begrüßt, und selbst die Hegelsche Philosophie, die sich damals noch nicht in die skeptische Kritik des Junghegelthums verrannt und in das absolute Nichts verflüchtigt hatte, ward auf den Lehrstuhl der Sorbonne erhoben. Seitdem haben sich die Zeiten fehr geändert. Die Strömung in Frankreich führt seit der Erhebung Louis Napoleon's wieder direkt nach Rom. Abermals ist ein Direktor im französischen Miniferium des öffentlichen Unterrichts – wenn auch kein Akademiker und Philosoph, wie Cousin, doch ein gelehrter Jünger des ultramontanen Ministers Herrn Fallour – im Auftrage dieses Ministers, der längst schon fein Anathema gegen den von Cousin einst verherrlichten Geist

*) Deutsch von Kröger, 2 Bde., Altona, 1832–33. --- =

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der freien Forschung ausgesprochen hatte, nach Deutschland gekommen.

Im Jahre 1854 trat Herr Eugen Rendu, der früher bereits zu

ähnlichem Zwecke in England gewesen war, feine Reise nach Preußen,

Sachsen, Hannover und dem übrigen Nord-Deutschland an, und als

eine Frucht derselben ist kürzlich fein Werk „über den Volks-Unterricht

in Nord-Deutschland“ erschienen.“) Er theilt darin das gesammte

Deutschland in eine katholische und eine protestantische Zone. In der

ersteren sollen Kirche und Schule dem Skeptizismus verschloffen ge

blieben sein. In der zweiten dagegen follen die religiös-fittlichen Zu

fände fo im Argen liegen, daß jedem Beobachter sich die Ueberzeugung

aufdringe, daß der Protestantismus, ein fo fcharfes Werkzeug er auch

für die religiöse Kritik fei, von Tag zu Tag an feiner ursprünglichen

Kritik als positive Doktrin verliere und in den zu Tage tretenden Kon

fequenzen auf Vernichtung jeder Autorität hinarbeite. Die evange

lische Kirche der Gegenwart, behauptet Herr Rendu, fei weder über den Ursprung und Charakter des Christenthums, noch über ihre eigene,

innere Organisation, noch über das Verhältniß der Kirche zum Staat

einig. Natürlich wird auch die mit dieser Kirche zusammenhängende Pädagogik von dem Verfaffer verurtheilt, und weil es weniger die Verirrungen Einzelner, als der Protestantismus in feiner Gesammtheit, in feiner Vergangenheit und Zukunft, ist, was er angreift, so erscheint ihm auch jeder in neuerer Zeit gemachte Versuch, dem Volks-Unterricht im protestantischen Deutschland eine mehr religiöse Grundlage zu geben, als ungenügend und fein eigentliches Ziel verfehlend, obwohl, feiner Meinung nach, dieselben Maßregeln auf dem katholischen Boden Frankreichs höchst ersprießlich fein würden. Den grellen Kontrat der Cousinfchen und der Renduschen Darstellung des höheren und des Volks-Unterrichts in Deutschland wird jeder Uubefangene durch die subjektive Auffaffung des philosophischen und des streng katholischen Autors sich erklären. Nur ein fo befangener Blick, wie der des Herrn Rendu, kann nördlich von der Linie, die er durch Deutschland zieht, ein tief gesunkenes, fittlich-religiöses Volksbewußtsein wahrnehmen. Nur wem es fo wenig um objektive Wahrheit zu thun ist, kann, wie Herr Rendu, übersehen, daß in Frankreich, Spanien, Italien und allen anderen rein katholischen Ländern das Volk auf einer viel tieferen Stufe der religiösen und sozialen Bildung sich befindet, als in dem zum größten Theile protestantischen Nord-Deutschland.

