Billeder på siden
PDF
[ocr errors][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small][merged small]

Mord: VImerika.

Dr. Kane's Bericht über feine Entdeckungen in der Polar-Region.*)

Die letzte der Expeditionen zur Aufsuchung Sir John Franklin's ist im vorigen Monat glücklich zurückgekehrt. Dr. Kane, der fiebefehligte, hatte am 31. Mai 1853 auf der Brigg „Advance“ mit einer kleinen, aber auserwählten Mannschaft den Hafen von New-York verlaffen. Der offizielle Bericht, welchen er dem amerikanischen Marine-Secretair über das Ergebniß derselben überschickte, lautet folgendermaßen: „Unsere kleine Gesellschaft ist gesund und wohlbehalten zurückgekehrt. Wir erreichten die dänische Niederlaffung Upernavik am 6. August nach einer beschwerlichen Reise von 1300 Meilen. Während dieser Reife, die wir abwechselnd in Böten auf dem Waffer und in Schlitten über das Eis machten, ernährten wir uns ausschließlich von der Beute unserer Flinten. Wir brachten 84 Tage unter freiem Himmel zu, bevor wir den genannten Hafen erreichten. „Ich habe die Ehre, Ihnen hiermit einen in der Eil entworfenen Umriß unserer Operationen und der Ergebnisse derselben vorzulegen, dem bald ausführlichere Mittheilungen folgen sollen. Meine früheren Depeschen meldeten dem Departement unsere Ankunft in den nördlichen Niederlaffungen von Grönland. Von da feuerte ich quer durch die Melville-Bai und erreichte am 5. August 1853 Smith-Sund ohne den geringsten Unfall. Ich fand Kap Hatherton, wo ich ein Wahrzeichen zu errichten beabsichtigte, durch die weiter vorragende Spitze der Littleton-Insel vom Sund ausgeschloffen, und wählte daher den letzteren Ort für mein Cairn (ein kegelförmiger Steinhaufen), auf den ich eine Flagge befestigte und Depeschen deponierte. Gegen Norden zeigte sich ein schwimmendes Eisfeld von der schwersten Art; an einzelnen Stellen waren die Schollen zu 60 Fuß hohen Barrikaden aufgethürmt. Meine Versuche, durch dieses Feld zu dringen, blieben fruchtlos; ich wurde zurückgetrieben und beinahe ganz vom Treibeis eingefchloffen. Ich entschloß mich daher, da mir kein anderer Ausweg zur Fortsetzung der Aufsuchung blieb, die Küste entlang, wo die starke Ebbe und Fluth (die hier 12 bis 16 Fuß steigt und fällt) einen fchmalen eisfreien Kanal gebildet hatte, die Durchfahrt zu versuchen. Bevor ich diesen gewagten Schritt that, ließ ich an einer großen Bucht unter 78° 26“ nördl. Br. einen Vorrath von Lebensmitteln und ein Rettungsboot forgfältig verbergen. „Der außerordentlich starke Bau der „Advance“ machte es möglich, diese gefahrvolle Fahrt zu überstehen. Obschon das Fahrzeug zur Ebbezeit immer auf den Grund zu liegen kam und durch den starken Druck des Eises von außen zweimal umschlug, kam es doch ohne ernstliche Beschädigung davon. Nachdem wir uns einen Monat lang unaufhörlich so fortgearbeitet hatten, jeden Tag durch einen kleinen Fortschritt zu neuen Anstrengungen angefeuert, umschloß uns endlich das neue Eis fo fest, daß ein weiteres Vordringen zur Unmöglichkeit wurde. Mit Schwierigkeit fanden wir am inneren Ende einer Bai, die sich unter 78° 54“ nördl. Br. von der Küste einbiegt, einen Zufluchtsort für den Winter. Am 10. September schleppten wir unsere hart mitgenommene kleine Brigg in diese Bai. Dieser Platz bildete den Mittelpunkt, von dem die Erforschungszüge meiner Gesellschaft ausgingen. „Der Winter war von bisher unerhörter Strenge. Whisky begann schon im November zu frieren, und das Quecksilber blieb beinahe vier Monate lang fest. Nach den eilf Weingeist-Thermometern, deren wir uns bedienten, fank die Temperatur auf fechzig bis fünfundsiebzig Grad – noch nicht reduziert – und die mittlere Jahrestemperatur war 5,2 Grad Fahrenheit, die niedrigste, welche bis jetzt aufgezeichnet wurde. Diese außerordentliche Kälte und die hundertzwanzig Tage lange Abwesenheit der Sonne erzeugte eine unbekannte, aber tödtliche Form von Starrkrampf (Tetanus). Dr. Hayes, der Chirurg der Expedition, hatte durch seine Anstrengungen den Skorbut glücklich bekämpft; diese fürchterliche Neigung zu tonischen Krämpfen vereitelte - *) Nach der „Neuen Zeit“ von New-York.

jedoch unsere vereinten Bemühungen. Das Uebel ergriff auch unsere Hunde, von denen fiebenundfunfzig daran zu Grunde gingen; meine Schlitten-Organisation wurde dadurch vollständig aufgelöst. „Die Erforschungs-Operationen wurden unter außerordentlichen Strapazen und Entbehrungen ausgeführt. Bis zum 24. November arbeiteten wir mit unseren Schlitten und begannen im März unsere Fahrten aufs neue. Viele dieser Fahrten wurden in der Dunkelheit und bei einer Temperatur von funfzig Grad unter Null gemacht. Die frühere Winterfahrt hatte ich persönlich geleitet, aber mit Hülfe eines Gespannes von zwei Hunden und durch die eifrige Mitwirkung meiner Offiziere waren wir in den Stand gesetzt, die einzelnen Partieen abzulöfen, wenn fiel erschöpft waren. In dieser Weise wurde die Durchsuchung der Gegend bis zum 12. Juli fortgesetzt. Man glaubt, daß keine der früheren Expeditionspartieen fo lange im Felde war. Die Herren Brooks, M'Geary, Bonfall, Hayes und Morton haben nach einander zu dem allgemeinen Resultat beigetragen. Die Mannschaft arbeitete mit Ausdauer und Treue. „Ich gebe hiermit eine kurze Beschreibung der Erforschungen unferer Gesellschaft. „Smith's Sund wurde feiner ganzen Länge nach untersucht und vermeffen. Er läuft gegen Nordosten in einen Golf aus, defen langer Durchmesser 110 Meilen ist. Die grönländische Küste wurde bis an die nördliche Fronte verfolgt, die beinahe gerade von Osten nach Westen läuft (O. 17"N). Vom weiteren Vordringen gegen das Atlantische Meer hielt uns ein Gletscher ab, der jeder zukünftigen Erforschung eine unübersteigliche Schranke entgegensetzt. Diese faunenswerthe Eismaffe erhebt sich unter dem 60° westl. L. Er fällt in die Richtung der Are der Halbinsel und ist wahrscheinlich das einzige Hinderniß der Lostrennung Grönlands vom Kontinent(?). Er erhebt sich 300 Fuß in senkrechter Front, und feine Basis wurde auf eine Strecke von 80 Meilen in einem einzigen ungebrochenen Abhange verfolgt. Dieser Gletscher erstreckt sich in fast gerader Richtung nach

