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England.

G. P. R. James, Bulwer und Dickens. Nach Sir Archibald Alison.

Der berühmte schottische Geschichtsschreiber entwirft in feiner „Gefähichte Englands in neuester Zeit“ das nachstehende Bild von dem novellistischen Dreigestirn Englands.

James.

Wenn James' Werke auch nicht alle gleiches Verdienst haben und Wiederholungen von Bildern und Scenen in ihnen zu finden sind, fo find sie doch gänzlich frei von den Fehlern vieler seiner Zeitgenoffen, welche im Anfang größere Popularität erlangt haben. In feinen ausgezeichneten Schriften begegnen uns nicht allein reine und gute, sondern auch erhabene und edle Gefühle. Sein ritterlicher Sinn läßt in allen feinen Erzählungen die von jenen Gefühlen geleiteten Personen über die von niedriger Selbstsucht erfüllten Seelen zuletzt den Sieg davontragen. Er malt mit großer Kraft, und feine Feder führt mit merkwürdiger Leichtigkeit die Zeichnung der fernsten, mit einander kontrastierenden Weltgegenden, Sitten und sozialen Gewohnheiten aus, Seine besten Romane: „Attila", „Philip Augustus”, „Mary of Burgundy”, „The Robbers” („Die Räuber“), werden stets einen ausgezeichneten Platz in der englischen Literatur einnehmen. Seine Werke find in der Richtung der von Walter Scott eröffneten Bahn des historischen Romans verfaßt, der die Sphäre der Roman-Literatur so unendlich erweitert hat und eben so belehrend als unterhaltend ist. Nicht ein Wort, nicht ein Gedanke, der das zarteste Gefühl verletzen könnte, entschlüpft je feiner Feder, und der Geist, der von Sorgen ermüdet und von der Selbstsucht der Welt getrübt ist, wendet sich mit Vergnügen zu seinen Schriften, die ihn in frühere Tage zurückversetzen und die Ideen und Sitten alter Zeiten, vielleicht sogar mit zu glänzenden Farben, vergegenwärtigen. Aber mit diesen großen und mannigfachen Verdiensten kann man ihn doch nicht in die ersten Reihen der Romanschreiber stellen, denn ihm fehlen die dazu erforderlichen HauptEigenschaften: Er hat keine dramatische Kraft; fein Dialog ist selten geistreich, oft langweilig und ohne die Kürze, so wie ohne den Gegenfatz, welche die innerste Seele der Unterhaltung find. Sein Geist ist mehr schildernd als reflektierend, er hält sich in seinen Beschreibungen mehr an äußere Gegenstände als an innere Empfindungen. In den letzteren aber liegt der größte Reiz des Romans. Nicht durch die Beschreibung der physischen Natur, sondern durch den Erguß tief inniger Gefühle, die einst jedes Herz durchströmten, ergreift der Dichter die durch die Kämpfe des Lebens ermattete Seele und führt sie, wenn auch nur auf wenige Minuten, zu den glänzendsten Momenten, bei denen die Erinnerung weilen kann.

Bulwer.

Wenn die Romane von James in der Schilderung der Gefühle, die in den Tiefen des Herzens ruhen, mangelhaft find, so kann man daffelbe nicht auf den großen Novellisten anwenden, defen Genius die englische Literatur verschönert hat. Ausgestattet mit den höchsten Eigenschaften, die in diesem Literaturzweige gefordert werden, steht Sir Edward Bulwer Lytton hervorragend da und ist zu einem Platz neben Walter Scott, an der Spitze der Roman-Schriftsteller Englands, berechtigt. Von edler Abkunft, der Erbe angestammter Schloß-Hallen von ungewöhnlicher Pracht und ungewöhnlichem Intereffe, hat er von feinen normännischen Vorfahren die Eigenschaften geerbt, welche fie adelten. Niemand war je tiefer als er von den erhabenen Gedanken und ritterlichen Gefühlen durchdrungen, welche das wahre Zeichen patrizischen Blutes sind, und welche, wie viel sie auch von Anderen bewundert werden, vielleicht nie in solcher Reinheit existieren, wie in denen, die gleich den arabischen Vollblutsroffen ihren Stammbaum auf eine lange Reihe von Ahnen zurückführen können. Im Zeichnen der leidenschaftlichen Liebe und im Entfalten ihrer geheimsten Gefühle, sowohl bei dem männlichen, als bei dem weiblichen Geschlecht, steht er unübertroffen in der englischen Literatur da. Frau von Staël

felbst hat sie nicht mit größerer Wahrheit oder Schönheit dargestellt. Ja, in dieser Hinsicht ist er Walter Scott bei weitem überlegen, da dieser das Gefühl wenig berücksichtigte und, wenn er sich auf die Schilderung zarter Empfindungen einließ, fie nur ihren äußeren Symptomen und der Beobachtung. Anderer entnahm. Bulwer fcheint feine Gemälde aus einer weit wahreren und tieferen Quelle geschöpft zu haben – feiner eigenen Erfahrung. Er fchreibt so mächtig und so treffend, weil er selbst so tief gefühlt hat. Es giebt kein treueres Portrait, als das, was er von feinem großen Meister entworfen. „Rienzi“ ist einer der vollendetsten historischen Romane – „Godolphin“ und „Ernest Maltravers“ gehören zu den intereffantesten und reizendften Erzählungen in englischer Sprache. Er ist aber nicht allein als Romanschreiber berühmt, sondern auch als erfolgreicher Dramatiker und lyrischer Dichter. Seine Ueberfetzungen von Schiller's Balladen athmen defen verwandten Geist. Sein „Timon“ ist bei weitem die glänzendste Satire, feine Schauspiele find die volksthümlichsten dramatischen Werke feines Zeitalters. Wenn einige feiner anderen Werke nicht von gleichem Verdienst find, so ist es nur das gewöhnliche Schickfal des Genies, in einigen Auffaffungen glücklicher zu sein als in anderen. In allen aber findet man Zeichen tiefer Reflexion und durchdringender Gedankenfülle, in allen treten große Beobachtungsgabe und mächtige Schilderung der Charaktere hervor. Ein ernsterer Fehler ist in der gelegentlichen Wahl eines Sujets und in den Reizen zu finden, mit denen fein zauberischer Pinsel bisweilen das Laster umgiebt. Der größte Bewunderer feines Genies kann sich nur überrascht fühlen, wie er zur Heldin eines feiner Romane ein Weib wählen konnte, das drei Mordthaten, die ihres eigenen Gatten und Sohnes eingerechnet, begeht; oder bedauern, daß Jemand, der so fähig ist, die Welt durch romantische Bilder in ihrer erhabensten Form zu bezaubern, feine Kräfte jemals auf die Schilderung des lasterhaften Lebens oder von Charakteren und Scenen der abschreckendsten Verworfenheit verschwenden konnte. Allerdings läßt er die Sittenlosigkeit nie siegreich hervorgehen, und der letzte Eindruck feiner Werke, wie unzählige ausgezeichnete Reflexionen, find alle auf der Seite der Tugend; aber die Sittenlosigkeit erscheint in den dazwischenliegenden Scenen oft fo anziehend, daß keine Endkatastrophe den ersten Eindruck vernichten kann. Es fagt sich Jeder, daß das nur aus dem Leben gegriffen ist, aber eben deshalb sollte man es nicht noch glänzender durch die Reize der Phantafie ausschmücken. Es ist wahr, Malerei erfordert Kontrast, und die Mischung von Licht und Schatten ist nothwendig, um die Formen hervorzubringen und die Schönheit der Natur zu verherrlichen; aber der Maler des Geistes nicht weniger als der materieller Gegenstände würde wohl daran thun, fich die Regel Titian's zu beherzigen, daß der größere Theil jedes Gemäldes in mezzotinto gehalten werden sollte und nur ein kleiner Theil in tiefem Schatten.