– Eine neue Biographie Hamann's. Die originelle Perfönlichkeit des „nordischen Magus“, der einst so mächtig auf die Geister und Herzen seiner Zeit wirkte, hat einen geistreichen Forscher auf literarhistorischem Gebiete, Geh. Ober-Finanzrath Carvachi in Münster, neuerdings zu einer biographischen Darstellung feines Lebens angeregt. Sie bietet hauptsächlich viel Neues in der Schilderung des Kreises berühmter Leute, in welchem Hamann zuletzt fo hoch gefeiert wurde, namentlich der Fürstin Galizin, Graf Stollberg's, Fürstenbergs u. f. w. Der Enthusiasmus der Freundschaft hatte den wunderlichen Heiligen nach Münster gerufen, wo man ihn, trotz aller seiner Sünden verehrte, weil feine feurige Seele eine Opferflamme für die Religion war in den Augen der Freunde, die vor kurzem erst die Philosophie als unzureichend erkannt hatten. Die Fürstin Galizin öffnete für ihn ihr Haus und einen literarischen Wirkungskreis, und ein junger reicher Patrizier beschenkte den armen Gelehrten, der in Königsberg in häuslichem Elend gelebt hatte, mit einem Theile feines Vermögens. Indeffen genoß Hamann nicht lange die Wohlthaten dieser seltenen Freundschaft, er starb am 21. Juni 1788 zu Münster und wurde in dem Garten der Fürstin Galizin begraben. Ganz kürzlich wurde der „adelige Hof“, in welchem diese einst zu Münster residierte, verkauft und das Grab mit dem moosigen Denksteine sollte der Erde gleichgemacht werden. Es vereinigten sich jedoch einige Literaturfreunde und vermittelten dem „Magus des Nordens“ ein einfaches Denkmal auf einem der Münsterschen Todtenhöfe. Der Geh. Ober-Finanzrath Carvachi fühlte sich dadurch veranlaßt, ihm auch in der Literatur eines zu setzen, und hat es in dem vorliegenden biographischen Werke in würdigter Weise gethan. Möchte der geschätzte Verfaffer seinen Aufenthalt in Münster auch noch ferner dazu anwenden, das reiche Gebiet der dortigen berühmten Personal-Chronik zu bearbeiten. Da ihm die Hausarchive der ritterbürtigen Familien zur Einsicht offen stehen, so könnte er manchen verborgenen Schatz der Literatur- und Sittengeschichte vergangener Jahrhunderte zu Tage

fördern. F. v. H.

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Ein neuer Band der Werke Friedrichs des Großen.

