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eines Gasthauses, das im Waldes dunkel gelegen ist und den Namen der „Waldmühle“ führt, vollzogen werden. An der Leitung dieser Gottesdienste haben sich im Laufe des Jahres 1855 infonderheit der Oberprediger von Lüders aus Küstrin, der Prediger Cäsar aus Käthen, der Geheime Kirchenrath Dr. Schwarz aus Jena und der Konfitorialrath Dr. Böhmer aus Breslau persönlich betheiligt. Der zuletzt genannte Gottesgelehrte, welcher sich lediglich auf fremden Wunsch betheiligte, schloß am 2. September die Gottesdienste mit einer Predigt, welche in der tiefsinnigen Stelle des Paulus: 1. Korinther X. 16, ihren Anschließungspunkt und das Mahl des Herrn wie nach feinem Wesen fo nach feiner Beziehung zum Thema hatte. Die Kollekte, in dem Schluß-Gottesdienste“) bei den zahlreich versammelten evangelischen und felbst nichtevangelischen Christen zum Besten eines evangelischen in Marienbad zu errichtenden Bethauses veranstaltet, fiel bedeutend aus. Durch die nothwendige Berücksichtigung feiner angegriffenen Gesundheit wurde der Profeffor Böhmer zu einem Bedauern abgehalten, das Verlangen, daß er noch Einmal im Verlaufe dieses Jahres in Marienbad predigen möge, zu erfüllen.

Was das eben berührte Bethaus betrifft, fo ist der Aufbau desfelben, nachdem er von Sr. Majestät dem regierenden Kaiser des österreichischen Staates gestattet worden, im Jahre 1854 auf einem solchen Raume des Marienbader Grünzeugmarktes, zu defen Ankauf Se. Majestät der regierende König von Preußen die Mittel an die Hand gegeben hat, dergestalt angefangen und fortgesetzt worden, daß die vielen Liebesgaben von wohlgesinnten, evangelischen Christen, insonderheit bei den Gottesdiensten der Waldmühle gespendet und auf mehr als zwanzigtausend Gulden C. M. fich belaufend, gewissenhaft bei dem Aufbau benutzt find. Daß das Bethaus im Jahre 1856 feine Vollendung erreichen werde, darf gehofft werden, dafern noch fiebentausend bis achttausend Gulden C. M. bis dahin von evangelischen Glaubens-Brüdern herbeigeschafft werden. Und die Wahrscheinlichkeit des Herbeigeschafft werdens unterliegt wohl bei dem Hinblick darauf, daß bereits über zwanzigtausend Gulden C. M. in der vergangenen Zeit gesammelt find, keinem Zweifel. – Das Bethaus darf nun freilich keine Thüren und Eingänge von Seiten des Grünzeugmarktes aus, desgleichen keine Kirchenglocken haben. Es wird als ein Privat-Gebäude, zugehörig dem königlich preußischen Landrathe von Kröcher, errichtet. Es zeugt nicht von einer fchönen Rechtsgleichheit auf dem religiösen Gebiete, welches die Evangelischen des österreichischen Kaiserfaates zugleich mit den Katholiken nach den humanen Grundsätzen der Gegenwart, so wie nach den Bestimmungen des deutschen Bundes, genießen follten. Das Bethaus beurkundet in feiner Gestalt nur jene religiöse Duldung, die den Evangelischen von den Katholiken nach Anschauungen des verstorbenen, edlen Kaisers Joseph zu Theil wird. Gleichwohl dürfte das Bethaus ein feinem erhabenen Zwecke entsprechendes Gebäude werden. Dafür bürgt die Thatsache, daß es unter der Oberleitung des preußischen Bauraths Cantian, welcher in dem preußischen Architekten Freefe einen geschickten Vertreter befizt, erbaut wird. Es ist der gothische Rundbogen-Styl, in welchem das Bethaus bei zehn Klaftern Länge mit Pilastern Säulenstellungen und Emporen fich erhebt. Die Decke wird zwar eine gerade, jedoch mit Täfelchen ausgestattet sein. Die Altarnische wird eine halbrunde, kuppelförmige überwölbte Gestalt haben. Obwohl noch unvollendet, macht der Bau schon jetzt einen dem evangelischchristlichen Bewußtsein wohlthuenden Eindruck.

Der Baurath Cantiangehört mit zu dem stetigen Comité, welches die sämmtlichen, evangelisch-kirchlichen Angelegenheiten Marienbads leitet, defen Mitglieder indeß nicht immer dafelbst anwesend sind. Von dem stetigen Comité ist ein flüffiges (wenn ich so fagen darf) zu unterscheiden, defen Aufgabe gleichfalls von dieser Leitung gebildet wird, welches aber zusammengesetzt ist aus evangelischen Persönlichkeiten, die in dem Badeort gerade sich befinden und für das Gedeihen des evangelischen Christenthums daselbst ein Herz haben. An den Ver“fammlungen des flüssigen Comité hab während meines mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Marienbad theilgenommen und zu meiner Freude wahrgenommen, daß die Versammlungen durch Gebete, die von einem anwesenden Geistlichen gesprochen wurden, ihre angemeffene religiöse Weihe erhielten. -

Breslau. - - Wilh. Böhmer.

Mannigfaltiges.

– Weber's illustrirte Reife-Bibliothek. Bei Gelegenheit des Krystall-Palastes von Sydenham hat unser Londoner Korrespondent kürzlich der Weberschen illustrierten Reise-Bibliothek gedacht.

*) Die Liturgie desselben wurde von Dr. Schwarz gesprochen.

Diese verdient jedoch unter den verschiedenen Unternehmungen, welche in Deutschland zur Lektüre und Unterhaltung auf Eisenbahnen und Dampfschiffen gegründet worden, ganz besonders hervorgehoben zu werden. Mit der den Verlags-Werken des Verlegers der „Leipziger Illustrierten Zeitung“ eigenthümlichen Nettigkeit und artistischen Schönheit find auch die Bändchen der illustrirten Reife-Bibliothek ausgestattet, von welchen bisher fieben erschienen find: Darstellungen vou Berlin und Paris, des Elbthals und der Schweiz, Helgolands und der Krim, so wie endlich des bereits erwähnten Krystall-Palastes von Sydenham, enthaltend. Jedes Bändchen ist mit zahlreichen in den Text gedruckten Abbildungen ausgestattet, die nicht blos zur Veranschaulichung, sondern auch zur Unterhaltung wesentlich beitragen und einen bedeutenden Vorzug dieser Sammlung bilden, welche auch im Preise nicht viel höher, als die anderen Sammlungen ist.“) Das Buch über die Krim rührt von einer englischen Dame her, welche die Halbinsel längere Zeit bewohnt hat und dieselbe daher nicht als flüchtige Touristin, sondern aus genauerer Kenntniß schildert. Die Reisebilder in der Schweiz, „Leute und Berge“, find nach Robert Ferguson bearbeitet. Alle übrigen Darstellungen find jedoch Originale und bieten zum Theil, wie namentlich der Krystall-Palast von Sydenham, eine fehr pikante und unterhaltende Lektüre.