Dickens.

Die große Vorliebe der Roman- und Novellen-Schreiber in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts für die Schilderung des vornehmen Lebens mit feinen Reizen, feinen Lastern und feinen Thorheiten führte natürlich zu einer Reaction, und es entstand eine Schule, deren Leiter allen Stoff aus den höheren Ständen von fich wiesen und die Sitten, Manieren, Ideen und Gewohnheiten der mittleren und niederen Klaffen darstellten. Das eröffnete Feld war groß, und früh wurden bedeutende Kräfte auf seine Kultivierung verwandt. An die Spitze dieser Schule, in Betreff der Zeit fowohl als des Talentes, muß man Dickens stellen, defen Werke früh eine große, man kann fagen, eine beispiellose Berühmtheit erlangten. Daß sie also sehr glänzende Eigenschaften besitzen müffen, ist wohl begreiflich; denn Niemand gebietet selbst nur für Augenblicke über den Beifall der Menge, ohne bemerkenswerthe Macht zu besitzen. Es ist auch nicht schwer, diese Kräfte von Dickens kennen zu lernen. Er vereinigt mit außerordentlichem Talent für die Darstellung der Sitten und Ideen des Volkslebens und einer tiefen Kenntniß aller Stufen desselben ein fühlendes Herz, ein warmes Intereffe für foziales Glück und sozialen Fortschritt - und viel pathetische Kraft. Er ist frei von den Hauptfehlern der Schriftsteller, die ihm in derselben Richtung voranschritten und deren Werke jetzt aus unseren Salons verbannt find. Obgleich er dieselben Gegenstände behandelt und sich in denselben Kreisen bewegt, besitzt er doch nicht die Unzartheit unserer älteren Schriftsteller. Er hat das Talent von Fielding ohne dessen Anstößigkeit, den Humor von Smollet ohne feine Derbheit. Diese großen Vorzüge im Verein mit der Neuheit und Ausdehnung des Gebietes, das er betrat, verschafften ihm früh weite Verbreitung und großen Ruf. Das beruhte aber nicht blos auf dem Verdienst des Autors, fo groß es auch war, sondern auch auf feiner Geschicklichkeit, sich den Erfolg zu fichern, und auf dem Egoismus des Lesers. Die Großen und Einflußreichen freuten fich im Stillen über das so treffend entworfene Sittengemälde der Mittelklaffe: für sie war es eine neue Welt; es gewährte denselben Reiz, wie die Reisen ins Ausland. Sie fagten fich: „Wie verschieden find sie doch von uns!“ Die Mittelklaffe war eben so entzückt davon; Jeder erkannte darin das Bild feines Nachbars, Keiner sich selbst.

Literatur-Briefe aus England. Zehnter Monats-Bericht. 1855. (Fortsetzung.) Charles Dickens hat neuerdings auch den schlafenden Homer gespielt. Vom Schlafe wird er zum Tode kommen, wenn er fich noch ferner bei der Schwindler-Gesellschaft der Administrativ-Reformer betheiligen sollte. Was Thackeray betrifft, ist fein neuestes Werk: „The Newcomes", die penetrante, pikanteste Bestätigung der Hohlheit und Heuchelei in der modernen guten englischen Gesellschaft. Man erschrickt vor der Genauigkeit und individuellsten Wahrheit feiner Schilderungen und Charaktere, vor dieser fein gesponnenen Niederträchtigkeit und Albernheit der Pläne und Bestrebungen, durch welche fein Held, fein wahrer Mensch, die gelungenste aller feiner literarischen Conceptionen, ins Armenhaus gebracht wird. Sehr treffend hieß es in einer Kritik darüber, daß, wer noch etwas Nerv und Gefühl in fich habe und nicht der unbedingtesten Herrschaft über feine Gefühle gewiß fei, diesen Theil der „Newcomes” nicht in Gesellschaft vorlesen dürfe, wenn er nicht aus der Rolle des „vollkommenen Gentleman“ fallen wolle. Jedenfalls würde ihm die Stimme brechen, jedenfalls würde er stottern, da Thränen feine Sehkraft umfloren würden. Welch ein stechender Vorwurf gegen die gute Gesellschaft und ihre vollkommene, „Gentlemännelei“ liegt selbst in dieser Wendung! Und Tennyson? Sein neuester Band ist ein mißlungenes Canto, ein Flickgedicht, aber voller gelungener Stellen, in denen fich feine Psyche momentan aus dem Drucke und dem horror vacui des Lebens emporhebt. Die gelungensten, erschütterndsten, treffendsten sind die Pfeile poetischen Ingrimmes gegen die verschiedenen Phafen der Wirklichkeit, die fiel umgeben. „Ganz oben unter den Regierenden kein fähiger, kein ehrlicher Mann, und die Mittelklaffen, welche die Administration reformieren wollten, machen die Lebensmittel, mit denen fie handeln, zu Giften des Todes.“ Die Handelsartikel- und Lebensmittelverfälschung, auf welche er hiermit einhaut, follte und foll von den regierenden Klaffen durch besondere Organe bestraft und verhindert werden. Aber man weiß auch hier nicht, wie es anzufangen ist, va die einzelnen „Behörden“ fich nicht über Kompetenz einigen können, und sie können fich nicht einigen, da ihre eigenen, wie die Intereffen mancher begünstigter Giftmischer darunter leiden würden. So haben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fortgeerbt, und was einst als Erbweisheit galt, enthüllt sich immer mehr als ererbter Fluch, aus dem man sich nirgends zu erlösen vermag, da Kraft, Wille und Moral dazu fehlen. Wie England in politischer Beziehung feinen Schwerpunkt an Napoleon III. verloren hat, fehlt ihm auch in allen anderen Beziehungen die eigene Kapazität und das disponible Kapital zur Production, fo daß fich der Stolz und die Renommifterei über feinen Geldreichthum empfindlich bestraft. Kein Volk und kein Mensch fällt ungestraft „vom Geiste“ ab. - England wird alle Konsequenzen dieses Abfalls durchleiden müffen, denn es ist in einem Grade abgefallen und hat in einem Grade mit dieser „praktischen Richtung renommiert und mit den Gütern, die sich nicht spotten laffen, Humbug getrieben, wie selten ein Volk, wenn nicht vielleicht die Amerikaner noch darüber hinauskommen. Solche Andeutungen großer, tiefer, furchtbarer Wahrheiten finden hier nur Platz, um einen Hintergrund, einen Boden, eine allgemeine Erklärung für das immer noch fehr thätige literarische Leben zu gewinnen, für die äußerliche Fülle und innere Trostlosigkeit dieses Thuns und Treibens, das es nirgends mehr bis zum Schaffen, zum Produziren bringen kann. Dies geht so weit, daß selbst die besten noch vorhandenen Schöpfer und Dichter unwillkürlich zu Kritikern des Vorhandenen werden. Das Beste in Thackeray ist Kritik, fatirische Geißel, das Beste in Tennyson Verurtheilung, Fluch über die Verworrenheit und Verworfenheit des ihn umtofenden Lebens.

