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ausgezahlt würden. Auch follten Beach & Comp. alle Kosten der Reise sowohl, als des Aufenthaltes der Gesellschaft in New-York tragen. „Bald nach Abschluß dieses Vertrages fand jedoch Beach schon, daß es ihm unmöglich sei, die zugesagten 12.000 Dollars fämmtlich aufzubringen; er bat demnach den Direktor Li-kun, einstweilen mit 10.000 Dollars sich zu begnügen, mit dem Versprechen, den Rest von 2000 Dollars beim Schluffe des ersten Theater-Monats in New-York zu zahlen. Li-kun ging darauf ein, und als Sicherheit für die gezahlten 10.000 Dollars übergab er dem Beach vertragsmäßig feine gesammte Garderobe, die auch als Gewähr dafür dienen sollte, daß die Gefellschaft ihre Verpflichtungen in New-York pünktlich erfüllen werde. Letztere schiffte sich mit Beach & Comp. ein und langte am 27. April 1853 an ihrem Bestimmungsort an. Nach ihrer Ankunft daselbst erfuhren die Chinesen zu ihrem Erstaunen, daß ihre Garderobe ohne ihr Wiffen und ihre Zustimmung von Beach & Comp. an die Dampfschiff-Unternehmer Davis & Brooks verpfändet worden sei. Wahrscheinlich waren Erstere außer Stande gewesen, die Kosten ihrer eigenen Ueberfahrt, wie die der Theater-Gesellschaft, im Betrage von 6000 Dollars an die Unternehmer zu berichtigen. Um nun der Gesellschaft den Gebrauch ihrer Garderobe, ohne welche sie nicht auftreten konnte, zu verschaffen, bewogen fiel den Eigenthümer von „Niblo's Garten“ (einer Art von Krollschem Etabliffement), den Herren Davis & Brooks ihre Forderung zu garantieren, wobei Li-kun und feine Gesellschaft gutmüthig genug waren, ihre Mit-Unterschrift zu ertheilen, deren Bedeutung sie freilich damals nicht kannten und die ihnen erst später von einem Advokaten erklärt wurde. „Nachdem sie ihre Garderobe zurückbekommen hatten, begannen endlich ihre Vorstellungen in Niblo's Garten-Theater. Leider fagten diese dem Geschmacke des Publikums von New-York nicht fehr zu. Schon in der zweiten Woche blieben die Zuschauer aus und erwies fich das Unternehmen als ein völlig verfehltes. Am 26. Mai 1853 traten sie zum letzten Male auf, und zwar follte es, wie es auf dem Zettel hieß, eine Benefiz-Vorstellung für den Direktor Li-kun fein. Beach steckte die Einnahme, die diesmal nicht unbedeutend war, in die Tasche, machte sich damit aus dem Staube und ließ die Chinesen im Shakespeare-Hotel, wo er fiel einlogiert hatte, in der größten Hülflosigkeit zurück. „In dieser Noth fand fich ein Mann, Namens Bayley, der sich erbot, die Chinesen nach Cuba hinüberzuführen, wo fie in feiner Plantage für einen Lohn von vier Dollars monatlich, acht Monate lang arbeiten follten. Niemand von ihnen mochte sich jedoch zu dieser herabwürdigenden Sklaven-Arbeit entschließen. Welche edle Menschenfreundlichkeit lag doch darin – die Noth, Unwiffenheit und Verzweiflung armer Künstler benutzen zu wollen, um fie, die eben von amerikanischen Schurken betrogen worden waren, zu amerikanischen Sklaven zu machen! „Kaum hatte dieser Bayley fiel verlaffen, als von Anderen ein allem Anscheine nach wohlgemeinterer Plan entworfen wurde, ihre Wirthshaus-Rechnung im Shakespeare-Hotel zu bezahlen und fiel nach China zurückzufpedieren. Es waren dies jedoch abermals Schwindler und Schurken, welche fich der Chinesen bedienten, um die Wohlthätigkeit zu ihrem eigenen Besten auszubeuten und den Ertrag in die Tasche zu stecken. Es wurden in der That von dem Buchhalter des Shakespeare-Hotel, William Luboch, mehrere Tausend Dollars durch Unterschriften eingesammelt, worauf den armen Chinesen verfichert wurde, daß ein dem Herrn G. G. Dennis in Boston gehöriges Schiff fie am 27. Oktober abholen würde, umfie gratis nach China zu bringen, vorausgesetzt, daß der Emigrations-Kommiffarius (Commissioner of Foreign Emigration) sie mit Mundvorräthen für die Ueberfahrt verfehen würde. „Der bezeichnete Tag kam heran, doch weder das Schiff, noch Herr G. G. Dennis ließ sich fehen oder hören, und fo hatte auch der Emigrations-Kommiffarius keine Veranlaffung, Mundvorräthe zu liefern. Die Chinesen wurden jetzt aus dem Wirthshause hinausgeworfen, ohne daß sie von dem für fie gesammelten Gelde einen Pfennig zu sehen bekamen. Von dem Emigrations-Kommiffarius wurden sie nach Words-Island gesandt, um dort den Winter zuzubringen, wo sie auf öffentliche Kosten erhalten wurden. Als jedoch das Frühjahr kam, wurden fiel auch von hier fortgewiesen. Heimatlos, mittellos und freundlos, trieben fie fich einige Monate in den Straßen New-Yorks umher, wo fiel dem Hohne und der Verspottung der Ungebildeten ausgesetzt waren und nur hin und wieder auf ein mitleidiges Herz trafen. Eine menschenfreundliche Dame nahm sich endlich ihrer an, indem fie ein Unterstützungs-Comité ins Leben rief, deffen Sammlung zum Besten der Chinesen die Summe von funfzehnhundert Dollars ertrug. „Von diesem Comité wurden zwanzig Mitglieder der Gesellschaft auf ihren Wunsch nach Kalifornien zurückgesandt, während vier mit --

dem „Houqua“ direkt nach China fegelten und die Uebrigen, die von dem Misfionär Herrn E. W. Syle christlichen Religions-Unterricht erhielten, in New-York unter freundlicher Obhut zurückblieben. „Dies ist die kurze Geschichte einer Reihefolge von Schurkereien, die in Amerika an einer Gesellschaft von Ausländern durch Männer ausgeübt wurde, denen jede Art von Ehrgefühl abging. Die Behandlung, welche die Chinesen von G. W. Beach & Comp., William Luboch und G. G. Dennis erfahren hatten, konnte ihnen keinen hohen Begriff von den im Auslande fo sehr gerühmten Institutionen und Sitten Nord-Amerikas beibringen. Einer der Chinesen, Leong Agew, drückte fich in feiner Naivetät folgendermaßen aus: „Obwohl die Vereinigten Staaten ein großes Land find, find sie doch der Menschheit ganz unnütz, denn die Regierung scheint sich nicht im Geringsten um die Angehörigen eines anderen Landes zu kümmern, die von den einheimischen Bürgern beschwindelt und mißhandelt werden."