– Anglo-Amerikanische Flibustier in Mexiko und Central-Amerika. Ueber das allmähliche Vordringen nordamerikanischer Abenteurer bis hinab an den Isthmus von Panama äußert sich das sehr umsichtig redigierte, deutsche San-Francisco-Journal („SteamerAusgabe“ vom 20. September): „Von Acapulco wie vom Rio-Grande aus dringen anglo-amerikanische Abenteurer, als Parteigänger innerer Bürgerkriege, aber mit dem Hintergedanken der Anfiedelung und Eroberung, in Meriko ein. Vom Colorado und Gila aus thun nordamerikanische Minen-Compagnieen und Gold- und Silberfucher daffelbe. Die verlaffenen Hacienden und Ranchos des nördlichen Sonora, die der Mexikaner aus Furcht vor dem Apachen nicht zu bewohnen wagt, werden von Bürgern der Vereinigten Staaten in Besitz genommen, die den Gefahren sicherlich nur mit dem Gedanken trotzbieten, daß sie den Befiz nicht wieder aufgeben wollen, welchen fie um den Preis des größeren Muthes fich erworben. In Nicaragua endlich wartet im Osten Kinney auf einen günstigen Augenblick, um mit feinen Kolonisten oder Flibustiern in das Innere vorzudringen, während im Westen Walker bereits den Haupthafen des Landes, San Juan del Sur, in feiner Gewalt hat und als Basis für weitere Operationen benutzen kann. Tritt dem Letzteren nicht ein besonderes Unglück entgegen, oder begeht er nicht große Fehler in feinen Operationen, so kann es ihm, bei der Leichtigkeit des Zuströmens und der Zufuhr von San Francisco, nicht schwer werden, in Nicaragua fo weit die Oberhand zu bekommen, daß das Land unmittelbar und rückhaltlos der Einwanderung geöffnet, den Ansiedlern das Bürgerrecht ohne Hemmniffe zugänglich gemacht, Verfaffung und Gesetze revidiert, allgemeine Freiheit und Religionsübung eingeführt, die gewerblichen Monopole der Regierung abgeschafft, – mit einem Worte, das Land, wenn nicht politisch, so doch wenigstens geistig, den Vereinigten Staaten anmexiert wird.“

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Böhmen.

Joseph Wenzig und die böhmische Literatur.

In Nr. 110 des vorigen Jahrgangs haben wir den Lesern Herrn Joseph Wenzigs „Blumenlefe aus der böhmischen Kunst- und Naturpoesie“ vorgeführt. Der ungemein thätige Mann ist unablässig bemüht, zwischen der Bildung feines Heimatlandes Böhmen und deutfcher Bildung ein Band gegenseitiger Achtung und Anerkennung zu knüpfen und folglich auch, fo viel an ihm ist, zu Bewältigung der alten Antipathieen zwischen Deutsch- und Slaventhum beizutragen. Dies aber wird ihm, der mit dem Bildungsgange beider Nationalitäten fo innig vertraut ist, ficherlich gelingen; gelingen wird ihm zunächst das patriotische Bestreben, bei uns Deutschen die Literatur feines Vaterlandes zu immer höherer Geltung zu bringen. Zuerst nämlich ist diese Literatur, die fich jetzt allgemach vor unseren Blicken erschließt, eine überaus reiche, naturwüchsig schöne, ist es schon auch zur Zeit ihrer ersten Blüthe im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert gewesen, und deshalb eine der allgemeinsten Beachtung würdige. Sodann versteht der fo dichterisch begabte und sprachgewandte Mann, die uns in filberner Schüffel, für unsere Gaumen schmackhaft zubereitet, vorzufetzen, wie man fchon an den mitgetheilten Proben der Blumenlese hat wahrnehmen können. Drittens ist er auch dermaßen erfüllt von Liebe und Begeisterung für germanische Bildung und Literatur, daß ihm, wie Keinem, der uns bei unserem Lieblingsthema zu faffen und zu halten weiß, auch dann nicht unser Vertrauen fehlen würde, wenn er uns weniger als deutscher Landsmann nach Geburt und Abkunft denn als ein literarischer Janus und Doppelgänger gälte. Ja, selbst berufen ist er amtlich, ihr Pfleger und Vermittler unter feinen Landsleuten zu fein, wie man am besten aus dem von ihm, als Dirigenten der Anstalt, herausgegebenen „Jahresbericht der k.k. böhmischen OberRealschule zu Prag für das Schuljahr 1855“ (51 Seiten in Großquart) ersieht. Hiernach hat nämlich Herr Wenzig in der dritten (höchsten) Ober-Realschul-Klaffe deutsche Sprache und Literatur vorzutragen, und fo im Verlaufe des letzten Schuljahres in theils kurforischer, theils fatarischer Lektüre einen großen Theil dieses Gebiets, von den „Nibelungen“, „Gudrun“, „Parcival“, „Tristan und Isolde“ u. f. w. bis herab zu Goethes „Iphigenia“ absolviert, jene alle, versteht. fich, partieenweise, diese im zweiten Semester mit unter die Schüler verheilten Rollen, einer Parallele der Euripedeichen,Iphigenia“ nach Schiller und schließlich einer Theorie des antiken und modernen Drama. Mögen diese Spezialien, obwohl von unserer Aufgabe etwas fern liegend, darthun, in welcher Ausdehnung von den böhmischen Slaven das Deutsche gelehrt, gelernt, getrieben wird. Welche Blüthe nun aber die Literatur Böhmens, des Vaterlands eines Comenius, im vierzehnten bis fechzehnten Jahrhundert bis herab auf Rudolphs II. Zeit entfaltete, geht aus eben diesem Berichte, ihre Nichtkenner überraschend, hervor. Hier heißt es, daß schon Jungmann's keinesweges vollständige Historie der czechischen Literatur (Prag, 1849) aus dem vierzehnten Jahrhundert allein „hundertundachtzig von der Macht der Zeit und der noch schlimmeren der Menschen verschont gebliebene Werke“ aufzählt. Unter den Schriftstellern jenes Jahrhunderts rage. Thomas von Stitné (geb. um 1325 auf feiner väterlichen Veste Stitné, im Taborer Kreise; fein Todesjahr ist unbekannt), „gleich einer Alpe, über das funfzehnte Jahrhundert“. Die reichsten und besten Aufschlüffe über ihn gebe Karl Jaromir Erben in dem zur fünften Säkularfeier der Universität Prag edierten Werke des Thomas von Stitné: „Sechs Bücher von allgemeinen christlichen Angelegenheiten“. Bekannt find von Stitné bis jetzt fechsundzwanzig Werke in zehn oder minder vollständigen Manuskripten, wovon das zehnte in jüngfer Zeit von Palacky auf der Pariser Bibliothek aufgefunden wurde. Auch Herr Wenzig hat es unternommen, uns mit diesem merkwürdigen, durch tiefe Religiosität, Natursinn, Schönheitsfinn, Liebe zu feiner Muttersprache, die er meisterlich handhabte, so wie durch feine häuslichen Tugenden ausgezeichneten Autor bekannt zu machen, indem er im ersten Abschnitt des gedachten Berichts Einiges aus den „Ge