Zum literarischen Schaffen, zum dichterischen Pathos fehlt es mehr als je an Stoff, feitdem fich der Kampf der „Civilisation“ gegen die „Barbarei“ als Humbug entfaltet, als militairische und geistige Unfähigkeit, als Mangel an felbständigem Willen und was sonst noch Alles? Welche Schöpfungen, welche Energie, welche Erhebung, als das deutsche Volk seine „Freiheitskriege“ fchlug! Philosophische Kategorieen und Dichterverfe wurden zu fiegenden Armeen, der Tugendund Geisterbund der Hebel aller Klaffen, die gestaltende, befreiende Kraft des ganzen Volks. Fichte und Körner, Stein und Hardenberg, Personen des verschiedensten Ranges und entlegenster Stellungen, wurden. Jeder in seiner Weise Träger und solidarische Repräsentanten dieses einigen, fiegenden Geistes. Wer fragte damals nach Alter, Stand und Stammbaum, nach persönlichen und Klaffen-Intereffen? Das war ein Krieg der Civilisation gegen Barbarei! Und wie fieht das Zerrbild eines folchen Kampfes in England aus? Es gehört wirklich die eherne Stirn der Times dazu, um unter folchen Verhältniffen von der politischen, nationalen und fozialen Ueberlegenheit Englands und dagegen von Deutschlands oder Preußens Inferiorität zu sprechen! Der letzte Schmäh-Artikel über Preußen, den das berüchtigte Boxerblatt an dem Tage brachte, an welchem der präfumtive Thronerbe Preußens von Balmoral nach London gekommen war, hat hier nicht blos unter allen anständigen Deutschen, sondern auch bei jedem Engländer, der nur einigen politischen Takt hat, Unwillen erregt, und einer der geschickteren Mitarbeiter der Times, der namentlich über Kontinental-Verhältniffe beffer als alle seine Kollegen unterrichtet war, hat durch jenen Schmäh-Artikel fich bewogen gefunden, von der Redaction auszuscheiden. – Bankerotte und lüderliche Staatsmänner zuhause, unwiffende, der Tapferkeit ihrer eigenen Soldaten nicht gewachsene Offiziere draußen in der Krim, zwischen Beiden die ehrlofesten, spitzbübischsten Armee-Lieferanten der Welt, keinen Halt mehr, als in Napoleon, keinen Gott und keine Begeisterung mehr, als in und für Napoleon, die bürgerlichen Reform-Affociationen Schwindel-Gesellschaften zum Einkauf ihrer Günstlinge in das Parlament, Rekrutierungsscenen im In- und Auslande durch „falsche Vorspiegelungen“ und Trunkenheit, neunschwänzige Katze und Kerker gegen die Nüchternen, die fich über falsche Vorspiegelungen beklagen und heilig und theuer schwören, daß sie nie für die „Königin“ kämpfen würden – das find einige Kohlenriffe zur Skizzierung des heutigen England, das vergleichungsweise wohl mehr an die Vor-Jenasche Zeit Deutschlands erinnert. England fcheint durchaus darauf zu bestehen, erst fein „Jena“ zu feiern, ehe es sich entschließen kann, fich zu maufern und wieder dem Geiste zu vertrauen, statt auf Geld, Routine und Rohheit. Napoleon in London und die Königin am Grabmale des großen Napoleon – ist ihnen durchaus noch nicht genug. Sie wollen es deutlicher, handgreiflicher haben. Die Zeiten bis zu einem folchen Zusammenbruche alter und dem Aufbruche einer neuen Herrlichkeit find immer unerquicklich. Wir müffen sie eben hinnehmen, wie fie find, und des Trostes wegen nie vergeffen, daß nur unter abfallenden Blättern die neuen Knospen fich einfinden und aus der dürren Saat der Herbststürme die Keime des Frühlings grün und lebensfrisch hervorschießen. Wird nun die neue Seafon, die lange vor dem Natur-Frühlinge aufbricht, etwas Grünes, Blüthenschwangeres, Fruchttreibendes bringen? Sehen wir uns zu diesem Behufe einmal das Programm eines der Hauptverleger, Bentley, an, der schon damit angefangen. Lord John Ruffel ist der größte Virtuose im kritiklosen Zusammenhäufen aller möglichen Spreu von Kleinigkeiten, unter welchen der Weizen sich verliert; indeffen fehlt es auch den meisten anderen zahlreichen Memoirenschreibern nicht an diesem Talente, so daß wir von allen möglichen Staats- und gelehrten Männern drei-, vierbändige Memoiren und fechspfündige Bände von Biographieen haben. Bentley, der viel Schuld hat an der nie endigen wollenden Gründlichkeit und Langweiligkeit dieser Memoiren-Literatur, bringt auch noch „Original-Briefe“ Boswell's, des berühmten Biographen Johnson's, den Schluß von Lamartine's Biographieen berühmter Charaktere, „Memoiren aus dem Peninsular-Kriege“, von J. M. Cole, den Schluß der Geschichte der Türkei vom Profeffor Creafy, Mrs. Everett Green's „Original-Briefe Henriette Maria’s mit Karl I.“, also lauter Nachlese von längst abgetriebenen Stoppeln der Geschichte. Ob feine neuen Romane: „Susan Merton", von Charles Rende, „Cross-Purposes", von Miß Cath. Sinclair (eben erschienen), „Simplicity and Fascination", von Annie Beale grünes, goldenes Leben enthalten, müffen wir erst fehen. Die gesammelten Krim-Korrespondenzen aus dem Morning-Herald werden denen, die fich für die Spezialitäten des Krieges intereffiren, willkommen fein. Der Korrespondent des Morning-Herald galt als der geistreichste, treffendste und malerischste. „Ursprung und Entwickelung der Dampfmaschine“, von Robert Stewart, bekannt als eine der besten Darstellungen dieses Hauptrades modernen Fortschritts, erscheint in neuer, bis auf die jetzige Zeit fortgeführter Auflage. Just, um Bentleys Programm vollständig zu geben, bemerken wir nur noch, daß er auch Guizot’s „Cromwell“ und „Ausgewählte Schriften des Erzbischofs von Dublin“ bringen wird. wie in der Regel, besonders Studien und Schilderungen von Kolonieen. Die englische Literatur bietet hier einen Vorzug vor allen anderen. So oft auch Australien literarisch ausgebeutet ward, lernen wir es doch aus W. Howitt’s „Land, Arbeit und Gold, oder zwei Jahre in Victoria mit Ausflügen nach Sydney und Vandiemensland“) wirklich kenmen und verstehen. W. Howitt gehört zu der liebenswürdigen Familie der männlichen und weiblichen Howitts, welche deutsche Sprache, Literatur und Poesie besonders kultivieren und daraus fleißig und gefchmackvoll übersetzt haben und noch damit fortfahren und auf alles spezielle und nationale Englische noch schlechter zu sprechen find, als wir Deutschen hier, die mit Zeit und Erfahrung immer tiefer und entfchiedener zu der Ueberzeugung kommen (ohne Ausnahme), daß Alles, was sich spezifisch Englisch geltend macht, dem Geschmacke, der Civilifation, der Humanität, dem Gefälligen, Schönen und Soliden in verfchiedenen Graden und nicht selten auf das Entschiedenste widerspricht, eine Ueberzeugung, die man vielleicht für eine deutsche Marotte oder Idiosynkrafie halten könnte, wenn nicht alle Engländer, die wirklich auf dem Kontinente gelebt haben, und nicht blos abgeschloffen durchgeflogen sind, und Deutsch wirklich verstehen, in dem Grade derselben Meinung wären, daß sie sich hier, so gut es geht, in deutscher Manier einrichten und die Feffeln und Fashions der „guten englischen Gesellschaft“ fliehen und ablegen. In dieser Beziehung macht Deutschland hier still und tief, weit und breit Eroberungen, die vielleicht bald einmal scheinbar plötzlich als großes kulturgeschichtliches Phänomen hervortreten werden. Eine Knownothing-Reaction dagegen ist um fo weniger zu befürchten, als diese Eroberungen kein materielles Intereffe Englands bekämpfen (wie die deutschen Freesoilers und Sklavenzucht-Feinde in Amerika), das gebildete England fich dadurch nur auf fein eigenes germanisches Wefen zurückgeführt findet und sich gern von feinen politischen und fozialen „Statut-Büchern“ befreien läßt. Doch das beiläufig. Man wird aber stark daran erinnert in Howitts „Auftralien“, welches durch die spezifisch-englische Politik in Grund und Boden verdorben ward, fo daß man an der gedeihlichen Entwickelung dieses ungeheuren Kontinents verzweifeln muß. Ursprünglich fandte England feinen Auswurf nach Australien, später und bis jetzt die ungerathenen Söhne seiner Aristokratie und Gentry als Obrigkeit und Polizei dieses Auswurfs. Die gesetzgebenden Väter zuhause haben so, wie fast alle Kolonieen, Australien zu Milchkühen ihrer unnützen, unbequemen Verwandten, Spröß- und Günstlinge gemacht und einen Feudalismus des Bodenbesitzes organisiert, an dem alle Barbareien des Mittelalters hervortreten ohne eine Spur von deren Idealität und Romantik. Sechzig Millionen Morgen des besten Bodens wurden in tausend Stücke vertheilt und diese à zwanzig Pfund an „begünstigte“ Squatters verkauft. Diese bilden nun seitdem die neugebackene Boden-Aristokratie des Landes ohne idealen Schein, ohne historischen Hintergrund, ohne eine Spur aristokratischer Tugenden. Sie find nichts als privilegierte Schacherer mit Grundstücken, die auf diese Weise unerschwinglich theuer wurden und Anfiedler, denen es auf Grundbesitz ankam, größtentheils nach Melbourne und defen Umgegenden trieb, wo nun wegen künftlich gesteigerter Nachfrage ebenfalls die widernatürlichsten Preise entfanden. Beispielsweise kostet ein gewöhnliches, anständiges Haus in Melbourne 20.000 Pfund. So bekamen die Regierungs-Begünstigten und der große Geldsack überall auch in Australien die Vorrechte Englands, und die große Maffe treibt sich halt- und heimatslos drum herum, gemißhandelt von einer Obrigkeit und Polizei, die an Ignoranz und Anmaßung Alles übertreffen soll, was der Autor in dieser Sphäre felbst auf dem Kontinente kennen lernte. Der niedrigste, fubalterne Polizei-Beamte in Oesterreich, fagt er, ist ein Gott an Kenntniffen und Gesetzlichkeit gegen diese von Günstlingen an Günstlinge verschwendeten Polizei- und Beamten-Verwaltungen in Australien. Man denke ich die ungeschlachte, brutale Anmaßung reichgewordener oder auch je vierundzwanzig Stunden bis acht Tage reicher Goldgräber, die ihre Aerndten in den Spielhöllen von Sydney vergeuden, heiraten und, nach einer einzigen Flitterwoche zu Bettlern und Wilden geworden, wieder davonlaufen, die Frau fitzen laffen, wieder in dem unabsehbarten Schmutze unter lauter Wilden mit Revolvers und anderen Waffen nach Gold graben, wieder reich werden, wieder heiraten, wieder davonlaufen und die Land- und Stadtstraßen felbst bei Tage unsicher machen – und man wird ein Bild haben, welches uns ohne viel Studium zeigt, wie hier schon von vorn herein eine gesunde Entwickelung künstlich durch englische Staatsfürsorge unmöglich gemacht worden. In der Aussicht, daß sich Australien „befreien“ werde, liegt auch kein Trost. Wahrscheinlich werden dann die Gold-Verwilderten fiegen und eine Pöbelherrschaft der rohesten Art bilden. Howitt's Buch giebt für alle diese allgemeinen Züge ganz genaue Thatsachen und pezielle Studien, fo daß es jedenfalls unter die besten Quellen zur Kenntmiß Australiens gezählt werden darf. - - (Schluß folgt.)

