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Rußland. Züge aus dem Leben des Kaisers Nikolaus.

Von einem Amerikaner gesammelt.

Putnam's Monthly von New-York enthält in seinem diesjährigen Juni-Hefte einen sehr gut geschriebenen Artikel über den verewigten Kaiser Nikolaus („The Late Emperor of Russia"). Es ist die Huldigung, die ein vorurtheilsloser freier Mann dem Beherrscher eines großen Reiches darbringt, dessen menschliche Schwächen er keinesweges verhehlt, defen ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften er jedoch darum nicht seine Bewunderung versagt. Der Verfasser hat unstreitig seine Beobachtungen in der Nähe des Kaisers selbst gemacht, da er an vielen Stellen eine große Kenntniß der russischen Lokal- und Personalzustände verräth. Wir wollen einige Momente dieser Darstellung hier mit heilen, da sie zum Theil Details enthalten, die bisher in Europa wenig oder gar nicht bekannt waren: . . „Kein besserer Patriot, als Nikolaus, konnte in feinem Lande gefunden werden. In der That liebte er sein Land fast abgöttisch. In seinem Geiste, wie in feinem Herzen, bildeten die National-Religion, die Autokratie und das russische Volksthum eine heilige, unlösliche Dreieinigkeit. Mit dem tiefen Ernste seines Wesens, mit der vulkanischen Kraft seiner Leidenschaften zerschmetterte er. Alles, was ihm im Wege war, wenn es die Bethätigung dieses feines Glaubensbekenntniffes galt. Er war ein Autokrat, ein "Zar, vom Wirbel bis zur Zehe.“ . . . . „Das Kabinett, in welchem der Kaiser die Berichte feiner Minister empfing, befand sich unmittelbar über dem Boudoir der Kaiferin. Sie hielt sich gewöhnlich in diesem Zimmer zu den Stunden der geschäftlichen Vorträge auf. Beide Räume waren durch eine Wendeltreppe im Innern verbunden. Hörte nun die Kaiserin irgend ein besonders lautes Sprechen im Zimmer ihres Gemahls und nahm fie wahr, daß die Stimme des Kaisers sehr zornig wurde, dann rief sie beschwichtigend: „Nikolaus! Nikolaus!“ Und der Kaiser, wenn er diese sänftigenden Laute seiner Gemahlin vernahm, eilte zu ihr die Treppe hinab, bei welcher Gelegenheit sich fein Zorn abkühlte, und bald darauf kehrte er ruhig zu seinen Geschäften zurück. Während der letzten zwei Jahre zeigte er, obwohl er doch gerade in dieser Zeit sehr oft Gelegenheit gehabt hätte, aufgeregt zu sein, eine große Herrfchaft über sich selbst, was Niemand, der mit der Art seines Temperamentes näher bekannt war, ohne Erstaunen wahrnehmen konnte.“ .. - „Im Jahre 1837, bei Gelegenheit der Wegnahme des englischen Schiffes „Viren“, das den kaukasischen Bergvölkern Pulver und Waffen zugeführt hatte, ward Lord Durham nach St. Petersburg gefandt, um hier Genugthuung für die beleidigte englische Flagge zu verlangen. Seine Mission war jedoch nicht von Erfolg. Bei Gelegenheit eines Hofballes, als der Kaiser sich eben mit Lord Durham unterhielt, erhob er plötzlich feine Stimme und fagte fo laut, daß es alle Umstehenden hören konnten: „Ich bin vollkommen berechtigt, Kriegscontrebande zu konfiszieren, gleichviel von welcher Flagge fie gedeckt sein mag, und ich werde keine Genugthuung geben. Fangt nur immer Krieg an, wenn Ihr wollt. Ich weiß sehr wohl, daß Ihr meine Flotten zerstören und einige meiner Hafenstädte verbrennen könnt; aber versucht es nur, in Rußland zu landen, ich kann Euch hier einen warmen Empfang versprechen.“ . . . . „Im Sinne der russischen Politik war es vielleicht der größte Fehler, den er deging, als er im Jahre 1848 die Sache Oesterreichs zu der feinigen machte. Nachdem er jahrelang mit dem Turiner Hofe die freundschaftlichste Verbindung unterhalten und Karl Albert stets die hochachtungsvollste Verehrung gegen ihn an den Tag gelegt hatte, fuspendierte der Kaiser mit einem Male alle diplomatischen Verbindungen mit dem Turiner Hofe, als Karl Albert das Schwert gegen Oesterreich gezogen hatte. Von diesem Augenblick ab behandelte er die piemontesische Regierung mit der größten Geringschätzung, und bis zu seinem Ableben weigerte er sich, dort die neue Ordnung der Dinge

Berlin, Sonnabend den 4. August

1855.

