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nehmen und vertragen, fchwarz, grün, weiß, von Stroh, mit Glanzleder, lustig bebändert und befiedert. Nicht nur die arbeitenden Klaffen tragen fie, die ganz erschrecklich an den Berliner Sommer von 1848 erinnern, sondern auch hohe Personen, wie z. B. Omnibuskutfcher und Falschgrafen Nachmittags in Regentstreet, dem Peripatetikon aller höheren Taugenichtse. Kurz, es ist in dieser Beziehung fo unglaublich arg geworden, daß sich nicht nur Jeder einen Hut nach feinem Geschmacke kauft, sondern auch manchmal fchon eine Mütze. Wenn diese Reformen auf den Köpfen und in den Gesichtern nichts bedeuten sollen, giebt es keine Phrenologie mehr. Das Bedeutende dieser Reformen leugnen, heißt, die Menschen unter die Mineralien versetzen, die von außen ansetzen und fich nicht von innen heraus gefalten können. Nehme man dies immerhin als vor bedeutende und nicht selbst bedeutende Spielerei, sind die Reformen der Straßen, der Häuser, der Architektur, der Künste überhaupt auch bloßes Spiel des Zufalls im engeren englischen Leben? Das wird Niemand zu behaupten wagen, der die hartnäckigen Schreckniffe der englischen Schiebeund Guillotinen-Fenster im Winter und im Sturme praktisch kennen gelernt hat und die Engländer dazu, die dahinter an „Comfort“ glauben und seit Jahrhunderten jedem anständigen Fenster, das man ordentlich auf- und zumachen kann, mit Erfolg den Krieg erklärten – und nun ganze Stadttheile mit Spiegelscheiben sieht, welche anfangs, wenn sie offen standen, die Vorübergehenden zum erstaunten Maulaufsperren nöthigte. Ist es möglich, in England – solche Fenster! Solcher Anklang von wirklichem Styl in den Bauten außerdem? Ja, da stehen fie, ganze neue Prachtstädte mit Spiegelscheiben zum Aufund Zumachen, stylistisch, kontinental, zum ersten Mal comfortable, und wirkliche Engländer mit schwerer Miethe darin um Primrose-Hill herum und in anderen Extremitäten Londons. Ja, es giebt schon Häuser, viele Häuser, ganze Straßen von Häusern mit Küchen zu ebener Erde. Wer früher nur den Gedanken an solche Küchen ausgesprochen hätte, wäre für verrückt oder wenigstens chartistisch-republikanisch erklärt worden. Eine Küche mit der Köchin und dem Koch auf derselben Höhe, wie das Parlour? Welch eine nivellierende Revolution gegen die englische Gesellschaftsschichtung, zu Gunsten der im ganzen historischen England unterirdisch hinlaufenden Welt der dienstbaren Geister! Aber die Küchen- und Köchinnen-Erhebung ist noch das Wenigste. Ein englisches Gentlemans-Haus ohne unterirdische Küche mit Eifengittern und einer Treppe innerhalb derselben vor dem Hause, die apart nach der Küche führt und den Brückengang in das Haus felbst zum Privilegium der Herrschaften macht, ist schon gar kein englisches Haus mehr. Und nun der total veränderte Bautyl dazu im neuen, im kosmopolitischen London! Von dem Verschwinden der historischen Schiebe- und Guillotinen-Fenster habe ich schon gesprochen. Aber die neuen, großen Spiegelscheiben zum ordentlichen Auf- und Zumachen bedingten auch ganz anderes Mauerwerk und ganz anderen Styl der Formen. Die historische Bauart fiel dem neuen Weltverkehre in den Straßen überall über den Köpfen zusammen. Während meiner Zeit und oft ganz dicht neben meinem Kopfe fielen in London nicht weniger als dreihundert Häuser ein, nicht felten mit Menschen und Geschäften dazwischen, die dann stückweise aus Schutt und Staub hervorgegraben wurden. Einige Male fiel den alten historischen, national-englischen Architekten-Gilden (einer entsetzlichen Menschenklaffe, wie fie Dickens in einem feiner Romane in einem Heuchler und Erbschleicher personifiziert) ihr neues Bauwerk mitten im Gerüste, mitten im Werden zusammen. Wer durch diese noch konservierten Theile des alten London geht, wird unendlich oft ungeheure Querbalken oben durch die Straßen gezogen sehen. An Enden und Giebeln laufen massive schiefe Ebenen von Balken aus der Erde hinauf. So müffen sich diese alten architektonischen Herrlichkeiten, in Krücken und eine gegen die andere gestemmt und gesteift, noch vorläufig künstlich halten. Aber das fabrikmäßige Bräzelbacken von Häusern, Straßen und Stadttheilen in diefem historischen Schwindelstyle, durch welchen der Wind pfeift und der Regen träufelt, diese Rheumatismuszuleiter und Miethe-EintreibungsMarter-Instrumente find zum Tode verurtheilt. Wer sich jetzt Häuser als Miethe-Eintreiber bauen laffen will, muß schon fubstantiell, mit Comfort, mit neuem Styl bauen laffen, da die Auswahl unter diesen Bauten mit jedem Tage größer wird. - Es ist bekannt, daß selbst die hartnäckig historische City-Obrigkeit, mit fabelhaften Summen die lichtlosen Schlupfwinkel von der Paulskirche bis London-Bridge aufkaufte, um eine der maffivsten, goldensten Prachtstraßen, Cannon-Street, auf deren Ruinen aufzubauen, Sie ist die Ergänzungsverkehr-Straße zu Cheapfide. Um Großes mit Kleinem zu vergleichen, erinnert Cheapfide an die Königsstraße in Berlin. Der darin sich stopfende Verkehr fordert auch eine CannonStreet. Zöge man vom Werderschen Markt hinter dem großen Kurfürsten weg, rechts von der Königsstraße eine Art von Wilhelmstraße bis zum Alexanderplatz, hätte man ein mikroskopisches Bildchen dieser Cannon-Street. Aber solche massive, stolze, breite, hohe, spiegelscheibige