Norden und hält durch ein eisiges Band die kontinentalen Maffen von Grönland und Amerika zusammen. Das Vorhandensein dieses Glets rklärt den Charakter des oberen Smith-Sundes, der beständ t Eis bedeckt ist, das häufige Vorkommen von Eisbergen

daselbst und die Strenge des dortigen Klimas. Das Schauspiel, welches er darbietet, ist eines von der erhabensten Schönheit. Das Land, in welches sich dieser Gletscher nach Norden zu verliert, wurde „Washington“ genannt, und der Bai, welche es von Grönland trennt, habe ich den Namen des Herrn Peabody beigelegt. „Ein großer Kanal, der an der westlichen Krümmung der Peabody-Bai (80° 12“ nördl. Br.) beginnt, bildet die interessanteste geographische Entdeckung, die wir auf unserer Reife machten. Dieser Kanal dehnt sich nordwärts in eine offene eisfreie Fläche aus, die einen bedeutenden Reichthum an animalischem Leben zeigt und alle Charaktere eines offenen Polarmeeres trägt. Eine eisfreie Oberfläche von 3000 Quadrat-Meilen mit einem gleichfalls freien nördlichen Horizont wurde von verschiedenen Erhöhungen aus gesehen, und ein Nordwind von 52stündiger Dauer brachte kein Treibeis in diese Wafferfläche. „Mit schmerzlichem Gefühle melde ich dem Departement, daß ich nicht im Stande war, diese Gewäffer zu befahren. Eine 125 Meilen lange Eismäffe, deren Oberfläche so uneben ist, daß man kein Boot darüber transportieren kann, trennt sie von der nächsten füdlichen Zufahrt. Meine persönlichen Anstrengungen im April und Mai, eines der kleinsten Kautschuk-Böte dem Kanal auf 90 Meilen in die Nähe zu bringen, schlugen fehl. Meine Begleiter, so wie ich selbst, waren erschöpft; vier derselben mußten sich die Zehen abnehmen laffen, die erfroren waren; fast Alle litten am Skorbut, und die Jahreszeit, war fo weit vorgerückt, daß eine neue Reife unmöglich war. Nördlich vom 81" 17“ wurden die Ufer des Kanals feil und fo uneben, daß man sie auch mit dem Schlitten nicht mehr passieren konnte. William Morton, der mit einem Eskimo und einem von Hunden gezogenen Schlitten diese Stelle erreicht hatte, drang zu Fuße weiter vor, bis ein mauerähnliches Vorgebirge, das von einer heftigen Brandung bespült war, feinem Fortschritte ein unübersteigliches Hinderniß darbot.

[graphic]
[graphic]
[graphic]

„An den westlichen Küsten dieses Meeres hatte ich vorzüglich Spuren der wackeren Märtyrer zu finden gehofft, deren Auffuchung diese Expedition bezweckte. Die verdienstvollen Bemühungen Dr. Rae's –

die ich erst jetzt erfuhr – würden der Fahrt einen rein geographi

fchen Werth gegeben haben. Wenn ich den Zustand meiner Gesellfchaft genau überlege, so muß ich das Fehlschlagen unserer Einschiffung für eine Fügung der Vorsehung halten. „Das Land, welches nördlich und westlich von diesem Meere bespült wird, wurde bis 82° 30“ nördl. Br. und 76° westl. L. aufgenommen. Es ist das nächste Land am Nordpol, das bis jetzt entdeckt wurde, und trägt den Namen des verehrten Herrn Grinnell. „Als die Jahreszeit weiter vorrückte, wurde es uns zur Gewißheit, daß unsere Brigg nicht wieder frei werde. In unserem eigentliches Hafen zeigten sich nur wenige Spuren vom Aufbrechen des Eises, und an den Sund dehnte sich eine ununterbrochene Eisfläche hin. Es war bereits zu spät, um in den Böten einen Ausweg zu fuchen, es gebrach uns an Brennmaterial, und unsere Lebensmittel waren wohl reichlich, aber nicht geeignet, uns vor dem Skorbut zu schützen. Unter solchen Umständen machte ich mich mit fünf Freiwilligen auf den Weg, um, wo möglich, die Mündung des Lancaster-Sunds zu erreichen, wo ich mit den britischen Expeditionen zusammenzutreffen und dann meinen Gefährten Unterstützung bringen zu können hoffte. Auf diesem Wege kreuzten wir die nördlichste Route von William Baffin; da wir aber fanden, daß sich von Jones-Sund bis zur Hakluyt-Insel eine festgeschloffene Eismaffe erstreckte, kehrten wir wieder um und erreichten mit großer Anstrengung unsere Brigg. „Im zweiten Winter hatten wir außerordentlich schwere Prüfungen auszuhalten. Wir waren genöthigt, das Leben der Eskimos zu führen, uns unter Moosdecken zu vergraben, Lampen zu brennen und das rohe Fleisch von Wallroffen und Bären zu effen. Einmal waren alle Mitglieder der Expedition, Herrn Bonfall und mich felbst ausgenommen, am Skorbut krank und nicht im Stande, von der Bank auf zustehen. Unsere Rettung haben wir allein der systematisch organisierten Jagd und den Hunden zu verdanken, mit deren Hülfe wir uns von den Eskimos, deren nächste Niederlaffung fiebzig Meilen von unserem Hafen entfernt war, Wallroßfleisch verschafften. Mit diesen Eskimos – einer höchst intereffanten Raçe – fchloffen wir ein werthvolles Bündniß, theilten uns gegenseitig von unseren Vorräthen mit und halfen einander in jeder Beziehung freundlich aus. Man durfte ihnen nie ganz trauen, aber durch ein aus Güte und Strenge gemischtes Benehmen verschafften wir uns von ihrer Seite fehr wesentliche Dienste. „Ich habe den Verlust von dreien meiner Kameraden zu melden. Zwei dieser braven Leute, die in der Erfüllung ihrer Pflichten umkamen, der Zimmermann Christian Ohlsen und Jefferson Baker, farben am Starrkrampf, der Dritte, Peter Schubert, an einem Absceß, der durch die Amputation '' Füße erzeugt wurde. Herr Ohlfen war mein persönlicher Freund und Rathgeber; er hatte während meiner Abwesenheit auf den Schlittentouren den Befehl über die B „In der Ueberzeugung, daß uns ein dritter Winterd kosten würde und wir zu vollständig vom Eise eingeschloff als daß uns eine Expedition vom Sunde aus noch diesen Sommer befreien könnte, gab ich die „Advance“ am 7. Mai auf und begann einen Zug nach Süden. Die Kranken – vier an der Zahl – wurden von unserem Hundeschlitten gefahren. Ich mußte meine naturhistorische Sammlung preisgeben, rettete aber die Dokumente der Expedition. Die Organisation dieses Zuges wurde reiflich überlegt und fo eingerichtet, daß wir auf dem Eife wie auf dem Waffer vorwärts kommen konnten. Die Transportmittel befanden aus Böten, die wir auf ein Schlittengestell befestigten, und aus kleineren Schlitten, die bei schwierigen Stellen aushelfen mußten. Mit Ausnahme verminderter Rationen von pulverisiertem Brod und Talg hatten wir keine Nahrung als die Beute unserer Jagd. Eine kleine Reserve von Borden's Fleisch-Zwieback wurde für außerordentliche Fälle aufbewahrt. Unsere Kleider bestanden ausschließlich aus Pelzwerk, und an den Füßen trugen wir Filzschuhe. „Die größte Anstrengung kostete uns der Weg über den ausgedehnten Eisgürtel, der zwischen der Brigg und dem nächsten füdlichen Gewäffer lag. Obschon dieser Gürtel in gerader Linie nur einundachtzig Meilen breit war, so war der Transport über die rauhen Eismaffen doch so schwierig, daß er uns einunddreißig Tage harter Arbeit und einen Weg von dreihundertsechzehn Meilen kostete. Vom Kap Alexander an fetzten wir die Reise in den Böten fort, hatten aber gelegentlich am Fuße von Gletschern kurze Strecken auf dem Eife zurückzulegen. Am Kap York errichtete ich ein „Cairn“ mit einem Wimpel und Depeschen zur Information von Fahrzeugen, welche die Melville-Bai durchkreuzen, und schiffte mich dann, nachdem ich mein unbenutztes Boot zum Verbrennen zertrümmert hatte, nach den nordgrönländischen Niederlaffungen ein. Am 6. August (wie schon oben bemerkt) trafen wir ohne Unfall in bester Gesundheit und Stimmung in Upernavik ein. Während dieser ganzen Reise benahmen sich meine Ge