Mannigfaltiges.

– Ein neuer Roman von Mrs. Trollope. Die unermüdliche Mrs. Trollope ist schon wieder mit einem neuen Roman hervorgetreten, der wohl das halbe Hundert ihrer literarischen Sprößlinge voll machen dürfte. Unter dem Titel „Gertrude, or Family Pride“ erzählt sie die Schicksale eines schönen deutschen Fräuleins, defen Vater, der Baron von Schwanberg, in feinem Charakter eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit dem berühmten Baron von Thondertentronck in Voltaire's „Candide" darbietet, der überhaupt den ausländischen Romanschreibern seitdem als der Typus deutscher „Pères nobles" gedient zu haben scheint. Der Baron ist ein glühender Verehrer des Almanac de Gotha und hat geschworen, feine Tochter an Keinen zu verheiraten, der nicht einen Platz in diesem geheiligten Buche einnimmt. Natürlich macht die Liebe dem Almanac de Gotha erfolgreiche Opposition, indem sie das hochadelige Fräulein mit einem jungen Pastorsohn zusammenführt, der das Herz der fchönen und liebenswürdigen Erbin erobert und nach glücklicher Befiegung der Hindernisse, die fich ihm drei Bände hindurch entgegenthürmen, auch ihre Hand erhält. Wie man fieht, ist das „Alles fchon dagewesen“; indeffen weiß die gewandte Feder Mrs. Trollope's auch dem Alten und längst Bekannten einige neue Seiten abzugewinnen und fiel zu einem unterhaltenden Ganzen zu verschmelzen.

– Weizen-Aerndte in Amerika. Die diesjährige WeizenAerndte in den Vereinigten Staaten foll, wie eine wohlbegründete Abschätzung ergiebt, geliefert haben: . . - - - 135.000.000 Bushel*) Hiervon geht ab die neue Aussaat - - - - - - 13500000_

Verbleiben . . . 121,500.000 Bushel. Die Consumtion in den Vereinigten Staaten bedarf- - - - - - - - - - - - - - - - >____ 94670,355

Zur Ausfuhr find demnach verfügbar . . . . . 26.829,645 Bushel. Ein großer Theil dieses Ueberschuffes wird nach England und anderen europäischen Ländern gehen, von wo bereits im September sehr bedeutende Aufträge zum Ankauf in New-York eingegangen waren. Auch Kanada, das seinen vorjährigen Aerndte-Ueberfluß nach den Vereinigten Staaten, wo damals eine mangelhafte Aerndte war, gesandt hatte, wird diesmal fein verfügbares Getraide nach England fenden. Doch auch Australien bedarf in diesem Jahre der Zufuhren aus Amerika. In Sydney ist der Preis des Weizens erster Qualität auf 200 Shil. pro Quarter gestiegen. England hat fich durch Aufhebung des Getradezolles zum Stapelplatze des Getraidehandels der ganzen Welt gemacht. Um amerikanischen Weizen, Mais, oder amerikanisches Mehl einzukaufen, brauchen die europäischen Nationen, deren Aerndten mangelhaft waren, nicht bis nach New-York zu gehen; fie können sich auch in Mark-Lane, dem großen Kornmarkte von London, damit versehen.

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England. Literatur-Briefe aus England.

Formalismus und Conventionalismus in Leben und Literatur. – „Der vollkommene Gentleman“. Bresche, geschossen durch dieses „allgemeine Landrecht“ des guten Tons. – „Der vollkommene Gentleman“ und dessen Unterschied von Alberti und Knigge. – Die privilegierten Schriftsteller, von welchen die Verleger, und die nicht privilegierten, die von den Verlegern beherrscht werden. – Bulwer Lytton's Korrekturen. – Noch einen Blick auf Thackeray's „Newcomes" und Tennyson's „Maud". – Die deutschen Freiheitskriege und deren jetziges Zerrbild auf der Krim und in der „westlichen Civilisation“. – Ein literarisches Programm für die neue Season. Literatur über die Kolonieen. W. Howitt’s Werk über Australien, besonders Victoria. – W. Howitt und der germanische Einfluß in England. – Sir George Grey’s polynesische Mythologie. – Die Sagen und Gesänge der Maoris auf Neu-Seeland. – Schilderungen des Privat- und Harem-Lebens in der Türkei. – Das Wesen der türkischen Kultur in den „vier Wänden“, besonders der maurischen. – Die Alhambra im Krystall-Palast. – Die noch unaussprechliche Thatsache und der Charakter dieser englischen und größten Schöpfung aller Zeiten. London, Anfangs Oktober.

Je länger ich mich mit der englischen Literatur beschäftige, desto fremder scheint sie mir zu werden. Ich sehe keine Richtungen, keine lebendig ausschlagenden und sich streckenden Aeste und Zweige, die bestimmte Phasen der Gegenwart zur Anschauung bringen möchten, kein individuelles Pathos, kein Genie, keine Selbständigkeit. Alles fügt sich einer conventionellen, hergebrachten Form. Liebe und Haß, Ehre, Erfolg, Tugend und Heroismus, Laster und Bösewichter in Erzählungen, Schauspielen und Romanen – Alles scheint über einen unsichtbaren Leisten gearbeitet, der vor jedem „anständigen“ Engländer in der Luft hängt, um all sein Thun und Denken, feine Tracht und sein Betragen darüber zu schlagen. Und wenn der Leisten denn nur wirklich danach wäre, ein Muster, ein Ideal der Menschlichkeit, der Civilisation! Aber häßlicher verunstalten die „anständigen“ Chinesinnen ihre Füße nicht, als dieser Leisten den ganzen Engländer. Mit wahrhaftem Entsetzen habe ich in dem „vollkommenen Gentleman“, „The Perfect Gentleman", dem englischen Alberti und Knigge, gelesen, wie anständige Personen beiderlei Geschlechts jedes Glied verunstalten; jede Regung des Herzens, jeden guten Gedanken und Entschluß unterdrücken oder in bestimmte Formen preffen müffen, um mit heiler Haut nur von einem Hause in das andere kommen zu können. Wo gehst Du hin? Zu welchem Zweck? Wann? Wer bist Du? Wer, dem Du Deine Aufwartung machen willst? – Das find bei dem einfachften Besuche verwickelte, brennende, lebensgefährliche Fragen. Wo gehst Du hin? Darauf scheint die Antwort leicht, aber nicht in England. Zu einem Lord? Zu einem bloßen Esquire? Wie stehst Du zu ihm? Wer bist Du? Welche „Referenzen“ hast Du? Ist der Mann „sicher“, d. h. in seinem Vermögen, seiner politischen, feiner sozialen Stellung unangezweifelt? Um welche Zeit gehst Du? Sind Töchter im Hause? Bist Du ledig, verlobt oder verheiratet? Lauter Fuchseifen, in welchen dem Uneingeweihten Hals und Beine zerschlagen werden, ehe er bis zur Thür kömmt. Und dabei find noch hundert andere Scyllen und Charybden zu vermeiden. Dein Halstuchzipfel, die Farbe Deiner Handschuhe, die Falte in einem „Vatermörder“, besonders Dein Rockzipfel können Dich noch total ruinieren. Wer Abends mit einem Rockzipfel, Vormittags im Leibrock erschiene, der wäre in feinem ganzen Kreise auf Lebenszeit verloren, geächtet, gebrandmarkt, unmöglich geworden. Indeffen sind folche grobe Unglücksfälle kaum noch möglich. Es wird Jedem zur anderen Natur, zu einem Vormittagsbesuche einen Rock mit vollständigen, zur Abend-Partie das Ungethüm mit frech abgeschnittenen Zipfeln anzuziehen. Hier ist also keine Gefahr, höchstens nur für den, der entweder blos einen Ober-, oder blos einen Leibrock hat. Ersteren kann man sich nicht etwa, wie der Onkel aus Posemuckel zu einem Balle bei Kroll, mit Stecknadeln zu einer momentanen „Klinke“ zurückstecken laffen, denn für allen anständigen Abendverkehr ist der englische Leibrock in feinen Gränzschnitten so genau bestimmt, daß man mit einem freier begränzten oder wohl