Kaufmanns-Paläste, wie fich hier erheben, hat man in ganz Berlin nicht, das Haus der ruffischen Gefandtschaft unter den Linden etwa ausgenommen. In Chambers" Journal steht die Geschichte eines Hauses, das von dieser Reform in der City niedergeriffen und auf einer anderen Stelle wieder aufgebaut werden mußte. Früher fand es grau und nie von der Sonne beschienen, baufällig und feucht in einer engen Sackgaffe, und der Laden darin nährte kümmerlich seinen Mann. Als ein Spekulant von der projektierten neuen Straße hörte, kaufte er fich den Pachtkontrakt defelben, der noch neun Jahre galt, „the lease", gegen welche es kein Expropriations-Recht giebt. Die City-Obrigkeit fing an, mit dem Manne zu unterhandeln, er aber blieb dabei, daß er feine „lease” um keinen Preis verkaufen möchte. Man bot ihm Hunderte, Taufende, Zehntausende, der Mann blieb unerschütterlich, fo daß ihn die Leute für verrückt erklärten. Die Straße mußte geschafft werden, koste es, was es wolle. So ließ man den Mann von Guildhall aus täglich bearbeiten, bis er so weit mürbe gemacht war, daß er einwilligte, das Haus der Zerstörung preiszugeben, wenn man es ihm in der neuen Reihe wieder aufbaue. Dies geschah. Jetzt hat der Mann das Parterre dieses Hauses für tausend, die erste Etage für funfzehnhundert, die zweite für achthundert, die dritte für fünfhundert Pfund Sterling jährlicher Miethe an große kaufmännische Compagnieen abgetreten, so daß es ihm jährlich sechsundzwanzigtausend Thaler Zinsen bringt. Welches Kapital repräsentiren diese sechsundzwanzigtaufend Thaler? Notabene hatte der Mann das alte Haus für eine viel geringere Summe gekauft, als ihm das neue jährlich Zinsen bringt. Außer den modernen, substantiellen, vom englischen Style emanzipierten Bauten in der City giebt es noch einzelne, in verschiedenen Theilen zerstreute Architekturwerke, die durch Pracht, Schönheit und Solidität die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich erwähne hier zuerst den vergrößerten Palast des „Carlton-Klubs“ in Pal-Mall, dem Brennpunkte des Verkehrs der obersten Zehntausend während der season. Die Tories haben sich hier eine Restauration gebaut, die nach englischen Begriffen wahrhaft klaffisch ist. Ungeheure Spiegelscheiben, Mauerwerk von Granitblöcken, dunkele Marmor-Säulen zwischen den Fenstern, eine große, massive, ruhige Front in stylistischer Größe und Harmonie, prächtige Reliefs, im Innern eine weite, hohe Pracht mit Säulen geschmückter, goldener, parquetierter, gemalter und fresko-dekorierter Hallen, das Ganze so fach-exklusiv, daß man sofort begreift, warum nur hohe Familien ihre Söhne gleich nach der Geburt als Kandidaten zur Aufnahme einschreiben; daß man es gern glaubt, eine macadamisierte Chauffee nach dem Monde fei viel eher möglich, ein Kameel gehe viel leichter durch ein Nadelöhr, als daß ein gewöhnlicher Sterblicher hier als Mitglied in dieses Himmelreich der Tories kommen könne. Auch unter den Palästen des Detail-Handels entstehen immer mehr neue, moderne, geschmackvolle Schönheiten. Bald nach 1851 erhob sich unweit King's-Croß, im Centrum des Verkehrs, im äußersten Norden von London, der Privat-Krystal-Palast des großen, kosmopolitischen Kleiderhändlers Grove, der nicht nur die arbeitenden Klaffen Londons, sondern auch des ganzen Königreichs und der funfzig Kolonieen kleidet. Dieser Grove ist zugleich das größte Genie des Anzeigens. Es giebt Industrielle, die jährlich bis zu einer halben Million von Thalern blos für Anzeigen ausgeben. Sie aber erreichen ihn eben so wenig, wie Moses und Son, die jährlich gegen eine Million kleiner Bücher mit Bildern und Gedichten als Anzeigen vertheilen. „Grove, the great Clothier, Battlebridge” ist einige Tausend Male in die Trottoirs der Straßen von London eingeätzt. In manchen Straßen tritt man mit jedem hundertsten Schritt auf „Grove, the great Clothier, Battlebridge". Viele Meilen weit in allen Richtungen um London giebt es Balken verschläge für Gärten und Viehweiden. Von diesen Balken leuchtet uns überall in weißer Oelfarbe „Grove, the Great Clothier, Battlebridge” entgegen. Niemand in London errichtet ein Baugerüst, an welches Grove sich nicht anmalen ließe. Ich weiß nicht, ob ihn Nicholson, der große Hemden-Händler, doch am Ende noch übertrifft, der uns mit feinem goldenen „6 for 40” (sechs Hemden für vierzig Shilling) aus jedem Omnibus entgegenleuchtet und es dafür schon fo weit gebracht hat, daß er fünftausend Pfund spendierte, um fich ins Parlament einzukaufen, mit dem Ertrage reiner Hemden unter fchmutziger Wäsche, für die fich trotz alles Jammers keine Waschfrau finden will, (Fortsetzung folgt.)

Frankreich. Die Photographie auf der Pariser Ausstellung.