Unter den Büchern, die ich mir spezieller angesehen, interessierten, - - -

- *) Land, Labour and Gold, or Two Years in Victoria with visits 0 Sydney and Van Diemen's Land. 2 vol.

Schweiz. Noch Einiges zur Charakteristik Charpentier’s.“)

Ein Freund unseres Blattes, der zugleich ein persönlicher Freund des verewigten Jean de Charpentier war, theilt uns zur Vollendung des Bildes, das wir in Nr. 121 geliefert, einige Züge mit, die den ausgezeichneten, auch für deutsche Wiffenschaft und deutsches Leben stets empfänglichen und lebhaft fühlenden Mann in trefflicher Weise charakterisieren: Charpentiers Verdienste um die Wiffenschaft find hinlänglich bekannt. Wenige Personen aber, außer denjenigen, die feinen näheren Umgang genoffen, wifen, wie ausgedehnt, mannigfaltig und genau feine allgemeine Bildung war. Ein Beispiel wird es Ihnen beweisen. Ich war einst, im Jahre 1830, bei ihm in Devens. Man sprach vom St. Bernhard. Ich fragte Charpentier, welchem Orden die Mönche auf diesem berühmten Paffe angehörten? Nun fing er an, mir die Geschichte aller Mönchsorden umständlich zu erzählen, indem er dabei die Daten der Gründung, die Hauptregeln, fogar die Tracht angab. Ich nahm mir die Freiheit, zu fragen, wie er dies alles wissen könne. „Einst“, war die Antwort, „wurde ich krank in einem entlegenen Walliser Dorfe. Ich bat die Leute, bei welchen ich mich befand, um irgend ein Buch. Sie brachten mir eine Geschichte der Mönchsorden, die ich nothgedrungen durchlas, und so weiß ich, was ich so eben erzählte.“ Charpentier besaß ein Gedächtniß, welches wirklich außerordentlich genannt werden kann. Was er einmal gelesen, gehört, oder gesehen hatte, behielt er bis in die kleinsten Details, und ohne daß er wieder darüber nachzudenken brauchte. Es war wie in Erz gegraben. Was ihm aber noch mehr zu feinen Kenntniffen verholfen hat, war, daß er nie unthätig gewesen. Wie oft habe ich mit feinem alten Freunde Emanuel Thomas Abende bei ihm zugebracht! Wir tranken eine Flasche Wein und plauderten über dieses und jenes. Er aber hatte immer irgend eine Beschäftigung, die ihn nicht hinderte, an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Er machte z. B. Etikette für Muscheln, ordnete irgend einen Theil feiner beträchtlichen Sammlungen, legte trockene Pflanzen in andere Papiere u. f. w. – kurz, er arbeitete immerfort, und so hatte er stets Zeit für feine wirklichen, wifenfchaftlichen oder amtlichen Arbeiten übrig. Eine fchöne Eigenschaft bei einem großen Wiffen war, daß er höchst anspruchslos erschien. Niemand war geneigter als er zu fagen: „Das weiß ich nicht.“ Wenn er jedoch über eine Frage Aufschluß gab, fo konnte man gewiß fein, daß er nur Richtiges und Begründetes fagte. Was feinen Charakter betrifft, so muß ich sagen, daß ich nie Jemanden kannte, bei welchem die wahre Güte und das Wohlwollen vorherrschender gewesen wären. Er war der Rathgeber der ganzen Gegend. Die Bergleute, die Bauern durften zu jeder Zeit kommen und fich Rath holen; wenn es irgend möglich war, fo empfing sie Charpentier, hörte sie an (und die Bauern-Geschichten find lang) und gab ihnen immer kluge Rathschläge, handelte auch für fie, wenn es nöthig war, bezeigte ihnen wenigstens Theilnahme und entließ fie immer beruhigt, wenn es nur einigermaßen ging. An ernstlichen Verweifen ließ er es auch nicht fehlen, falls sie nöthig waren. Er war aber nie hart oder hochfahrend und sprach immer so vernünftig, daß Jeder einsehen mußte, Charpentier habe Recht. Daher habe ich bei häufigem und längerem Aufenthalte in der Gegend nie ein Wort gegen ihn gehört. Gegen seine Freunde und Bekannten war Charpentier immer derfelbe. Er übte die Gastfreundschaft auf die edelste und angenehmste Weise. Jeder durfte kommen, wann er wollte, und bleiben, so lange es ihm gefiel. Wenn nur Platz da war (oft war das Haus ganz voll), fo konnte. Jeder Charpentiers Haus als das feinige betrachten, konnte ein- und ausgehen, war immer willkommen, wenn er mit dem Hausherrn und den Seinigen sich unterhalten wollte, vorausgesetzt, daß sie nicht durch ein Geschäft abgehalten waren, in welchem Falle es ungezwungen gesagt wurde, so daß der Gast nie das peinigende Gefühl empfand, feinem Wirth zur Last zu fallen. Man durfte aber auch fpazieren gehen oder in feinem Zimmer bleiben, in welchem letzteren man alle Comforts fand, sogar Pantoffel und Schlafrock; keiner der Hausbewohner dachte daran, irgendeine Forderung an den Gast zu machen. Kurz, man fühlte sich zuhause. Charpentier war meist heiterer Laune, etwas zur Ironie geneigt, die aber nie verletzend war. Er sprach über Alles, nur über Politik und Religion nicht gern, und in ersterer Hinsicht bewies er fich klüger und zartfühlender, als viele feiner deutschen Landsleute, die die fchweizerische Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Er war höchst tolerant gegen alle Meinungen, wenngleich er feste Ueberzeugungen hatte. Er fühlte aber kein Bedürfniß, fie Anderen aufzudringen. Er hegte für das Land und besonders für die schöne Gegend, die er bewohnte, eine rührende Liebe. Oft schlug er glänzende Anerbieten,

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sogar der Regierung seines Vaterlandes, aus, um nur da zu bleiben und nützlich zu sein. Ich fragte ihn einst, ob er nicht doch einmal wieder in die Heimat zurückkehren wollte? Wir waren gerade im Garten, von wo aus man eine schöne Aussicht auf einen Theil der Alpen hatte. „Ich könnte mich nicht entschließen“, sagte er, „diesen Grand Muveran (einen Berg) zu verlaffen.“ Charpentier hatte sich, wenn ich nicht irre, im Jahre 1827 mit einer deutschen Landsmännin verheiratet, einer schönen, intelligenten und gemühtsvollen Frau, die er innig liebte. Sie hatten eine Tochter, die jetzt in Ber verheiratet ist. Im Jahre 1830 kam die edle Frau zum zweitenmal nieder, und gefährliche Symptome zeigten sich gleich nach der Niederkunft. Eis war unumgänglich nothwendig, und die nächste Stadt, wo man ungewiß war, folches zu finden, zwei Stun

den entfernt. Da ging Em. Thomas mitten in der Nacht nach dem

nächsten Gletscher, wenigstens ebenfo entfernt, und bringt das Eis zurück. Aber zu spät! Dieser Zug ehrt beide Männer, den, der dieses Aktes der Hingebung fähig war, und den, welcher dieses Gefühl zu erregen gewußt hatte. Den Verlust feiner Frau hat Charpentier nie verschmerzen können, und jedes Jahr, im Monate September, wo die theure Lebensgefährtin ihm entriffen wurde, und wo er selbst heimgegangen ist, befiel ihn eine tiefe Schwermuth, die Nichts beschwichtigen konnte und welche nur durch die theilnehmende und dann fast fortwährende Gegenwart des geliebten Freundes, Em. Thomas, gelindert wurde. Als er vor zwei Jahren, zum ersten Male in feinem Leben, nach Berlin kam, zeigte er, obgleich schon geschwächt durch das Alter und eine durchschnittlich schlechte Gesundheit, immer dieselbe Thätigkeit, daffelbe rege Intereffe für alles Schöne und Nützliche, immer dieselbe Freundlichkeit gegen diejenigen, die er mit feiner Achtung und Liebe beehrte.“) C. d. l. H.