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gar nicht ganz schwarzen Frack nicht einmal mit dem Billet in die Galerie der großen Oper in Coventgarden zugelaffen wird, man müßte sich denn, wie ich neulich, als kühner Sohn der Wildniß und als dominirend-alliierter Franzose gebahren. Reich umwallt von den fetten Fittigen eines im Uebrigen längst ausgestorbenen vorfündfluthlichen Phantasie-Fracks nahte ich mich den verschiedenen Cenforen und Controlleurs der großen königlichen Oper. „French cut, Sir! No admittance, Sir!" „Französischer Schnitt! Nicht zulässig, Sir!“ „Wie“, rief ich, „französischer Schnitt nicht zulässig? Wie heißen Sie? Ihr Name soll morgen in der Times am Pranger stehen, der Sie wagen, die französische Alliance auf diese Weise lächerlich zu machen! Was wäret Ihr ohne Franzosen in der Krim? Ihr Mangel an Patriotismus, Ihr scheußliches „mismanagement” hier hinter den Thüren, wie vorigen Winter im Krim-Lager, ist nicht länger zu dulden. Ich gebe ein Beispiel und gehe mit meinem Billet und meinem französischen Schnitt als allirter Franzose hinein und werde felbst der Gewalt nicht weichen, um diesen barbarischen, Frankreich lästernden Unsinn hier vor das öffentliche Gericht und in die Zeitungen und so vor das Gericht der öffentlichen Meinung zu bringen.“ – So machte ich gegen alle Paragraphen des perfect Gentleman als Pseudo-Franzose (jeder nicht englisch ausfehende Mensch gilt immer noch zunächst fo lange als Franzose, bis er das Gegentheil bewiesen) meiner patriotischen Entrüstung fo viel Luft und Raum, daß ich bequem durch die erstaunten und verdutzten Hüter der Respektabilität hindurch auf einem Platze in der Galerie ankam, ohne nachher im Geringsten inkommodiert zu werden. Merkwürdig, aber ohne Ausnahme sich bestätigend, ist es, daß neben dem feiffen, allerengsten, referviertesten Benehmen auch die Entschiedenheit, beffer die Grobheit, als Zeichen des vollkommenen Gentlemans gilt, sobald man diese Grobheit gegen Untergeordnete richtet oder fich überhauptfo geriert, daß Andere fich gegen uns untergeordnet fühlen. Erst gestern machte ich eine ähnliche Erfahrung auf der mißverwaltungsberüchtigten Krystall-Palast-Eisenbahn. Die Schaaren „dritter Klaffe“ wurden wie Schafe an den vollen Waggons hin- und hergetrieben. An dem einen Ende fagten die Beamten, am anderen Ende ist Platz genug, vom anderen wurden fiel aus demselben Grunde wieder ans entgegengesetzte geschickt, obgleich jedes Räumchen vom Anfang bis zu Ende bereits überladen war. Da ergrimmte ich im Geiste und fiel in fouverainter Entrüstung einen Inspektor an: „Shame! Disgrace! Mismanagement!” u. f. w. Der Mann machte ein endlos langes Gesicht, sperrte Maul und Nase auf, war eine Zeitlang ganz weg und steckte uns, mich und zwei Damen, mit unseren Billets dritter Klaffe, zur Strafe in ein leeres, weich gepolstertes, feidenes Coupee erster Klaffe, fobald er wieder zu sich gekommen war. Wer fogrob ist, mochte er denken, muß ein Gentleman höchsten Ranges fein, der natürlich erste Klaffe fahren muß.