Wer sich über die in den verschiedenen Abtheilungen der Pariser Ausstellung zerstreuten photographischen Proben eine Uebersicht verschafft hat, wird gefunden haben, daß die Erzeugniffe in diesem Industriezweige je nach dem Lande, welches fiel geliefert hat, einen ganz besonderen Charakter haben. Ein noch fo wenig geübtes Auge wird beim ersten Blick eine englische Probe von einer französischen, ein aus einem Pariser Atelier hervorgegangenes Daguerreotyp von einem aus New-York gekommenen unterscheiden. Sogar die Werke der verschiedenen Photographen. Eines und defelben Landes bieten leicht wahrzunehmende charakteristische Unterschiede dar. Man kann also wohl fagen, daß es in der Photographie, wie in der Malerei, Schulen und Manieren giebt. Diese Unterschiede sind leicht zu erklären; sie haben ihren Grund in dem verschiedenen Verfahren, welches in der Photographie angewendet wird. Es find gegenwärtig die folgenden photographischen Methoden im Gebrauch: die Photographie auf Silberplatten, oder das Daguerreotyp; die Photographie auf Papier, oder das Talbotyp; die Photographie auf Wachspapier; die Photographie auf Glasplatten mit einem Eiweiß-Ueberzug; die Photographie auf Glasplatten, die mit Collodium überzogen find. Eine jede dieser Methoden hat ihre besonderen Vorzüge und ihre besondere diesen Vorzügen entsprechende Anwendung. Die Daguerreotypie, schnell in ihren Operationen, vollständig in ihren Resultaten, aber das Bild nur in Einem Exemplar liefernd und Reisenden sich wenig empfehlend, wird vorzugsweise zu Portraits angewendet. Die Talbotypie und die Photographie auf Wachspapier, welche negative Bilder liefern, von denen positive allen Anforderungen der Kunst entsprechende Bilder in beliebiger Anzahl abgenommen werden können, eignen sich ganz besonders zur Aufnahme von Landfchaften, von fernen Perspektiven und von nebligen Horizonten. Die Photographie auf Glasplatten mit Eiweiß-Ueberzug, welche Zeichnungen von einer Feinheit und Schärfe liefert, wie sie durch den Grabstichel kaum hervorgebracht werden können, eignet sich am meisten zur Aufnahme von Denkmälern, Basreliefs und Statuen. Das mit Collodium überzogene Glas empfiehlt sich auf gleiche Weise für alle Zwecke der Photographie. Man wird es nun begreiflich finden, daß die Photographen eines jeden Landes vorzugsweise diejenige Methode anwenden, die am meisten ihrem Geschmack, ihren Bedürfniffen und der Natur derjenigen Gegenstände entspricht, die sich ihnen vorzugsweise zur Aufnahme darbieten. Die Franzosen haben sich alle Methoden angeeignet und wenden nach Rücksichten des Geschmacks oder der Zweckmäßigkeit bald die eine, bald die andere an. Die Engländer wenden vorzugsweise die Daguerreotypie und die Photographie auf Glasplatten mit einem Ueberzug von Collodium an. Die Amerikaner beschäftigen sich fast ausschließlich mit der Daguerreotypie, weil bei ihnen die Photographie fast ausschließlich zu Portraits verwendet wird. Die Italiäner gebrauchen vorzugsweise die mit Eiweiß überzogenen Glasplatten, weil sich ihnen in ihrer Umgebung so viele Denkmäler und Kunstwerke zur photographischen Aufnahme darbieten. Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir die auf der Ausstellung sich uns darbietenden Werke der Photographie im Einzelnen besprechen. Unter den französischen Photographieen finden wir drei Platten, welche für die Geschichte der Photographie von Bedeutung sind; eine jede derselben vertritt eine wichtige Entwickelungsstufe dieser von Nicéphore Niepce und von Daguerre gemachten Erfindung. Die erste ist ein von einem Stahlstich im Jahre 1848 auf einer mit Eiweiß überzogenen Glasplatte aufgenommenes negatives Bild; es zeigt uns den Zustand, in welchem die neue Kunst sich befand, als Herr Niepce de Saint-Victor der Akademie der Wissenschaften Mittheilung darüber machte. Die zweite Platte ist ein von der ersten abgenommenes positives Bild. Die dritte Platte ist eine heliographisch gravierte Stahlplatte. Sie stellt die Altarseite des Pariser Tempels des Oratoriums dar. Die Zeichnung ist so scharf und so genau, daß man die einzelnen Ziegel auf dem Dache und die Linien in dem Gesimse des Glockenthurmes unterscheiden kann. Diese Platte beweist, daß die heliographische Gravierkunst schon durch den Erfinder große Fortschritte gemacht hat und ihrer Vollendung rasch entgegengeht. Neben dieser Platte ist in dem die Werke Niepces enthaltenen Glaskasten ein Raum leer geblieben. Herr Niepce hat nämlich neben den Proben der Photographie auf Glas und der heliographischen Gravirkunft eine Probe der Heliochromie ausstellen wollen. Nachdem Herr Edmond Becquerel zuerst, mittelst chlorfauren Silber-Oxyds, die Farben des Sonnenspektrums auf einer Metallplatte abgebildet hat, ist Herr Niepce in Folge unermüdlicher Versuche dahin gelangt, mittelst der Sonnenstrahlen eine mit Stoffen von verschiedenen Farben bekleidete Puppe in allen ihren natürlichen Farben auf einer Silberplatte abzubilden. In Nord-Amerika hat ein gewisser Herr Hill seit 1851 zu verschiedenen Malen angekündigt, daß er die Erfindung gemacht, mittelst der Photographie alle Gegenstände mit ihren natürlichen Farben abbilden zu können; diese Ankündigungen find aber nur ein Humbug gewesen, durch welchen Herr Hill sich einige Tausend Dollars erworben. Die Jury der Londoner Welt-Ausstellung konnte in ihrem offiziellen Berichte der Photographie noch den Vorwurf machen, daß dieselbe mit ihren Leistungen fich zu sehr außerhalb des Gebietes der

