Billeder på siden
PDF
[ocr errors][merged small][merged small][merged small][ocr errors]

Frankreich.

Industrie und Materialismus.

Ein Wort zur Zeit, bei Gelegenheit der UniverfallAusstellung.“)

Es giebt ein Buch, das ich allen jungen Köpfen der gegenwärtigen Zeit von Herzen empfehlen möchte: das ist Wilhelm Meister von Goethe. Es enthält die rechte Dosis Abstraction, die das heiße Blut der zwanziger Jahre verträgt; eine Altersepoche, in welcher die noch ganz auf das Materielle gerichtete Seele gegen die moralische Welt gleichgültig ist, und in welcher dem Geiste noch die gehörige Spannkraft fehlt. Der bittere Trank wird hier in glänzender Goldfchale gereicht, nicht von ernsten Denkern, oder strengen Gelehrten, fondern von den anmuthigsten und liebenswürdigsten Persönlichkeiten, von Kindern, jungen Frauen, weltmännischen Moralisten, Künstlern und Schauspielern. Alle Genoffen der Thorheit und Luft, die der Jüngling im Leben fieht, alle wohlwollenden und gefälligen Mentoren, nach deren Rath er in den Tagen trüber Stimmung, in den Momenten der Verlegenheit verlangt – fiel bilden selbst die handelnden Personen im Buche, und von ihren Lippen fließen zumal Vorschriften der Weisheit und Verheißungen des Glücks. Hier wird von Liebe und Kunst, von Religion und Schauspiel gekost; auf jeder Seite schimmert, was nur das Leben fchmückt und verschönert; Nichts ist vergeffen, was das Leben adelt. Man geht hier auf einem Boden, ganz fo fest, ganz so handgreiflich, wie der unter unseren Füßen; allein darüber leuchtet die Sonne des Ideals, und eine ganz bunte und phantastische Welt webt in ihren Strahlen. Dort in jenem Schloffe wohnt ein poetischer Philosoph, der die Ideen des achtzehnten Jahrhunderts zu verkörpern fucht, und unten auf dieser fchönen Flur lacht und schwatzt die Welt des Decameron. Auf den Berggipfeln betrachten enthusiastische Reifende die majestätische Größe der Natur; während an den Halden eine Bande luftiger Schauspieler dahinzieht. Aus der Waldestiefe erschallt der ferne Gesang der Bacchanten, in der Ebene das Lied hart schaffender, schweißtriefender Schnitter; am Horizont hier steigen die Phantome der Lust und Freude wie farbige Wolken auf, und am azurnen Himmel dort erwachen die keuschen Gestirne, um der Erde von den ewigen Wundern der Unendlichkeit zu erzählen.

Dieses wundervolle Buch, in welchem von einem Ende zum anderen eine feltsame Mischung von Sinnlichkeit und Sittenstrenge fich

ankündet, ist gerade und eben dadurch ganz dazu gemacht, in jedem

Jüngling, der zum Ernst berufen ist, das Bewußtsein zu wecken. Es kann ihm der erste Führer auf dem Lebenswege fein und ihm helfen, sich zu befinnen in der Welt, in die er hineingeworfen worden. Es kann ihm die Methoden des Denkens lehren, ihm die Werkzeuge zum Analyfiren, den Kompaß zum Wegweiser verschaffen. Es kann ihn auch lehren, nicht an fich selber verzweifeln, es kann ihm Vertrauen in die Zukunft einflößen. Mit Einem Worte, es ist nichts, was in unserem Jahrhundert bemerkenswerth ist, von Goethe vergeffen: die Bewegung der Wiffenschaften, die tiefste Erklärung der Naturgeheimniffe, das Verlangen nach einem neuen Ideal, die wachsende Macht der Industrie erscheinen ihm als die ersten Elemente eines neuen Lebens, als die erste Schicht, auf welche die Zeit und die menschlichen Leidenschaften, die Gewalt der Dinge und die Willenskraft des Charakters, mit einander verbunden und amalgamiert, allmälig eine ganze andere, in bisher unbekannten Farben schillernde Civilisation gründen müffen. Wilhelm Meister ist der eigentliche Gegensatz von Werther. Hinweg mit den unnützen Klagen, den unfruchtbaren Thränen, dem ohnmächtigen Skeptizismus! Sage nicht: die Poesie ist todt, die Kunst zugrabegegangen, das Blut in unseren Adern erstarrt, das Leben in unserem eisigen Universum erloschen, und die kühlen Strahlen einer untergehenden Sonne können ihm kaum ein dürftiges Licht fpenden!

[blocks in formation]

Berlin, Dienstag den 21. Juli

1855.