Mannigfaltiges.

– Dr. Barth in der Berliner Gesellschaft für Erdkunde. Dem Berichte der geographischen Gesellschaft über deren Sitzung vom 13. Oktober entlehnen wir Nachstehendes: Nach Verlesung des Protokolls machte der Vorsitzende, Herr Karl Ritter, der Gefellschaft die erfreuliche Mittheilung, daß der berühmte Reisende Herr Dr. Barth unvermuthet in Berlin angekommen sei und demnächst erfcheinen würde. Der hierauf folgende Vortrag des Herrn Dr. Heising über das Leben und die Reife-Unternehmungen des in Trebatsch bei Beeskow geborenen Dr. Laichardt (des leider bei feinen australischen Forschungen verunglückten Reisenden) wurde durch den Eintritt des Herrn Dr. Barth unterbrochen, den die Versammlung durch einmüthige Erhebung begrüßte, während der Vorsitzende ihn auf feinen Ehrenplatz geleitete. Nachdem nun Herr Ritter den von der Vorfehung wunderbar erhaltenen Reisenden noch einmal im Namen der Gefellfchaft bewillkommnet und daran die Mittheilung geknüpft hatte, daß der Graf v. Schlieffen im Februar 1853 zu El Obeyd in Kordofan zwei braune Reisende gesprochen habe, welche das Jahr zuvor Herrn Barth im Reiche Baghermi begegnet waren, hielt der Letztere eine Ansprache an die Gesellschaft, in welcher er mit einem Blick auf die materiellen Verhältniffe der Expedition feine Verpflichtungen gegen die englische Regierung hervorhob und die Expedition gegen unbegründete Vorwürfe vertheidigte. Als die geographischen Haupt-Ergebnisse feiner

*) Der Geheime Bergrath, Prof. Nöggerath in Bonn, der feinen alten Freund Charpentier noch wenige Tage vor dessen Ableben besuchte, erzählt darüber in der „Köln. Zeitung“ (vom 11. Okt. Feuilleton): „Ich fand ihn, einem Sterbenden ähnlich, in feinem Bette. Er hatte so eben zweimal feinen Namen unterzeichnet, als er ohnmächtig auf die Kiffen niedersank. Bald erholte er sich wieder, besprach mit fast unbegreiflicher Lebendigkeit und Klarheit mit mir mancherlei Dinge aus dem Gebiete unserer Wissenschaft, und als das Gespräch näher auf den Zweck meiner Reise führte, beklagte er es fehr, daß er nicht mit mir nach dem Wipthalle (wo eben die Erdbeben stattgefunden hatten) reifen könne; „denn“, so fügte er hinzu, „ich werde keine Alpen und Pyrenäen mehr durchwandern und besteigen; mein Lebensziel ist einem Ende nahe, höchstens bis in die kommende Woche werden meine Tage reichen.“ Er sprach dies mit einem fo festen Selbstbewußtsein und mit solcher Klarheit des Geistes aus, daß ich davon nicht wenig ergriffen wurde. Er ließ sich eine Mappe mit eigenen naturwiffenschaftlichen Notizen bringen und diktierte mir daraus chronologische Nachrichten über die Erdbeben im Rhone-Thale. Ein Abbrechen des Besuchs, worauf ich wiederholt drang, wurde von ihm nicht zugegeben. Meine Lage war eine sehr peinliche; ich befürchtete sehr, durch die veranlaßte Aufregung einen Tod zu beschleunigen. Ehe ich den unermüdlichen Naturforscher verlaffen konnte, lud er mich ein, noch einen Blick auf seine im anstoßenden Zimmer aufgestellte, große Sammlung von Fluß- und Süßwaffer-Konchylien zu werfen – wohl die größte und am genauesten bestimmte, die irgend eritieren mag – legte mir zugleich den vollständigen, mit wissenschaftlicher Kritik und Genauigkeit bearbeiteten Katalog davon vor und bemerkte, daß diese schöne Sammlung, nach seiner letztwilligen Verfügung, in den nächsten Tagen dem Kantonalmuseum in Lausanne einverleibt werden würde.“ – Sechs Tage nach Nöggerath's Abreise von Ber starb Charpentier. In einer brieflichen Benachrichtigung hieß es: „Dieu lui a fait la grâce de le rétirer de ce monde sans souffrances et de conserver intactes jusqu'à son dernier soupir ses nobles et puissantes facultés." A S=m

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Reise bezeichnete der Vortragende: 1) Die Aufklärung des wahren Charakters der Wüste Sahara; 2) die Feststellung der Lage und Ausdehnung der Mendifgruppe; 3) den Nachweis, daß der östliche Quellfluß des Kowara vom Tsadfee unabhängig sei und den natürlichen Handelsweg in das Innere Afrika's bilde; 4) die Erforschung des Flußsystems Baghermi's und Adamaua's, und 5) die Feststellung des Nigerlaufes zwischen Sukkoto und Timbuktu. Außerdem deutete der Vortragende auf die ethnographischen Resultate der Reise hin, welche den geograghischen zum Wenigsten nicht nachständen. Als Erläuterung zu dem fo eben Mitgetheilten legte Herr Ritter die Aufnahme des Binue (bisher Tschadda genannt) vor, welche vom Juli bis November 1854 durch Dr. Baikie, Befehlshaber des englischen Dampfschiffes „Plejade“, bewirkt und kürzlich nach dem englischen Original in einem großen Carton von Dr. A. Petermann zusammengestellt worden und Herrn A. v. Humboldt übersandt war. Am Schluß der Sitzung richtete, im Auftrage des Vorsitzenden, Herr Geheimerath und Professor Dr. Dieterici noch einmal das Wort an Herrn Dr. Barth, und indem er den Wunsch aussprach, daß derselbe recht bald wieder Berlin zu feinem Wohnsitz erwählen und sich in demselben heimisch fühlen möge, gab er der Stimmung aller Anwesenden durch ein dreimaliges Hoch auf den Gefeierten einen entsprechenden Ausdruck, der von der ganzen Versammlung auf das Kräftigte unterstützt wurde.