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Wiffenschaft gehalten habe. Auf der gegenwärtigen Pariser WeltAusstellung wird man der Photographie diesen Vorwurf nicht mehr machen können. Die Photographieen, welche zu dieser Ausstellung von den Herren Louis Rouffeau und Bertsch, von dem Reverend Charles Kingsley, vom Dr. Diamond, vom Grafen Montizon, von Herrn Bernoud in Florenz und von der kaiserlichen Hofbuchdruckerei in Wien geliefert worden find, haben alle den Zweck, der Wiffenschaft zu dienen. Die Ausstellung des Herrn Louis Rouffeau vergegenwärtigt uns die ganze Stufenleiter der thierischen Schöpfung, von den Zoophyten bis zum Menschen, von den Insekten bis zu den antediluvianischen Riefenthieren. In einer Abtheilung find uns die verschiedenen Menfchen-Raçen vor Augen geführt. Die amerikanische Raçe ist durch zwei Portraits, Buschmänner (Hotentotten), Mann und Frau darstellend, die mongolische durch das Portrait eines der Chinesen, die im vorigen Jahre fich in Paris aufgehalten, die kaukasische durch einen Ruffenkopf repräsentiert. Andere Proben geben uns das genaue Bild eines Schwammes und eines Zoophyten aus der Klaffe der Polypen. Aus anderen Proben gewinnen wir ein Bild von der Entwickelung der Zähne beim Menschen, beim Löwen, beim Stier. Auf zwei Platten ist der Spulwurm eines Pferdes dargestellt; auf der einen fein Aeußeres, auf der anderen feine innere Organisation. Um den im Waffer aufbewahrten und horizontal liegenden Wurm aufnehmen zu können, hat Herr Rouffeau feinen Apparat über ihm anbringen und auf denselben ein starkes künstliches Licht fallen laffen müffen. Man kann aus dieser Probe schließen, daß die neue Kunst der Anatomie gute Dienste leisten wird. Die vierundzwanzig photographischen Bilder des Grafen Montizon, die in der englischen Abtheilung ausliegen, find von eben so großem Nutzen für das Studium der Naturgeschichte. Sie find nach der Natur im zoologischen Garten Londons aufgenommen worden, wozu gewiß eine große Geschicklichkeit erforderlich gewesen ist, da eine Löwin in ihrem Käfig, ein Luchs auf einem Baumstamm, ein Adler auf feiner Stange, ein Fisch im Waffer nicht geneigt sind, ruhig zu sitzen; und doch find alle diese Bilder von einer bewundernswerthen Schärfe, Sie müffen mit großer Schnelligkeit zu Stande gebracht worden sein, was unter dem trüben Himmel Londons gewiß eine großen Schwierigkeiten hat. Die Bilder geben nicht blos die Formen der Thiere, fondern auch ihren Charakter treffend wieder. Mit solchen Bildern ist nicht blos der Wiffenschaft, sondern auch der Kunst ein wichtiger Dienst geleistet; fie find nicht blos als getreue Abbildungen für das Studium der Zoologie, sondern auch als vortreffliche Modelle für Künstler von großer Bedeutung. Herr Bernoud in Florenz hat auch mit schönem Erfolge einige lebende Thiere aufgenommen. Die mikro-photographischen Proben des Herrn Bertsch und des Mr. Kingsley gehören zu den merkwürdigsten Erzeugniffen der neuen Kunst. Herrn Bertsch gebührt die Ehre, der Erste gewesen zu sein, der mikroskopische Gegenstände photographisch aufgenommen hat. Schon vor zwei oder drei Jahren legte er der Pariser Akademie der Wiffenschaften Versuche vor, denen diese ihren Beifall nicht versagen konnte. Die auf der gegenwärtigen Ausstellung befindlichen Tafeln find von großer Schärfe und zeigen die kleinsten Einzelnheiten der Infekten oder der Theile von Insekten, welche auf ihnen dargestellt sind. Herr Kingsley, der im Jahre 1853 im Journal of the Society of Arts die Beschreibung eines Mikroskops gegeben, dessen er fich bei der photographischen Aufnahme mikroskopischer Gegenstände bedient, hat seitdem seine Arbeiten mit gutem Erfolge fortgesetzt. Die sieben Glaskasten, welche er zur Pariser Ausstellung geschickt, enthalten eine höchst intereffante Sammlung photographischer Darstellungen aus den Gebieten des Thier- und des Pflanzenlebens. Wir finden die Athmungs-, Ernährungs- und Bewegungs-Organe verschiedener Infekten, Kiefelbildungen, Theile von den Stielen der kleinsten Pflanzen u. dgl. in bedeutender Vergrößerung photographisch auf Papier dargestellt. Die Zeichnung ist trotz der Größe überall sehr klar und bestimmt. Die Art, wie die Gegenstände geordnet sind, verräth den an methodische Eintheilung gewöhnten Gelehrten. - - Eine nicht weniger wichtige Anwendung der Photographie im Dienste wissenschaftlicher Studien ist die Darstellung der äußeren Charaktere der Geisteskrankheiten. Zu dieser Anwendung der Photographie hat Herr Dr. Diamond, Vorsteher einer in der Nähe von London liegenden Irren-Anstalt, den ersten Anstoß gegeben. Von den drei Proben, welche sich auf der Pariser Ausstellung befinden, stellen zwei ein an der Epilepsie leidendes junges Mädchen dar. Der Körper ist verrenkt, die Gesichtszüge verzerrt, der Ausdruck schmerzensvoll und krankhaft. Die dritte Probe ist das Portrait einer älteren an Melancholie leidenden Frau. Sie hat eine Handarbeit auf dem Schooße. Ihre Haare, abgeschnitten, wie die eines Mannes, hangen ... in Strahlen über dem abgemagerten Gesichts der Kopf ist halb rechts gewendet, ein bitteres Lächeln umspielt den Mund. Es ist ein aus drucksvolles, naturgetreues Portrait.

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Der Handel mit Büchern in hebräischer, rabbinischer und jüdisch-deutscher Sprache hatte seit Jahrhunderten kein Fach unter den Fächern des allgemeinen, alle Schriftwerke umfaffenden Buchhandels, sondern außerhalb und unabhängig, ja, unberührt von demselben feinen harmlosen, ungekannten, durch wissenschaftliche Beschränktheit ein- und ausgeschloffenen Standpunkt, ein verschloffenes Ghetto neben prukenden Straßen und Märkten, auf welches der Bildungsstolz der feinen Welt vornehm und gering achtend herabzuschauen fich gewöhnt hat, so viele Tugend, Weisheit und Sinn fich auch im Schooße dieses Ghetto bergen mochte. Um die Absonderung dieses Bücher-Handels noch zu verstärken, trugen eine Führer nicht einmal den üblich damit verbundenen deutschen Namen: „Antiquar“, oder „Bücherhändler“, sondern den hebräischen: “D"Do 150. (Mocher Sepharim), was wörtlich „Bücherverkäufer“ heißt, also einerseits zu wenig, andererseits zu viel über feinen Gegenstand sagt. Ohne Ankündigung, ohne Oeffentlichkeit, ohne Regel, ohne zünftige Rücksichten und ohne Verband ging das isolierte Geschäft seinen öden Seitenweg, defen einzige Zielpunkte die Synagoge und die Studierstube des jüdischen Gelehrten blieben, während der nicht jüdische Gelehrte diesen Weg entweder nicht fuchte oder nicht fand, und so zum großen Nachtheil der Wiffenschaft die öffentlichen Bibliotheken weder Aufforderungen, noch Maßstab zur Auswahl empfingen, und daher das Fach übergingen, weil sie es nicht übersehen konnten. Um ein Beispiel vorzuführen, bedarf es nur eines Hinweises auf das hier bestandene fehr bedeutende Bücherlager des vor ungefähr zwölf Jahren verstorbenen P–l. Dieser gelehrte Mocher Sepharim hat Jahre lang Meffen mit feinen Schätzen bezogen, aber wir zweifeln, ob auch nur ein einziges Geschäft seine Verbindung mit der Königlichen Bibliothek in Berlin nachweist.