Die engste, komplizierteste Gebundenheit der guten Gesellschaft unter fich und nach oben hinauf, die ungenierteste Freiheit und Verachtung nach unten ist die Lösung des scheinbaren Widerspruchs im Gentleman, feiner ängstlichen Höflichkeit und feiner Grobheit. Ich will weiter nicht vom „vollkommenen Gentleman“ sprechen, obgleich ich eine Anthologie der unglaublichsten Gesetze und Regeln daraus extrahieren könnte, wie er niemals in der Hypotenufe über eine Straße gehen darf, sondern rechtwinkelig über die beiden Katheten, wie er nie etwas in der Hand oder gar unter dem Arme tragen, keine Dame grüßen, keine Zettel von den zudringlichen Anzeige-Vertheilern annehmen, fich nicht umfehen, nicht laut sprechen oder gar laut lachen darf auf der Straße, viel weniger in Gesellschaft, wie ihm Alles, Alles verboten ist, was männlich frei, von innen heraus warm und ehrlich, was schön und intereffant fein könnte, wie ihm Alles, Alles aus dem Herzen, aus dem Kopfe und das ganze „Gemüth“ herausgeschnitten wird, bis nur noch die steife, kalte, nichtssagende, wachsfigurenkabinetoder haarschneide-falon-schaufensterartige hohle Form und Figur von Pappe, mit Wachs überklebt, übrig bleibt, wie – aber ist das nicht Uebertreibung? Freilich klingt es auf dem Kontinente gewiß so, und ich bin um so schlimmer daran, als ich das Unglaubliche nicht anders beweisen kann, als durch unglaubliche Beweise. Ich berufe mich deshalb blos auf das dicke Gesetzbuch für den „perfekten Gentleman“ und erwähne nur noch, daß es nicht wie in Deutschland allenfalls auch ohne daffelbe ginge. Mit etwas Geschmack und Bildung ist sich bei uns der gute Mensch in feinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewußt und kömmt in der Regel ohne Alberti und Knigge viel beffer fort. Er kann sogar nach dem Goetheschen Rezept den Frauen zart entgegenkommen oder, um viel beffer fortzukommen, keck und verwegen fein. Das geht nun in England ein- für allemal gar nicht. Der perfekte Gentleman muß überall genau dieselben Regeln beobachten, nirgends ist ihm für die Freiheit eine Gaffe gelaffen, fo daß er, endlich einmal wüthend geworden, das ganze Gesetzbuch umstoßen, feine Geliebte entführen, fich feierlich trauen und die ganze gute Gefellschaft herausfordern muß. Sich kleine Freiheiten zu nehmen, ist ganz unmöglich. Alberti und Knigge find in Deutschland Eselsbrücken für Esel und andere langohrige Matz Stolprians; „der perfekte Gentleman“ in England ist eine Sammlung frenggültiger, unumstößlicher Gesetze der Gesellschaft, die ohne dieselben nicht glaubt bestehen zu können. Niemand weiß, wer diese Gesetze gegeben, Niemand kann einen Sinn darin finden; aber sie find eben da, Jeder läßt sich von ihnen beherrschen, und wie man unter Wölfen mitheulen muß, hält es nach diesem allgemeinen Landrechte des guten Tons auch Jeder für feine höchste Pflicht, dem Wachskopfe am Friseur-Schaufenster fo ähnlich als möglich zu werden. Ich begann mit dem Geständniß, daß mir durch näheres Studium die englische Literatur, die laufende, erscheinende, immer fremder werde, und ging zu einer Skizzierung des englischen Formalismus und Conventionalismus des Lebens über, um zu fagen, daß es dieser hohle, komplizierte Formalismus in der Literatur ist, der uns dieselbe entfremdet, fern rückt, verleidet. Dies geht auch ganz natürlich zu. Jede Lektüre ist eine Art Metempsychosis, durch welche der Geist des Dichters, des Autors in unsere Seele einwandert und fiel beherrscht, für fich einnimmt, gewinnt, wenn wir eben wirklich lesen, d. h. die geistige Arbeit einer Lektüre verrichten. Fehlt nun dieser Geist, kann er auch nicht einwandern. Lesen wir angekleidete Puppen von Holz und Pappe, so bleiben sie nicht nur außer uns, sondern laffen auch eine weitere Kluft zwischen der Literatur und unserem Gemüth zurück. So wirken die jetzigen englischen Bücher im Allgemeinen; die wenigen, welche wirklich von Geistern empfunden, erlebt und geschrieben wurden, werden entweder nicht gedruckt oder vor dem Drucke noch durch Conventionsmaschinen der Verleger zerschnitten, so daß die Genialitäten und Kraftstellen, die felbständigen Wendungen und Anschauungen herausgeschüttelt abfallen. Nur sehr wenige Autoren und Dichter haben es zu dem Privilegium, zu der Macht gebracht, den Verlegern Vorschriften machen zu können. Wer find diese? Bulwer-Lytton, Charles Dickens, Thackeray, Tennyson, Macaulay und vielleicht noch drei, vier andere. Ersterer macht in Politik und schreibt nichts Gescheidtes mehr. Was er aber schreibt, läßt er wie lauter gediegenes Gold behandeln. Beiläufig gesagt, wird kein Bogen eher zum wirklichen Druck der Auflage zugelaffen, bis nach acht bis zehn Korrekturen fein geschworener Revisor und er selbst kein Pünktchen, kein Komma mehr falsch oder fehlerhaft finden, eine Akkurateffe, von der man in Deutschland fehr viel brauchen könnte, wo die besten Werke, die dritten und vierten Auflagen noch mit ihrem typographischen Sündenregister erscheinen, das Jeder noch bei einiger Aufmerksamkeit vermehren und verbeffern kann. In England geben Autoren und Verleger oft Hunderte von Pfunden blos für Korrekturen aus, und gute Korrektoren der Bentley's und Longman's bringen es manches Jahr fo weit, wie der glänzendste Autor im Honorar. Um einen speziellen Fall anzuführen, bekam hier ein Deutfcher, der berühmt ist wegen feines klaffischen Englisch, für die Korrektur eines einbändigen naturwissenschaftlichen Werks gerade fo viel Pfund Sterling, als Druckbogen, freilich mit der Bedingung, daß ihm für jeden übersehenen Druckfehler ein Pfund abgezogen werden würde. Da er aber feine Sache verstand und außerdem die SubtractionsKlausel im Kontrakte nicht liebte, erhielt er wirklich fo viel Pfunde, als er Bogen korrigiert hatte. Noch beiläufiger gesagt, erhielt der Revisions-Argus des Verlegers, der nachsehen und garantieren mußte, daß wirklich kein Druckfehler stehen geblieben fei, noch expreß zehn Pfund Sterling. Da man mit dem Papiere, welches jährlich in England bedruckt wird, die Erde um den Aequator herum fechsfach einwickeln könnte, läßt fich ahnen, wie viel geschrieben und wie meister- und maffenhaft korrigiert wird, da felbst Tagesblätter und Literatur „for the million” fast ohne Ausnahme druckfehlerfrei publiziert werden. (Fortsetzung folgt.)