fährten mit bewunderungswürdigem Heldenmuth. Ich würde ungerecht gegen fiel sein, wenn ich unterließe, ihre Anhänglichkeit zu mir selbst und ihr wackeres Betragen in Zeiten der Entbehrung und Gefahr anzuerkennen.

„Die gegenwärtige Saison gilt für beinahe eben so streng als die vorhergehenden. Das Eis hat im Norden eine furchtbare Ausdehnung, und es ist eine wunderbare Fügung, daß das neue Aufsuchungsgeschwader dem Einfrieren entging. Das rasche Vorrücken des Winters hatte es schon mit einer Decke von neuem Eife umgeben, und ohne die Gewalt des Dampfers und die außerordentlichen Anstrengungen Capitain Hartstein's wäre es unvermeidlich festgefroren. Nicht allein der Smith-, sondern auch der Jones- und Lancaster-Sund waren von undurchdringlichen Eisfeldern gesperrt, allein trotz dieser Hindernisse gelang es dem Geschwader, durch Forcierung des mittleren Eises die Baffins-Bai ganz zu umschiffen und die dänischen Niederlaffungen zu erreichen.“

[merged small][ocr errors]

G. H. v. Schubert, welcher früher den Aussagen der Somnambulen vertraute, bereut es, auf das Vogelgeschrei phantastischer Visionen, auf die Orakelsprüche unserer modernen Pythien und Kaffandren mit abergläubiger Hingebung geachtet und die Gefahren nicht erkannt zu haben, die unseren Forschungen im Nachtgebiete der magischen Zustände und Erscheinungen auf jedem Schritte begegnen. Er warnt vor der Stimme des wahrsagenden Geistes, die, wie aus Merlin's Grabe, fich aus dem Holze des Tisches vernehmen läßt, und die nicht durch hörbare Worte, aber durch Schrift und Zeichen dem Fragenden Antwort ertheilt Echt mittelalterlich ist es ihm, nicht das Echo der eigenen Seele, welches die Orakelsprüche ertheilt, sondern ein fremder Geist, der mit dem Menschen fein Spiel treibt. Wären aber auch die Geister, die aus den Tischen sprechen, wahrhaftere Bezeugungs-Geister, welche, wie die wahrsagende Magd zu Philippi dem Paulo, dem Menschen allenthalben nachfolgten und entgegenträten, wo er mit den Kräften seiner inneren Natur in ihr heimatliches Element hinaustritt; so müßte, meint er, uns dennoch ihr Zeugniß, wie dem Apostel, ein wehethuendes fein, denn es käme aus einer Quelle, deren Waffer für unseren Geist kein Waffer des Lebens, sondern voll betäubender, schädlicher Kräfte fei.

So ist es mit dem Beweise des Ueberirdischen der Erscheinung aus dem Inhalte ihrer Mittheilungen fehr mißlich, und jener Lug und Trug, welcher die Wahrheit bei weitem überwiegt, wahrlich nicht geeignet, uns die Ueberzeugung aufzudringen, fiel könnten nur einem „Reiche des Lichtes“ ihre Entstehung verdanken. Es wurde auch von den Geistern weder eine wichtige Entdeckung gemacht, noch ein NaturGesetz verrathen, noch etwas tief Verborgenes erforscht, und als Luther auf die Wartburg gebracht worden war und Katholiken und Lutheraner gleich eifrig danach strebten, den Aufenthalts-Ort des räthfelhaft Verschwundenen zu erforschen, blieben, wie Lercheimer erzählt, alle gefragten Geister fumm, oder logen. Selbst die Fälle, wo die vermeintlichen Geister etwas verrathen haben sollen, was sie allein gewußt, Thaten, die sie verrichtet, und wo die aufgefundenen Gegenstände den Beweis für die Wahrheit der Aussage liefern sollen, Geschichten, die wir ebenfalls zweitausend Jahre zurück verfolgen können, haben für die Existenz der Geister kein Gewicht. Oft genug zeigte sich bei näherer Nachforschung die ganze Aussage der Geister als Trug, und mir find selbst zwei Geisterspuke der neuesten Zeit bekannt, wo in beiden die von dem Geiste erzählte Geschichte kein wahres Wort enthielt. Aber auch da, wo die nach der Angabe des Geistes aufgefundenen Papiere oder Knochen den unumstößlichen Beweis der Wahrheit der Geister-Aussage liefern sollten, führt uns ein einfacher Weg auf eine natürliche psychologische Deutung des Problems. Wie im Schlafe ein unklarer Sinnenreiz eine ganze Reihe von Traumbildern hervorruft, so werden auch die unklaren, nicht ins Bewußtsein gelangenden Reizungen des inneren Sinnes die Veranlaffung zur Schaffung einer Reihe von Phantasie-Bildern, welche in gewissen Fällen eben so deutlich außer uns empfunden werden, wie im lebhaften Traume. Daß aber z. B. vergrabene Knochen, Leichname, auf gewisse Menschen einen Eindruck machen, zeigt uns die bekannte Geschichte in Pfeffel's Garten zu Colmar, der Versuche des Herrn v. Reichenbach nicht zu gedenken.