Mit dem buchhändlerischen Auftreten des verstorbenen A. Afher um das Jahr 1830 trat eine neue Epoche für diesen Geschäftszweig ein, denn dieser geniale Spekulant bemächtigte sich defelben sogleich mit allen Hülfsquellen seiner Fachkenntniß, feiner großen Gewandtheit im Verkehre, seiner Bildung und feiner Verbindungen. Ihm verdanken viele große Staats- und Privat-Bibliotheken ihre Bereicherungen, ihm verdankt die Bodlejana in Oxford ihren Glanz, ihm verdankt das Britische Museum in London feine Schätze, und er hat zum Flore der Königlichen Bibliothek in Berlin wesentlich beigetragen. Indeffen Herr Asher und andere in feine Fußstapfen getretene Buchhändler konnten bei ihren Geschäften die hebräischen Bücher doch immer nur als

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einen Zweig betrachten, den sie zwar gleich den anderen Zweigen pflegten, dem sie aber keine besonders hervorragende Thätigkeit widmeten; erst der Begründer der feit Oktober d. J. in Berlin eröffneten Niederlage hebräischer Bücher, Herr J. Böhmer, dürfte diesem Fache die Zugänglichkeit und Verbreitung verschaffen, die ihm bisher gefehlt. Herr Böhmer, ein rabbinisch-philologischer Gelehrter von bedeutendem Rufe, steht an Genialität dem verstorbenen Asher nicht nach, aber er überragt ihn bei weitem in Kenntniß des Inhaltes der hebräischen Werke, und feinem Geschäfte können um fo mehr große Erfolge erstehen, als er den gewählten Zweig zum Hauptgegenstand feines Fleißes macht. Sein Streben geht dahin, den bisher meist formlos betriebenen Handel durch Regelmäßigkeit zu veredeln und ihn mit dem allgemeinen Buchhandel in nothwendige und heilsame Wechselwirkung zu versetzen. Er hat zu diesem Zwecke nicht blos Verbindungen mit den Werkstätten und den Gelehrten feines Geburtslandes, Rußland, angeknüpft, sondern auch mit denen anderer Länder, und schon ist es ihm gelungen, eine reiche Auswahl von Werken jüdischer Gelehrten zu sammeln, und namentlich die neuen Erzeugniffe der noch thätigen Offizinen des In- und Auslandes in vielen Exemplaren bereit zu halten. Da Herr Böhmer von Zeit zu Zeit gedruckte Verzeichnisse zu veröffentlichen gedenkt, so wird man sich bald überzeugen können, welchen Fortschritt fein Bestreben nicht blos für den Buchhandel fondern auch für die Kunde der jüdischen Literatur bietet.

Mannigfaltiges.

– Ein deutsches Heilmittel, von Rußland aus em pfohlen. Ein in St. Petersburg praktizierender Arzt von deutscher Abkunft, Herr Dr. Sadler, hat feinen Kollegen ein Heilmittel empfohlen, das er in sehr vielen Krankheiten probat gefunden hat und das besonders in Deutschland, ja, hier, wie behauptet wird, bei weitem mehr als in anderen Ländern, zuhause ist. Dieses Heilmittel ist das Gemüth, und zwar das Gemüth des Arztes, das anregend, aufrichtend, erhebend und herstellend auf das Gemüth des Kranken zu wirken vermag. Und wie groß die Macht des Gemüthes ist, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden, das hat uns schon Kant gelehrt. Weiß der Arzt also durch ein eigenes Naturell, durch feine von einer edlen Persönlichkeit getragenen Bildung des Herzens, die Saite in dem Kranken anzuschlagen, die fein Gemüth erweckt und diesem die Herrschaft sichert, so kann er manches Rezept fich ersparen. Das Büchlein, in welchem Herr Dr. Sadler diese Wahrheit auseinandersetzt,“) ist mit einem geistreichen Vorworte des Leibarztes der Kaiserin von Rußland, Dr. von Marcus, ausgestattet, das uns noch mehr angesprochen hat, als das etwas zu sehr an der Oberfläche sich bewegende Büchlein selbst. Wir entlehnen diesem Vorworte die nachstehenden, treffenden Bemerkungen: „Was das Zutrauen des Kranken zum Arzte und umgekehrt betrifft, so beruht dies vorzüglich auf dem Grade und der Richtung fittlicher und intellektueller Bildung, die Beiden gemeinschaftlich und eigenthümlich ist. – Daher geschieht es auch, daß jeder Arzt nur einem adäquaten Kreise der Gesellschaft vollkommen genügen kann und jeder Theil der Gesellschaft nur demjenigen Arzte fein vollkommenes Vertrauen schenkt, welcher dem Standpunkte einer fittlichen und intellektuellen Bildung am meisten entspricht. – Indem aber der Arzt schon durch feinen Beruf als Helfer und Rathgeber angewiesen ist, jenen Kreis zu leiten, so muß er nothwendig in der einmal gegebenen eigenthümlichen Richtung um einige Stufen höher stehen, als dieser Kreis felbst. – Dies bewährt denn auch die Erfahrung. Wie hervorstehend prägt sich nicht die allgemeine National-Bildung in ihrer eigenthümlichen Richtung bei dem deutschen, französischen und englischen Arzte aus? Wie bezeichnend find nicht die Ansichten und das Benehmen des Arztes in höheren, gebildeten Kreisen, des Arztes der Vornehmen, des schlichten Bürgers, des einfachen Landmannes für den Standpunkt feiner Bildung. – Weit augenscheinlicher tritt aber dieses Vorwalten des Arztes in dem Verhältniffe zum einzelnen Kranken hervor. Hier entwickelt sich, wenn das Verhältniß ein heilbringendes fein foll, etwas dem sogenannten Rapport des Magnetismus zum Magnetisierten auffallend Aehnliches. Was aber im Magnetismus nur dunkel geahnt wird, das erscheint hier als fittliches Moment vollkommen klar und deutlich, Es ist der Charakter, die geistige Würde, die humane Bildung des Arztes, die fich jedem Verhältniffe, dem höchsten, wie dem anspruchlosesten, zu menschenfreundlichem Zwecke anzuschmiegen weiß.“

*) Dr. Sadler, über die Macht des ärztlichen Gemüthes zur Erleichterung und Heilung von Krankheiten. Leipzig, C. Geibel, 1855.

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Frankreich.