Nicht doch, die Naturkräfte find nur im gebundenen Zustande, und in den Tiefen der Menschenseele wird still ein neuer Frühling vorbereitet. Muth also! Statt zu jammern und in ungebührlichen Klagen unsere Thatkraft aufzureiben, helfe. Jeder durch Geistesbildung, durch Wahrheitsliebe, durch feinen Willen, durch die Macht der Sympathie zum Aufblühen dieses Lenzes! Alsdann, wenn wir an Geduld und Arbeit gewöhnt find; wenn wir Vertrauen in uns und in die göttliche Seele haben, die das Universum belebt und erhält; wenn wir ganz Liebe und gute Wesen geworden: dann werden auch wir Wunder thun. Rofen werden in unseren Händen aufbrechen und Lilien unter unseren Tritten aufsproffen. Das war die Ueberzeugung, zu welcher Goethe nach vielen Jahren Nachdenkens, Studiums und Beobachtens gelangt war. Trotz dem achtzehnten Jahrhundert, trotz den um ihn angehäuften Trümmern, hatte er's erreicht, nicht zu verzweifeln und dann den dürren Fluren der Gegenwart eine ergiebige Aerndte zu weifagen. Indeß genügte diese Ueberzeugung wohl feinem Gemüthe, feinem Geiste genügte fie nicht, und wißgierig forschte er nach der möglichen Form der künftigen Gesellschaft. Und so hat er alle denkbaren Combinationen der Thatfachen und Prinzipien erschöpft. Er schafft in seinem Wilhelm Meister, durch eine finnreiche Ideenmischung, künstliche Gesellschaften. Er behandelt die Menschennatur und die Gesellschaft als Stoff und versucht foziale Zusammensetzungen, wie man chemische Compositionen verfertigt. Aber merkwürdig, alle diese Compofitionen haben unveränderlich diefelbe Grundlage: die Industrie. In allen fozialen Träumen, in allen philosophischen Speculationen des großen Dichters nimmt die Industrie den ersten Rang ein; aus ihr werden in feinem Gedanken die künftigen Sitten geboren; fie giebt der neuen Gesellschaft die Form. Mit unglaublicher Anstrengung arbeitet Goethe's Geist, an die Industrie alle Lebensmomente der Menschen von ehedem zu knüpfen: Heldenmuth, Liebe, Kunst, Religion. Es gelingt ihm mit großer Mühe, aber erst, wenn er die edlen Aeußerungen der menschlichen Natur zugestutzt hat, um fiel dem Wuchs der Industrie anzupaffen. Das ist die wirklich traurige Seite des Buches; das Nützliche steht als die einzige Gottheit der Gegenwart da, und das feltsame Werk charakterisiert fich als transfcendentalen Benthamismus; nicht der Benthamismus in feiner abstoßenden Nacktheit, sondern in prächtigen Gewändern, das Scepter in der Hand, die Krone ums Haupt, auf dem Throne fitzend, von glänzendem Hofstaat umgeben. An den Stufen stehen, als apanagierte Prinzen, das Wahre und Gute, während das Schöne wie ein Bettler an die Palastpforte klopft und froh ist, in Vorzimmer und Küche feiner hochmüthigen Majestät ein armseliges Almosen zu empfangen. Das find die Eindrücke, die ein wiederholtes Lesen dieses wunderbaren Buches in uns zurückgelaffen hat; es ist eine wahre Aladinslampe, bei der auch das schwächste Auge mit einiger Aufmerksamkeit in die Nacht feines Jahrhunderts schauen mag. Wilhelm Meister giebt zu gleicher Zeit einen aufmunternden, hoffnungverheißenden Rath und konstatiert eine Thatsache. Der Rath besteht darin, nimmer den Muth zu verlieren und fröhlichen Herzens dahin zu ziehen, um das gelobte Land zu erobern – die konstatierte Thatsache besteht darin, daß die Industrie zur Königin der Welt berufen ist. Die Herrschaft dieser neuen Macht erschreckt den Dichter nicht: er glaubt feif und fest, daß die alten angebeteten Gottheiten an dieser Herrschaft theilnehmen werden. Allein, ihm unbewußt, finken diese alten Götter zu den Gottheiten zweiten Ranges herab, und der Zeus, der über den modernen Olympos waltet, ist – das Nützliche. Als Goethe eines Tages eine Baumwollenmanufaktur besuchte und dabei ausrief, er habe nie etwas fo Poetisches gesehen: da sprach er ohne Zweifel mehr eine Hoffnung, als eine Ueberzeugung aus Er wollte augenscheinlich damit sagen, daß er in diesen Maschinen das Mittel sehe, eine neue Gesellschaft zu schaffen und folglich neue Sitten hervorzurufen, die ihre Dichter verlangten. Diese Maschinen sollten, wie er es in feinem Geiste faßte, die Ordnung und die Harmonie unter den Menschen vermitteln, die der politische Glaube nicht hinlänglich, der religiöse gar nicht verbindet; fie sollten neue Beziehungen