Aber die Geister fagen es doch felbst, daß fiel die Seelen Verstorbener feien, daß fiel um uns herumschweben, von uns genöthigt erfcheinen, uns als Schutzgeister dienen. Das Zeugniß in der eigenen Sache will nun aber nicht viel. bedeuten. So wenig es für uns ein Beweis für die wirkliche Existenz Brahma's ist, daß Tausende von Brahminen in ihren Verzückungen Brahma gesehen haben, und er fich ihnen als solcher offenbart hat; so wenig wir deshalb glauben, es existiere Apoll, weil er jenem Römer aufträgt, eine Ode auf ihn zu dichten, und ihm selbst den Anfang diktiert, oder die Nymphe Egeria, weil Numa Pompilius von ihr belehrt wird; fo wenig wir deshalb an die persönliche Existenz des Teufels glauben, weil Luther mit ihm manche Kämpfe bestanden, aus denen er mit sichtbaren Spuren an feinem Leibe hervorgegangen, und Tausende von Menschen mit der höllischen Majestät verkehrt: eben so wenig haben wir Grund, deshalb an die Realität der Geister zu glauben, weil fiel fich für solche ausgeben. Räumt man einer Erscheinung Realität ein, fo hat man keinen Grund, fiel der anderen abzusprechen; find unsere modernen Geister die Seelen Verstorbenen, so ist auch der Teufel eine Wahrheit, so ist auch die Blocksbergfarth, der Vampyrismus und die Lykanthropie eine Wahrheit. Die Geister sind aber überall nur da, wo man an fie glaubt. Zeugniß gegen Zeugniß! Meine Somnambulen haben mir ihre Erscheinungen von Geistern als Produkte ihres eigenen Seelenlebens bezeichnet, und bei meinen sehr gelungenen trapezomantischen Versuchen hat sich nie etwas Geisterhaftes eingemengt, so wenig wie bei denen des Grafen Szapary. Hier bezeichnete sich der Sprecher als Geist, dort als Naturkraft, am dritten Orte als Nervenfluidum, am vierten als Magnetismus, am fünften als Feuer. Die Geister find ja aber auch gesehen worden, und jene Taufende verbürgter Geschichten, wo Personen im Momente des Todes ihren Angehörigen und Freunden, oft gleichzeitig mehreren, erschienen, laffen doch an der Existenz einer Geisterwelt keinen Zweifel! – Nichts ist im Gegentheil mehr geeignet, den Beweis zu liefern, daß alle Vifionen fubjektive find, als eben die Erscheinung Verstorbener. Bald erscheint der Geist als Wölkchen, bald als Wolke, bald dunkel, bald hell, bald dicht, bald durchsichtig, meist hat er zierliche Toilette gemacht, nach Zeitalter und Herkommen verschieden. Antike Geister erfcheinen mit Waffen und Schmuck ihrer Zeit, die Geister des Mittelalters meist als Mönch oder Nonne, oder in der Tracht ihrer Zeit, und die modernen in weißen Sterbelaken oder in ihren Alltagskleidern. Ja, wenn Marfilius Ficinus, laut gemachtem Vertrage, dem Michael Mercatus in feiner Todesstunde erscheint und ihm zuruft: O Michael, Michael, vera sunt illa! so erregt es doch unser gerechtes Bedenken, daß der Geist zu Pferde einhersprengt. Wie kömmt es, daß nicht ein Geist aussieht wie der andere? Wäre das Bild unseres sterbenden Freundes, wie es vor unser leibliches Auge tritt, wirklich eine Realität, woher die Kleidung, die Waffen, die Pferde? Wenn daher Ennemofer alle Geister-Erscheinungen für subjektive Gebilde hält, aber meint: „Wenn die Gestalt eines Abwesenden in wichtigen Momenten einem Anderen leibhaft erscheint, und zwar in dem Zustande, worin fich jener eben befindet, wohin z. B. das nicht seltene Erscheinen von Sterbenden gehört, fo hat das Phantasiebild objektive Wahrheit“; so ist das eine arge Inkonsequenz. Wenn dagegen Lillpopp behauptet, daß das in plastischen Formen thätige Gefühls-Vermögen den Eindruck von einem wirklichen Geiste objektivire und ihn unter der höchst möglichen Form darstelle, und da dies die menschliche Gestalt sei, so erschienen auch Gott und die Engel uns in menschlicher Gestalt; fo muß ich entgegnen, daß ich zwar an eine Wechselwirkung menschlicher Geister im Erdenleben glaube und auch die Erscheinungen der Seelen im Momente des Todes dadurch erkläre, aber nirgends einen Beweis dafür finden kann, daß jene geistige Wechselwirkung über das „Diefseits hinausgehe. Selbst das gleichzeitige Schauen. Mehrerer wird uns kein Beweis für die Objektivität der Erscheinung, da bei allen Ekstasen eine Uebertragung gleicher Seelenstimmungen stattfindet. Man hat weit mehr Ursache, sich darüber zu wundern, daß im Hause der Frau Hauff unter Kerner's Leitung sich ein Mensch den magischen Einflüffen entziehen konnte, als daß einige der Geisterseherin Nahestehende mit anfingen, Geister zu sehen. Mehr als alles Andere foll aber jenes zauberische Einwirken auf fremde Materien den Beweis für ein uns umschwebendes Geisterreich liefern. Da sind es jene Bewegungen von Gegenständen ohne fichtbaren Anstoß, wie sie von je her hier und da beobachtet wurden, wie fie das Mittelalter bei seinen Besessenen und Heiligen, Kerner bei feiner Frau Hauff wahrnahm und die amerikanischen Spiritualisten in ihren Zirkeln fich oft wiederholen fahen; jene unheimlichen Töne, das Pochen, das seit Hiob als Geisterklopfen galt, das Werfen, Schlürfen, Heulen, Raffeln, das fich seit Arthemidorus bis in die neueste Zeit in manchen Gebäuden wohl hören, aber nicht ergründen ließ, welches Luther auf der Wartburg, den Pfarrherrn Stipz zu Torgau, den Archidiaconus Günther zu Naumburg, als er noch in Ungarn war, und die Humboldtschen Aeltern in Tegel beunruhigte; jene fichtbaren Spuren, welche die Geister an den Körpern der von ihnen Gequälten hinterließen, wie bei Luther und dem Profeffor Schuppert in Gießen; jene Schriftproben, die, ohne sichtbare Hülfe auf das Papier hingeworfen, an das mene menetekel upharsin erinnern; jenes Schweben der Menfchen über der Erde und ihr Erheben in die Luft, wie es bei Heiligen, Beeffenen und Hexen öfter vorkam, wie es Kerner beobachtete, und wie es auch bei den amerikanischen Spiritualisten öfter gesehen wurde, dieser Prototyp alles Fliegens, aller Himmel- und Höllenfahrten; da