Berlin, Donnerstag den 15. November

1855.

danken über Gott“, einer fchon gedruckten und profaischen Schrift Stitnés, aushebt und metrisch übertragen vorlegt. Folgendes eine Probe. Die Welt ist wie ein Buch, Das von der Hand, ich meine, von der Macht Und Weisheit Gottes, ist geschrieben; Ein jegliches Geschöpf Ist wie ein Wort in diesem Buche, Das Gottes Macht und Weisheit zeigen soll. Da kömmt denn, wie es zu geschehen pflegt, Der Eine, sieht das Buch und blickt hinein, Doch was ein jedes der geschriebenen Worte Bedeute, weiß er nicht; ein Zweiter kömmt Und lobt das Aeußere des Buchs, wie prächtig Es eingebunden; und ein Dritter preist Die gute Schrift: der geist"ge Mensch allein Versteht den Sinn, der in den Worten waltet. Hieran müffen wir genügen laffen, um zur Besprechung drei anderer unten“) verzeichneter Schriften zu kommen, welche Herr Wenzig fämmtlich im Laufe von 1855 ans Licht gestellt hat. „Der Rosmarin“, sagt das Vorwort, „spielt in den Liedern des böhmischen Volkes eine große Rolle; denn die Jungfrau wird mit ihm geschmückt, sowohl wenn sie als Braut zum Altare tritt, als wenn fie, eine Leiche, auf der Bahre liegt – der heilige Ernst der Erde und des Himmels ist an ihn geknüpft.“ Darum wählte der Uebersetzer den Titel: „Rosmarinkranz“ für fein Büchlein. Es ist derselbe aus den Dichtungen dreier neuböhmischer Sänger gewunden: den Legenden und Erinnerungsblumen von Wenzel Svatopluk Stulc (Weltpriester und Gymnasial-Religionslehrer, geb. 1814), dem Volksmärchenstrauß des schon oben genannten K. J. Erben (städtischen Archivars in Prag, geb. 1811) und dem „Salomon“ des Ordenspriesters Boleslav Jablonsky (eig. Karl Eugen Tupy, geb. 1813). In welcher Dichtgattung sich Erben hervorgethan hat und ein Liebling seines Volks geworden ist, zeigt die Ueberschrift seiner Dichtungen an. Jablonsky ist Lyriker, Didaktiker, geistlicher Liederdichter; Stulc gleichfalls ausgezeichnet in Lyrik und in der Legende, außerdem trefflicher Uebersetzer von O. Speckter's Fabeln und des Konrad Wallenrod von Mickiewicz. Wir laffen es bei zwei Proben aus dem „Salomon“, einer Perlenschnur von Weisheitslehren eines Vaters an feinen Sohn, bewenden. 1. 2. Zieh nicht vor, o Sohn, das fahle, Glaub", o Sohn, nicht von der Bildung – Halbe Hell dem vollen Strahle; Hörst Du gleich fo manche Klage – Tag beschämt die Nacht doch immer, Daß sie nicht mit heil'ger Wahrheit, Beffer Sonn" als Sternenschimmer. Mit der Jugend fich vertrage. Noch erblühte bei dem Scheine Stern kann nicht den Stern umnachten, Grauer Nacht der Rosen keine, Wahrheit Wahrheit nicht verkehren, Und noch reiften niemals Früchte Perle nicht die Perle trüben, Bei des Mondes bleichem Lichte. Wahrheit nicht der Tugend wehren.

„Der Herr Smil von Pardubic mit dem Beinamen Flaschka“, sagt Herr Wenzig, „ist ein Stern erster Größe am Horizonte der Dichtkunst.“ Er entstammte einem hochangesehenen Geschlecht und war der Neffe des ersten Erzbischofs von Prag und Freundes Karl's IV., des berühmten Ernest von Pardubic. In den Bruderzwisten zwischen Sigmund und Wenzel fand er auf des Ersteren Seite und wurde 1396 zum Oberstlandschreiber des Königreichs ernannt. Diese Würde bekleidete er bis zu seinem Tode im Jahre 1403 bei Gelegenheit einer Fehde mit den Bürgern von Kuttenberg, die treu bei dem damals gefangen gehaltenen Wenzel aushielten. Das Jahr feiner Geburt ist unbekannt. Der Grad eines Baccalaureus an der Prager Hochschule legt für feine gelehrte Bildung Zeugniß ab. Von den fünf ihm zugeschriebenen Schriften: einer Sammlung altböhmischer Sprüche und Sprüchwörter,

woraus wir nächstens Einiges mitzutheilen gedenken, dem „neuen Rath“,

*) Rosmarinkranz. Eine Sammlung böhmischer Dichtungen in deutscher Uebertragung. Regensburg, Manz. 12. -

Der neue Rath des Herrn Smil von Pardubic, Thierfabel a. d. 14ten Jahrh, nebst deffen übrigen '' und einer Auswahl aus seiner SprüchwörterSammlung. Leipzig, Rud. Weigel. 12.

Blicke über das böhmische Volk, seine Geschichte und Literatur, mit einer reichen Auswahl von Literaturproben. Leipzig, Brandfatte. 8.