unter ihnen gründen – mit einem Worte, sie follten zu einem erhabenen Ziele aller Verfaffungen und Religionen, aller Gesetze und der Sprache selbst führen, zu dem Ziele: den Menschen dem Menfchen zu nähern. Dieses mechanische, seelenlose Werk erschien ihm als ein neuer Orpheus, der die künftigen Städte hervorzaubern, Arifokratieen gründen, Hierarchieen stufen, die Pflichten der Menschen unter sich regeln wird. Auch wir theilten lange die Ueberzeugung dieses großen Mannes; auch wir glaubten, die Industrie werde den Künften ein neues Leben einhauchen, neue Beziehungen unter den Menschen einführen, daß der Gehorsam und der Respekt, die Pflicht und die Tugend mit ihr bestehen, daß die Schönheit und die Poesie aus den Dampfmaschinen hervorgehen, daß Heldenmuth, Ritterlichkeit und Religiösität sich mit ihr vertragen werden. Jetzt ist diese Zuverficht etwas schwächer geworden, und die industrielle Welt will uns bisweilen wie ein Gerippe vorkommen, das sich niemals mit Fleisch beleiden werde. Wir glauben nicht mehr fo feif an die Poesie der Eisenbahnen; die Webemaschinen haben für uns keinen anderen Zweck, als mehr oder weniger dauerhafte Zeuge zu produzieren, und der elektrische Telegraph scheint – der Krieg in der Krim hat es von seinem Anfang an bewiesen – keine andere Bestimmung zu haben, als die menschliche Dummheit rascher zu verbreiten. Das Nützliche wird das Nützliche bleiben; die von ihm erzeugte Welt ist nicht schön, und seinem thörichten, unverschämten Luxus ist es schwerlich beschieden, das Schöne zu zeugen. Das neunzehnte Jahrhundert ist der natürliche Erbe des achtzehnten, höher hinauf steigt seine Tradition nicht. Die Zeit selbst hat ihren Adel verloren, ihre Ahnen wurzeln nicht, wie die der früheren Zeit, in den Tiefen der Vergangenheit: das Jahrhundert ist ein Emporkömmling, wie wir Alle. Es existiert von dem Gewesenen nur, was das achtzehnte Jahrhundert hat stehen laffen, d. h. fehr wenig, und die zwei vorherrschenden Thatsachen, die das achtzehnte Jahrhundert erzeugt hat, find: die Revolution und die Industrie. Die moderne Gesellschaft macht den Anspruch, daß sie auf die Prinzipien der Revolution gegründet sei, und dem Anscheine nach ist dieser Anspruch ein berechtigter; allein, wer in ihr einige Zeit gelebt hat, bemerkt sehr bald, daß sie in Wirklichkeit auf die Industrie gegründet ist. Und ist feine Faffungskraft zu beschränkt, um das zu begreifen, fo übernehmen es die Bedürfniffe und die Anforderungen des Lebens, ihm bald begreiflich zu machen, daß die Welt nichts als ein großes Bankhaus fei, worin das