[graphic]

find es, fagen wir, diese Erscheinungen, welche man, da sie durch eine physische Wirkung im Dieffeits nicht erklärbar schienen, seit Jahrtaufenden nur auf transcendentem Wege erklären zu können glaubte, obfchon es bei weitem weniger denkbar ist, daß immaterielle Geister in fremder Materie Veränderungen hervorrufen, als das psychische mit der Materie verbundene Kräfte auf andere Materie und ihre Kräfte wirken sollen. Es wäre dieses Klopfen und Pochen, dieses Werfen, dieses Zerschlagen der Töpfe und Fensterscheiben, das Umwerfen von Tischen und Stühlen, das Lauten von Glocken, das Spielen musikalischer Instrumente doch eine gar zu prosaische und lächerliche Art für ätherische Wesen, und wenn ein fehr geachteter amerikanischer Schriftsteller meint, es geschehen jene Manifestationen nur deshalb, um den Menschen den Beweis für die Wahrheit einer zweiten Existenz zu liefern: so müffen wir gestehen, daß wir uns von einem Geisterreiche doch ganz anderer Mittheilungen versehen würden, wenn es darauf ankäme, einen Beweis feiner Existenz zu liefern, als jene täppischen Neckereien. Wenn aber viele Vertreter exakter Wiffenschaft die Wahrheit der Erscheinung leugnen, weil fiel ihren Naturgesetzen zu widersprechen fcheint, so mögen sie doch bedenken, daß der Mensch, ihrer eigenen Ansicht nach, die Combination aller telluren Kräfte ist, deren Resultat eben die Herstellung des fichtbaren Organismus und des mit ihm eng verbundenen selbstbewußten Geistes ist; bedenken, daß jede Kraft dadurch fich als solche dokumentiert, daß sie auf fremde Materie hinauswirkt (Anziehung und Abstoßung) und daß, wenn zwei Kräfte kombiniert werden, jede die andere abändert (Schwere und Magnetismus, Elektrizität und Magnetismus, Licht und Chemismus), ja, wenn zwei Kräfte (Materien) zusammen wirken, ein vollkommen Neues und Drittes entsteht, was mit beiden Elementen nichts mehr gemein hat (chemischer Prozeß), endlich bedenken, daß der Menschengeist keine blos ungreifbare Idealität, sondern eben die reale Kraft-Aeußerung des Organismus selbst, bei jeder Wirkung seiner Materie betheiligt, fich nie ruhend verhalten kann, daß er durch jede materielle Thätigkeit in Mitleidenschaft versetzt wird, daß er, wie jede andere Kraft, polarisch thätig fein muß: dann werden sie viele Anknüpfungspunkte für eine phyfische Erklärung jener bisher unerklärten Phänomene erhalten. Wenn wir dieselben aber auch nicht bis in ihre feinste Regung verfolgen können, so wenig, als wir wissen, wie der Wille auf den Muskel wirkt, so ist doch die Möglichkeit für ihre naturgemäße Deutung gefunden und der Weg für das Experiment angebahnt. Die Geister, welche heute mit uns aus den fomnambulen Tischen reden, die Geister, welche sich klopfend vernehmen laffen und Zeichen thun, find keine anderen, als die sich früher aus den Orakeln und Sybillen, später aus den Verzückten und Befeffenen hören ließen, heutzutage aus den Somnambulen und Clairvoyanten sprechen und leider auch zu ihrer Zeit Tausende unglücklicher Opfer zum Scheiterhaufen führten; überall aber war es der eigene Geist, welcher aus feiner Tiefe. Manches hervorholte, was einmal als Wahrheit erprobt, das andere Mal als neckender Trug verbannt wurde. Nie aber waren es Boten aus einem jenseitigen Geisterreiche, welche, „unter dem Anscheine des Ernstes und der anständigen Zucht ihren lügenhaften Scherz und Trug mit den Seelen der Menschen treiben“ und „jetzt in fchmeichelnder, schönthuender Weise nicht mehr das äußerlich leibliche, sondern das geistige Verderben des Menschen suchen.“ Wer dieser inneren Stimme Glauben schenkt, der wird fich nur allzu oft täuschen, aber von „Zaubereisünden“ ist deshalb nicht die Rede, denn das Reich des Teufels und der Dämonen ist längst verschwunden, um nie wieder zu erstehen; von dem aber, der dem Grunde dieser Erscheinungen in der Tiefe des eigenen Geistes nachspürt, wird man mit Moses nicht sagen dürfen, daß er „dem Herrn ein Gräuel“ fei, und unsere Modernen werden von ihm mit Unrecht behaupten, daß er „umnebelten Geistes“ sei. Denn der dämonische Scherz, welchen die Klopfgeister mit uns treiben, ist kein Zeichen, daß die Mächte der Finsterniß, bereit zum Hervorbrechen, uns nahen, und daß dem Menschengeschlechte eine Nacht hereinzubrechen drohe, „in deren Dunkel ein Reich der kräftigen Irrthümer, der falschen Wunder und der dämonischen Mächte zur Erscheinung käme, deren Werk die Gräuel der Unsauberkeit, des Menschenmordes und des allgemeinen Elends fei“: nein! die Klopfarbeit ist die Arbeit des eigenen Geistes, welche uns zu einer ungeahnten Tiefe der eigenen inneren Natur hinführt und uns Kräfte ahnen läßt, mit denen wir unbewußt hinauswirken auf die uns umgebende Natur, Kräfte, deren nähere Kenntniß uns Aufklärungen verspricht über eine Reihe von Erscheinungen, die man nicht hinwegdisputieren konnte und an die man doch nur fcheuen Blickes herantrat, weil man fürchtete, sie mit einer vernünftigen Naturforschung nicht bewältigen zu können. Jetzt sinken die Schranken, welche unseren Forfchungen Gränzen zu setzen schienen, und während wir uns überzeugen, daß Alles das, was man von je für „jenseitig“ gehalten hat, eine genügende Erklärung im Dieffeits findet, verschwindet aller Aberglaube, und während die Erscheinung und die Prophetie Sache des Experiments wird, gestaltet sich die Theorie der „Geisterkunde“ zu einem Kapitel der Psychologie um. In der alten Wildniß des Aberglaubens erblüht jetzt die Blume der unsterblichen Vernunft, und mit der Ergründung der physischen Weltordnung tritt uns auch die moralische Weltordnung in ein neues Licht. Mit rasender Eil nähert sich die Welt einer Zeit des Ueberganges. Das Alte ist vergangen, und es strebt Alles neu zu werden, aber in dem Strudel fich überstürzender Neuerungen verliere der Mensch fich selbst nicht aus den Augen, denn nur dann, wenn er fein eigenstes Ich zu ergründen strebt, kann er unbefangen und klaren Blickes aus fich herausschauen. Man hat den Spiritualismus fich selbst überlaffen. Die Führer der exakten Wiffenschaften, zu stolz, um zu prüfen, im Hochgefühle des bereits Erkannten und Durchforschten, leugneten Erscheinungen, die fich im ersten Augenblicke den physischen Gesetzen zu entziehen schienen und die fich etwas unbequeyn an fie herandrängten; Andere glaubten die Sache abgemacht, wenn fiel von Sinnestäuschungen, Leichtgläubigkeit und Aberglauben sprachen; noch Andere scheuten fich vor der Anerkennung der Phänomene, welche zu Folgerungen zu führen schienen, die sie einzugestehen nicht wagten, und die Feigheit der Wiffenschaft, und fast diese allein, nöthigte das Volk, nach dem Uebernatürlichen zu greifen. Die ultima Thule menschlichen Wiffens ist noch nicht erreicht; die Kräfte, welche die Natur-Wiffenschaften bis jetzt erkennen, find nicht die einzigen, und der Mensch, welcher in feinem Organismus eine Wesenheit für sich bildet und noch manche Kräfte birgt, die außerhalb der Elektrizität und des chemischen Prozeffes liegen, ist sich selbst in seinem Wollen und Glauben, in einem Empfinden und Wirken noch ein Räthel. Vergleichen wir aber die Fabeln der Vergangenheit mit der Gegenwart, benutzen wir die Ergebnisse der exakten Wiffenfchaften zu Analogieen auf verwandtem Gebiete; so ergiebt sich das, was früher für übernatürlich gehalten wurde, als eine nothwendige Erscheinung in der Kette psychischen Wirkens. Und ist nicht das innere Seelenleben des Forschens werth? verdient der, der sich mit redlichem Streben in diese Gebiete wagt, den Hohn und Spott, mit dem man ihn züchtigt? Wahrlich, es giebt noch Sachen, die den Menschen näher angehen, als der elektrische Telegraph um die Erde und das große eiserne Dampfschiff, die Brücke über das Weltmeer, Sachen, die die ganze eine Hälfte feines Wesens, feine Nachtseite, berühren, und zu diesen gehören auch jene Erscheinungen, welche, fo weit die Geschichte reicht, fich bei allen Völkern, bei allen Religionen, in allen Welttheilen wiederholen, auf die Entwickelung der Menschheit den entschiedensten Einfluß übten, und die der moderne Spiritualismus als Beweise für feinen Glauben auch neuerdings wieder auszubeuten bestrebt ist. Dr. Schindler.