oder den gegenwärtigen Monarchen anzuerkennen. Der Feldzug in Ungarn war weder eine glänzende Waffenthat, noch ein großartiger politischer Akt. Die Magyaren waren von allen Seiten von überwältigenden Maffen angegriffen und konnten unmöglich lange Widerfand leisten. Außerdem war aber auch die Expedition gegen sie in Widerspruch mit den National-Sympathieen Rußlands. Das russische Volk hat einen ererbten Widerwillen gegen die österreichische Nebenbuhlerschaft. Paskewitsch und die russischen Generale hätten viel lieber Wien von der Erde vertilgt, als Görgey gefangen genommen. Das Gedeihen Oesterreichs erscheint den Ruffen als ihrem Intereffe nicht zusagend. Ein kleiner Magyaren-Staat an den Gränzen Rußlands könnte nie ein so gefährlicher Nachbar werden, wie ein Reich von fünfunddreißig Millionen Einwohnern in kräftig centralisiertem Zustande. Bei der Auflösung Oesterreichs würden fich die flavischen Nationalitäten desselben emanzipiert, und ein Theil derselben, der den Magyaren nicht zu widerstehen vermocht hätte, würde eine Zuflucht bei Rußland gesucht haben. Nicht blos gegen den Germanismus, sondern auch gegen Koffuth hätte Rußland die verwandten Stämme geschützt. Die Idee des Panflavismus wäre ihrer Realisierung nahe gewesen.“ .. . „Nach der polnischen Revolution von 1830–31 find zwar 267 Polen in contumaciam zum Tode verurtheilt, aber nicht ein Einziger ist hingerichtet worden, obwohl mehrere Häupter der Verschwörung zu Gefangenen gemacht waren; unter ihnen Lieutenant Wysocki, der Rädelsführer des Ganzen. Sein Urtheil ward von Kaiser Nikolaus in lebenslängliche Deportation verwandelt, und er lebt jetzt noch in Sibirien, nicht weit von der chinesischen Gränze, wo ihm große Strecken Landes gehören und er eine fehr einträgliche Lichte- und Seifen-Fabrik etabliert hat.“ . . . . „Es muß, um gerecht gegen Nikolaus zu fein, bemerkt werden, daß während feiner ganzen Regierung nicht mehr als höchstens vierhundert Polen nach Sibirien deportiert wurden, Einige auf Lebenszeit und Andere auf mehr oder weniger kurze Zeiträume. Ist diese Zahl auch bedeutend, so bleibt sie doch weit hinter der Vorstellung zurück, die man sich gemeinhin von der Strenge des Kaisers gegen die polnische Nation macht. Diese Unglücklichen wurden über diejenigen Theile Sibiriens zerstreut, die des Anbaues fähig find, und fiel bilden jetzt dort ebensowohl Landbau- als Manufaktur-Kolonieen.“ . . . . „Bevor Nikolaus dem Großfürsten Thronfolger, dem jetzigen Kaifer Alexander II, die Erlaubniß zu feiner ersten Tour durch Europa ertheilte, wollte der Kaiser ihn erst mit allen Theilen feines eigenen großen Reiches bekannt machen. Der Thronfolger trat demnach eine Reise durch Rußland an und besuchte die Hauptstädte, so wie die verschiedenen Gouvernements im Innern. Er berichtete täglich über feine Beobachtungen und Eindrücke an den Kaiser. Unter Anderem kam der junge Reisende nach Tobolsk, der Hauptstadt des westlichen Sibirien. Nach der bei den Reisen der höchsten Personen in Rußland herrschenden Sitte stieg er zunächst vor der Kathedrale ab, wo er von dem Bischof und der Geistlichkeit empfangen und in das Gotteshaus geleitet, wo ein Tedeum angestimmt wurde. Die Kirche war angefüllt vom Volke, aber seitwärts abgesondert bemerkte der Großfürst eine Gruppe von fünf Männern, in der Tracht gemeiner Soldaten, deren Gesichtszüge an beffere Zeiten zu erinnern schienen. Auf seine Erkundigung erfuhr er, daß sie einst Garde-Offiziere waren und wegen ihrer Theilnahme an dem Aufstande von 1825 nach Sibirien verurtheilt worden seien. Einer von ihnen, Baron Rosen, hatte beinahe den Gebrauch feiner Glieder verloren. In feinem heutigen Berichte an den Kaiser erwähnte der Großfürst dieses Zusammentreffens und bat er um Begnadigung der Verbannten. Er schrieb: „Gestatte mir, Vater, der Vermittler zwischen Dir, den Schuldigen und der Nation zu fein.“ Nikolaus las diese Aeußerungen mit Freude, als einen Beweis der wohlwollenden Gesinnung seines Sohnes. Gleichwohl nahm er Anfand, die erbetene Gnade auf einmal zu bewilligen; nur nach und nach follte fie den Exilirten zu Theil werden. Die Sträflinge wurden demnach zur Armee des Kaukasus gesandt, wo sie zwar als gemeine Soldaten eintraten, doch mit der Befähigung, wieder zu avancieren. Nach einjährigem musterhaften Dienste wurden sie in den Offizierstand wieder eingesetzt, erhielten demnächst auch ihren Adel wieder und durften endlich, nachdem sie den Abschied erhalten hatten, zu den Ihrigen in die Heimat zurückkehren.“

England.

Aus Buckingham's Autobiographie. (Schluß)

Buckingham begab sich nach Kahira, wo er einen von ihm ausgearbeiteten Plan vorlegte, den alten Schiffskanal durch den Ithmus von Suez zu erneuern, und während darüber im Conseil des Pascha berathschlagt wurde, trat er einen Ausflug nach den Katarakten des Nil an. In Esmé, dem alten Latopolis, defen herrlicher Tempel ihn mit Bewunderung erfüllte, traf er mit einem berühmten Reisenden zusammen. „Was mich“, sagt er, „noch mehr intereffirte, als die Alterthümer, war meine erste Zusammenkunft mit Herrn Burckhardt, im Osten unter dem Namen Scheich Ibrahim bekannt, defen Ruf als orientalischer Reisender, der sich zu einer Entdeckungs-Expedition in das innere Afrika vorbereitete, ihn zum Gegenstand der Theilnahme für alle Europäer machte. Herr Burckhardt wartete hier auf Nachrichten aus Kahira, ehe er die Reise durch die Wüste nach Abyfimien unternahm, und da er von der Ankunft eines Bootes mit einem englischen Reisenden hörte, fo eilte er an das Ufer des Fluffes, kam zu mir an Bord und redete mich in trefflichem Englisch an. Er war in die Tracht eines gemeinen arabischen Bauern oder kleinen Handelsmannes gekleidet, mit einem blauen baumwollenen Kittel, über ein grobes Hemde geworfen, losen weißen Beinkleidern und einem gewöhnlichen Kattun-Turban um den Kopf. Er hatte einen starken, fchwarzen Bart und trug keine Strümpfe, sondern nur die im Lande gebräuchlichen, hinten niedergetretenen Pantoffeln, und hatte so vollfändig das Ansehen eines Arabers vom Norden – eines Syrers, mit bläfferer Gesichtsfarbe und helleren Augen als die Aegypter – daß man ihn schwerlich, was er in der That war, für einen Schweizer, sondern für einen Eingeborenen von Antiochien oder Aleppo gehalten hätte, indem er auch den arabischen Dialekt jener Gegend sprach. Wir verbrachten den Abend im Hause des türkischen Gouverneurs von Esmé, der uns gaffrei aufnahm, und Burckhardt versprach, mich am folgenden Morgen zum zweiten Mal am Bord meines Bootes zu besuchen. Da man hierzulande fehr früh aufsteht, so erschien er schon vor Sonnen-Aufgang, und wir nahmen zusammen unter einfaches Frühstück von Kaffee und Reis-Pilav ein. Unser Gespräch war fo lebhaft, daß wir uns erst gegen Abend trennten; denn zwei Europäer, die fich in einem von ihrer Heimat fo entfernten Lande kennen lernen, fühlen sich gleich beim ersten Anblick wie Freunde und Brüder zu einander hingezogen. So erzählte mir Burckhardt von feinen Kinderjahren in feiner Geburtsstadt Bafel (Lausanne?), von feiner frühen Wanderlust, feinem Aufenthalt in Paris und feiner Reise nach London, wo er von der afrikanischen Gesellschaft beauftragt wurde, auf Kosten derfelben eine Expedition nach Afrika anzutreten. Um sich auf die Befchwerden eines solchen Unternehmens vorzubereiten, hatte er sich gewöhnt, die färkste Hitze zu ertragen, auf bloßer Erde zu fchlafen und fich mit der gröbsten, ja, ekelhaftesten Nahrung zu begnügen. Er beschrieb mir eine Reifen durch Syrien und Palästina, welche gleichsam als Einleitung zu einer großen afrikanischen Expedition dienen sollten, feinen Aufenthalt in Aleppo, feine Nachsuchungen unter den Auraniten im Osten des Jordan, feine Wallfahrt nach dem erst kurz vorher von dem deutschen Reifenden Seetzen wieder aufgefundenen Petra. Seine Absicht war jetzt, nach Dongola und Darfur im Innern Afrikas, von dort durch Abyffinien nach dem Rothen Meere zu gehen, wo er sich der Pilgerkarawane nach Mekka anzuschließen dachte, und wir drückten. Beide die Hoffnung aus, daß, da ich dieselbe Route einschlagen wollte, wir in Dschedda oder an einem anderen Orte wieder zusammentreffen möchten. Herr Burckhardt mußte wider Erwarten noch einen Tag in Esmé zubringen, den wir gleichfalls zusammen verlebten, und wir trennten uns endlich unter Verficherungen gegenseitiger Freundfchaft, er, um seine langwierige und einsame Landreife, ich, um meine Fahrt den Nil hinauf fortzusetzen.“