Einfluß der Wärme auf das Wachsthum der Pflanzen.*)

Réaumur schon stellte die Forderung, daß die Summe der Temperaturen mit der Dauer des Wachsthums der Pflanzen verglichen würde. Adamfon und Cotte machten Versuche, dieser Forderung zu genügen, aber ohne ein bedeutendes Ergebniß. Bouffingault stellte darauf in einer der Akademie der Wiffenschaften vorgelegten Druckfchrift und in feiner „Economie rurale” die Temperatur-Summen zusammen, die er für verschiedene Gegenden, in denen mehrere Pflanzen zu verschiedener Zeit zur Reife gelangen, erhalten hatte. Wir haben diese Untersuchungen nur auf die in Europa angebauten Vegetabilien ausgedehnt und dabei auch die Wirkungen der Sonnenstrahlen in Betracht gezogen. Herr Quetelet, durch einige ihm auffallende Anomalieen dazu veranlaßt, fchlug vor, die Summe der Quadrate der TemperaturGrade anstatt der Summe der einfachen Grade zu nehmen; Herr Babinet endlich glaubte aus einigen theoretischen Annahmen folgern zu dürfen, daß man die Summe der Grade mit dem Quadrat der Anzahl der Tage, welche die Pflanzen bis zur Reife brauchen, multiplizieren müßte.

Wir haben erkannt, daß alle diese Methoden dem Zwecke nicht entsprechen. Die Denkschrift, welche wir der Akademie vorlegen, enthält in ihrem ersten Theile eine Prüfung der bisher aufgestellten Theorieen und legt in ihrem zweiten Theile die neuen Anfichten dar, die unsere Untersuchungen uns aufgedrängt haben.

I. Herr Bouffingault fucht die Summe der Temperaturen, welche von der Zeit an, wo der Frost aufhört (d. i. in der Gegend von Paris vom 15. Februar, im Süden Frankreichs vom 1. Februar an)

bis zur Zeit der Reife der Pflanzen stattfinden. Er erhält: im Elsaß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2150 Grade in Paris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2160 in Kingston (New-York) . . . . . . . . . . . 2066

in Quiachaqui (in der Aequinoktial-Zone) . 2534

Wir haben für verschiedene Gegenden des Rhonethals ein Maximum von 1966, ein Minimum von 1163 und eine DurchschnittsSumme von 1748 Graden erhalten. In Lugan, in der Gegend der donischen Kosaken, braucht das Korn, Roggen und Weizen, bis zu feiner Reife 2537 Grade, wie in der Aequinoktial-Zone.

In Bezug auf die Gerste haben sich uns folgende Zahlen ergeben:

für Lyngen in Norwegen (70° Breite). . 1055 Grade für Nertschinsk in Sibirien (51° Breite) 1482

für Brüffel. . . . . . . . . . . . . . . . . . 1765 für Versailles (1852). . . . . . . . . . . . 1549 für Orange (im Durchschnitt) . . . . . . . 1500

Alle die hier sich zeigenden Anomalieen beweisen, daß das Wachsthum der Pflanzen, wenn auch offenbar im Verhältniß stehend zu den ihnen zu Theil gewordenen Temperatur-Summen, doch auch noch von anderen Ursachen abhängen muß.

Herr Quetelet meinte, daß man nicht blos die Summe der den Pflanzen zu Theil gewordenen Temperatur-Grade, sondern auch die Zeit, in der dieselben ihnen zu Theil geworden, in Betracht ziehen müffe. Zwei Tage zu 10" könnten, meinte er, auf das Wachsthum der Pflanzen nicht so viel wirken, als Ein Tag zu 20". Er glaubte daher, da er die Wärme als eine lebendige Kraft ansah, nicht die Summe der einfachen Grade, sondern die Summe der Quadrate der Grade nehmen zu müffen.

Wir haben diese Methode auf das Wachsthum des spanischen Flieders in dem Klima von Laon angewendet. Im Jahre 1782, vom

*) Die hier folgenden Mittheilungen find einer Denkschrift entnommen, welche der Graf de Gasparin der französischen Akademie der Wissenschaften vorgelegt hat.

22. Februar bis zum 3. April, betrug die Summe der Grade 577, die Summe der Quadrate der Grade 4770; im Jahre 1790, vom 22. Januar bis zum 10. April, erhielten wir die Zahlen 477" und 34109. In Bezug auf den Weinbau erhalten wir, für die Zeit der ersten Triebe bis zur Zeit der Weinlese die Zahlen: 3160 und 62462 im Jahre 1844, 3010 und 67321 im Jahre 1847. Manfieht, daß die Methode Quetelet's sich noch weniger bewährt, als die Bouffingault's. Herr Babinet, erwägend, daß die durch eine konstante mechanische Kraft in gewissen Zeiträumen hervorgebrachten Wirkungen gleich sind der Stärke der Kraft, multipliziert mit den Quadraten der Zeiträume, schlug vor, dieses Prinzip auf die Wirkungen der Wärme anzuwenden. Thun wir dies in Bezug auf den Flieder! 1782 hat das Wachsthum deffelben 81 Tage gedauert; die mittlere Temperatur ist 1,7 =79,gewesen; diese, mit 6581 (= 81*) multipliziert, giebt 44856; im Jahre 1790 erhalten wir 69,0 x 79* = 37820. Man sieht, daß das Ergebniß der Hypothese nicht günstig ist.

II.

Art. 1. Von den Phafen des Wachsthums. – Zunächst erregte der folgende Umstand unsere Aufmerksamkeit: Der Weizen war im Rhonethale bei einer weniger hohen Temperatur-Summe gereift, als im Norden Frankreichs; aber die Halme waren dort auch weniger lang und aus einer geringeren Anzahl von Merithallen“) bestehend. In Lugan am Don find die Halme so hoch, daß ein Strauß fie kaum mit dem Kopfe überragt; die Temperatur-Summe bis zur Zeit der Reife ist aber auch viel größer. In Sibirien reifte die Gerste bei einer Temperatur-Summe, die viel geringer war, als die im Süden Europas; aber sie brachte auch nur einen 3-fachen Ertrag der Aussaat, während sie in Frankreich einen 8- bis 9fachen Ertrag bringt. Diese Thatsachen veranlaßten uns, zuerst blos die Erzeugung der Merithallen und den Einfluß der Wärme auf dieselbe zu untersuchen. Die der Denkschrift beigefügten Tafeln zeigen die Ergebniffe dieser Untersuchung in Bezug auf den Maulbeerbaum, für die Jahre 1840 und 1854. Bei einem von dem Fuße eines Maulbeerbaums ausgehenden Schößling haben wir 66 Merithallen in dem einen, wie in dem anderen Jahre gezählt und eine fast gleiche Anzahl von Temperatur-Graden, nämlich im Durchschnitt 58,- und 58,. auf eine Merithalle. Bei einem von einem sekundären Ast (nahe am Hauptstamm) in fast vertikaler Richtung ausgehenden Schößling haben wir nur 44 Merithallen gezählt, und jeder derselben hat durch fchnittlich 87", Wärme zu einer Ausbildung gebraucht. Ein von der vertikalen Richtung um 50° abweichender Schößling hat nur 24 Merithallen gehabt, deren jeder 161“ Wärme gebraucht. Die senkrechten Schößlinge, die vom Gipfel der im Frühlinge beschnittenen Maulbeerbäume ausgehen, haben 27 bis 29 Merithallen, deren jeder durchschnittlich 133° bis 134° Wärme braucht.