„des Vaters Rath“, dem „Streit des Waffers mit dem Weine“, endlich dem „Stallmeister und dem Schulkandidaten“, find nur die zwei ersten erwiesen, die übrigen muthmaßlich echt. Sie alle find von Herrn Wenzig nach dem böhmischen Originaltert nicht fowohl übersetzt, als frei bearbeitet und in diesem fauberen, luxuriös ausgestatteten Büchelchen vereinigt worden. Aber fo recht genau ist der Titel nicht, welchen Herr Wenzig dafür wählt, und follte genereller gefaßt fein. Dagegen muß man feinem Urtheil über die fchon durch den Titel hervorgehobene Thierfabel oder „den neuen Rath“ völlig beipflichten, die fich von Seiten ihrer künstlerischen Vollendung, ihrer historischen Bedeutung, ihres fittlichen Werths als ein kleines poetisches Meisterstück erweist. Warum ein „neuer Rath“? läßt Herr Wenzig unausgemacht, aber es ist kaum zu bezweifeln, daß die weiten Rathschläge, die in dieser Fabel dem Löwen, ihrem König, von vierundzwanzig redend eingeführten Thieren ertheilt werden, keinem Geringeren gelten, als dem jungen Böhmenkönig und bald auch Kaiser Wenzel, der bekanntlich mit eben so schönen Geistes- und Gemüths-Anlagen ausgestattet als behaftet war mit mancherlei unköniglichen Temperamentsfehlern. Die „Blicke über das böhmische Volk“ bezeichnet der Verfaffer als das erste Werk, welches nicht blos eine Uebersicht der gesammten böhmischen Literatur gebe, fondern auch einen Vorrath von Produkten derselben in deutscher Uebertragung liefern. Eine gelehrte Leistung sei es nicht, enthalte aber doch die Grundzüge zu einem künftigen ausführlicheren. Die Einleitung enthält zum Beweise, daß Deutsche und Böhmen Zweige eines und defelben Stammes, des indo-europäifchen, find, wie auch ihre Märchen und Sprüchwörter auf einen ihnen beiden gemeinschaftlichen Ursprung hinweisen, das Verzeichniß einer Anzahl Benennungen, woraus man die Verwandtschaft der Sprachen beider Nationen erkennt, und fodann einen kurzen, leben vollen Ueberblick über die natürliche Beschaffenheit des Böhmenlandes. Die ganze Anlage der empfehlenswürdigen Schrift verräth wiederum, neben dem Geschichtsforscher und Naturfreund, den finnigen Dichter. Um feine Leser in recht lockender Weise in die Geschichte und Literatur der National-Böhmen, einer Bevölkerung von beinahe drei Millionen, einzuführen, führt er sie auf den geeignetsten und schönsten aller Standpunkte, nach Prag, Prag, welches Alexander von Humboldt in malerischer Hinsicht nach Konstantinopel, Neapel und Liffabon die vierte Stadt Europa's nannte, Prag, dem Mittelpunkt des Landes und dem „lebendigen Geschichtsbuch des bömischen Volks von der Heidenzeit an durch die Perioden der Prcemysliden, Luxemburger, Huffiten und Habsburger hindurch“. Vier erhabene Punkte weist er ihnen hier zur Umschau über die hundertthurmige Stadt und das gesegnete Land an: den Wysrhrad südlich mit feiner uralten, aber längst zertrümmerten Fürstenburg; den Hradschin im Morgen; den Zizkaberg nach Abend, und das reizvolle Belvedere gen Mitternacht, von wo sich Prag in aller feiner Herrlichkeit vollständiger und lieblicher als fonst irgendwo entfaltet. Aus der Höhe des Wysrhrad mag der betrachtende Leser feinen Blick versenken in die Mythenzeit des Heidenthums, aus welcher das älteste Denkmal böhmischer Poesie, „Libuffas Gericht“, übrig ist, dann aber auch die Morgenröthe des Christenthums anbrechen fehen, dessen Siegeskranz Böhmen, jedoch erst im dreizehnten Jahrhundert, im Kampf mit den Mongolen errang. Auf dem höheren Hradschin und Lorenzberg sodann betrachten wir zuerst Veitsdom, Königsburg und übrige Paläste, hierauf das Auge nach den fernen Kuppen des Mittel- und Ifergebirges wenden, dann finnend verweilen vor dem deutsch-luxemburgischen Königshaus und feiner Geschichte, unter welchem die Literaturblüthe Böhmens begann, aus welcher Zeit auch Ritter Thomas von Stitné und Herr Smil in neuen poetischen Gaben vorgeführt werden. Dann auf dem Zizkaberge, von wo das Auge zunächst auf das gewerbfleißige Karolinenthal und den schönen, nach Sachsen und Oesterreich hinzeigenden Eisenbahnhof trifft, fich die traurige Zeit des Huffitenkrieges und die noch traurigeren des Verfalls und Untergangs im fiebzehnten Jahrhundert unter Habsburgs Scepter vergegenwärtigen. Wie zum Ausruhen von Betrachtung fo trübseliger Zeitläufte, erhält man hier schöne Proben aus dem „Labyrinth der Welt“ des vortrefflichen Comenius (starb 15. November 1671 in Amsterdam). Endlich, von Belvedere aus überschaut man das neue Prag in fast seiner ganzen Ausdehnung und überläßt sich mit dem Volk der Böhmen allen den frohen Hoffnungen, die es unter Oesterreichs fchirmender Aegide von national geistiger und bürgerlicher Wiedergeburt hegt, zum Theil schon verwirklicht sieht. An diese Betrachtung reiht sich natürlich ein Ueberblick über Böhmens damaligen Kulturzustand und eifrig literarische Thätigkeit, begleitet von neuen dichterischen Belegen. – In dieser Art also bezeugt der patriotische Wenzig die Ehren feines Geburtslandes, des von schützenden Gebirgswällen rings umgürteten, und weidet Herz und Blicke an erquickender Aussicht in seine Zukunft. E. K.-r.

Nord- Minneriffa.

Der moderne Spiritualismus in Amerika und Europa.

(Fortsetzung.)

Unser moderner Spiritualismus ist nichts Neues, er ist eine alte Geschichte in neuem Gewande; aber er ist deshalb nicht weniger beachtenswerth, denn er ist der Beweis eines fich zu allen Zeiten und bei allen Völkern wiederholenden Prozeffes des menschlichen Geistes. Wenn aber die Wirklichkeit des Geisterverkehrs mit dem Dieffeits, die Realität der Vision, dadurch bewiesen werden foll, daß fich eben die Manifestation einer Geisterwelt zu allen Zeiten wiederholt habe; fo irrt man, da es ja noch gar nicht feststeht, daß jene Erscheinungen eine Ursache außer uns haben, daß sie nicht das Erzeugniß der eigenen inneren Geistesthätigkeit find. Kant fagt: „Die Philosophie, deren Eigendünkel macht, daß fie fich felbst allen eitlen Fragen bloßstellt, fieht fich oft bei dem Anlaffe gewiffer Erzählungen in schlimmer Verlegenheit, wenn fie entweder an. Einigem in denselben ungestraft nicht zweifeln, oder Manches davon unausgelacht nicht glauben darf. Beide Beschwerlichkeiten finden sich in gewissem Maße bei den Geistergeschichten zusammen, die erste bei Anhörung desjenigen, der fiebetheuert, und die zweite in Betracht derer, auf die man sie weiter bringt. In der That ist auch kein Vorwurf dem Philosophen bitterer, als der der Leichtgläubigkeit und der Ergebenheit in den gemeinen Wahn; und da diejenigen, die sich darauf verstehen, guten Kaufs klug zu scheinen, ihr spöttisches Gelächter auf. Alles werfen, was die Unwiffenden und Weifen gewissermaßen gleich macht, indem es Beiden unbegreiflich ist: fo ist es kein Wunder, daß die fohäufig vorgegebenen Erscheinungen großen Eingang finden, öffentlich aber entweder abgeleugnet, oder verhöhnt werden.“ – „Und so werden die Erzählungen von dieser Art wohl jederzeit nur heimlich Gläubigen haben, öffentlich aber durch die herrfchende Mode des Unglaubens verworfen werden.“ – „Eben diese Unwiffenheit macht auch, daß ich mich nicht unterstehe, so gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geister-Erscheinungen abzuleugnen, doch mit dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammen aber einigen Glauben beizumeffen.“ Im Gegentheil! Ist die einzelne Erscheinung als physiologischer Vorgang nachgewiesen, so kömmt es uns gar nicht darauf an, was Phantasie und Wiedererzählung in anderen Fällen dazu gethan; uns genügt die Möglichkeit des Vorkommens, ohne daß uns die Wahrheit in dem einen Falle von entscheidender Wirkung ist. In dem ganzen Komplexe aber der Manifestationen eines geglaubten Geisterreichs liegt so viel Widersprechendes, daß schon hieraus Zweifel nicht an der Wahrheit der Erscheinung, aber an ihrer Deutung auf steigen müffen.