Gesetz und die Propheten in dem rohen Grundsatz eines berühmten Sozialisten zusammengedrängt find: Was bin ich Dir, was bist Du mir fchuldig? – Unsere Sitten, unsere Gewohnheiten, unfere Künste, felbst unsere Revolutionen hängen mit der Industrie zufammen. Die französische Revolution war eine negierende, wegräumende Thatsache. Sie hatte einen doppelten Zweck: das alte Regime stürzen und ein neues aufführen. Den ersten hat, fiel erreicht; der zweite ist noch im Stande des Wünschens und Hoffens verblieben. Jeder fah die Erfüllung in dem System, das ihm eigen, oder in dem Prinzip, das ihm werth war. Es würde in der That fchwer zu fagen fein, welches das Ideal der französischen Revolution war. War es das Ideal der Konstituante, des Konvents? Ist es die Republik der Girondisten, das Utopien Robespierre's, der militairische Freistaat? Wer fagt es uns? Wenn aber auch die Revolution kein neues Regime gegründet, wenn diese wunderliche abstrakte Persönlichkeit fich auf Verfuche und Experimente beschränkt hat: fo viel ist gewiß, daß sie das alte Regime gründlich gestürzt und – nach dem Ausdruck eines Politikers, der mit feiner Epoche wohl bekannt war – nichts als Individuen hat stehen laffen. Das vorausgesetzt, wie follen nun diese getrennten, isolierten Individuen, von keinem hierarchischen Bande zusammengehalten, regiert werden? Wozu werden fie, bei diesen unaufhörlichen Umgestaltungen der politischen Welt, ihre Zuflucht nehmen, worauf werden sie ihre und der Ihrigen Zukunft fellen? Mit Einem Worte, wohin werden fie fich retten, um nicht unter die Räder der ewig experimentierenden Revolution zu gerathen? Zwei Heilmittel bieten fich: eine Maßregel und eine Thatfache. Die Maßregel ist die Staatsmacht mit all den furchtbaren Werkzeugen, die ihr zur Verfügung stehen: die centralisierte Verwaltung und die bewaffnete Gewalt. Die Staatsmacht, die bei allen politischen Wellenbewegungen das Dauernde, Feststehende ist, verrichtet stets und genau dieselben mechanischen Functionen, ob unter der Hand eines constitutionellen oder militairischen Oberhaupts, unter einem Royalisten oder einem Republikaner. – Die Thatfache ist die Industrie. Eigentlich von der wissenschaftlichen Chemie des achtzehnten Jahrhunderts gezeugt, fcheint die Industrie zu bestimmter Zeit in die Welt getreten zu sein, um den Gesellschaften eine Basis zu geben, die eben auf dem Punkte fanden, gar keine mehr zu haben. Schwärmer und Politiker, Dichter und Philosophen find an der Thatsache hart vorbeigegangen, haben sie höchstens konstatiert, ohne viel auf sie zu geben, ohne