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eine armenisch-gregorianische und eine kleine römisch-katholische. In Folge feiner stattlichen Gebäude und breiten Straßen gewährt es den Anblick einer schönen und, der zerstreuten Vorstädte wegen, auch denjenigen einer großen Stadt. Von den letzteren liegen außer der Kofaken-Station, welche fich an den unteren Stadttheil anschließt, die Vorstadt Worobjewka in den Einbiegungen nach Westen zu, gen Süden die Soldaten-Slobodka und in der Richtung nach Norden, zwischen Gärten und Hainen von Maulbeerbäumen, Linden und Akazien, Podgórnaja. Hinter den Vorstädten erblickt man die durch das mannigfaltige Grün durchschimmernden Meiereien (chutory) und Landhäuschen. Gleich nach unserer Ankunft in der anscheinend ganz kaukafischen, dennoch aber vollkommen europäisches Gepräge tragenden Stadt mußten wir uns bei den vorgesetzten Behörden melden und wurden darauf nach der Worobjewka geführt, wo wir acht Tage lang im Quartier bleiben folten. Nahe beim Eintritt in die Vorstadt erregte ein nettes Häuschen mit hellen Fenstern unsere besondere Aufmerkfamkeit, denn es war von einem niedlichen Blumengärtchen umgeben und zeichnete sich auch fonst vor den anderen vortheilhaft aus. Wir beschloffen fofort, uns daselbst auf unsere Kosten einzumiethen, das uns bestimmte freie Quartier dagegen fahren zu laffen, und hatten mit diesem Vorsatze diesmal wirklich einen Glücksgriff gethan, denn beim Eintreten fchon erblickten wir über der Thür das uns wohlbekannte Bild der heiligen Jungfrau zu Czenstochau und hörten auch bald darauf aus dem Munde des uns Entgegenkommenden das heimische: „Gelobt sei Jesus Christus.“ Wir befanden uns unter Landsleuten und dankten eben so überrascht wie hocherfreut mit dem üblichen: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ „Wenn Euch meine enge Hütte und die einfache Soldatenkost ansteht“ – redete uns der Hauswirth an – „fo bleibt in Gottes Namen bei mir; ich und die Meinigen finden fchon Platz im Alkoven oder auf dem Hausflur. Die Herren kommen wohl von sehr weit her – fügte er nach einer kurzen Pause hinzu und schloß feine Einladung mit der Frage: „Wo haben Sie denn Ihr Gepäck? Ich werde es felbst herbeischaffen, Sie dagegen können sich einstweilen ein wenig ausruhen und an dem stärken, was wir zu bieten vermögen." Wir drückten der Reihe nach den so unverhofft aufgefundenen Landsmann an unsere Brust. Er war gemeiner Soldat im ersten Stawropoler Linien-Regiment, befand sich schon feit funfzehn Jahren am Orte und hatte sich das nette, kleine Häuschen gekauft, in dem er wohnte und das er mit dem Wenigen, was er in freien Stunden verdienen konnte, in immer bequemeren und hübscheren Stand zu fetzen fuchte. Während er fich um unsere Effekten kümmerte, forgte defen Frau für unsere in der That fehr leeren Magen und that dies in Betreff der Wahl der Speisen mit fo viel Umsicht und Geschmack, daß wir ihr ein schallendes Vivat brachten. Dem Befehl zufolge, hatte fich in Stawropol unser Häuflein zu trennen; wir benutzten deshalb die wenigen Tage, in denen es uns noch vergönnt war, beisammen zu bleiben, um unsere gemeinschaftlichen Ausgaben zu ordnen. Dazu bedurfte es nicht viel Zeit, denn was wir vor einem halben Jahre beim Ausmarsche von theuren Personen erhalten hatten, war nicht für Einen, fondern für Alle. Auch von Pferd und Wagen sollten wir scheiden und es für die Zukunft weniger leicht haben, unser Reisegepäck, das in etwas Wäsche, einem Paar Stiefel, dem Soldatenmantel, Büchern und Zeichen der Erinnerung bestand, fortzuschaffen. Mit dem Pferde, das ehedem einem russischen Fuhrmann gehörte, hatten mich meine forgsamen Verwandten noch vor der gezwungenen Reife verfehen; je länger wir das gute, treue Thier benutzten, desto mehr fähien es uns, als ob es sich dankbar beweisen wolle für die Gunst, daß wir es seiner Heimat wieder zuführten. Es ertrug unverdroffen die lange Reife, nahm gern mit dem mageren Futter vorlieb, das wir ihm zu bieten vermochten, und überließ fich willig der Leitung desjenigen, der auf dem Wagen bei den Sachen Platz nahm, obgleich es den Weg meist beffer wußte, als der Fuhrmann. Von dem eben Gesagten konnten wir uns auf unserer Reife durch Klein-Rußland recht eindringlich überzeugen. Zogen wir bei heftigem Gestöber gegen den Wind, so trieb uns dieser den eifigen Schnee in die Augen und verhinderte dadurch jeden klaren Blick: die Erde war mit einer dichten, weißen Decke überzogen und darauf auch nicht die leiseste Spur zu erkennen, die Sonne von dickem, grauem Gewölk verdeckt; wie leicht konnte man da vom rechten Wege abkommen und sich in der endlosen Steppe verirren. Zwar stehen bei den Dörfern und Wirthshäusern hohe Stangen, an welchen eine Glocke angebracht ist, die durch kleine Windmühlenflügel in Bewegung gefetzt wird und wodurch der Reisende auf den rechten Weg aufmerksam gemacht werden foll; doch wie unzureichend find dergleichen Merkzeichen, wie fchwach das dünne Stimmchen der Glocke gegen das Pfeifen und Heulen des Windes! In folchen Fällen hilft nur noch der Instinkt, und den besaß unser Pferd in erstaunenswürdigem Grade, Auf unserer Reise wurde uns einmal ein altes, hölzernes Gebäude als Herberge angewiesen und als Schlafstätte eine Stube zur Verfügung gestellt, die bereits vollkommenen asiatischen Charakter trug, d. h. auch nicht die geringste Spur irgend welcher Sorge für Bequemlichkeit aufzuweisen hatte. Wir richteten uns ein, fo gut es eben möglich war, nahmen auf orientalische Weise auf dem holprigen Boden Platz und verzehrten, was wir an Lebensmitteln auf dem Wagen mit uns führten. Unser Pferd brachten wir in einer Räumlichkeit unter, die ehedem dem volhynischen Adel als Gesellschaftssaal gedient haben mußte, wenigstens ließen die Spuren von Laubgewinden und pausbackigen Amoretten, die hier und da an den Wänden klebten, die noch theilweise vorhandene Galerie und dergleichen darauf fchließen. Das gute Thier schien ordentlich stolz darauf zu fein, feine müden Glieder an einem Orte ausstrecken zu follen, der ehedem den glänzenden Kreis der Landes-Aristokratie in fich aufgenommen hatte; doch kaum war es an einen Pfeiler gebunden und ihm fein Futter vorgeschüttet, als es, ganz gegen feine fonstige Gewohnheit, anfing, fich fehr ungebärdig zu benehmen, die Nüstern weit aufriß, nach hinten und vorn ausschlug, das Gebiß zerriß und endlich wie toll hinausrannte. Wir hatten alle Mühe, es wieder einzufangen und an feinen ersten Platz zurückzubringen, doch kaum war es festgebunden, so ging der alte Tanz von neuem an, und wir mußten dem Thiere endlich den Willen laffen, in Wind und Wetter die Nacht im Freien zuzubringen. Früh ließ sich das Pferd ohne den geringsten Widerstand anspannen und brachte uns bald nach der nahegelegenen Station Ostrog, wo wir zufällig erfuhren, das ganze Gebäude, in welchem wir übernachtet hatten, fei kurz nach unserer Abreife zusammengestürzt. Wir blickten erstaunt einander an und waren eben fo froh, mit heiler Haut davongekommen zu fein, wie wir uns über das Vorgefühl des Thieres wunderten, defen Aufführung am Tage vorher uns nun auf einmal klar wurde. Der Aufenthalt bei unserem Landsmann war nach einer fo langen, beschwerlichen Reife inmitten des unwirthlichen Steppenlandes das, was für den Pilger in der Wüste die Oase ist, ein Ort behaglicher Ruhe und Erholung, die wir denn auch in vollen Zügen genosfen. Die fremde Stadt fing gleichfalls an, uns Intereffe einzuflößen, und um sie näher kennen zu lernen, nahmen wir uns vor, einige Befuche zu machen. Den ersten statteten wir dem katholischen Geistlichen ab und erfüllten damit eine Pflicht der Pietät. Je mehr wir uns in der Stadt umfahen, desto mehr befreundeten wir uns mit deren geistigem Leben, desto mehr erfuhren wir auch, was im Augenblicke draußen in der Welt die Gemüther vorzugsweise beschäftige. Stawropol ist den Welt-Ereigniffen weder fremd, noch gleichgültig gegen dieselben, und was im fernen Westen vorgeht, findet daselbst die lebhafteste Theilnahme, die fich freilich nur mit Vorficht und Zurückhaltung ausspricht. Die Stadt besitzt ein nicht eben schlechtes Theater, auf welchem kleine Stücke in kleinruffischer Sprache aufgeführt werden, und außerdem noch einen Klub oder Redoutensaal, in welchem die créme der Einwohnerschaft, Militairpersonen und höhere Beamten, während des Karnevals zusammenkommen. Die übrige Zeit des Jahres verwandelt fich der Ort der Freude und des Glanzes in eine Restauration, wo man zu jeder Tageszeit für fchweres Geld räucherige und tüchtig gepfefferte Cotelettes und Beefsteaks bekommen kann. Da Stawropol an der Straße liegt, welche nach Grusien und dem Kaukasus führt, fo muß sie natürlich jeder Reisende berühren und mit deffen Einwohnern irgendwie bekannt werden. Wir waren wohl die Ersten, welche auf der Reise nach dem Hochgebirge etwas tiefer in das innere Leben der Stadt hineinschauten und unseren zahlreichen Nachfolgern, die bald kürzere, bald längere Zeit dafelbst verweilten, gewiffermaßen den Weg zeigten. Die Mehrzahl derselben machte bei unserem Landsmann Quartier, der dadurch zu einer gewifen Wohlhabenheit gelangte, und fprach auch bei dem würdigen Geistlichen vor. Laut Befehl hatte sich für die weitere Reife unsere Gesellschaft von Stawropol an zu trennen. Zwei von uns wurden jenseits des Kaukasus geschickt, einer nach einer Festung am Kuban, und ich mit noch zweien nach dem östlich gelegenen Grosnaja. Gleich einem alten, treuen Freunde, gab uns unser Wirth einige Werft weit das Geleit und schied endlich mit einem innigen: „Gott gebe Euch Glück!“ Mit meinem Austritt aus der Stadt eröffnete fich vor mir ein schon deutlich den Charakter des Gebirgstragendes, im üppigsten Grün prangendes Steppenland, an defen fernem Horizonte fich der zweigehörnte fchneeige Elborus erhob. Die Sonne stand mit wahrhaft orientalischer Pracht am weiten Himmelsgewölbe und fendete ihre Strahlen auf die verschiedenfarbigen Dächer des mehr und mehr fchwindenden Stawropol, aus defen von fünf Kuppeln gekrönter Metropole gleichwie zum Abschiede ein harmonisches Geläute zu uns herübertönte. Die Gegend, welche wir jetzt durchwanderten, bot nichts eigentlich Neues, desto mehr aber unsere Reisegesellschaft. Sie bestand aus einigen vom Urlaub zurückkehrenden Soldaten, drei oder vier sehr muthwillige „kaukafische“ Kadetten – bei den Ruffen, Junker“. genannt –