Portugal. Sechzig portugiesische Sonette, in oberschwäbischer Uebersetzung,

von Jovialis. "

Es fieht in der That etwas wunderlich aus, Sonette in Dikt, eine strenge Kunstform im Bauernjargon vor fich zu fehen, einen portugiesischen Kavalier in den Kittel eines Schwarzwälders gesteckt! Ist das zu etwas Anderem, als einer lustigen Maskerade, erlaubt? Wenn der Herr Ueberfetzer nur wenigstens einem portugiesischen Bauern den Rock des fchwäbischen angezogen hätte, das wäre vielleicht nicht so übel gewesen; hat ja doch der Portugiese daffelbe Gesicht – will heißen den ähnlichen Jargon, wie der Schwabe! – Mit anderen Worten, zu einer Uebersetzung im Dialekt sollte ein paffender Stoff gewählt, das Erhabene nicht mit der Zunge der Naivetät, das Feine nicht mit der der Derbheit verdolmetscht werden. Dieser Stoff kann entweder ein Dialektgedicht in der fremden Sprache, oder wenigstens ein der Dialektsphäre verwandtes Gedicht sein. Beim Portugiesischen, welches selbst als Dialekt des Spanischen gelten darf, obwohl die Portugiesen dies nicht zugeben wollen, war dann nur die Wahl eines paffenden Themas geboten.

Daß man sich bei Anwendung des Dialekts, wie der Herr Ueberfetzer in der Vorrede fagt, aktiv und produktiv verhalten müffe, versteht sich, es giebt ja keine Akademie des Dialekts. Wir haben auch gegen die grammatikalische Behandlung nichts einzuwenden, wohl aber gegen die orthographische, wogegen fich der Herr Uebersetzer freilich schon in der Vorrede verwahrt. Allein eine folche Verwahrung kann bei einem so kühnen. Umgehen mit den Vokalen nicht gelten. Das e wird ohne Weiteres zu einem o gemacht und dadurch dem ehrlichen schwarzwälder Dialekte wenigstens für das Auge ein ganz fremdartiges südländisches Aussehen verliehen; während doch der Laut, der dadurch bezeichnet werden soll, zwischen e, ä und o schwebt, in weitaus den meisten Fällen sich aber auf die Seite des e neigt, also auch ganz na