auf fie zu rechnen, daß sie die Trümmer heilen könnte, und fuhren fort, zu fuchen und zu fchwärmen; allein die mafive Menge, die sich mit Speculationen nicht abspeisen läßt, hat fracks bemerkt, was fie leisten könnte; fiel überließ es den berathenden Versammlungen, die constitutionellen Syllogismen zu erörtern, und fing an, Baumwolle zu spinnen, Eisenbahnen zu bauen, Hämmerwerke zu errichten, Steinkohlen zu graben. Sie fand in der Industrie ein Ziel für ihre Thätigkeit, eine Quelle des Reichthums, und nahm sie mit Entzücken auf. (Fortsetzung folgt.)

Italien.

Leibniz und Muratori. Wir haben neulich (Nr. 82 des „Magazin“) das harte Urtheil

erwähnt, welches der Engländer Brewster in feinem „Leben Newton's“

über Leibniz fällt. Die Kontroverse der beiden Gelehrten über die Priorität der Erfindung der Differential-Rechnung berührt auch A. v. Reumont in dem neuerdings erschienenen dritten Bande der „Beiträge zur Italiänischen Geschichte“,“) in welchem fich ein belehrender Auffatz über die Beziehungen des berühmten deutschen Philosophen zu italiänischen Gelehrten befindet. Es ergiebt sich daraus, daß der Schatten, den die erwähnte Kontroverse auf Leibniz' Charakter warf, in den letzten Jahren auch fein Verhältniß zu Muratori trübte, deffen hervorragendste Thätigkeit fich auf demselben Gebiete bewegte, welches der große Deutsche entweder selbst bearbeitet hatte oder zu bearbeiten entschloffen war. Leibniz fammelte die Scriptores rerum Brunsvicensium und dachte daran, auch die Scriptores rerum Italicarum in einem großen Werke zu vereinigen: Muratori führte den letzteren Plan in glänzender Weise aus. Beide Gelehrte hinterließen Annalen: die des Italiäners waren bis 1749 fortgeführt, die des Deutfchen nur bis zum Jahre 1004 gediehen. Beide beschäftigten fich mit Forschungen über die Geschichte des Hauses Este: dieses war das Feld, auf dem fie fich freundschaftlich begegneten und auf dem der Argwohn, welcher durch Newton's Streit mit Leibniz gegen den Letzteren hervorgerufen war, den Samen des Zerwürfniffes auszustreuen fich bemühte. Das Studium der Geschichte des "Hauses Braunschweig hatte Leibniz von der Stammverwandtschaft dieser Familie mit dem Haufe von Ferrara-Modena überzeugt. Diese Verwandtschaft war zwar immer geglaubt, aber bisher nur durch leichtsinnig aufgestellte Genealogieen in höchst unbefriedigender Weise gestützt worden, und Leibniz hegte den lebhaften Wunsch, zur Förderung feiner hierauf bezüglichen genealogischen Untersuchungen mit italiänischen Gelehrten in Verbindung zu treten. Er wandte sich zu diesem Behufe an Antonio Magliabechi in Florenz, einen Mann, der, obwohl nicht felbst Schriftsteller, doch durch seine erstaunliche Bücherkenntniß, durch feine persönliche Bekanntschaft und seinen ausgedehnten Briefwechsel mit den besten Köpfen und bedeutendsten Gelehrten Italiens, wie durch feine unermüdliche Bereitwilligkeit, wissenschaftliche Forschungen nach Kräften zu fördern, mehr als jeder Andere in den Stand gesetzt war, den deutschen Gelehrten in praktischer Weise zu unterstützen. Magliabechikam den Wünschen des Letzteren mit feinem gewöhnlichen Eifer entgegen und blieb mit ihm feitdem in ununterbrochenem Briefwechsel. Als Leibniz 1689 Italien besuchte, lernte er feinen gelehrten Freund persönlich kennen; die Empfehlungsbriefe defelben verschafften ihm in Modena, Bologna, Venedig die fchmeichelhafteste Aufnahme und trugen wesentlich zur Förderung seiner wissenschaftlichen Forschungen bei. Im neuester Zeit find zahlreiche Briefe solcher Gelehrten veröffentlicht worden, die Magliabechi mit Leibniz bekannt gemacht hatte, und A. v. Reumont theilt interessante Bruchstücke daraus mit, welche von dem tiefen Eindruck zeugen, den der gewaltige Geist, das umfaffende Wiffen und die ganze Persönlichkeit des deutschen Philosophen bei den Celebritäten Italiens hinterlaffen hatte. Muratori war damals erst achtzehnjährig und studierte in Modena. Als Rinaldo v. Este fich im Jahre 1695 mit Charlotte Felicitas vermählte, der Tochter Johann Friedrichs von Braunschweig-Lüneburg, schrieb Leibniz feine Lettre sur la connexion des maisons de Brunsvic et d'Este, – eine Vorarbeit zu dem umfaffenderen Werke, in welchem er die Genealogie und Geschichte beider Linien darzustellen gedachte. Bei dem Fortgange feiner Studien zeigte fich aber, daß neue Nachforschungen in den italiänischen Archiven nothwendig wären; und der Kurfürst von Hannover, der sich lebhaft für die Vollendung der Arbeit interessierte, unterstützte Leibniz gern dadurch, daß er einen anderen deutschen Gelehrten, Hagemann, mit dem Auftrage, Dokumente für die Geschichte des Hauses Este zu fammeln, und mit den nöthigen Empfehlungen im Jahre 1699 nach Italien fandte. Als

[graphic]