und einer Frau in mittleren Jahren, welche fich in Begleitung ihrer schon fast erwachsenen Tochter zu ihrem Manne begeben wollte, der gemeiner Soldat an der kaukasischen Linie war. Ein mit zwei Ochsen bespannter Wagen barg unsere Habseligkeiten und diente den beiden Damen der Gesellschaft, welchen man gern den Vorzug zu fahren eingeräumt hatte, zum Sitz.

Frankreich.

Französische Memoiren-Literatur.

Der eigenthümlichste Zweig der französischen Literatur war von je her der Reichthum von Denkwürdigkeiten, der die Geschichte gewiffermaßen in kleine gangbare Münze ausprägte und in das große Publikum brachte. Die Schilderung eines Zeitabschnittes, von verfchiedenen Personen entworfen, bewirkt eine vielseitige Beleuchtung und Deutlichkeit des Gegenstandes. Die Franzosen find deshalb auch fo fehr vertraut mit allen Glanzpunkten ihrer Geschichte und lieben es, fie fich immer wieder von neuem zur Anschauung bringen zu laffen. Kaum ist die ältere Memoiren-Literatur aus dem großen Verkehr verschwunden, fo beeifert man sich auch schon, fiel durch neue Abdrücke wieder auf den Büchermarkt zu bringen. Das neueste Beispiel davon find die Memoiren der Frau von Motteville, der bekannten fchriftstellernden Kammerfrau Anna's von Oesterreich, welche dem Hofleben des fiebzehnten Jahrhunderts jeden Charakterzug, so zu sagen, aus dem Toilettenspiegel abgelauscht hat.

Das fiebzehnte Jahrhundert ist besonders reich an historischem Klatsch und Skandal. Frau von Motteville ist unter den Memoirenfchreibern jener Zeit als eine Ausnahme zu bezeichnen, fie ist nicht fo unwahr und boshaft, als die meisten ihrer Fachgenoffen männlichen Geschlechts fich bewiesen haben. Es ist daher dankenswerth, daß ihre Plaudereien dem großen Publikum wieder zugänglich gemacht worden find. Die älteren Ausgaben fanden in den Sälen gelehrter Bücherfammlungen nur den Geschichtsforschern zu Gebote, und die Romanfchreiber, welche die Motteville als ergiebige Quelle benutzt haben, forgten dafür, daß ihre treuherzigen und aufrichtigen Berichte verfälscht und verdreht ins Publikum kamen. Es ist unglaublich, wie viele Romane aus den einfachen, unbefangenen Worten dieser Frau zusammengeschrieben find! Sie hat ficherlich nicht geahnt, als sie zu fchreiben begann, „um ihre Tage nützlicher hinzubringen, als andere vornehme Damen“, daß fiel dem bösen Leumund dadurch in die Hände arbeiten würde, daß sie ihre geliebte Königin, deren Tugend fie. fo warm vertheidigt, durch ihre Schilderungen zu einer Lieblingsfigur für den historischen Roman gemacht. Es ist nun einmal leider Gebrauch, diesen nicht ohne eine Beimischung von anstößigen Liebes-Verhältniffen herzustellen. Die gutmüthige, maßvolle Motteville hat das Unglück gehabt, daß gerade ihre wohlmeinendsten Berichte als Grundlage dazu benutzt oder vielmehr mißbraucht worden sind. Freilich läßt fich nicht leugnen, daß die Geschichte des damaligen Hoflebens in Frankreich fich fast wie ein buntes Fastnachtsspiel, wie ein lebendiger Roman in den Memoiren jener Zeit ausnimmt und man es den Schriftstellern kaum verdenken kann, daß sie die fertigen Bilder zufammenreihten, um Bücher daraus zu machen. Der Reiz der Wahrheit ist jedoch ungleich stärker, als er in mittelmäßiger Dichtung fein kann. Die Erzählungen der Motteville find feffelnder, als die meisten Romane, die daraus entnommen wurden. Die ganze bunte Welt des fiebzehnten Jahrhunderts, die fchönen, klugen Frauen, deren Zahl zu groß ist, um sie auch nur theilweise hier zu nennen, die ritterlichen Männer aus der Kriegsschule des jugendlichen Feldherrn, Herzogs von Enghien (der große Condé), die Dichter, Philosophen und Priester, – nur Corneille, Descartes und Fénélon brauchen als Beispiele ihrer Größen hier genannt zu werden, – alle find sie mit charakteristischen Worten und Zügen von der fleißigen Motteville ausführlich geschildert. Die bescheidene Frau hat sicherlich auch nicht geahnt, daß ihre Mittheilungen noch nach Jahrhunderten von frengen Geschichtsforschern, wie Ranke, Coufin, Sainte-Beuve u. f.w, als die glaubhaftesten und ergiebigsten Quellen für die Geschichte des fiebzehnten Jahrhunderts anerkannt und benutzt werden würden. Es liegt darin eine Genugthuung für den Mißbrauch der romantischen Schriftsteller, den die Motteville fo vielfach erduldet hat.