Nach Bestehung mancher Abenteuer und Fährlichkeiten – so wurde er einmal von albanesischen Marodeuren überfallen, rein ausgeplündert und nackt in der Wüste liegen gelaffen – kehrte unser Autobiograph nach Kahira zurück, wo er zu feinem Leidwesen fand, daß die Behörden nicht geneigt seien, auf das von ihm vorgeschlagene Kanalprojekt einzugehen. In einer Audienz, die ihm der Pascha gewährte, bemerkte dieser, daß ihm die Idee allerdings im Anfang als äußerst praktisch erschienen fei, und daß, wenn man ihm diesen Plan vor Ausbruch des Krieges mit den Wechabiten entworfen hätte, er ihn sofort zur Ausführung gebracht haben würde. „Aber“, fügte er hinzu, „ich habe feitdem Vieles gesehen, was mich zweifelhaft gemacht hat, ob ein der

artiges Unternehmen auch politisch und mit den Intereffen Aegyptens verträglich fei“ „Da ich“, sagt Buckingham, „die Motive eines solchen Urtheils nicht begreifen konnte, so bat ich den Pascha, sie mir näher auseinander zu fetzen, um fie, wenn grundlos, widerlegen oder, wenn ich fie begründet fände, ihnen beitreten zu können. „um also die Wahrheit zu sprechen“, begann er, „fo bemerkte ich, als ich neulich in Dschedda war, eine große Anzahl von Fahrzeugen im Hafen unter englischer Flagge und erkundigte mich, ob sie aus England kämen, was man aber verneinte, mit dem Zusatz, daß einige von Bombay, Ceylon, Madras und Kalkutta, andere von Mauritius und noch andere vom Kap der guten Hoffnung gekommen seien. Aber, fragte ich, gehören alle diese Punkte den Engländern? – O ja, sagte mein Gewährsmann, ein wohlunterrichteter Kaufmann aus Dschedda, fowohl diese, als noch viele andere, wie der nördliche Theil Amerikas, Kanada genannt, die Eilande Westindiens und eine Menge Häfen an der Westküste von Afrika und im Mittelländischen Meere. Ich fragte, wie dies zugehe; ob die Eingeborenen dieser Länder den Engländern die Herrfchaft über fich angetragen oder ob diese sie nach der gewöhnlichen Weise mit dem Schwert erobert hätten? Ersteres ist gewiß nicht der Fall, erwiederte der Kaufmann, und auch Letzteres kann nicht eigentlich gesagt werden. Aber die Methode, die fie gewöhnlich und namentlich in Indien, wo fiel ein Reich haben, größer als alle ihre anderen Befitzungen, befolgt haben, ist diese: Zuerst bitten sie die eingeborenen Herrscher um Erlaubniß, fich zu Handelszwecken unter ihnen niederzulaffen, indem sie ihnen vorstellen, daß solches zu beiderseitigem Nutzen gereichen werde. Dies wird ihnen gern bewilligt, und sie warten dann eine gewisse Zeit, bis sie abermals um Erlaubniß bitten, einige Faktoreien errichten zu dürfen, um ihre Waaren darin niederzulegen und fie vor Raub oder Beschädigung schützen zu können. Da nichts billiger erscheinen kann, fo wird ihnen dieses Privilegium ebenfalls gewährt; allein es dauert nicht lange, bis sie wieder geltend machen, daß diese aufgehäuften Vorräthe die Plünderungssucht Böswilliger in fo hohem Grade reizen, daß es zu ihrer Sicherheit durchaus nothwendig fei, ihre Faktoreien mit einigen Kanonen zu befestigen und fiel mit einigen Truppen als Wache zu versehen. Die arglosen Eingeborenen bewilligen auch dieses Ansuchen, und ihr Schicksal ist jetzt bald entfchieden. Es ist bekanntlich Nichts leichter, fuhr der Kaufmann fort, als Vorwände zu einem Streite zu finden, den man herbeizuführen wünscht: die Engländer treten nun mit der Behauptung hervor, daß ihre Sicherheit noch immer gefährdet sei, so lange man ihnen nicht das ihre Niederlaffungen umgebende Gebiet einräume, und die Eingeborenen find jetzt nicht mehr in der Lage, ihnen dieses zu verweigern; denn wer feine Forderungen mit Kanonen und Truppen unterstützen kann, wird sich nicht so leicht abweisen laffen. Und fo haben die Engländer, die ursprünglich nur als Kaufleute an der Küste von Indien landeten, sich dieses ganzen Reiches bemächtigt, wo sie jetzt über ein Gebiet herrschen, welches an Umfang den Befitzungen des Oberhauptes der Gläubigen gleichkömmt und weit reicher und bevölkerter ist, indem es ein Einkommen von hundert Millionen Thaler und eine Volkszahl von hundert Millionen Seelen hat. Dieses“, schloß der Pascha, „wurde mir in Dschedda erzählt; was sagt Ihr zu dieser Geschichte? Ist sie wahr oder unwahr?“ – Ich war damals noch nicht so genau mit der Geschichte Indiens und der Art und Weise, in der wir unsere dortigen Besitzungen erworben hatten, bekannt, als ich es später wurde; ich erwiederte daher, daß ich das Gesagte nicht als unwahr bezeichnen könne, sondern vielmehr befürchten müffe, daß es fich von der Wahrheit nicht sehr entferne. „Wenn also“, fuhr der Pascha fort, „dieser Kanal gebaut wird, welche europäische Nation wird ihn für ihre Schiffe am meisten benutzen? Werden es nicht die Engländer fein, auf der Fahrt von ihrem eigenen Lande nach ihren indischen Befizungen und zurück?“ Ohne Zweifel, antwortete ich. „Und glaubt Ihr nicht“, sagte er, „daß, wenn sie diesen herrlichen Garten Aegyptens erblicken, der jetzt mein Eigenthum ist, fie mich um den Besitz defelben beneiden und in Folge ihrer Gewohnheit, sich aller Länder zu bemächtigen, an denen sie Gefallen finden, nach Ablauf einiger Jahre einen Streit mit mir suchen werden, wozu ihnen der Kanal, die Zölle oder anderweitige Umstände leicht Veranlaffung geben können, und daß fiel dann, um es kurz zu machen, mit ihren Schiffen, welche als die größten und am besten ausgerüsteten in der Welt bekannt find und auf welchen man jede beliebige Truppenzahl von einem Ort zum anderen transportieren kann, in derselben Weise von Aegypten Besitz nehmen werden, wie fie es früher von Indien gethan, indem fie im Intereffe der Einwohner felbst zu handeln vorgeben, denen ein folcher Regentenwechsel zuträglich fei?