türlich dieses Zeichen für sich in Anspruch nimmt. Wollte aber die Nüancirung angedeutet werden, fo konnte, wie das dumpfe o ganz richtig durch fchwedische ä ausgedrückt wurde, ein entsprechendes Zeichen é, wo omit einfließt, und e, wo amit gehört wird, gewählt werden. Warum das v durch fund das sch durch sh ausgedrückt wurde, ist nicht klar. Das st, wie in bist, hätte wohl, wie es der Schwabe fpricht, in scht verwandelt werden und dadurch die Aehnlichkeit der beiden Dialekte für das Ohr veranschaulicht werden können. Der Portugiese spricht nämlich st und sp gerade fo breit scht und schp, wie der Schwabe, und zwar nicht etwa nur in den niederen, fondern in den höchsten Ständen – die von der Häßlichkeit der Sprache des Camoens durchdrungen, mit Vorliebe französisch sprechen. Auch die Nafentöne öi (port. öe), äi, o (port. om), äu (port. ão), é (port. em) find beiden Dialekten gemein. Aber darum klingt es doch nicht weniger abenteuerlich, wenn der Herr Uebersetzer ein zartes Sonett des Bocage also wiedergiebt: Sios ist dor morgo-gruos fom jungo summor, Süß ist der Morgengruß des jungen Sommers, Wann sich im goldno dau od bluomo griosot, Wenn sich im goldnen Than, die Blumen grüßen. Wann mit gebletshor ibbord sand-benk fliosot Wenn mit Geplätscher über die Sandbänke fließen De woiche wello wi" im kindor-schlummor; Die weichen Wellen wie im Kinderschlummer Wann unter dousod feggol ist köi stummor, Wenn unter tanzend Vögeln ist kein stummer, Ous dousod kello liodor sich orgiosot, Aus tausend Kehlen Lieder sich ergießen, Od lercho flattrig ouf zom himmol shiosot, Die Lerchen flatternd auf zum Himmel schießen Und "dnachtigal kund duot iorn liobos-kummor; Und die Nachtigall kund thut ihren Liebeskummer; Sios ist, wann blä fom silber-falbo mäu Süß ist, wenn blau vom silberfalben Mond Stät mèr und himmol goistorhaft beluichtot, Steht Meer und Himmel geisterhaft beleuchtet, Där's iodom liobos-priostor a hot dau; Der es jedem Liebespriester angethan hat; Doch all dui herrlichkoit ist wunzig klöi, Doch all die Herrlichkeit ist winzig klein, Denk , wio sios sich öist ior aug gofuichtot. Denk' ich, wie süß sich einst ihr Aug' gefeuchtet, W6 zeofach's lebbo mior lebendig shi, Wo zehenfach das Leben mir lebendig schien. Die Uebersetzung selbst ist fehr getreu, wie fich aus den drei katalonischen Sonetten ergiebt, denen der Urtert beigedruckt ist. Aber wenn die Mühe auch zu bewundern ist, womit sich der Herr Uebersetzer dieser Grille gewidmet hat, so wird fich doch schwerlich Jemand des Lächelns erwehren können, wenn er diese kuriose Romanifirung des Schwäbischen zu Gesichte bekömmt. Den Dialekt als Uebersetzungssprache in feine Ehre einzusetzen, mag verdienstlich sein, aber dann dürfte sein Platz am Heerd, in der Werkstätte des fremden Volkes und nicht auf defen Throne fein.

[graphic]

Mannigfaltiges.

– Dr. Gnüge's Gefetze der französischen Sprache. Der lebhafte Verkehr, in welchem die civilisierten Nationen Europas unter einander stehen, macht das Studium der betreffenden Sprachen für Viele zum Bedürfniß, und es ist deshalb kein Wunder, wenn bei der Menge von Sprachlehrern und Gelehrten eine verhältnißmäßig große Anzahl von Büchern fort und fort erscheinen, welche demselben abzuhelfen mehr oder minder geeignet sind. Da sich die Speculation gerade dieses Zweiges besonders bemächtigt hat, und es oft schwer ist, aus der Maffe etwas Befferes hervorzuheben, fo ist es erfreulich, Werken zu begegnen, die auf höhere Geltung Anspruch machen können. Ein solches liegt uns vor: „Die Gesetze der französischen Sprache, nebst Uebungen zur Anwendung der felben, von Dr. C. F. Gnüge“.*) Wir können daffelbe als Frucht dreißigjähriger Erfahrung, wie uns der Verfaffer im Vorworte belehrt, und als tiefgedachtes Werk eines denkenden Lehrers, namentlich als praktisches Schulbuch, Allen empfehlen, denen es um eine mehr als oberflächliche Aneignung des Französischen zu thun ist. Sie werden eine Menge neuer und feiner Beobachtungen, die in anderen Lehrbüchern gänzlich fehlen, namentlich aber einen so systematischen Lehrgang finden, daß das Studium bedeutend erleichtert werden muß.

*) Erfurt, Kaysersche Buchhandlung, 1855.

[merged small][ocr errors]
[ocr errors][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small][merged small]

England.

Literatur-Briefe aus England. Eilft er Monats-Bericht. 1855.

London, Mittelpunkt alles festen Landes und der Meere. – Die Mauerung Londons in Bartwuchs, Physiognomie, Kopfbedeckung, Kopf, Kunst, Baustyl, Lebensund Anschauungsweise. – Revüe der neuesten Prachtbauten und WeltverkehrsGeschäftslokale. – Das Reisen der Engländer. – Reife-Literatur. – Ruffel Bartlett's Reise durch Teras, Neu-Mexiko, Chihuahua u. f. w. – C. Holden's Buch über die Natal-Kolonie. – Rom und Neapel vom Capitain Chamier. – Panama und die Isthmus-Eisenbahn. – Die Moskitoküste und die letzten Spuren der Berliner Moskito-Kolonie. – Philosophische Literatur. Die Sinne und der Geist. – Bain-Levi's Natur- und göttliches Recht. – Prinzipien der Psychologie von Herbert Spencer. – Locke's Schriften. Die Engländer keine Philosophen. – Die praktische Philosophie der Engländer in den Naturwissenschaften. Die British Association in Dublin und ihre dreihundert naturwissenschaftlichen Vorträge. Elemente der psychologischen Medizin von Dr. Noble. Varley's „elektro-telegraphischer Uebersetzer“. Wheatstone's Experiment mit gleichzeitigen entgegengesetzten Telegraphierungen. Die pflügende Windmühle von Grosley. – Molesworth's literarische Verdienste. – Macaulay’s neuer Band. – Geschichte der Diplomatie von dem „Roving Englishman". – Die neue Lesehalle im Britischen Museum. London, Anfangs November.