*) Berlin, Decker, 1855. Dritter und vierter Band. Der beiden ersten

Bände haben wir bereits früher in diesen Blättern gedacht. Wir werden auf Hagemann in Modena eintraf, befand sich das Estenfische Archiv in Folge einer unordentlichen Translocation in vollständiger Verwirrung da nun Herzog Rinaldo wünschte, fich dem Kurfürsten, mit dem er vor wenigen Jahren in erneute verwandtschaftliche Beziehung getreten war, gefällig zu beweisen, warf er sein Auge auf den damals in Mailand lebenden Muratori und bestimmte ihn, als Archivar in feine Dienste zu treten. So war es eine Folge der Studien des deutschen Philofophen, daß Muratori's Thätigkeit auf dafelbe Feld, zu Untersuchungen über die Geschichte des Hauses Este, gelenkt wurde. Bei dieser Gelegenheit knüpfte Muratori einen Briefwechsel mit Leibniz an. „Ich bin entzückt“, antwortete ihm der Letztere, „über eine fo nützliche Bekanntschaft wie die Ihrige und melde Ihnen, daß ich aus Anlaß eines Briefes des Herrn Grafen Giannini an die Abfaffung eines Werkchens gedacht habe, das den Titel Windiciae Estenses führen könnte und zu welchem ich bereits einen Entwurf gemacht.“ Der Verkehr bei der Gelehrten war lebhaft und freundschaftlich: es handelte sich in den Briefen fast ausschließlich um die Genealogie des Hauses Este. Auch darüber, daß Muratori selbst von dem Herzog Rinaldo mit genealogischen Forschungen beauftragt war, drückt Leibniz feine Freude aus. Inzwischen hatte Kurfürst Georg den englischen Königsthron bestiegen und beschloß, feine neue Stellung zur nachdrücklichen Förderung der von Leibniz begonnenen Arbeit zu benutzen und abermals einen Gelehrten nach Italien zu fenden. Als der modenefische Gesandte in London, Guicciardi, hiervon Kenntniß erhielt, bemerkte er, Muratori fei bereits damit beschäftigt, ein fehr gründliches Werk über das Haus Efte zu schreiben; ein Fremder würde unmöglich fo Vorzügliches leisten können, und es wäre deshalb das Paffendste, dem italiänischen Gelehrten die Ausführung feines Unternehmens durch Empfehlungen nach Kräften zu erleichtern. Georg ging darauf ein; er ließ die britischeu Gefandten anweifen, Muratori förderlich zu sein, und schrieb eigenhändig an den Großherzog von Toskana, den Dogen von Venedig, an die Republik Lucca. Andererseits erklärte sich Herzog Rinaldo damit einverstanden, daß, wie der Minister Bernstorff es gewünscht hatte, Muratori vor dem Druck feines Werkes das Manuskript an Leibniz zur Einficht fenden und fich überhaupt hinsichtlich feiner auf diesen Gegenstand bezüglichen Publicationen mit dem deutschen Gelehrten in Einvernehmen fetzen sollte. Muratori schickte demgemäß die Handschrift des ersten Theils feiner Estenfischen Alterthümer nach Hannover. Leibniz behielt sie auffallend lange zurück. Er schrieb Mitte November 1715, daß er sich an das Studium dieses Werkes machen werde, und am Anfang des folgenden Jahres, daß er damit beschäftigt fei, und daß auch Eckhard daffelbe fudire, – der dem alternden und kränklichen Gelehrten zur Vollendung der Scriptores rerum Brunsvicensium beigegeben war. Der frische Eindruck des Streits zwischen Newton und Leibniz befruchtete indessen den Argwohn des modenefischen Gesandten in London, und es wurde von England aus die gehäffige Infinuation verbreitet, Leibniz behalte die Handschrift nur deshalb fo lange zurück, um mit feiner Arbeit über denselben Gegenstand früher vor das Publikum treten und die Forschungen des italiänischen Gelehrten für feinen eigenen Ruhm gründlich ausbeuten zu können. Guicciardi fuchte dafür zu wirken, daß Leibniz von London aus zur Rückgabe des Manufkriptes aufgefordert würde; und das Letztere scheint wirklich in ziemlich plumper Weise geschehen zu sein. Auch den Herzog Rinaldo bearbeitete er in diesem Sinne, zog sich aber hier eine Zurechtweisung wegen feines ungerechtfertigten Argwohns und feiner Unheil stiftenden Geschäftigkeit zu. „Da Muratori“, bemerkt Guicciardi in einer zu feiner Rechtfertigung geschriebenen Depesche an den Herzog, „ihm (Leibniz) den Faden feiner genealogischen Geschichte anvertraut und er fie lange Zeit in Händen behalten hat, folcher Art den Druck derfelben verzögernd, während er die Herausgabe feines eigenen Werkes befchleunigt, so lag die begründete Besorgniß nahe, er werde es mit Muratori eben so machen wie mit Newton und ihm einen Theil des Ruhmes entziehen, der einem so würdigen Gelehrten in Ew. Hoheit Dienste gebührt. Ich benachrichtigte deshalb Bernstorff, daß das Erscheinen des Muratorischen Werkes verzögert werde, weil Leibniz es zu lange in seiner Hand behalte, und daß es nöthig sei, daß Se. Majestät ihm in dieser Beziehung einen Wink geben laffe. Ich erachtete diesen Schritt paffend, obgleich ich nicht weiß, ob er genügen wird, meinen Zweifel aufzuklären; und da ich ihn mit aller