“ Ich mußte gestehen, daß, nach unseren Antecedentien zu urtheilen, ein folches Resultat als nicht undenkbar erscheine. „Und würde ich mithin nicht“, fuhr der Pascha fort, „das Meffer felbst gewetzt haben, mit welchem man mir dann die Kehle durchschneiden würde? Nein, nein! einer folchen Thorheit werde ich mich niemals fchuldig machen. Ehe ich meine Einwilligung zum Bau eines Kanals zwischen den beiden Meeren gebe, werde ich warten, bis ich erfahre, daß Eure Landsleute von dem Hange geheilt sind, sich das anzueignen, was ihnen nicht gehört, und den Diebstahl durch die Versicherung zu rechtfertigen, daß sie damit nur das Glück der Geplünderten bezweckt haben.“ In dieser Sokratischen Art, das Gespräch zu führen, fand ich die Logik des ungebildeten, aber fcharffinnigen Türken so schlagend, daß es mir nicht möglich war, fie zu widerlegen, und ich mußte daher, so schwer es mir auch ankam, die Kanalfrage, wenigstens bei Lebzeiten des Pascha, als beseitigt betrachten.“ Dagegen erhielt Buckingham von Mehemed-Ali den Auftrag, in Bombay, wohin er fich als Agent eines englischen Handlungshauses begab, Schiffe zu kaufen, mit welchen der Pascha einen Handel für eigene Rechnung zwischen dem Rothen Meer und Indien zu betreiben gedachte. Nachdem er mit genauer Noth dem Schiffbruch entgangen, langte er glücklich in Bombay an, wo aber fein Aufenthalt durch einen unvorhergesehenen Umstand verkürzt wurde. Zu jener Zeit besaß die ostindische Gesellschaft noch das ausschließliche Monopol des Handels zwischen England und Indien, und ohne Erlaubniß der Direktoren durfte kein britischer Unterthan sich an demselben betheiligen oder auch nur in den Besitzungen der Compagnie verweilen. „Wäre ich“, klagt Buckingham, „ein Franzose, Spanier, Holländer oder Mitglied irgend einer anderen Nation gewesen, so hätte man mir den Aufenthalt nicht wehren können; aber als Engländer war ich vogelfrei.“ Er mußte es noch als eine besondere Gunst betrachten, daß man ihn nicht, gleichfam „auf den Schub“, mit einem Regierungsschiff um das Kap der guten Hoffnung nach England zurückschickte, sondern ihm gestattete, über Mocha nach Aegypten zurückzukehren. „Der Pascha“, fährt er fort, „drückte das größte Erstaunen über ein Verfahren aus, welches fogar ihm als ein Akt der Tyrannei erschien, und beschloß, mich gegen die Wiederholung defelben zu fichern, indem er mich zu feinem Bevollmächtigten ernannte und mit einem an die ostindischen Behörden gerichteten Ferman verfah, durch welchen ich in der Eigenschaft feines Stellvertreters autorisiert wurde, für ihn Schiffe anzukaufen oder zu befrachten und andere mir gegebene Aufträge auszuführen. Ich war natürlich hoch erfreut, mit einem solchen Schutzbrief in Indien wieder erscheinen zu können, wenn auch nur um die Lächerlichkeit eines Syftems ans Licht zu stellen, dem man durch solche Mittel entgegenwirken mußte, da es mich nicht nur in den Stand setzte, dem Verbannungsdekret der Regierung Trotz zu bieten, welches man gegen den Gesandten einer fremden Macht nicht auszuführen wagen konnte, sondern mir auch das Recht gab, überall zu verkünden, daß ich zwar als englischer Unterthan nicht ohne Erlaubniß der Compagnie nach Indien zurückkehren dürfe, bei Strafe fummarischer Ausweisung, daß aber jetzt, da ich als Türke gekommen, ich ein freier Mann geworden sei und auch ohne Erlaubniß fo lange in Indien bleiben könne, als es mir beliebte.“ Hiermit fchließt der zweite Band dieser anziehenden Selbstbiographie, aber nicht das bewegte Leben des Verfaffers, welches noch manche bunte und wechselvolle Phafen darbietet. Der Dienst des Pascha von Aegypten wurde ihm bald verleidet, und er ließ sich als Redacteur einer Zeitung in Kalkutta nieder, wo er sogleich eine lebhafte Polemik gegen das Monopol der ostindischen Compagnie begann. Die ungewohnte Freiheit, mit der er die Handlungen der indischen Regierung kritisierte, erregte den Unwillen der Behörden in so hohem Grade, daß sie ein Journal unterdrückten und ihn zum zweiten Mal aus dem Lande wiesen. „Diese Tyrannei“, heißt es in einer kurzen biographischen Notiz über Buckingham in The Men of the Time, „zog ihre eigene Strafe nach sich, denn als der Verfolgte nach Europa kam, brachte er die Agitation gegen die indischen Behörden und deren System in Gang, welche zur Revidierung des der Compagnie verliehenen Freibriefs führte und die Macht der Potentaten von Leadenhall-Street bedeutend schmälerte. Buckingham wurde als ausgezeichneter Redner und als ein bändereicher, wenn auch nicht sehr unterhaltender Schriftsteller bekannt. Seine Reifen im Orient beschrieb er in mehreren Werken unter dem Titel: „Travels in Palestine", „Travels among the Arab Tribes" und „Travels in Mesopotamia”; die Frucht eines späteren Ausfluges nach den Vereinigten Staaten waren „Travels in America". Nachdem die Reformbill zu Stande gekommen, wurde er zum Parlamentsmitgliede für Sheffield erwählt, welche Stadt er sechs Jahre hindurch vertrat. Eine von ihm gegründete literarische Zeitschrift, Sphynx, hatte keinen Erfolg; eben so wenig das von ihm in Verbindung mit dem Dichter Sterling herausgegebene Athenaeum, welches erst unter der Leitung seines gegenwärtigen Eigenthümers, Dilke, einen so glänzenden Aufschwung nahm. Eine Zeitlang hielt Buckingham Vorlesungen im Intereffe der Anti-Corn-Law League. In der Folge machte die ostindische Compagnie ihre früher gegen ihn bewiesene Härte durch Verleihung eines Jahrgeldes gut, wozu noch eine ihm von der Regierung als Anerkennung seiner literarischen Werke und feiner für die Wiffenschaft ergiebigen Reifen in verschiedenen Ländern ausgesetzte Pension von zweihundert Pfund Sterl. gekommen ist.“