Wir wollen weniger Gewicht darauf legen, daß die Geister mit ihren Kenntniffen nicht über den beschränkten Kreis der Anschauungen ihrer Zeit hinausgehen, denn man kann nicht voraussetzen, daß alle Geister tiefer Gelehrsamkeit theilhaft sein sollen; aber Das können wir doch von jedem Geiste, auch dem unseligen, erwarten, daß er weiß, wo er ist. Wenn aber das Weib mit dem Wahrsagergeiste den Geist Samuel’s aus der Gehenna in der Mitte der Erde aufsteigen läßt; wenn die Geister der Griechen und Römer aus dem Orkus heraufbeschworen werden; wenn die Geister des Mittelalters „denen, fo fie gefragt, wie sie seien oder was sie wollen, zur Antwort gegeben, fie seien dieses oder jenes Verstorbenen Seelen, und man müffe ihnen so und so viel Seelenmeffen, Wallfahrten und dergl. machthun, ehe könnten fiel aus dem Fegefeuer nicht erlöst werden“, „daher auch die gottlosen Seelenmeffen, Wallfahrten, das Fegefeuer und ander dergl. Phantasie und Narrenwerk mehr aufgenommen und befestigt seien“; fpätere Geister aber von einem Fegefeuer nichts wissen wollen, wohl aber von einem „Mittelreiche“ erzählen, in dem sie verweilen, ehe sie den Gefilden der Seligen zueilen; wenn Swedenborg die Geister auf Sternen wohnen sieht in Häusern und Gärten, die vollkommen den irdifchen gleichen; wenn andere Geister erzählen, auf der Erde herumzuwandeln, oder an einen Ort „gebannt“ zu fein, von dem sie „erlöset“ werden müßten, oft durch Verhältniffe, deren vernünftigen Zusammenhang man nicht einsieht; wenn unsere modernen Geister erzählen, wie der abgeleibte Geist, „melancholisch mit dem Gefühle furchtbarer Vereinsamung und Bangigkeit um die Stelle, wo er im Leben wohnte, umherschwebt, wie er über die großen Schicksalsfragen und die Räthfel des Daseins im Grunde wenig aufgeklärter fei, als wir es hier find, und noch immer behaftet mit allen Schwächen, die ihm im Leben anklebten, selbst aus den Gefilden der Seligen kehre er auf den Ruf eines Menschen zurück, um mit ihm als sein Schutzgeist die Kümmerniffe des Lebens aufs neue zu theilen: fo müffen wir gestehen, daß uns diese gänzliche Verschiedenheit der Aussagen der Geister über den Ort ihres Aufenthalts nicht eben gläubig für das stimmen kann, was ihnen ferner liegt. Die Beschreibung des „Jenseits“, des Himmels Geister unter einander und mit den Engeln ist höchst verschieden; jede Sffenbarung gibt uns davon ein anderes Bild, und keine hat das transfeendente Bedürfniß befriedigt. Ueber die einfachsten Dogmata sind die Geister verschiedener Meinung, und wie die Einen fich früher für die unbefleckte Empfängniß der Maria aussprachen und die anderen dagegen; so halten es heutzutage die Einen mit Whewell („Of the plurality of worlds; London, 1853), die Anderen mit Brewster („More Worlds than One; London, 1854) und laffen bald nur einen Theil der Erdenbürger, bald die Bewohner aller Welten mit erlöst fein. Die Geister sollen aber, „den Feffeln des Leibes entbunden“, einen freieren Ueberblick über Verborgenes und Zukünftiges erhalten; fie sollen uns mittheilen können, was sie gedacht und gethan, gewußt und verborgen; des Menschen Wille und Glaube genügt, wie schon Paracelsus schreibt, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, sie zu berufen, zu befragen und zur Antwort zu nöthigen. Auch bei unseren modernen Geister-Manifestationen scheint eine Intelligenz uns gegenüberzustehen, „die uns schlagende Beweise ihrer unendlichen Ueberlegenheit im Erkennen, Wiffen und Ahnen giebt“, eine Intelligenz, welche mit übermenschlicher Schärfe des Erkennens das Ferne uns enthüllt, mit übermenschlichem Wiffen in der Seele dritter Personen liest, mit übermenschlichem Ahnungsvermögen in die Zukunft blickt; so daß durch den überwältigenden Eindruck einer fremden mit uns verkehrenden Persönlichkeit, welche einen vollständigen Ueberblick über unsere Verhältniffe verräth, die tiefsten Gedanken unserer Seele aus ihrem Verfecke an das Tageslicht bringt, ja, uns Antworten ertheilt, deren Zufammenhang uns ein Räthel ist und bleibt: der Schluß vollkommen gerechtfertigt erscheint, daß diese Persönlichkeit, wie sie mir Dinge fagt, die mir verborgen waren, wie sie mir Heilmittel angiebt, wie fie eine treue Sorge für mein Seelenheil verräth, mir überhaupt ein treuer Rathgeber fein müffe, „deffen höhere Erkenntniß ich in meinen Lebensverhältniffen als Orakel ins Spiel ziehen könne.“ Und in der That haben die Menschen diese Schlußfolgerung feit Jahrtausenden gemacht; aber sie haben sie stets zu ihrem Nachtheile gemacht, denn ein neckendes, ironisches, tückisches Wesen schien fiel absichtlich durch Zweideutigkeiten zu täuschen und durch den Glauben an die Wahrfagung den Gläubigen in das Verhängniß hineinzuziehen, dem er zu entrinnen strebte. Schon Moses eifert gegen das zu feiner Zeit sehr gewöhnliche Todten-Orakel und lehrt uns, daß die Wahrheit nicht von den Todten zu erfahren ist. Und die Kirche, in der schon in den ersten Jahrhunderten der Streit über die Wahrheit der Vision die Christen in Paulicianer und Petriner trennte, kam oft in große Verlegenheit, wenn es sich darum handelte, die echte Erscheinung von der unechten, den Engel von dem Geiste, die verdammte Seele von dem Dämon zu unterscheiden, um fo mehr, da es dem Teufel vergönnt war, in verklärter Gestalt zu erscheinen. Jakob de Chufa und Thiräus haben große Mühe, die Kriterien der echten Erscheinung aufzufinden. Luther, welcher höchst inkonsequent die unmittelbare göttliche Einwirkung in Person oder durch Geister auf die Menschen in Abrede stellt, dem Teufel aber jede Gewalt auf dieselben einräumt, kennt keine Mittheilung der Geister, ihm ist jede Erscheinung Teufelsspuk. Die Hölle aber lügt, und der der Hölle glaubt, wird betrogen, abgesehen davon, daß er noch feiner Seelen Seligkeit aufs Spiel fetzt. Schön hat uns Shakespeare im „Macbeth“ den Satz in Anschauung gebracht: „Verflucht ist, wer der Hölle glaubt“, der sich fchon früher an Krösus, Lagus und Astyages bewährte. Auch unsere modernen Spiritualisten mußten leider die traurige Erfahrung machen, daß in dem Verkehre mit jener Welt wenig Treue und Wahrheit zu finden sei. Aber statt den früheren Schluß, daß da, wo eine Wahrheit fei, Alles Wahrheit sein müffe, umzukehren und, durch die wiederholten Täuschungen belehrt, zu glauben, daß die Unwahrheit der Aussagen in den Angelegenheiten des täglichen Lebens, die wir verfolgen können, die Unwahrheit der Aussagen in den Fällen, welche fich unserer Beurtheilung entziehen, wahrscheinlich mache, berief man sich auf das Wort des Evangelisten: „Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott find“, und meinte, das Wahre komme von den feligen, das Unwahre von den unseligen Lügengeistern. Leider aber hielt das Kriterium nicht Stich, und viele der Geister, die da bekannten, „daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen“, zeigten sich dennoch als Lügengeister, so daß Mr. Hawthorne schreibt: „Ach, lieben Landsleute, mich dünkt, wir find in ein böses Zeitalter gerathen! Wenn diese Erfcheinungen kein Gaukelspiel oder Blendwerk find, so ist es für uns um fo schlimmer. Was können diese Phänomene in spiritualistischer Beziehung weiter bedeuten, als daß der menschliche Geist auf eine tiefere Stufe herabgestiegen ist, als die er im Fleische erreicht? Es geht also mit uns bergab, und wir kommen auf dieselbe Linie mit Wesen, welche der Tod noch unter die Menschen gestellt hat! Je weniger wir uns mit ihnen zu schaffen machen, desto beffer wird es für uns fein, damit wir nicht ihr Schicksal theilen.“ (Schluß folgt)