Die uns vorliegende Ausgabe ihrer Memoiren ist in vier umfangreichen Bänden bei Charpentier in Paris erschienen; fie hat den Vorzug vor älteren Ausgaben, daß über die merkwürdigsten Thatsachen auf gleichlautende Aussagen anderer Zeitgenoffen hingedeutet ist. Das Quellen-Studium wird hierdurch sehr erleichtert; es scheint der Plan der Verlagshandlung zu fein, später noch mehrere der wichtigsten Memoiren jener Zeit neu im Druck erscheinen zu laffen. Eine besonders dankenswerthe Zugabe des ersten Bandes der Mottevilleschen Aufzeichnungen ist eine biographische Skizze über die Verfafferin, von SainteBeuve. Sie stammte aus einer gelehrten und frommen Familie und wurde 1621 geboren. Ihr Oheim war Bischof und Dichter, er galt für zu weise und zu zurückhaltend, Eigenschaften, die erblich in der Familie zu fein scheinen. Eine jüngere Schwester der Motteville wurde Sokratine genannt, wegen ihres ernsten und gedankenvollen Wesens; augenscheinlich besaß auch die Motteville diese Eigenschaften, aber fie waren bei ihr so gemäßigt, daß man fiel nur vorherrschend vernünftig und fanft nennen konnte. Ihre Mutter stammte aus einem adeligen Hause in Spanien und wurde deswegen von der Königin Anna begünstigt, deren Briefwechsel fiel in spanischer Sprache führte und ihre vertraute Freundin wurde. Aber Richelieu war stets argwöhnisch gegen die Umgebung der Königin und hielt es für nothwendig, ihre Verbindungen mit Spanien abzuschneiden. Er entfernte diese Freundin, deren kleine Tochter, Françoise Bertaut, fchon das lebhafteste Intereffe der Königin erweckt hatte; fie gab derselben eine Pension und hoffte dereinst in ihr einen Ersatz für die Mutter zu finden, worin fie fich denn auch nicht geirrt hat. Françoise Bertaut lebte bis zu ihrem fechzehnten Jahre in der Normandie und heiratete bei dieser Jugend den achtzigjährigen Präsidenten von Motteville, der fiel jedoch bald zur Witwe machte; die Regelmäßigkeit und ernste Richtung ihres Lebens erlitt durch diese frühe Selbständigkeit keine Veränderung; ihre leidenschaftlofe, ruhige Gemüthsart, ihre Vorliebe für literarische Beschäftigungen, so wie eine feste religiöse Bildung, waren sichere Schutzmittel gegen die Versuchungen, die sonst das Leben junger, schöner Witwen beunruhigen können. Nach dem Tode Richelieus wurde Frau von Motteville von der Königin an den Hof zurückgerufen; fie erhielt den Titel einer königlichen Kammerfrau, war aber die vertraute und bevorzugte Freundin der Königin. Sie eignete sich vorzüglich zu dieser fchweren Stellung, weil sie klug, fanft, verschwiegen und heiter war. Sie besaß eine lebhafte Wißbegierde für ernste Gegenstände und eine liebenswürdige Neugier für komische Dinge, wodurch fiel ihre Gebieterin angenehm unterhielt. Die Gabe der Beobachtung fchrieb fiel fich felbst zu, machte aber keinen Anspruch auf Tiefe und männlichen Scharffinn; sie beschränkte sich darauf, nach Frauenart nur Dinge zu erzählen, die fie selbst mit erlebte, und da sie im Kabinet der Königin von Frankreich ihre Tage zubrachte, so fand sie stets hinreichenden Stoff. Sie verlebte zweiundzwanzig Jahre in dieser Stellung, von denen einige fo stürmisch und erschütternd waren, wie kaum eine andere Epoche der französischen Geschichte fiel darbietet. Frau von Motteville war ihrer Königin aufopfernd treu und ergeben, aber fiel macht es nirgends geltend und ist weit entfernt, fich den Charakter einer Heldin beizulegen. Eben so ehrenwerth hat sie den graden Weg nie verlaffen, trotz aller Intriguen und Verwirrungen, in welche das Hofleben fiel führte. Sie hat sich überall als redlich und vernünftig bewiesen, alle Welt schenkte ihr deshalb Achtung und Vertrauen. Sie hatte wenig Feinde und sehr viel Freunde; die Unerschrockenheit, womit sie diese vertheidigte, tröstete und unterstützte, wenn das Unglück über fie hereinbrach, war das schönste Zeugniß für ihr warmes Herz und ihre starke Seele. Während der wechselvollen Kämpfe der Fronde hatte sie besonders oft Gelegenheit, ihre Freunde, die durch eigene oder fremde Intriguen stürzten, bei der Königin zu vertreten; sie fiel darüber selbst einige Mal in Ungnade, aber Anna von Oesterreich war großherzig genug, den Muth der Freundschaft ihr immer wieder zu vergeben und ihr ihre Zuneigung nie ganz zu entziehen. Die Dankbarkeit und Hingebung gegen die königliche Gebieterin war daher auch ein HauptCharakterzug der Motteville; sie zeichnete immer wieder das Bildniß derselben; in allen Lagen des Lebens erschien sie ihr fo intereffant, um darüber zu berichten. Sogar die Kleinigkeiten des Toilettenzimmers, der Mittags- und Abendmahlzeiten erfährt man aufs genaueste aus den Erinnerungen der königlichen Kammerfrau, die in der That diesem Titel zuweilen entspricht, wenn sie erzählt, welche Gewänder ihre Gebieterin bei allen Gelegenheiten getragen hat. Als die Memoiren der Motteville zuerst im Druck erschienen (1723), wurde diese Ausführlichkeit in unwichtigen Dingen als langweilig und überflüffig bezeichnet, jetzt liegt gerade darin ein Hauptreiz für den Leser, weil es ein Beitrag zur Geschichte der Sitten und Moden einer Zeit ist, die so verschieden von der unsrigen ist, wie das achtzehnte Jahrhundert. Dieses bietet eine ungestörte Fortsetzung der Gebräuche des fiebzehnten, aber wir sind durch die Kluft der revolutionairen Zerstörung und Verwandlung davon getrennt. Jede Einzelheit, welche in den Erinnerungen dieser scharfblickenden Frau dargestellt ist, giebt ein hübsches Charakterbild ihrer Zeit ab, und wäre es auch nur ein Abriß des Kostümes derselben, den ihre geschickte Hand liefert, sie weiß immer Farbe und Leben hineinzulegen. So schildert sie einmal Anna von Oesterreich in dem Augenblicke, wo sie sich in feierlichem Aufzuge in die Parlaments-Sitzung begiebt, um zur Regentin erklärt zu werden, folgendermaßen: „Die Königin hatte nach dem Tode ihres Gemahls nie wieder Roth aufgelegt, wodurch die Feinheit ihrer Haut mehr ins Auge fiel, -