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- ... Paris, 1855. - - ») Die böse Welt behauptet freilich das Gegentheil.

Frankreich, Briefe des Marschalls von Saint-Arnaud.“)

Die „Briefe des Marschalls von Saint-Arnaud“, welche in zwei Bänden von der Familie desselben der Oeffentlichkeit übergeben worden find, geben uns Gelegenheit, den Sieger an der Alma in einem innerften Wesen und Charakter kennen zu lernen. „Eine ein Vierteljahrhundert lang fortgesetzte Korrespondenz, alle Ereigniffe, so wie sie sich ursprünglich dem Geiste gezeigt, und die Gedanken in ihrem ersten Entwurfe wiedergebende giebt uns mehr als ein Bild von dem Menschen, sie führt, nach Montaigne's Ausdruck, uns den Menschen selbst vor.“ Diese Stelle in der von Herrn Le Roy de Saint-Arnaud, dem Bruder des Marschalls, geschriebenen Einleitung charakterisiert am besten das Intereffe, welches diese Briefe erregen können. Wir theilen unseren Lesern einige dieser Briefe mit:

I

Zur Zeit der Restauration war Herr von Saint-Arnaud fiebzehn Jahr alt; er war ein Zögling des Lyceum Napoleon (Henri IV). Er fühlte, von leidenschaftlicher Liebe zum Ruhm erfüllt, nicht Lust, den müßigen Degen zu tragen; er legte ihn ab, um, wie Froiffard, fein Lehrer, sich ausdrückt, dem Bedürfniß, zu sehen und kennen zu lernen, Genüge zu leisten. Er begann merkwürdigerweise feine Laufbahn als Vertheidiger der griechischen Sache in denselben Gegenden des Orients, wo er zweiunddreißig Jahre später den Tod fand. Nachdem er in dem Archipel seine ersten Waffenthaten vollführt, verließ er den Dienst Griechenlands und bereiste die Türkei, Italien, Belgien und England, fich Kenntniffe und Erfahrungen fammelnd und die neueren Sprachen fich aneignend, was ihm bei seiner Bekanntschaft mit den alten Sprachen nicht schwer fiel.

Nach der Revolution des Jahres 1830, welche einem kriegerischen Geist ein weites Feld zu eröffnen schien, trat er als Unter-Lieutenant wieder in die Armee. Für feine Auszeichnung im Kriege der Vendee ward er mit dem Lieutenantsgrade belohnt. Mit seinem Bataillon nach der Citadelle von Blaye versetzt, die eben der Herzogin von Berry zum Aufenthaltsort angewiesen war, verstand er es, ohne die einer gefangenen Frau und Fürstin schuldigen Rücksichten zu verletzen,“) fich das Vertrauen, die Achtung und die Freundschaft des Generals Bugeaud zu erwerben; er folgte einige Jahre später diesem General nach Afrika und fand demselben als einer der tüchtigsten Offiziere zur Seite.

Fast alle Briefe der vorliegenden Sammlung find an seine Familie gerichtet. Sie find meistentheils an Herrn Le Roy de SaintArnaud, feinen Bruder, addrefirt, der den Kindern des fast immer abwesenden Offiziers ein zweiter Vater geworden war.

Wir theilen zunächst einige Briefe mit, die sich auf den Krieg in der Vendee beziehen.

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. „Es fehlte der dritten Compagnie meines Bataillons ein Capitain; man hat mir bis zur definitiven Besetzung das Kommando dieser Compagnie übergeben. Es ist dies ein Zeichen von Vertrauen, welches ich unter den schwierigen Verhältniffen, in denen wir uns befinden, hoch veranschlage.

. „Schreibe mir Etwas von Politik; denn hier bin ich todt für die Welt. Ich habe hier weder Bücher noch Zeitungen, ich, der ich sie bis auf den Namen des Druckers zu lesen und zu fudiren gewohnt bin. Ich werde dazu künftig die Zeit nicht haben; ich habe nicht viel Zeit für mich übrig. Stelle Dir vor: es ist jetzt 11 Uhr Nachts, um 12 Uhr muß ich selbst zehn Mann und einen Sergeanten wecken. Wir werden in aller Stille abmarschieren und einen Marsch von drei bis vier Meilen machen, über Felder, durch Gehölze, um Meierhöfe herum, in Löcher und in Gräben fallend. Wenn ich Dich bei mir hätte, würde ich lachen; aber allein fluche ich, natürlich nur innerlich, damit meine Soldaten sich nicht für berechtigt halten, daffelbe thun zu dürfen. Bisweilen freilich kömmt es wohl auch vor, daß ich, wenn ich mich meinen Gedanken hingebe, wenn ich an. Alles denke,

*) Lettres du Maréchal de Saint-Arnaud, dédiées à l'Empereur. 2 vol.

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ich Theures auf der Welt habe, an meine Frau und an Euch Alle, wenn ich Euch zu umarmen glaube, in einen Graben falle und da einen zärtlichen Kuß unserer gemeinsamen Mutter gebe, welche, zum Dank, mich beschmutzt und zerreißt.“ -

„Parthenay, am 21. Oktober 1832.