Türkei.

Die Vertheidiger von Kars.*)

Die heldenmüthige Vertheidigung von Kars wird stets, was auch das fernere Schicksal feiner tapferen, aber verlaffenen Besatzung fein mag, eine der glänzendsten Episoden des gegenwärtigen Krieges bilden. Die Standhaftigkeit und Hingebung, welche einige Tausend türkische Soldaten hinter den Erdwerken von Kars gezeigt haben, sprechen laut zu Gunsten des Patriotismus und der militairischen Eigenschaften des osmanischen Volksstammes und werden viel dazu beitragen, ihn in den Augen der Welt gegen die schimpflichen und oft unmotivierten Vorwürfe zu rechtfertigen, mit denen man ihn feit einiger Zeit überhäuft hat.

Der Muschir oder Oberbefehlshaber der anatolischen Armee ist Vaffif-Pascha. Unter ihm kommandiert Abdul-Kerim-Pafha. Der Rathgeber des Muschir und faktischer Oberbefehlshaber ist General Williams, von einem kleinen Stabe englischer Offiziere unterstützt. Chef des Stabes ist General Colman oder Fezzi-Bei, während General Kmety die mit der Vertheidigung der Redouten betraute Infanterie befehligt. Vaffif-Pascha, der Muschir, ist ein bejahrter, erfahrener Militair, der in der Türkei einen fehr ehrenvollen Ruf genießt und einen versöhnlichen und gelehrigen Charakter besitzt. Die Bereitwilligkeit, mit der er die Rathschläge des Generals Williams entgegennahm, stach vortheilhaft ab gegen das Benehmen feiner Kollegen, die sich in ihrer Würde verletzt glaubten, wenn sie die Meinung eines Europäers befolgen sollten. Abdul-Kerim-Pascha, der Reis oder Zweitkommandierende, ist gleichfalls ein gedienter Militair, ohne wifenfchaftliche Ausbildung, aber von hervorragender persönlicher Tapferkeit und äußerst beliebt bei den Soldaten. In der Schlacht von Kurukdere, welche den vorjährigen unglücklichen Feldzug schloß, legte Kerim-Pascha den größten Heldenmuth an den Tag und vermehrte dadurch die Popularität, die er in der Armee genoß. Vor dem gegenwärtigen Kriege hatte sich Kerim-Pascha gegen die Kurden und Araber ausgezeichnet, indem er die öfteren Empörungen dieser unruhigen Völkerfchaften unterdrücken half. Das ehrwürdige Alter dieses Offiziers, fein schneeweißer Bart und anspruchsloses Wesen flößen unwillkürliche Achtung ein, und er ist einer der wenigen Paschas von türkischem Stamme, in welche die Soldaten Vertrauen setzen.