– Die Mehrheit der Welten. Zu dem bekannten englischen Federkrieg über die Mehrheit der Welten ist kürzlich ein neuer Beitrag aus der Feder des Herrn W. S. Jacob, „Astronomen der Ostindischen Compagnie“, erschienen.“) Im Ganzen tritt der Verfaffer der Ansicht des Sir David Brewster, des Vertheidigers der Mehrheit, bei, doch behandelt er auch den Gegner, Herrn Whewell, mit großer Schonung. Er sagt unter Anderem: „Es ist wohl möglich – d. h. es kann das Gegentheil nicht bewiesen werden – daß unsere Erde der einzige zu dem Grade der Vollkommenheit, in welchem wir fie erblicken, gelangte Weltkörper fei, der einzige von intelligenten Gefchöpfen, die ihren Schöpfer zu erkennen vermögen, bewohnte, oder auch wohl der einzige überhaupt bewohnte; aber es ist im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß dies der wirkliche Stand der Dinge sei. Vielmehr ist es wahrscheinlich, daß einige der uns bekannten Planeten bewohnt feien, ja, sogar nicht unwahrscheinlich, daß dies mit allen der Fall, und vielleicht ist es eben so wahrscheinlich als nicht, daß einer oder mehrere von ihren intelligente Bewohner haben. Es ist höchst wahrscheinlich, daß einige und nicht unwahrscheinlich, daß alle Fixferne Weltkörper find, die unserer Sonne gleichen; es ist ferner wahrscheinlich, daß einige, wo nicht alle, von Planeten umgeben find, deren einige bewohnt find; wir haben jedoch keinerlei Beweise, um über irgend einen dieser Punkte mit Gewißheit uns auszusprechen. Es find dies die Schlüffe, die der gegenwärtige Zustand der Wiffenfchaft zuläßt, die jedoch durch neue, künftige Beobachtungen allerdings modifiziert werden können.“ – Man sieht, Herr Jacob ist außerordentlich vorsichtig. Von der dem Professor Whewell zugeschriebenen, anonym erschienenen Schrift fagt er, sie habe das Gute gehabt, manche allgemein verbreitete Irrthümer zu berichtigen. „Es ist sicher“, fügt er hinzu, „daß Viele, die es besser wissen sollten, sich gewöhnt haben, mit Entschiedenheit und in Ausdrücken, die durch keinerlei Beobachtung unterstützt werden, von den Bewohnern der Welten rings um uns zu sprechen, als ob sie unzweifelhafte Beweise von deren Existenz besäßen, und hätte jene Schriftfich begnügt, diesen Irrthum durch genaue Abwägung der Frage in den Schulen der Wahrscheinlichkeit zu widerlegen, fo würde sie der Sache der Wahrheit einen Dienst erwiesen haben. Aber indem der Verfaffer in das andere Extrem verfiel und behauptete, daß unsere Erde höchst wahrscheinlich der einzige bewohnte Punkt im Weltenraume und daß das übrige Universum eine unfruchtbare Wüste fei, hat er, wie mir scheint, viel über fein Ziel hinausgeschoffen und wird er eben so wie das, was er bekämpft, von keinerlei Beweis und Zeugniß unterstützt.“

– Das neue Zeitungsgefetz in England. Von den vielen wohlfeilen englischen Volksblättern, welche die Aufhebung der bisherigen Zeitungs-Abgabe ins Leben rief, scheint sich in London nur Charles Knight's, Town and Country Paper erhalten zu wollen, da die übrigen, die wie Pilze aufschoffen, schon beinahe sämmtlich wieder eingegangen sind. Am meisten soll durch die neue Ordnung der Dinge diejenige Zeitung – die Times – gewonnen haben, die sich ihr am eifrigsten widersetzte. Man berechnet ihren Mehrgewinn in Folge der neuen Einrichtung auf 40.000 Pfd. jährlich.

*) A Few More Words on the Plurality of Worlds. By W. S. Jacob, Astronomer of the H. E. I. Company.

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Holland.

Die Entwäfferungswerke in Holland und die Trockenlegung des Harlemer Meeres.*)

Gegen die äußeren Gewäffer, d. h. gegen die Flüffe und das Meer, fchützt Holland fich durch Deiche und Schleusen. Es hat aber, um bewohnbar zu bleiben, auch noch die Kunst nöthig gehabt, sich von den inneren Gewäffern zu befreien. Es hatten sich feit undenklicher Zeit in Folge von Regengüssen und Ueberfluthungen durch die Flüffe überall Pfützen, Seen, Moräfte gebildet. Auch da, wo man Torf gegraben hatte, wurden die Ländereien in Seen verwandelt. Um Holland von diesen inneren, immer mehr um sich greifenden Gewäffern zu befreien, fchuf die Wafferbaukunft das System der „Polders“, d. h. der eingedeichten Ländereien; die zu entwäffernden Ländereien wurden mit fchwachen Dämmen umgeben und mit großen Schleusen versehen. Diefes System entwickelte sich mit dem Fortschreiten des Ackerbaues und der Industrie. Man zwang bald einen der Feinde Hollands, den Wind, zur Entwäfferung der Ländereien feine Kräfte herzugeben. Die Zeit, in der man angefangen, Windmühlen zur Entwäfferung der Ländereien anzulegen, läßt sich nicht genau angeben. Einer Sage zufolge hat im Jahre 1408 zu Alkmar in Nord-Holland ein gewisser Florenz Alkmade eine solche Entwäfferungs-Windmühle angelegt. Zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts waren folche Windmühlen in den holländifchen Polders allgemein verbreitet. Dieselben waren in der ersten Zeit fehr unvollkommen: fie konnten nur bei Nordwestwind arbeiten; aber es dauerte nicht lange, so hatte man diesem Uebelstande abgeholfen. Zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts waren überall die niedrigen Ländereien eingedeicht, mit Gräben durchzogen, mit Schleusen und Windmühlen versehen. Der Zustand des Landes war dadurch ganz verändert worden; die vormaligen Moräfte waren jetzt fruchtbare Ländereien. Heutzutage sieht man Mühlen von allen Gestalten und Größen über die reichen Gefilde verbreitet; die auf dem Hintergrunde des ruhigen Himmels sich bewegenden Flügel der unzähligen Windmühlen geben der Landschaft einen eigenthümlichen Charakter. Einige dieser Windmühlen sind großartige, hoch in die Luft hineinragende Gebäude; andere kleinere, aus Holz oder aus Ziegelsteinen erbaut, tragen einen wirklichen Luxus zur Schau; mit einem Strohdache versehen, welches