„Da bin ich, mein lieber Freund, zurückgekehrt von meinem Feldzug ohne Ruhm, aber mit viel Strapazen. Die erste Nacht, die ich in meinem Bett zugebracht, hat mir so ergötzlich geschienen, daß ich, um fie beffer zu genießen, gar nicht geschlafen habe. Das Geräusch des unter mir raschelnden Strohes, das Getrampel der in der Nähe meines Kopfes hin- und herlaufenden Ratten und Mäufe, das Gejucke des mir in die Halsbinde oder in die Beinkleider kriechenden Heues, alles das hat mir gefehlt; ich hatte mich schon daran gewöhnt... Ich habe eines von ihren Verstecken gefunden. Es ist nicht leicht, Leute aufzufinden, die im Innern der Erde leben. Stelle Dir vor: mitten auf dem Felde eine starke Eiche, deren Stamm acht Fuß hoch bis zum Erdboden ausgehöhlt ist; in dem Stamm eine Spalte, vier Fuß lang und so schmal, daß ein Mensch, so mager wie ich, fich kaum hindurchdrängen kann; diese Spalte ist der Eingang zu einem Souterrain, welches fechs Fuß lang, fünf Fuß breit und drei Fuß hoch ist. Ueber zwei starke Balken gelegte Bretter bilden die Decke des unterirdischen Raums und schützen die Bewohner desselben gegen den Einsturz der Erde. Eine sechs Zoll starke Schüttung von Stroh ist das Lager. In solchem Raume leben fünf Menschen – liegend, ausgestreckt; auf den Knieen liegend, muß man den Kopf bücken. In dieses Loch bin ich, das Pistol zwischen den Zähnen, allein hinuntergestiegen. Leider waren die Bewohner nicht drin; ich habe nur einen Schuh, einen grob aus Holz geschnitzten Leuchter, eine Pfeife, zerbrochene Gläser, alte Lumpen, wahrscheinlich zur Reinigung ihrer Waffen bestimmt, gefunden; auch Spuren, aus denen ich entnehmen konnte, daß die Unglücklichen hier Karten gespielt hatten. Sie nicht antreffend, habe ich Alles in demselben Zustande gelaffen, um sie nicht auf die Vermuthung kommen zu laffen, daß ihr Versteck entdeckt fei; denn ich machte mir Hoffnung, fiel ein ander Mal hier zu überraschen. Ich bin den Abend wieder hingegangen, habe meine Leute in der Nähe versteckt und habe die ganze Nacht in diesem Loche zugebracht. War das eine Nacht! Mich schaudert, wenn ich daran denke! Eine Luft zum Ersticken und tausenderlei Fliegen, die mich plagten. . . Und doch würde ich zehn Nächte hier zugebracht haben, wenn ich ficher gewesen wäre, fiel zu bekommen. Ich bin zu jeder Stunde des Tages und der Nacht hingekommen, immer ohne Erfolg.“ . .

Der General Meunier versammelte das ganze Regiment bei Amailhou, um ihm eine Fahne und Orden zu übergeben. Es folgte der Feierlichkeit ein Bankett, bei welchem Herr von Saint-Arnaud Verse improvisierte, die nach Inhalt und Form den Beifall wohl verdienten, der ihnen zu Theil wurde. Er war nicht blos Gelegenheitsdichter, er war auch musikalisch; er fang mit Seele; er war geistreich und angenehm in der Unterhaltung; mit dem Talent, sich angenehm zu machen, verband er gediegene Eigenschaften, ungewöhnliche Fähigkeiten und Kenntniffe. (Schlußfolgt)

Mannigfaltiges.

– Die Dresdener Schillerstiftung. Wir freuen uns, zu hören, daß die bei Gelegenheit der am funfzigjährigen Todestage Schiller's stattgefundenen Erinnerungsfeier in Dresden gegründete Schillerstiftung zur Unterstützung ehrenwerther verarmter Schriftsteller vielseitige Theilnahme in Deutschland findet. Der in Leipzig feit längerer Zeit bestehende Schriftsteller-Verein, defen gegenwärtigen Vorstand Herr Prof. Dr. Heinrich Wuttke, Herr Dr. G. F. Kühne (Redacteur der „Europa“) und Herr Dr. Hermann Marggraff (Redacteur der „Blätter für literarische Unterhaltung“) bilden, hat den Beschluß gefaßt, sich an der Dresdener Schillerstiftung durch einen Aufruf an die Bewohner Leipzigs zu betheiligen und dafür die Verwendung dortiger Notabilitäten einzuholen.

– Holzuhren-Fabriken in Neu-England. Die Fabrication von hölzernen Uhren hat unter den Yankees eine Ausdehnung gewonnen, welche die altbegründete Industrie des Schwarzwaldes ganz in den Schatten zu stellen droht. In Connecticut giebt es sieben Fabriken, welche über ein Kapital von einer Million Dollars verfügen und in welchen 1300 Arbeiter jährlich 800.000 Uhren liefern. In Bristol zählt man 14 Fabriken mit 400 Arbeitern und einer jährlichen Production von 200.000 Uhren; in Plymouth 3 Fabriken mit 175 Ar-

beitern und 70000 Uhren; in Ausonia 2 Fabriken mit 140 Arbeitern und 102.000 Uhren; in Winstead eine Fabrik mit 40 Arbeitern und 30000 Uhren; in Southampton 2 Fabriken mit 45 Arbeitern und 40.000 Uhren; in Newhaven endlich 3 Fabriken mit 400 Arbeitern, welche mehr als 370.000 Uhren verfertigen. Im Ganzen werden also jährlich von 2500 Arbeitern 1,617000 Uhren fabriziert, welche nicht nur in allen Staaten der Union abgefetzt, fondern auch nach den britischen Kolonieen, nach England und in jüngster Zeit fogar nach Hamburg ausgeführt werden, wo man ihnen ihrer Billigkeit und Güte halber den Vorzug vor dem einheimischen Fabrikat ertheilt.