General Williams ist einer der talentvollsten Offiziere in der britischen Armee, eben fo begabt als Diplomat, wie als Ingenieur und Stratege. Nach dem traurigen Ausgang des letzten Feldzugs in Anatolien wurde der damalige Oberst Williams nach dem asiatischen Kriegsschauplatze abgefertigt, um durch feine Erfahrung und Thatkraft die entmuthigten Türken aufzurichten. Die Wahl der englischen Regierung hätte nicht glücklicher ausfallen können, da Williams nicht allein mit der Sprache, den eigenthümlichen Ansichten und Vorurtheilen der Türken, sondern auch mit dem Terrain vertraut war, auf dem er wirken sollte. Vor mehreren Jahren hatte er in Verbindung mit Curzon, dem geistreichen Verfaffer der „Klöster der Levante“,“) von feiner Regierung den Auftrag erhalten, als Kommiffar bei Regelung der Gränzen zwischen der Türkei und Rußland (Perfien?) zu fungieren. In Folge dessen hielt sich Williams längere Zeit in Erzerum und auf dem streitigen Gebiete auf, wo er die Einsicht in den türkischen NationalCharakter erlangte, die er feitdem fo gut benutzt hat, und fich die Achtung und das Wohlwollen der Behörden und des Volkes zu fichern wußte. Sein Name wurde in ganz Anatolien bekannt und feine Ernennung zu dem einflußreichen Posten, den er gegenwärtig bekleidet, erregte daher allgemeine Befriedigung. Bei feiner Ankunft in Erzerum im Herbste 1854 fand Williams das Heer in vollständiger Auflösung. Die Unterschleife der eingeborenen Beamten hatten eine Höhe erreicht, die felbst in der feilen Türkei ohne Beispiel war, und die Leiden der geschlagenen Armee wurden dadurch noch unerträglicher. Indeffen blieben die Vorstellungen des Generals Williams nicht ohne Erfolg; die Schuldigen wurden ihres Verbrechens überführt und von der Armee entfernt. Den Oberbefehl erhielt Vaffif-Pascha, der alle von dem Engländer vorgeschlagenen Reformen billigte. Binnen kurzer Zeit wurde etwas Disziplin in dem anatolischen Corps eingeführt, während man Erzerum mit einer Reihe von Erdwerken umgab, die es vor der Gefahr eines Handstreichs sicherte. In diesen Arbeiten wurde Williams durch einen höchst intelligenten römischen Offizier, den Obersten Calandrelli, unterstützt, der leiderfeitdem an der Cholera gestorben ist. Im Frühjahre marschierte die ottomanische Armee nach Kars, wo sich in den strengen Wintermonaten nur eine kleine Garnifon befunden hatte. Die Festungswerke von Kars wurden verstärkt und die Höhen, die es umgeben, mit Erdschanzen bedeckt. Als General

*) Nach Berichten eines Augenzeugen der Vertheidigung in der Daily News und als Nachtrag zu den Bemerkungen über den Krieg in Asien in Nr. 99 und 100 des „Magazin“.

*) Unsere Leser werden sich dieser Schrift aus den Proben erinnern, die wir ihnen zur Zeit im „Magazin“ daraus vorgelegt haben. D. R.

Murawjev von Humri vorrückte und fich vor Kars lagerte, traf Williams alle Maßregeln, welche die Widerstandskraft feiner Garnison erhöhen konnten. Er fammelte Vorräthe fo lange, bis die Ruffen die Festung vollständig umzingelt hatten, und vermied es forgfältig, sich in ein Treffen in offenem Felde einzulaffen, wo das Uebergewicht der russischen Disziplin fich geltend machen würde. Unterdessen fandte er vergeblich einen Boten nach dem anderen nach Konstantinopel, um die Regierung zur Einsicht der Gefahr zm erwecken, die die asiatischen Befitzungen des Sultans bedrohte. Sein Hülferuf blieb fruchtlos; die Augen der Türkei und ihrer Verbündeten waren fest auf Sebastopol gerichtet, und Kars wurde einem Schicksal preisgegeben. So auf feine eigenen Hülfsmittel beschränkt, fah Williams mit Ruhe dem Tage entgegen, wo der nahe Winter den Feind zu einem entscheidenden Schlage zwingen oder wo der Hunger ihn felbst zu einer ehrenvollen Capitulation nöthigen würde. Die Zufuhren waren längst erschöpft, die Kavalleriepferde mußten geschlachtet werden, um der Garnison als Speise zu dienen, und sie schien bereits ohne Rettung verloren, als fie, von neuem sich aufraffend und von dem Heldenmuth ihrer Führer begeifert, dem Feinde kühn entgegentrat und den ungestümen Angriff des Generals Murawjev abschlug. In diesem furchtbaren Kampfe war jedoch der General Kmety (Ismail-Pascha) der wahre Held des Tages. Ihm war die Vertheidigung einer Position anvertraut worden, die als der Schlüffel des Platzes zu betrachten ist und deren Fall das Schicksal Anatoliens entschieden hätte. Dreimal gelangten die russischen Kolonnen in Besitz der Inglis-Tabia (englischen Schanze), und dreimal vertrieb Kmety sie wieder mit dem Bajonett aus den eroberten Batterieen. Seinem glänzenden Beispiel und der Entschloffenheit, welche er dem türkischen Soldaten einzuhauchen wußte, ist die Rettung von Kars hauptsächlich zuzuschreiben. General Kmety war einer der hervorragendsten und ohne Zweifel der ehrlichste und patriotischste unter den ungarischen Führern in ihrem denkwürdigen Kampfe für nationale Unabhängigkeit. Er hatte sich dem wackeren alten Bem angeschloffen, den er in feinen letzten Stunden pflegte und defen Augen er im fernen Damaskus zudrückte. Zu Anfang des Krieges wurde Kmety bei der anatolischen Armee angestellt, wo er das Kommando über die Baschi-Bofuks nachfuchte und erhielt. Es gelang ihm, einige Ordnung unter diese zügellosen Wilden zu bringen und ihnen ein blindes Zutrauen zu feiner Tapferkeit und Umsicht einzuflößen. Kmety war von Anfang an der populärste Führer in der türkischen Armee, woran auch fein männlich schönes, soldatisches Aeußere Theil hatte. An der Spitze der Baschi-Bouks führte er einige glänzende Coups aus, und in der verhängnißvollen Schlacht von Kurukdere übernahm er das Kommando einer Brigade regulärer Truppen, welche an jenem Tag allein gegen den Feind Stand hielt. Seine trefflichen Eigenschaften konnten dem General Williams nicht lange verborgen bleiben, und in dem neuen Kampfe erhielt er den Posten der Ehre und der Gefahr. General Colman, unter defen Aufsicht die Vertheidigungswerke von Kars errichtet wurden, ist einer der talentvollsten, jetzt lebenden Ingenieur-Offiziere. Er ist Chef vom Generalstabe der anatolischen Armee und bekleidete daffelbe Amt im ungarischen Kriege. Colman wird von den Türken sehr geschätzt, über welche er einen merkwürdigen Einfluß gewonnen hat. Wie Kmety, steht er in der Blüthe des Lebens, indem er kaum fein vierzigstes Jahr überschritten haben mag. In den Anordnungen zu dem am 29. September versuchten Sturm zeigte General Murawjev das strategische Geschick, wegen defen er berühmt ist. Er hatte sich die Erdwerke an der Nordseite von Kars als Zielpunkt seines Angriffs gewählt, und ihr Befiz hätte allen ferneren Widerstand unmöglich gemacht. Gegen diese Werke rückten drei russische Kolonnen an, die mit der Garnison einen Kampf begannen, während eine vierte, unter dem Kommando des Generals Bafin, von dem Feuer der anderen gedeckt, auf die Batterieen stürzte und die Vertheidiger aus einander trieb. Von Kmety geführt, kehrten die Türken zurück und verjagten die Angreifer. Ein zweites und drittes Mal drangen die Ruffen in die Werke ein, aber nur, um von neuem nach einer furchtbaren Metzelei mit dem Bajonett zurückgeschlagen zu werden. Die Führer der drei Angriffskolonnen, Fürst Gagárin, General-Lieutenant Kowalevskji und Generalmajor von Maydell, wurden gleich im Anfang des Kampfes blefirt, und dieser Umstand trug das Seinige dazu bei, ihre Aussichten auf Erfolg zu vermindern. Sie erkauften ihre Niederlage mit einem Verluste von fechstausend Todten und Verwundeten, während die Besatzung von Kars kaum funfzehnhundert Mann einbüßte. Der General Murawjev war als Divisionschef im Feldzuge von 1829 thätig, als Fürst Paskewitsch das Tafelland von Armenien überzog, und es ist daher vorauszusetzen, daß es ihm an Lokalkenntniß nicht mangelt. Man kann auch nicht sagen, daß er an dem von feiner Armee erlittenen Unfall schuld fei, und feine