Von der ihrer Vollendung entgegengehenden, neuen Ausgabe der Werke Friedrichs des Großen“) ist jetzt die erste Abtheilung des siebenundzwanzigsten Bandes erschienen, welche die zum größten Theil bisher unedierten Korrespondenzen des großen Königs mit feinen sechs Schwefern umfaßt. Dieser Briefwechsel enthält vierhundertfünfunddreißig Briefe, von welchen dreihundertsechsundvierzig aus der Feder des Königs gefloffen sind. Voran geht die Korrespondenz Friedrichs mit einer ältesten Schwefer Wilhelmine, der berühmten Markgräfin von Baireuth, die und deren frühes inniges Verhältniß zu ihrem königlichen Bruder besonders durch die von ihr felbst verfaßten Memoiren zur Kenntniß der Welt gelangt sind. Als die Markgräfin am 14. Oktober 1758, am Tage der unglücklichen Schlacht bei Hochkirch, gestorben war, schrieb Friedrich an Voltaire: „Je fus battu à Hochkirch, le moment que ma digne soeur expirait." Zahlreiche Stellen in Friedrichs Briefen, in seiner „Geschichte des siebenjährigen Krieges“, so wie insbesondere auch in feinen Dichtungen, beweisen, wie fehr er diese Schwester geliebt hat. Ist nun auch nicht zu zweifeln, daß die Markgräfin ihrem Bruder in gleich hingebender, inniger Weise zugethan war, wie man sogar auch annehmen kann, daß die auf den Heldenbruder immer furchtbarer einstürmenden Bedrängniffe des siebenjährigen Krieges die Krankheit, die ihren Tod herbeigeführt, sehr verschlimmerten, so ist doch die Kälte, die eine Zeitlang zwischen den beiden Geschwistern bestanden, lediglich durch die Schuld der Markgräfin herbeigeführt worden, die sogar von großer Ungerechtigkeit gegen ihren Bruder nicht freizusprechen, den fie, eben fo wie ihren Vater, in ihren Memoiren nicht immer mit der Achtung und Pietät behandelte, die man von einer dem Geiste und dem Herzen nach fo hochstehenden Fürstin erwarten durfte, während doch Friedrich selbst in den „Mémoires de Brandebourg", bei der Darstellung eines strengen Vaters, ihr ein so glänzendes Vorbild von Schicklichkeit und Beherrschung des kindlichen Gefühls geliefert hatte. Der mit allen Lebensmomenten des großen Königs auf das Innigte vertraute Herausgeber der neuen Sammlung seiner Werke, Herr Professor Friedrich Preuß, giebt in der Vorrede zum fiebenundzwanzigsten Bande viele neue und intereffante Aufschlüsse über den Charakter der Markgräfin von Baireuth, so wie namentlich über ihre vielbesprochenen, zur Zeit ihrer Erscheinung großes Aufsehen erregenden und noch jetzt von Vielen mit Intereffe gelesenen Memoiren. Daß die Letzteren, deren Handschrift fich jetzt in der königlichen Bibliothek befindet, unzweifelhaft echt sind, hat bereits G. H. Pertz in einer vor mehreren Jahren erschienenen Abhandlung „über die Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Baireuth“ dargethan. Außer den eigentlichen Memoiren, die in französischer Sprache zuerst im Jahre 1810 in Braunschweig gedruckt wurden, wo sie sich im Nachlaffe des im Jahre 1776 verstorbenen herzoglichen Leibarztes, Herrn von Superville, gefunden hatten, dem sie von der Verfafferin selbst übergeben worden waren, umfaßt die Handschrift der königlichen Bibliothek auch noch drei bisher ungedruckte Fragmente über Fräulein Karoline von Marwitz und mehrere andere in den Memoiren erwähnte Personen, so wie die Beschreibung einer Reise nach Italien, welche die Markgräfin im Jahre 1754–55 gemacht hatte. Eine deutsche Uebersetzung der Memoiren ist 1810–11 in zwei Bänden bei Cotta erschienen. Aus einer Vergleichung der Memoiren mit dem Texte des hier zum ersten Male gedruckten Briefwechsels der Markgräfin mit ihrem königlichen Bruder geht schon hervor, daß die Ersteren nicht überall treu und glaubwürdig sind. Herr Preuß entschuldigt jedoch die Ungenauigkeiten, die sich die Verfafferin zu Schulden kommen ließ, mit der großen Erregbarkeit ihres Charakters, der durch die im väterlichen Haufe erduldeten Leiden mannigfacher Art verbittert worden, ferner mit ihrer stets schwankenden Gesundheit, mit häuslichen Verdrießlichkeiten zur Zeit, als sie ihre Memoiren schrieb, so wie endlich mit ihrer

*) Oeuvres de Frédéric le Grand.

Tomes I – XXVII. Berlin, Rodolphe Decker, 1846–1855.