– Sargent's Gefchichte der Expedition nach Fort Duquesne. Die unglückliche Expedition des englischen Generals Braddock nach dem in der Nähe des heutigen Pittsburg gelegenen Fort Duquesne, auf welcher er von den Franzosen und Indianern überfallen wurde und mit einem großen Theil seiner Offiziere und Soldaten umkam, ist hauptsächlich dadurch bekannt, daß sie dem jungen Washington Gelegenheit gab, feine ersten Lorbeeren zu gewinnen und seine erste Wunde davonzutragen. Die unten angezeigte, von der pennsylvanifchen historischen Gesellschaft herausgegebene Monographie“) behandelt die Geschichte dieses Feldzuges mit großer Ausführlichkeit, auf bisher ungedruckte Dokumente gestützt, die sich im British Museum befinden, und deren Veröffentlichung man dem amerikanischen Gefandten in London, Herrn Ingersoll, verdankt, welcher davon Abschriften nehmen ließ. Für europäische Leser wird das sogenannte „Introductory Memoir”, welches die größere Hälfte des Buches einnimmt, das meiste Intereffe haben, obwohl der Styl durch jene Mischung von Schwulst und Trivialität entstellt ist, die zu den Eigenthümlichkeiten der amerikanischen Schriftsteller gehört. Haarsträubend ist die Beschreibung der Qualen, welche die gefangenen Engländer von den Indianern zu erdulden hatten, die in Gegenwart ihrer französischen Bundesgenoffen die Unglücklichen an Pfähle banden und sie unter Martern, die wir aus Schonung für die Nerven unserer Leserinnen nicht einmal andeuten wollen, langsam zu Tode brieten. So schmachvoll für die Franzosen ihre Passivität bei diesem gräuelhaften Ereigniß ist, eben so ehrenvoll ist es für die Briten, die gleichfalls mit Indianerstämmen im Bunde waren, daß sie einige Jahre später nach der Einnahme von Fort Levis ihre wilden Alliierten, welche die gefangenen Franzosen maffakrieren wollten, durch Kanonenschüffe daran verhinderten. – Das Werk macht dem gelehrten Verein, auf dessen Kosten es gedruckt ist, durch eine splendide Ausstattung alle Ehre.

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Von dieser Ausgabe des Machsor sind die drei ersten Bände (Lieferungen) und ein Theil der vierten bereits erschienen und sofort zu beziehen. Die vierte Lieferung und mit ihr die ganze erste Abtheilung (Neujahr und Versöhnungsfest) wird noch im Laufe d. M. fertig. Diese vier Bände kosten zusammen 2 Thlr. (Velin-Papier 24 Thlr), wer' : in 4 Lieferungen à 4 Thlr. gegeben und find elegant gebunden zu eziehen. Die übrigen Abtheilungen (Oster-, Pfingst- und Laubhüttenfest) erscheinen im Laufe des nächsten Halbjahrs, und wird der Preis des Ganzen 43 Thlr. nicht übersteigen. Für gesonderte Ausgaben nach dem polnischen sowohl, als dem deutschen Ritus ist Sorge getragen. Dieses mit Rödelheimer Schrift gedruckte Machsor zeichnet sich durch vorzügliche Korrektheit, elegante Ausstattung, höchst billigen Preis und namentlich eine alle bisherigen übertreffende Ueberfetzung aus, in welcher die poetischen Stücke (Piutin) im Versmaß des Originals wiedergegeben sind. Diese religiösen Dichtungen sind von einer solchen Kraft und Gediegenheit und werden dem Publikum zum ersten Mal in so edler Form und so reicher Fülle dargeboten, daß unsere Machsor-Ausgabe dadurch zugleich zu einem Erbauungsbuch wird, wie es in der jüdischen Literatur noch nicht vorhanden ist.

Berlin, 1. Aug. 1855. Veit & Comp.

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Durch den Brand von Moskau ist Rastoptfhin eine europäische Notabilität geworden. Ob diese Katastrophe unmittelbar von ihm hervorgerufen wurde, ob die Plan oder Zufall war, genug, fie ist unauflöslich mit feinem Namen verknüpft, und die Geschichte, welche den Fall des größten Eroberers der Neuzeit in ihre Tafeln einschreibt, wird auch Rastoptschin’s nicht vergeffen können. Gleichwohl ist es nicht allgemein bekannt, daß dieser Mann, der schon in einer früheren Periode feines Lebens als Günstling Kaiser Paul's eine bedeutende Rolle auf der politischen Bühne Europas spielte, weniger durch feine faatsmännische und militairische, als durch feine literarische und publizistische Wirksamkeit dazu beigetragen hat, feinen Landsleuten den glühenden Haß gegen Napoleon einzuhauchen und fiel zu dem erbitterten Widerstande zu begeistern, der dem Feldzuge von 1812 einen fo ungewöhnlichen und verhängnißvollen Charakter gab. Die von Smirdin veranstaltete Sammlung russischer Klafiker enthält auch die meistens anonym erschienenen Schriften Rastoptchin's, wozu noch feine im Moskwitjamin veröffentlichten Reise-Tagebücher und Memoiren und andere, in verschiedenen Journalen zerstreute Aufsätze, Briefe ac. kommen. Aus diesen Quellen haben die Otétschestwennyja Sapiski mit Benutzung der ihnen zu Gebote gestellten Korrespondenz Rastoptchin's mit dem Fürsten Zizianov, Oberbefehlshaber im Kaukasus, dem Grafen Woronzov, ruffischem Gesandten in London, und anderen ihm befreundeten Personen eine intereffante Studie über sein Leben und feine vielseitige Thätigkeit ausgearbeitet, die wir uns erlauben unseren Lesern in einem gedrängten Auszuge vorzulegen.

Fedor Wassiljewitsch Rastoptschin,“) am 12. März 1763 zu Moskau geboren, war der Sohn eines nicht sehr vornehmen, aber wohlhabenden, in den Statthalterschaften Kaluga, Tula und Orel begüterten Edelmannes, dessen Familie ihren Ursprung von einem zur Tatarenzeit nach Rußland gekommenen Mursa der goldenen Horde ableitete. Wie fast alle feine Standesgenoffen, wurde er von einem französischen Gouverneur erzogen. „Ich hatte“, schreibt er, „nach und nach wohl drei Dutzend überseeische Lehrer, aber der Ermahnungen unseres Priesters Peter und der Worte meiner Amme Gerafimowna eingedenk, blieb ich Ruffe“; und in der That tritt die Mischung von französischer Politur mit skythischer Rauheit, die einen allgemeinen Charakterzug feiner Landsleute bildet, bei ihm mit besonderer Schärfe hervor. In seinem zwölften Jahre erhielt er den Titel eines kaiserlichen Pagen und diente später im Garde-Regiment Preobrajensk, wo er die Aufmerksamkeit der Kaiserin Katharina auf sich zog, die ihn dem kleinen, auserlesenen Zirkel zugesellte, den sie in der Eremitage um fich versammelt hatte. Indeffen verließ er schon im Jahre 1784 den Militairdienst, zu dem er keinen rechten Beruf fühlte, und begab sich ins Ausland, um, wie er sagte, „die Welt, die Menschen, Europa“ kennen zu lernen. Am längsten hielt er sich in Berlin auf, in Folge feines freundschaftlichen Verhältniffes zum Grafen Sergéi Rumjanzov, dem damaligen russischen Gesandten am Hofe Friedrichs des Großen. Während dieser Zeit starb der von ihm hochverehrte König, und die Schillderung, die Rastoptschin von einem nach Eingehen dieser Trauerbotfchaft gemachten Besuche in Sanssouci giebt, ist zu merkwürdig, als daß wir sie übergehen könnten.