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Truppen kämpften mit Bravour und Ausdauer; aber die höhere Disziplin und gränzenlose Zuversicht der russischen Bataillone scheiterten an der zähen Tapferkeit der Osmanen.

Mannigfaltiges.

– Magyarische Sprachkunde. Das uns kürzlich zugekommene zweite Heft der fo (Magyar Nyelvészet) betitelten, in magyarischer Sprache erscheinenden Zeitschrift enthält drei Artikel oder Abhandlungen. Die erste: „Beobachtungen über den rechten Gebrauch der Kunstwörter und Beleuchtung einiger fprachwiffenfchaftlichen Materien“, ist von Konrad Halder. Ihr Verfaffer macht auf die großen Vortheile einer wissenschaftlichen Terminologie aufmerksam; er fagt, daß es zwar jedem Volke obliege, feine Muttersprache gegen eine Ueberfluthung mit Fremdwörtern zu. fchützen, daß aber auch dem Purismus keine unbeschränkte Herrschaft gestattet werden dürfe, namentlich über gewife Kunstwörter, die in der ganzen gebildeten Welt gangbar seien. Wo es gar Verdrängung folcher, dem Latein oder Griechischen erborgter Ausdrücke gilt, da empfiehlt er reife Ueberlegung und allseitige Achtsamkeit, damit man die einestheils aufgeopferten Vortheile anderentheils in gehörigem Maße wiedergewinne. Wenn irgend eine Sprache, so darf die magyarische eine nationale Terminologie in Anspruch nehmen; denn ihr ganzer Charakter ist fo eigenthümlich, daß sie fremde Kunstwörter viel weniger leicht fich aneignen kann, als die meisten übrigen Sprachen Europa’s. Auch hat eine folche Terminologie wirklich schon sich entwickelt; nur ist dies nicht in allen Fällen mit glücklichem Erfolge geschehen. Der Verfaffer prüft nun die bereits eingeführten grammatischen KunstAusdrücke, wobei es denn belehrende Erörterungen über die wahre Bedeutung gewifer grammatischer Formen, besonders Tempus- und Modus-Formen im Magyarischen giebt. – Ein zweiter Artikel, von dem Herausgeber (Paul Hunfalvy), ergänzt und berichtigt auch zum Theil den ersten. Hier wird urkundlich aus alten literarischen Denkmälern der Ungarn dargethan, daß man weiland mehr und feinere Abschattungen des Präteritums (wenn auch nur auf umschreibendem Wege) bezeichnete, die schon lange außer Gebrauch gekommen. Sodann bringt der Verfaffer einige paffendere technische Ausdrücke in Vorschlag. Der dritte Artikel, von Stephan Fábián, ist die erste Lieferung einer sprachvergleichenden Arbeit, die Verwandtschaft des Finnischen (der Suomi-Sprache) mit dem Magyarischen betreffend.“) Auch diese Arbeit hat ihr unleugbares Verdienst; nur ist der Verfaffer in feinen Vergleichungen bisweilen noch etwas zu kühn und fanguinisch, oder es fehlt nähere Begründung, zu welcher die SuomiSprache für fich allein bei weitem nicht immer ausreicht.

– Die Trikolore und die weiße Fahne. Die Trikolore ist nicht, wie man gewöhnlich annimmt, revolutionairen Ursprungs; fie wurde allerdings im Jahre 1789 von der Pariser Nationalgarde aufgepflanzt, datiert aber noch aus den Zeiten des alten französischen Königthums. Die weiße Fahne der Bourbons ist erst viel später entstanden und hat ihren Ursprung in der Sitte, ein weißes Tuch als Signal zu einem Waffenstillstande und eine weiße Flagge als Zeichen der Uebergabe aufzustecken. Das Recht, fiel vor fich hertragen zu laffen, war anfangs den General-Obersten der Armee vorbehalten, und nur als Ludwig XIV., auf die Gewalt dieser Feldhauptleute eifersüchtig, das Amt abschaffte und die Privilegien defelben der Krone übertrug, wurde die weiße Fahne das National-Banner oder vielmehr das Banner des einzigen General-Obersten der Armee, des königlichen Kriegsherrn. Nach einer Ordonnanz vom 12. Mai 1696 sollte die weiße Fahne nur von den Garden im Dienste bei der Person des Königs und des Dauphins geführt werden, aber nach und nach legte jedes Regiment sich eine solche zu. Indeffen bestimmt ein vom 1. Juni 1776 datierter Armeebefehl, daß die weiße Fahne nicht als Nationalfarbe, sondern als das bloße Feldzeichen des Regiments zu betrachten fei, und diese Unterscheidung wurde durch eine zweite, am 3. April 1780 erlaffene Ordre bestätigt. Dagegen finden wir die Trikolore fchon in den Heeren Karl's VII.; fie wurde von Heinrich IV. den Holländern verliehen, und als die Franzosen fiel nach der Revolution wieder annahmen, kehrten sie nur zu ihren alten Farben zurück. Bei der Armee hat man übrigens das dreifarbige Banner erst seit 1792 eingeführt, in welchem Jahre die weißen Fahnen, welche die Regimenter bis dahin geführt hatten, verbrannt wurden.

*) Eine vorzügliche akademische Abhandlung des Herrn Hunfalvy, die gleichen Zweck hat, erschien im Jahre 1853 unter dem anspruchslosen Titel: „Vergleichung finnischer und magyarischer Wörter“ („Finn és Magyar szók" egybehasonlitása").

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