London ist der Mittelpunkt der Erdoberfläche. Die physische Geographie findet, wenn sie die Erdkugel in zwei Hälften so zerschneidet, daß die eine die möglichst größte Maffe festen Landes enthält, im Mittelpunkte dieser einen Hemisphäre gerade London. Das ist merkwürdig genug. Noch merkwürdiger wird diese Lage, wenn man sich überzeugt, daß London auch der Mittelpunkt aller Meere geworden. Dies gilt freilich nicht sowohl geographisch, als faktisch und merkantil. London mit feinen Eisenbahn-Vorstädten (d. h. Southampton, Liverpool, Plymouth, Portsmouth, Dover u. f. w.) ist die Central-Omnibusstation für alle Häfen und Länder der Erde. Man kann fast jederzeit nach jedem Punkte der Welt absegeln oder dampfen. Rechnet man hinzu, daß London zugleich der Mittelpunkt des Groß- und Kleinhandels im ganzen Königreiche ist, fo hat man alle Gründe beisammen, welche das ungeheure Leben, das allseitige Wachsthum, die fabelhafte Größe und Zunahme der Groß- und Kleingeschäfte, das immerwährende Zuströmen von materiellen und ideellen frischen Kräften erklären. Alle Gründe, aber den hauptsächlichten habe ich doch vergeffen: das in geometrischen Porportionen zunehmende Wachsthum des Welthandels in Ausdehnung, Maffe und Geschwindigkeit. Dies kömmt London noch ganz besonders von allen Welttheilen her, ohne deffen besonderes Zuthun, zu Gute. Jedes große Geschäft, jedes mit dem Weltverkehr zusammenhängende Unternehmen, jede große praktische Erfindung muß fich nach London wenden, fich hier etablieren oder vertreten laffen, mag die Sache entstehen, wo sie will! Deshalb geht auch London als Hauptstadt eines bestimmten Landes immer fichtbarer zu Grunde, um den neuen Adam des Central-Bureaus für alle Länder anzuziehen. In der großen Ausstellung von 1851 begrüßte es den ersten Tempel dieser neuen Mission und hat sich feitdem immer durchgreifender in dieser Richtung entwickelt. Ich habe diesen Entwickelungsgang Tag für Tag ohne Ausnahme mit angesehen und bin seit dem Mai 1851 nicht vierundzwanzig Stunden lang aus defen Bereiche herausgekommen, da die kleinen Ausflüge von zwanzig, dreißig und vierzig Meilen nie darüber hinaus lagen. Die magnetische Atmosphäre Londons reicht noch viel weiter. Wo ist dieses englische London von 1851 geblieben? Allerdings hat es noch feine Legionen von Straßen und Millionen von Leuten aufzuweisen; aber hier ist eben Vieles nicht mehr, oder es bleibt, wie es ist, dh es verkömmt. Wo Leben ist, wo es wächst, wo es gedeiht, nimmt Alles eine gescheidtere, schönere, bedeutungsvollere Physiognomie an und läßt fich innen und außen reformieren. Es war immer eine Art Schwäche von mir, die Engländer, wegen der tornister blonden Backenbart-Sklaverei in ihrer Physiognomie, besonders geschmacklos und stockenglisch zu finden. Ich haßte fie deshalb, nachdem ich gesehen, wie einzelne

bärtige Foreigners wegen ihrer Gesichts-Urwälder verhöhnt, sogar mißhandelt wurden. Nach der großen Ausstellung legte sich die Wuth, es trat eine immer größere Toleranz in Sachen des Rafirmeffers, der Vatermörder und des Hutes ein. Später verbreiteten sich dunkle Gerüchte, daß ein jeder geborene Engländer im Scherze die Drohung ausgesprochen, den Backenbart unten zusammenwachsen zu laffen. Tollkühne Aerzte sprengten die Lehre aus, daß der Schnurrbart ein natürlicher Respirator, der Kinnbart gut gegen Zahnschmerzen sei. Später erfuhr Punch, daß einige Engländer schon zuweilen vor dem Frühfück vergäßen, die Oberlippen zu mähen. Er kämpfte mit Muth und Witz gegen die drohende Gefahr Monate lang, aber vergebens. Die Agitation für den Bart, auf Gesundheitsregeln, ästhetische Gründe, auf Prinz Albert und Napoleon, auf das böse Beispiel von Juden, Polen und Franzosen, endlich auf den Mangel an Wafch- und warmem Rafirwaffer in der Krim gestützt, erkämpfte einen schweren, aber entfcheidenden Sieg. Die altkonservativen Backenbart-Anhänger wurden als „whiskered slaves of money-making” gleichsam gebrandmarkt. Erst die Künstler, besonders die Maler, dann auch Bildhauer, Mufiker, Lithographen, Holzschneider, traten mit Haaren auf den Zähnen auf. Studenten mit ihren „Büchschen“, ihrem schwarzen Priestermantel, ohne welchen nie einer ausgehen darf, mit ihrer schauderhaften Kappe auf dem Kopfe, follen fogar in Cambridge eine Verschwörung gegen die Tonsur der Oberlippe gestiftet haben. Aber da dort. Alles herrscht, nur keine Studier- und Kleiderfreiheit, unterlagen fie. Ein Schnurrbart zwischen Büchschen, Priestermantel und Mönchskappe wäre auch ein Gräuel gewesen. Aber in London war „Old-England” verloren. Alles, was einigermaßen unabhängig ist, trägt Haare auf den Zähnen. Sogar Ladendiener und Laufburschen erscheinen zuweilen mehrere Tage ohne geglättete Oberlippen, um zu probieren, ob sie bei dem Brodherrn damit durchkommen. Um mit einem Male das Unerhörteste mitzutheilen, brauche ich nur zu sagen, wie ich alte Bekannte neulich in der königlichen Mutter-Akademie der schönen Künste, Marlborough-House, wo seit Jahren Profeffor Semper's Schnurrbart die einzige Ausnahme gewesen war, zunächst als völlig Unbekannte wiederfand. Schon statt des bekannten Keepers fand ich einen Gesichts-Urwald, aus welchem nur Augen, Nase und Stirn hervorragten, wie Gebirgspitzen mit Schnee bedeckt über die Vegetationslinie hinaus. Ich fragte nach dem drawing-master. Das unbekannte Gesicht antwortete mir mit der bekannten Stimme des alten Keepers und führte mich in das Zimmer des alten drawing-master, den ich zunächst auch nur an der freundlichen Stimme wieder erkannte, fo sehr war fein bekanntes und liebenswürdiges Gesicht im Barte verschwunden. Als ich mich näher umsah, fand ich Alles in ähnlicher Weise radikal reformiert. Herren, die Jahre lang vor mir mit unwandelbarem Backenbarte gewandelt, traten wie Gestalten aus dem ersten Buch Mosis vor meinen erstaunten Blicken auf. Selbst viele Schüler trugen schon schwache Anmaßungen von Schnurrbart (einige mit doppelt so viel Wichse) zur Schau. Die Herren wollten sich gar nicht wieder zufrieden geben vor Lachen, als ich auf die koloffale Diana unter dem Säulengange aufmerksam machte, der man in ihrer kühn ausschreitenden Stellung ebenfalls ein Bärtchen angemalt hatte, um sie hinter dem neuen Zeitgeiste nicht zurückzulaffen. Ich weiß es recht gut, diese Betrachtungsweise hat ihre gute Portion Trivialität. Aber sollte gar nichts dahinter stecken? Man denke an die Wuth, mit der noch vor wenigen Jahren. Jeder, der feinen Schnurrbart nicht perpendikulär an den Ohren herab trug, verspottet ward. Und nun die ganze Königliche Akademie in einem Zufande, als wäre unter allen Beamten und Lehrern zusammen kein einziges Rafirmeffer! Der Bart wächst nicht blos von außen, sondern wurzelt in der Haut und Gesinnung Und der englische Hut? Früher gab es eine einzige Form von Stulpstiefel auf das hinten gescheitelte, mit Ohrlappen versehene Haar, und einzelne Sonderlinge mit einem Kopfe und einem Hute für sich (z. B. Sir Joseph Parton mit einem weißen) wurden zum Sprüchworte. Jetzt giebt es in jedem Laden ganze aufgebaute Obelisken von geschmeidigen, breitkrämpigen Filzhüten, die jede Form an

« ForrigeFortsæt »