diese Sammlung noch zurückzukommen Gelegenheit haben. D, R

Rücksicht hat, um das gute Einvernehmen zwischen beiden Gelehrten

fein kann, muß von dem ausgegangen fein, der das Schreiben abgefaßt hat und ihn kennt, nicht aber von mir, der ich im Gegentheil mich bemüht habe, ihm nichts Verletzendes zuzufügen. Ich kann also Ew. Hoheit versichern, daß ich dem Leibniz an diesem Hofe nicht geschadet habe, wie er fich einbildet, und daß ich folglich keinem Uebelstande oder Versehen abzuhelfen brauche, wozu ich ganz bereitwillig fein würde, um Ew. Hoheit verehrten Befehlen zu gehorchen.“ Man fieht aus dieser Entschuldigung, daß Guicciardi wirklich im Sinne des fchwärzesten Argwohns gegen Leibniz gewirkt und den englischen Hof zu Schritten bestimmt hatte, durch welche der deutsche Philosoph im letzten Jahre feines Lebens auf das bitterste verletzt wurde. Tief gekränkt, wollte Leibniz das Geschichtswerk unbeendigt liegen laffen, wenn man den Verleumdungen in England kein Ende mache; aber König Georg forderte ihn auf, damit fortzufahren und fich um Anderes nicht zu kümmern. In der That spricht ein späterer Brief des deutschen Gelehrten an Muratori vom 2. Juli 1716 wieder von der Nothwendigkeit fernerer Nachforschungen in einzelnen italiänischen Archiven und gedenkt der in London angesponnenen Intriguen mit keiner Sylbe. Am 14. November defelben Jahres starb Leibniz. Ob Muratori felbst den Argwohn theilte, defen gefliffentliche Verbreitung die letzten Tage des großen Philosophen verbitterte, war bisher unbekannt. Man hätte es verneinen mögen, wenn man die Achtung erwägt, mit welcher er in der Vorrede zu feinen Estenfischen Alterthümern von Leibniz' Arbeiten auf demselben Gebiete spricht, und die Anerkennung, die er der Schrift des Deutschen vom Jahre 1695 zollt, in welcher bündiger als irgendwo der Zusammenhang der beiden Häuser nachgewiesen sei. „Da durchschnitt“, so lauten Muratori's Schlußworte, „während ich mit dem Druck des gegenwärtigen Buches beschäftigt war, der Tod zugleich mit feinem Lebensfaden den Faden feiner Studien und beraubte fo mit einem Schlage Deutschland eines großen Philosophen und Mathematikers, wie eines vortrefflichen Geschichtsschreibers.“ Aber in den Lettere inedite di L. A. Muratori scritte a Toscani, die im vorigen Jahre zu Florenz veröffentlicht sind, befindet sich ein aus viel späterer Zeit herrührendes Schreiben Muratoris, aus welchem erhellt, daß auch in feiner Seele der Verdacht gegen Leibniz Wurzel geschlagen hatte. Er spricht hier von dem Marchese Maffei, der „fich gern der Arbeiten und Entdeckungen. Anderer bedient, indem er sich dieselben aneignet“, – und schließt mit den bemerkenswerthen Worten: „Auch Leibniz war ein großer Mann: dennoch machte er leicht fremdes Gut zu dem feinigen, wenn er konnte.“)

[ocr errors][merged small]

Daß in den ältesten Zeiten schon der Wein den slavischen Völkern bekannt gewesen sein muß, dafür sprechen, außer den Volksliedern und manchen Ortsnamen, auch viele Schriften, in welchen feiner felbst und des Gebrauchs, welchen man von ihm machte, Erwähnung geschieht. Die Nachrichten über ihn reichen bis in die Zeiten Olegs (906), während er im nördlichen Rußland erst ums Jahr 1174, im Kaukasus fogar erst um 1395 auftritt. Rußlands früherer Handel mit ausländischen Weinen wurde durch die Hansa vermittelt und hatte zum Hauptstapelplatz Nowgorod und die Molojsker Jahrmärkte. In der Mitte des fechzehnten Jahrhunderts benutzten die Engländer die Wafferstraße der Dwina zur Einfuhr Rußland kannte zuerst nur die griechischen Weine; ihnen folgten die französischen und deutschen, und darauf die spanischen und ungarichen; den erst- und letztgenannten gab man jedoch, wohl ihres Feuers wegen, immer gern den Vorzug. Die Zufuhr von portugiesischem moldauischem und walachischem Gewächse begann erst in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, und die Weine der Krim waren besonders zur Zeit von Münnichs Zug gegen die Türken – also 1736 – fehr begehrt. Die Reben-Anpflanzungen im südlichen Rußland, an den ufern des Dniepr, Bug, Dniestr und der Donau, stammen der Wahrscheinlichkeit nach von den Griechen, diejenigen in der Krim von den Genuesern her. Aus den der russischen Geistlichkeit im vierzehnten Jahrhundert von den Chanen erheilten Diplomen (Epauka) ersieht man sowohl ihre damals schon bedeutende Ausdehnung, wie auch einen gewiffen Werth, welcher denselben zuerkannt wurde. Im sechzehnten Jahrhundert erst finden wir Spuren, daß die Regierung dem Weinbau in Rußland Aufmerksamkeit schenkte, ein um das Jahr 1547 in Moskau lebender Sachse, Namens Schlitt, erhielt