Aus diesen Tbatsachen folgt: 1) die Temperatur hat einen direkten Einfluß auf die Entwickelung eines jeden Merithalle; 2) diese Entwickelung wird in Bezug auf ein jedes durch eine fast gleiche Anzahl von Wärme-Graden bewirkt: 3) die Temperatur-Summe ist um so größer, je weniger der Schößling vertikal ist; 4) dieselbe ist um fo größer, je größer die Anzahl der Umläufe ist, welche der Saft machen muß, um bis in den Schößling zu kommen, je größer die Anzahl der durch die vorhergehenden Aeste verursachten Anastomofen (Ausmündungen) ist; 5) die Temperatur wirkt also nicht auf den Schößling selbst, fondern auf den Saft, der ihm Nahrung giebt; und die Entwickelung des Schößlings geht aus der durch die Wärme verursachten Bewegung des Saftes hervor; diese Bewegung bringt, bei gleicher Temperatur, den Saft um so schneller zum Schößling, je kürzer, direkter und freier der Weg ist, den er bis dahin zu durchlaufen hat.

*) Merithalle ist der Theil eines Pflanzenschafts zwischen zwei zunächst liegenden Reihen oder Paaren von Blättern.

Blbe, die Merithallen find von ungleicher Länge; ihre Länge hängt nicht mehr von der durch die Wärme verursachten Erregung ab, fonlern von der Menge des dem Baume gelieferten Saftes. diese aber richtet sich nach dem Maße der Feuchtigkeit des Erdbodens. Hiervon kann man sich leicht überzeugen: bei Regenwetter werden die Merihallen länger, bei trockener Witterung kürzer. Es ist bekannt, daß ein feuchter Sommer eine gute, ein trockener Sommer eine schlechte Heu-Aerndte bringt. Eine ähnliche Untersuchung ist bei der rothen Rübe angestellt worden. Ihre Wurzel hat eben so viele konzentrische Kreise, als ihr Stengel Umläufe von Blättern hat. Wir haben vom April bis Oktober 7 konzentrische Kreise, 7 Umläufe von Blättern und eine Temperatur-Summe von 3618" gezählt; es macht dies etwa 100" auf 1 Merithalle. Was aber die aus der Menge des Safts hervorgehende Anhäufung des Stoffes in der Rübe betrifft, so ist diese nicht mehr von der Wärme abhängig. Vom 1. April bis zum 20. September erlangten die Rüben (die Wurzeln) ein durchschnittliches Gewicht von 750 Grammes; ihr Wachsthum hatte während der Trockenheit des Sommers eine Stockung erlitten; am 25. Oktober wogen sie durchfchnittlich 1 Kilogramm 50 Grammes; die 50 Grammes hatten fie bei trockener Witterung mit 3,108° Wärme, die 300 Grammes bei Regenwetter mit 5100 Wärme erhalten. In einem beständig feuchten Boden stehende rothe Rüben haben mit 3618” Wärme ein Gewicht von 3 Kilogrammes 500 Grammes erlangt. Man muß also die Vergrößerung der Pflanzen nicht mit der Entwickelung ihrer organischen Theile verwechseln. Diese hängt von der Wärme ab, jene ist die Wirkung der Menge und der Güte des Safts. Art. 2. Von dem Blühen der Pflanzen. Das Blühen ist nicht eine nothwendige Phase im Leben der Pflanzen. Erbfen, die man in sehr stark gedüngten Boden gesät, haben Stauden und Blätter getrieben, ohne zum Blühen zu gelangen. In den heißen und feuchten Aequator-Gegenden treibt der Weizen keine Aehren; wegen des Reichthums an Halmen und Blättern baut man ihn nur zur Fütterung. Herr von Humboldt theilt uns mit, daß auf dem Abhange der Cordillere von Vera-Cruz der Anbau von Weizen behufs Gewinnung von Körnern erst auf der Höhe von zwölfhundert bis dreizehnhundert Mètres beginnt. Andererseits baut man den Weizen zur Gewinnung von Körnern auf Isle-de-France fast auf dem Niveau des Meeres, wo die Temperatur im Winter nicht unter 26° ist. Aus diesen Thatsachen, zu denen viele ähnliche hinzugefügt werden könnten, läßt sich folgern, daß das Blühen keine nothwendige Phase im Pflanzenleben ist, und daß diejenige Pflanze, in welcher der Saft sehr reichlich und fortwährend zuströmt, nur Blätter, nicht Blüthen zu treiben im Stande ist. Art. 3. Die Reife des Samens. – Man muß sich zunächst über das, was man unter Reife versteht, verständigen. Die Einen verlangen: der Same soll im Begriff sein, fich von der Pflanze loszumachen; die Anderen meinen: es müffe wenigstens die Fruchthülle vertrocknet und das Samenkorn vollständig hart geworden sein; Andere endlich halten den Samen für reif, wenn er so weit ist, daß er zum Keimen gebracht werden kann. Dies nennt man die botanische Reife. Sie allein bietet einen allgemeinen Charakter dar. Die Zeit der Aerndte ist keineswegs immer die der Reife. Die Olive pflückt man ab, oder man wartet, bis sie vom Baume von selbst abfällt. Die Weinlese findet bei mehr oder weniger vorgerückter Reife der Trauben statt, je nach den Ergebnissen, die man von der Gährung erwartet, je nach der Beschaffenheit des Mostes, je nach dem Geschmack der Konfumenten. In Burgund hält man die Weinlese jetzt später, als in früheren Zeiten. In Bezug auf das Getraide hat Herr Duchartre bewiesen, daß die Samenkörner schon keimfähig sind, wenn ihr Albumen fast noch milchartig ist, daß aber ihre Austrocknung die Fähigkeit zu keimen bedeutend fördert. Versuche, die in Versailles gemacht worden find, haben bewiesen, daß man ohne Nachtheil das Getraide ärndten kann, wenn die Halme oben noch grün sind. Diese genügende Reife ist neun bis dreizehn Tage früher eingetreten, als die Reife, welche die Landleute eine vollständige nennen, und hat eine Temperatur-Summe von wenigstens 245“ geliefert. Ein anderer Umstand, der hindernd in den Weg tritt, wenn man die zur Reife einer Pflanze nöthige Temperatursumme bestimmt angeben will, ist die große Anzahl von Arten, deren jede zu ihrer Reife einen anderen Zeitraum nöthig hat. Ergebnisse.