zweijährigen Entzweiung mit dem Könige. Als die Zeit dieser Entzweiung giebt Preuß 1744–46 an, wofür, so wie für die Zeit der allmählichen Abfaffung der Memoiren, er sehr genau in alle Verhältniffe eingehende Gründe beibringt. Wir fügen noch Einiges aus der Kritik der Memoiren bei, welche uns die Einleitung des vorliegenden Bandes bringt: „Die Markgräfin fcheint die Sachen immer nur von ihrer Schattenseite angesehen zu haben. Sie liefert, so zu sagen, eine Karikatur der Gesellschaft, denn in dem Bilde, das fiel von ihr entwirft, nimmt man nirgends eine ruhige, heitere Erscheinung wahr. Ihre Memoiren gewähren keinerlei wohlthuende Erinnerung an Freunde oder an die Leiter ihrer Kindheit. Auch das Geschick der Unterthanen von Balireuth und die Gesinnungen, die diese gegen das regierende Haus hegen, werden in dem Buche nicht erwähnt. Sogar ihrer Tochter, der Erziehung dieses einzigen Kindes, ihrer Verhältniffe zu einander wird darin nicht gedacht. Kaum daß sie hier und da ein Wort über ihre Tochter fallen läßt, und zwar immer nur bei gleichgültigen Anläffen, da etwa ausgenommen, wo sie davon spricht, daß sie ihr diese Memoiren bestimmt habe. Aber ein solches Geschenk kann kaum noch als ein Zeugniß der Liebe gelten, denkt man an den Skandal, den das Buch hervorrufen mußte, und an das unvortheilhafte Licht, welches auf die Familienverhältniffe des Berliner und des Baireuther Hofes, so wie auf die Verfafferin selbst, dadurch geworfen ward. Die Memoiren der Markgräfin haben also einen entschieden fatirischen Charakter; ja, man vermißt darin die Würde und Mäßigung, die man von einer Dame ihres Ranges erwarten durfte. „Einen großen Theil des beißenden Spottes der Memoiren muß man allerdings der von Natur kaustischen Geistesrichtung der Prinzefin und der Gewohnheit beimeffen, die sie von Jugend an, wie sie selbst zugiebt, gehabt, ihres Nächsten nicht zu schonen. Sie hegt darum doch für Personen, die sie herunterreißt, die größte Anhänglichkeit, und sehr gern nimmt sie die Miene der unparteilichen Geschichtsschreibung an. So bittet sie unter Anderem ihre Leser, ihr Urtheil über den Charakter Friedrichs, den sie eben heftig angegriffen, zu fuspendieren, bis sie ihn vollständig entwickelt haben werde. Sie sagt Theil 2, S. 307, ausdrücklich: „Je me pique d'être véridique.” Auf folche Aeußerungen darf man inzwischen nicht viel geben. Im Grunde will die Markgräfin lediglich ihre Eigenliebe befriedigen und die Leser amüffiren, sei es durch komische Schilderungen, karikierte Portraits und seltsame Anekdoten, oder auch durch Erzählung von Intriguen und Kabalen fürstlicher Personen, ihrer Hofleute und felbst ihrer Domestiken. Sie fcheut keinerlei noch fo undelikate Geschichten, wie die vom Dresdener Hofe, die Liebe Friedrich Wilhelms I. für Fräulein v. Pannwitz c. . . . . Gleichwohl ist das Ganze so trefflich arrangiert und so geistreich vorgetragen, daß die Memoiren uns ganz so wie ein guter Roman feffeln, mit welchem sie übrigens mehr als eine Aehnlichkeit haben." Der Herausgeber weist aus den Briefen der Markgräfin, die hier zum ersten Male nach den Originalen mitgetheilt werden und auf welche die Memoiren zum Theil Bezug nehmen, die Unwahrhaftigkeit der Letzteren an mehreren Stellen nach. Endlich nach der zweijährigen

Entfremdung, die zwischen ihr und Friedrich stattgefunden, schrieb fie

dem Letzteren am 21. Februar 1748: „Wie oft habe ich mir nicht das Unregelmäßige meiner Handlungsweise gegen Dich zum Vorwurfe gemacht! Meine letzte Krankheit, die mit einem nahen Ableben zu enden den Anschein hatte, hat mich in diesen Gedanken noch bestärkt, Eine reifliche Prüfung meiner selbst hat mich überzeugt, daß ich mich im ganzen Verlaufe meines Lebens nur gegen einen Bruder verfündigte, welchen tausend Gründe mir theuer machen follten und mit dem mein Herz feit meiner zartesten Kindheit durch die innigste und unauflöslichste Freundschaft verbunden gewesen.“ Leider hat diese Selbsterkenntniß doch nicht die Folge gehabt, daß sie ihre Memoiren, oder doch wenigstens diejenigen Stellen darin vernichtete, in welchen sie ihren Bruder verunglimpft hatte. Sie spricht zwar in den Memoiren selbst die Möglichkeit aus, daß sie diefelben dem Feuer übergeben werde, da sie nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt seien, aber schon im Jahre 1748, wahrscheinlich noch be

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