„Auf dem Wege“, schreibt er, „war Alles in gewohnter Ruhe. Die Bauern arbeiteten; die Kinder in den Dörfern fpielten; das Vieh weidete ungestört auf dem Felde. Was gab es Größeres auf der Welt als den großen Friedrich? Er hatte aufgehört zu fein, aber um ihn ging Alles einen gewöhnlichen Gang. Wie klein ist der Mensch! Ein Erdbeben, ein Gewitter, ein Sturmwind bringt. Alle in Bewegung, aber der Tod des großen Friedrich hat. Niemanden aus feinem Ge

*) So schreiben die Otétschestwennyja Sapiski den Namen, statt des sonst gebräuchlichen Rostoptschin. Uebrigens wird die Aussprache dadurch nicht “, da auch das russische o, wofern der Accent nicht anz wie a lautet. -

leife gebracht. – Wir fuhren geradesweges nach Sanssouci. Nachdem wir durch zwei Zimmer gekommen, erreichten wir das Schlafgemach. Ich wandte die Augen mit Ehrfurcht nach dem Alkoven, in welchem das Bett fand, da ich dort den Körper des großen Friedrich vermuthete. Aber im selben Moment erblickte ich etwas einem Menschen Aehnliches, in einem Lehnstuhl fitzend und von einem blauen Mantel bedeckt. Ein kalter Schweiß trat auf meine Stirn, nicht aus Furcht, da ich die Todten nicht fürchte, fondern von dem Gedanken, daß der des Herrschens fo Würdige nun in Nichts verwandelt fei und gleich einem Scheusal dem Auge entzogen werde. Nie hätte ich die Bitte gewagt, daß man die Leiche enthülle, damit ich den verehrten Todten zum ersten und letzten Mal betrachten könne; allein der Schweizer, mein Gefährte, wandte sich zu dem Leib-Husaren, den wir im Gemache antrafen, mit der Frage, ob man den Verstorbenen fehen dürfe. „Warum nicht?“ erwiederte der gefühllose Diener, „ich zeige ihn Jedermann.“ Und mit diesen Worten schlug er den Mantel zurück und entblößte das Gesicht und die Gestalt des großen Friedrich. Den Empfindungen meiner Seele gehorchend, beugte sich mein Körper unwillkürlich zur Erde, um dem großen Manne die letzte Ehre zu erweifen. Ich weiß nicht, ob ich ihn lange oder kurze Zeit betrachtete. aber was ich fah, werde ich nimmer vergeffen. Die ziemlich dichten Haare waren ganz weiß, das Gesicht, wie es in allen Portraits abgebildet ist; auf der einen Seite des Mundes waren die Lippen eng zusammengepreßt, vielleicht durch den Druck bei Abnahme des Gipsmodells. Ruhe, Majestät und Heldenmuth waren auf allen Zügen des todten Königs zu lesen. Er fähien zu schlafen, aber in der Gefchichte wird er immer wachen. Die Augen, welche einst Liebe und Furcht einflößten, durch welche er die Wahrheit ergründete und die Geheimniffe des menschlichen Herzens erforschte – jene Augen, deren durchdringenden Glanz kein anderer Blick ertragen konnte, waren gefchloffen, und in ihnen strahlte nicht mehr das Feuer des Genies. Unbeweglich, von Trauer und Bewunderung erfüllt, starrte ich auf den todten Helden; betrübt, daß ich ihn nicht mehr am Leben traf, feinen Blick nicht kennen lernte und feine Stimme nicht vernahm; erzürnt, daß der Tod einem niedrigen Knechte das Recht gegeben, den Helden zur Schau zu stellen. Da ich den großen Friedrich nicht lebend fand, hätte ich ihn stunden-, tage-, wochenlang betrachten mögen. Wie viele Mühe, wie viele Kosten wendet man daran, einen unbedeutenden, aber vornehmen Mann, ein merkwürdiges Papier, die Stätte einer berühmten Schlacht, eine Maschine, ein Bild zu fehen, und hier lag der feltenste Monarch, der vollkommenste unter den Menschen vor mir! Aber plötzlich bedeckte der Husar den großen Friedrich von neuem mit dem Mantel und entzog ihn fo, wie mit der Hülle des Todes, meinen Blicken auf ewig.“ Nach Rußland zurückgekehrt, nahm Rastoptschin unter den Auspizien des Ministers Besborodko an dem Friedenskongreß von Jaffy Theil und wurde dann als Kammerjunker bei dem Thronfolger, Großfürsten Paul Petrowitsch, angestellt, defen Zuneigung er sich in hohem Grade zu erwerben wußte. Seine Heirat mit einer Nichte der Gräfin Protaffov, der vertrauten Kammerfrau Katharina’s, befestigte das Anfehen, defen er am Hofe genoß. Die Kaiserin ernannte ihn zu ihrem Gesandten in Portugal; aber noch ehe er fich auf diesen Posten begeben konnte, eröffnete das Ableben der Monarchin und die Thronbesteigung Paul's ihm eine neue Laufbahn. Als Zeuge der letzten Augenblicke Katharina’s und des Anfangs der neuen Regierung, theilt Rastoptschin in feinen Aufzeichnungen intereffante Details über diese Ereigniffe mit. „Ich ging“, erzählt er, „von dem englischen Magazin zu Fuß nachhause und war bereits an der Eremitage vorbeigekommen, als ich mich erinnerte, daß ich morgen nach Gatschina (der Residenz des Großfürsten Paul) abreife und mich erst bei Anna Stepanowna Protaffov verabschieden müffe. In ihre Zimmer eintretend, fand ich Fräulein Poletika und eine meiner Schwägerinnen in Thränen. Sie benachrichtigten mich von der Krankheit der Kaiserin, deren Gefährlichkeit sie mit Unruhe erfüllte. Anna Stepanowna war längst in die kaiserlichen Gemächer gerufen worden, und ich schickte einen Lakaien zu ihr, um mich genauer über das Vorgefalllene zu erkundigen. Ich wartete noch die Rückkehr desselben ab, als

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