1) Die auf einander folgenden Phasen des Wachsthums einer Pflanze sind durch die Entwickelung ihrer elementaren Bestandtheile der Merithallen mit ihrem Zubehöre: Stengel, Blättern, Sprofen u.fw, bezeichnet.

2) Die Entwickelung der Merithallen ist bedingt durch eine für dieselbe Pflanzenart und für die ähnlich gelegenen Zweige fast gleiche Temperatursumme.

3) Es kann sich eine unbeschränkte Anzahl von Merithallen mit

4) Diese Anzahl ist verschieden je nach der Beschaffenheit der Klimate und der Jahre. 5) Das Blühen und die Anzahl der von demselben sich entwickelnden, Blätter tragenden Merithallen hängen von verschiedenen Umständen ab, welche den Zufluß des Saftes zu dem Schößling vermindern, oder welche den Saft verdicken. 6) Da die meteorologischen Verhältniffe, welche auf die Beschaffenheit des Saftes einwirken (die Feuchtigkeit des Bodens und der Luft, der Regen, die Winde u. fw) in demselben Klima im Allgemeinen dieselben bleiben, fo erklärt sich, daß die Pflanzen ziemlich um dieselbe Zeit im Jahre blühen, nachdem sie dieselbe Anzahl von Merithallen getrieben, und daß man mithin für ein gegebenes Klima die Temperatursumme, welche das Blühen in diesem Klima herbeibringt, berechnen kann; diese Temperatursumme gilt aber nicht für ein anderes Klima, wo die Anzahl der Merithallen, die sich vor dem Blühen entwickeln, nicht dieselbe ist. 7) Da die Frucht und die Reife Folgen der Blüthe find, so ist die Temperatursumme, welche dieselben hervorbringt, auch verschieden in verschiedenen Klimaten. 8) Da die Aerndtezeit einer Pflanze von Nützlichkeits-Rücksichten abhängt, die nicht immer auf die botanische Reife sich beziehen, so kann dieselbe nicht durch genaue Temperatur-Berechnungen festgestellt werden. 9) Da die Sonnenstrahlung auch in demselben Klima von einem Jahr zum anderen fast dieselbe bleibt, so ändert fie, zur Temperatur der Luft hinzugefügt, nicht das Verhältniß der Temperatursumme; aber fiel verändert daffelbe, wenn das Klima nicht daffelbe ist. Diese der Temperatur der Luft hinzugefügte Wärme darf nicht außer Acht gelaffen werden, wenn es fich darum handelt, zu bestimmen, ob eine Pflanze in einer gegebenen Gegend angebaut werden könne.

England.

Literatur-Briefe aus England. Eilft er Monats-Bericht. 1855 - (Fortsetzung.)

Die plebeje Tottenham-Court-Road hat zwei Stellen, wo fast immerwährend Equipagen halten und instinktmäßig fast jeder Omnibus von felbst fill steht, weil immer eine oder mehrere Damen vor „Schoolbread“ aussteigen. Schoolbread, der Londoner „Gerson“, ist ein Detailgeschäft mit allerhand Schnittwaaren, Teppichen u. f.w, wo man heute die vollständige Ausmöblierung und Ausschmückung eines Hauses bestellt, wenn man morgen hineinziehen will. Der „Laden“ besteht aus einer Menge geradliniger Längen- und Querstraßen, deren Ende man nicht vom Anfange ausfehen kann. Jede Straße ist eine ununterbrochene Linie von Ladentischen mit Festungen von Stoffen dahinter und unabsehbaren Reihen von Gas-Kronenleuchtern, mit dreihundert Ladendienern, die in einem eigenen Phalanfière mit Bibliothek, Bädern und anderen Beaquemlichkeiten wohnen. Jedenfalls das größte Ungeheuer von Detailgeschäft in der ganzen Welt. Nicht weit davon fehen wir einen neuen Pracht-Palast von drei Etagen großer, ganzer, nicht etwa zufammengesetzter Spiegelscheiben, fchöner als Carlton-Clubhouse: „Heal and Son. Bedding" Bettengeschäft! Die wahrhaft architektonisch schöne Front ist aber das Wenigste. Das Geschäft zieht sich im Innern etwa vierhundert Schritt lang bis zur nächsten Parallelstraße dahinter mit Himmelbetten, vor denen man alle drei Himmel vergeffen könnte, mit eisernen, vergoldeten Holzarmen, geschnitzten Bettstellen, Matratzen, gußeisernen Wiegen wie Spinnengewebe, Himalajahs von Decken und Federbetten! Ja, das ist eine neue Revolution. Federbetten? Früher hätte der wirkliche, engere Engländer lieber hinter dem Zaune geschlafen, als in einem Federbett.“) Jetzt muß jedes höhere, fashionable, neue Paar feine Federbetten haben mit Bettstellen, in denen man sich nicht mehr rings herum in jeder Richtung legen kann, da fie nicht mehr Quadrate, fondern lange Vierecke bilden.

Alle diese und ähnliche Reformen, deren Aeußerlichkeiten und Oberflächen ich als das Nächste und Bequemste von Merkmalen innerer Wandelungen angegeben habe, laffen eben auf eine ganz besonders regfame und vielseitige innere Emancipation und geistige Erweiterung schließen. Die sehr bedeutenden Lehren, welche der Krieg und defen monopolisierte Verwaltung unter der Diktatur Napoleon’s den Engländern predigt und praktisch einschärft, dürfen dabei nicht übersehen werden, obwohl wir uns hier nicht darauf einlaffen. Im Ganzen und Großen find es die Reifen und der lebendige, rasche, maffenhafte Wechselverkehr mit anderen Nationen, die anfäffigen Ausländer in London und allen großen Städten Englands, deren Production, geistige, künstlerische und technische Ueberlegenheit, die regelmäßige, wohlfeile und schnelle Zugänglichkeit aller Theile der Erde von diesem „Mittelpunkte“ aus und von ersteren in letzteren, welche London und mittelbar ganz

*) Dies ist nicht ganz richtig. Die Engländer schliefen schon längst in

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