auch fand ihr die tiefe Trauerkleidung sehr gut. Sie trug Ohrgehänge von Diamanten, von echten Perlen in Birnenform umgeben; auf der Brust glänzte ein großes Kreuz, in derselben Weise gefaßt, ein langer schwarzer Schleier hob die Würde dieses Schmuckes und verlieh ihrer Schönheit einen fanften Ernst, der die ganze Versammlung entzückte Alle Anwesenden versicherten einstimmig, daß man an ihren klaren Augen und ihren edlen Mienen ihre hohe Abkunft und die Reinheit ihrer Sitten hätte lesen können. Sie führte den kleinen König, ihren Sohn, mit sich, der im kindlichsten Kostüm erschien und noch das fogenannte Geiferläppchen (la bavette) trug. In ihrer Würde als Herrscherin und Mutter wußte die Königin ihre Schönheit so hervorzuheben, daß sie die allgemeine Bewundernng erregte, obwohl sie das fchrecklichste Frauenalter – vierzig Jahre – schon erreicht hatte.“ Wer erkennt in dieser Schilderung nicht, daß Frau von Motteville eigentlich Talent für den Roman besaß: wahrscheinlich hat sie nur ihr mäßiger und rücksichtsvoller Sinn davon abgehalten. Ihr Drang zum Schreiben war so groß, daß sie sich täglich einige Stunden einschloß, um ihn zu befriedigen, eine Zeitanwendung, die fiel vor sich selbst damit entschuldigt, daß sie immer noch beffer fei, als die Promenaden und Spielfreuden anderer Damen. Je ernster übrigens die Ereigniffe, desto trefflicher find die Schillderungen und Reflexionen der Memoiren; sie enthalten Bemerkungen über die Fronde, die eines Historikers würdig sind, z. B. „Wenn die Unterthanen sich empören, werden sie durch Ursachen vorwärtsgetrieben, die fie selbst nicht kennen, und das, was sie verlangen, ist nicht dazu geeignet, fie zu beruhigen.“ „Paris, die große Stadt, ist der unverhältnißmäßig dicke Kopf des Königreichs; ein tüchtiger Aderlaß wäre von Zeit zu Zeit nothwendig, um die bösen Launen abzuleiten, die das unruhige Blut zu Kopfe treibt.“ Also schon damals war Paris zu groß! – In den Kämpfen der Fronde wurde ihm bald nach jenem Ausspruch gehörig zur Ader gelaffen, und Ludwig XIV. fetzte feinen festen Fuß auf den unruhigen Kopf, der bis zur Neuzeit nur durch den Despotismus zur Vernunft gebracht werden konnte. F. v. H.

Mannigfaltiges.

– Kalifornisch-rufsfische Kriegsbülletins. Die Fabrication von authentischen Nachrichten vom Kriegsschauplatze, in welcher die Wiener Zeitungsschreiber fo Anerkennenswerthes leisten, wird, wie es fcheint, auch in San Francisco mit gutem Erfolge betrieben. So lesen wir in der uns neulich zugegangenen Weekly California Chronicle vom 5. September ein angebliches Schreiben aus Sebastopol vom 20. Juni, in welchem ein rusfischer Offizier, der den ominösen Namen Groboff führt, den mißlungenen Sturm der Alliierten auf den Malachov und Redan am 18ten deffelben Monats mit lebhaften Farben schildert. Unter Anderem erfahren wir daraus, daß die Niederlage der Verbündeten durch den Angriff zweier russischen Dragoner-Regimenter „vom Don“ vervollständigt wurde, die aus der Festung heraussprengten und die Stürmenden in die Flucht jagten – ein Umstand, den nicht nur die französischen und englischen, fondern auch die russischen Berichte bisher unverantwortlicherweise verschwiegen hatten. Ferner geht aus dieser wahrheitsgetreuen Erzählung hervor, daß der ganze russische Verlust bei der gedachten Affaire nicht mehr als dreißig Mann an Todten und Verwundeten betrug, wodurch die böswilligen Uebertreibungen des Fürsten Gortschakov, der die Verluste seiner Armee auf 5500 Mann veranschlagte, in das gebührende Licht gestellt werden. – Es wurde von den französischen Ultras gesagt, daß sie noch royalistischer wären, als der König; offenbar find die kalifornischen Bülletin-Fabrikanten noch moskowitischer als die Ruffen.

– Amerikanische Journalistik. Die Stadt New-York, mit einer Bevölkerung von 850.000 Seelen, hat jetzt über 120 Zeitungen, deren jährlicher Absatz fich zusammen auf 80.000.000 Exemplare beläuft, während in London nur vierundnennzig Zeitungen erscheinen, welche jährlich 53.000.000 Exemplare drucken. Nach dem Census von 1850 gab es in den Vereinigten Staaten überhaupt 2526 Zeitungen mit einer Circulation von 526,409.978 Exemplaren, in dem Vereinigten Königreiche (Großbritannien und Irland) dagegen nur 516, die in 90.000.000 Exemplaren verbreitet waren. Die Stadt Cincinnati, welche noch nicht. Einen Bewohner hatte, als die Times ins Leben trat, besitzt jetzt sechzehn tägliche Zeitungen, und die jährliche Ausgabe ihrer dreißig Blätter beläuft sich auf 9000.000 Abdrücke. Es ist hier natürlich nur von den politischen Blättern, mit Ausschluß der literarischen und wissenschaftlichen, die Rede, und geht daraus hervor, daß die amerikanische Presse quantitativ hoch über der englischen steht. Wie es sich damit qualitativ verhält, ist eine andere Frage.

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