fie gegen den Regen schützt, zeigen sie stolz die mit Reliefs und Gold

verzierungen geschmückte Are, um welche die Flügel sich bewegen. Die Sauberkeit und die Eleganz dieser Mühlen, die großen Segel, welche wie Flügel riesiger Vögel die Luft durchschneiden, das mit dem Raufchen des Waffers vermischte Geklapper, alles dies giebt der friedlichen Natur Hollands einen unbeschreiblichen Reiz. Anderswo find die Mühlen nur zu. Einem Zweck da; hier find fie Pumpen, Sägemühlen und Mahlmühlen. Manche Polders werden von einer kleinen Mühle entwäffert; in anderen fieht man mehrere große Mühlen arbeiten. Früher beschränkte man sich darauf, die weniger tief liegenden Ländereien vom überflüffigen Waffer zu befreien; aber in Folge der Fortschritte der Wiffenschaft ist man dahin gelangt, mit Hülfe des Windes auch die tief gelegenen Sümpfe trocken zu legen. Die Kunst hat in Holland die Natur geschaffen. Wenn man dieses durch die menschliche Kunst geschaffene Land im Sommer fich mit üppigem Gras, mit Früchten und Gemüsen bedecken fieht, kann man nicht genug die Macht der menschlichen Kunst bewundern, welche einen unter den Gewäffern verlorenen Boden in einen Vergnügungs- und Fruchtgarten verwandelt hat. Sehr schwierig war es, zwischen den besonderen Intereffen der Polders und den allgemeinen Intereffen des Wafferbausystems, dem Holland feine Existenz verdankt, das Gleichgewicht herzustellen. Wenn man erwägt, daß das Meer für Holland ein feine Existenz fortwährend bedrohender Feind ist, wenn man dieses Netz von Deichen und Kanälen ins Auge faßt, wenn man an die schrecklichen Folgen denkt, welche durch die geringste Nachlässigkeit in einem Lande herbeigeführt werden

*) Nach einem Artikel der Revue des deux Mondes.

Berlin, Sonnabend den 27. Oktober

1855.

können, wo ein Maulwurfsgang oder ein Rattenloch die Sicherheit eines Deiches in Frage stellen und den Gewäffern einen Durchgang eröffnen kann, so wird man sich nicht wundern, daß die auf das Deichund Kanalwesen sich beziehenden Functionen von jeher als höchst wichtig angesehen worden sind. Es werden diese Functionen durch die General-Stände und nur Männern des reformierten Bekenntniffes übertragen. Zu Delft besteht eine besondere Schule für Eleven des hydraulischen Genie-Corps. Dieses Corps von Civil-Ingenieuren ist die Armee, welche das Vaterland schützt. Man kann sich nicht leicht vorstellen, mit welcher Kunst diese Schleusen dirigiert werden müffen, um dem Feinde nicht einen Zugang zu eröffnen, und welche praktische Uebung und Sorgfalt erfordert wird, das gesammte Getriebe der Kanäle im Innern des Landes in Harmonie zu erhalten. Die bei der Entwäfferung der Polders, von denen manche vier bis fünf Mêtres unter dem Niveau des natürlichen Bodens gelegen find, erlangten Ergebnisse mußten den Holländern ein großes Vertrauen auf ihre Kräfte beibringen. Es folgten nun viel kühnere Unternehmungen. Im fiebzehnten Jahrhundert wurden beträchtliche Stücke Landes trocken gelegt. Die erste Entwäfferung einer großen Fläche geschah 1614 in Nord-Holland: der Beemster-, der Purmer- und der SchermerSee wurden unter der Hand der Industrie die fchönsten und reichsten Gefilde der Niederlande. William Temple, ein Mann dieser Zeit, fchildert uns das Erstaunen, in welches er gerieth, als er in Stelle des früheren zwei Meilen breiten Beemfer-Sees Gefilde fah, auf denen Vieh weidete. Das vormalige Seebecken bildete, von Kanälen und Straßen durchzogen und mit Alleen bepflanzt, zu dieser Zeit schon die reizendste Landschaft. Von 1608–1640 wurden fechsundzwanzig Seen in derselben Provinz in Polders verwandelt. Im Jahre 1820 berechnete man das in Nord-Holland auf diese Weise gewonnene Land auf fechstausend Hektaren. In Süd-Holland betrug im Jahre 1844 das für den Ackerbau gewonnene Land 29.000 Hektaren. In der neueften Zeit hat man den Polder Nortdorf entwäffert, der ein Sumpf war und auf welchem jetzt ein kleines Dorf steht. Holland hat auf diese Weise sich durch die Arbeit zu verschaffen gewußt, was die Natur ihm versagt hatte. Die Mittel, durch welche dieses Wunder bewirkt worden ist, find fehr einfach: bis zur neuesten Zeit hat man alle Entwäfferungen durch Windmühlen bewirkt. Trotz allen Eroberungen, die man gemacht hatte, war in der Provinz Holland ein Feind geblieben und immer größer und gefährlicher geworden; wir meinen das Harlemer Meer. Die Holländer hatten diefen See entstehen fehen. Mit Hülfe alter Landkarten kann man die allmähliche Entstehung dieses großen Wafferbeckens verfolgen, welches zuletzt die Städte Leiden und Amsterdam zu verschlingen drohte. Im Jahre 1531 fah man in der Umgegend von Harlem vier kleine Seen und an den Ufern derselben drei Dörfer: Nieukerk, Dorp-Ryk und Wijk-Huyfen. Im Jahre 1591 war eines dieser Dörfer fchon verfchwunden; im Jahre 1647 existierten die beiden anderen auch nicht mehr. Die Seen waren zuerst ohne Verbindung mit einander. Im Jahre 1531 war der natürliche Kanal, der fich zwischen dem Harlemerund dem Leidener-See gebildet hatte, noch so schmal, daß man ihn auf einer Planke überschreiten konnte. Im Jahre 1647 hatten sich die vier Seenvereinigt und bildeten nun das Harlemer Meer. Das Stück Land, Beinsdorf, welches aus dem Wafferspiegel noch hervorragte, wurde immer kleiner und der See immer größer. Er hatte zuletzt einen Umfang von eilf Meilen und war ein stürmisches Meer, auf dem Seeschlachten geliefert worden waren, Flotten von siebzig Schiffen manövriert hatten und Schiffe zu Grunde gingen. Abwechselnd ruhig und für mich, fchien dieses Wafferbecken sich nach feinen eigenen Gesetzen zu verhalten. Am 1. November 1755, als das Erdbeben von Liffabon fattfand, fah man den See in heftiger Bewegung, während das offene Meer ruhig blieb. Die Ueberfahrt auf dem Harlemer Meer war gefährlich; es nahm einen immer ungestümeren Charakter an. Bei jedem Unwetter sah man auf diesem Binnenmeer hohe Wafferberge fich erheben, die an den Ufern sich schäumend brachen und die Schutzbauten zu zertrümmern drohten. Es war ein unbequemer und gefährlicher Nachbar; wenn die Deiche und Werke, durch die man ihn in Schranken hielt, gewichen

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