[graphic]
[merged small][ocr errors]

nämlich vom Zaren Iwan Waffiljewitsch den Auftrag, mit den nöthigen Kenntniffen versehene tüchtige Leute herbeizuschaffen, welche die Rebenkultur in Rußland einführen und pflegen sollten. Inwieweit dieser Plan geglückt ist, darüber fehlen die Nachrichten, doch ist es Thatsache, daß man bereits im fechzehnten Jahrhundert in Lievland und Polen, im zwölften fogar in Preußen rheinische Reben hatte, welche vollkommen gut gediehen, ja, daß zur Zeit, als Wienrich Kniprode Hochmeister des Deutschen Ordens war, also im vierzehnten Jahrhundert, die Anpflanzungen daselbst eines gewifen Rufes genoffen. Bei Polozk finden wir gleichfalls Weinbau, und in der Gegend von Wilna beschäftigten fich die russischen Mönche damit. Weljamin Rutski, einer der Letzteren, holte aus der Ukraine zwei Wagen voll junger Reben, um fie an die Ufer der Wilia zu verpflanzen. Die Weinberge um Astrachan herum verdanken ihr Entstehen perfischen Kaufleuten, welche im fiebzehnten Jahrhundert aus ihrer Heimat Reben mitbrachten und fiel den Mönchen schenkten, die fich deren Pflege und Vermehrung fehr angelegen fein ließen und in den PrivatGrundbesitzern der Gegend bald eifrige Nachahmer fanden. Im Jahre 1669 wurden in der erwähnten Stadt für den Zaren bereits 200 Faß Wein gekeltert und 50 Eimer Weingeist gebrannt. So wie Peter der Große für Alles ein Auge hatte, was die Hebung feines Landes betraf, so schenkte er auch der Ausbreitung der Weinkultur bedeutende Aufmerksamkeit. Lorenz Müller und Olearius führen an, es habe schon 1635 in der Tatarei wildwachsenden Wein gegeben; mit Bestimmtheit weiß man, daß in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts Tschugujev, Perejaslav, Lubny, Poltawa, Smjejev und Kiev Wein-Anpflanzungen hatten und diese fich an allen Orten um so segensreicher entfalteten, je größere Sorgfalt auf fie verwendet wurde. Die ersten Reben, und zwar Tokayer, in der Krim pflanzte der berühmte Fürst Potemkin, der dann später auch Astrachan mit derselben Gattung verforgte. In der Moldawanka, "einer Vorstadt Odeffa’s, erhoben sich die ersten Rebenhügel um 1785 herum, und bald darauf schmückten sich auch mit ihnen die Ufer des Ingul, Ingulez und Dniepr. Im Jahre 1804 stiftete die Regierung in der Krim die erste Schule für Weinbau; eine zweite, bei welcher bereits der neue Pflug zur Behäufelung der Weinstöcke in Anwendung kam, entstand 1829 in Odeffa. Vier Jahre früher ertheilte die Regierung dem beffarabischen OberForstmeister, Staatsrath Grafen Paravicini den Auftrag, auf kaiserliche Kosten die fandigen Höhen um Akjerman herum, wo aus türkifchen Zeiten her noch ungefähr 50 Stöcke übrig geblieben waren, mit guten, frischen Reben zu bepflanzen. Der Ertrag an Eimern beläuft sich in der Krim auf 300.000, im Gubernium Cherson auf 55,000, in Beffarabien auf 50.000, in Podolien (Dniefergegend) auf 2.500, in ganz Rußland auf 4,097500(!) jährlich. Die Gattungen, welche im füdlichen Rußland gezogen werden, find: donischer, krimischer, Muskat, perfischer, Byzantinischer, zimlianer Wein, so wie der feit 1774 in der Otschakower Steppe und in Akjerman heimische ungarische. In einem fowaldarmen Lande, wie Beffarabien und der Cheroner Distriktes find, mußte die Nothum Gefäße, in welchen der Wein auf bewahrt werden konnte, natürlich eine fehr große fein. Dies brachte einen gewifen in Kaufchani unweit Bender wohnenden Olofson auf den Gedanken, vier- und fünfeckige Küpen aus Stein zu bauen. Der erste Versuch wurde 1841 gemacht, fiel jedoch nachtheilig aus, weil es an einer Glafur fehlte, um die inneren Wände der Gefäße damit zu überziehen. Dem Uebel half jedoch der Petersburger Akademiker Höbel ab; er wandte nach einander Pech und Wachs an und brachte endlich mit Hülfe von letzterem einen Ueberzug heraus, der dem Zweck vollkommen entsprach, da er die Poren der Gefäße verschloß, ohne auf den Weinfelbst nachtheilig einzuwirken. Der Name: „Ruffischer Wein“ dürfte, besonders wenn der Nebenbegriff der Güte und des Wohlgeschmacks damit verbunden werden soll, bei manchem West-Europäer ein mitleidsvolles Lächeln hervorrufen. Das verdient er jedoch nicht, und wenngleich man ihn noch nicht so geschickt zu behandeln versteht, wie anderwärts, wenn er auch oft dick und trübe ist, fo darf man ihn darum doch noch nicht verachten. Daß er, felbst in feiner heutigen noch unvollkommenen Beschaffenheit, ein nicht unbedeutender Handelsartikel sein muß, durch welchen der allgemeine Wohlstand mit erhöht wird, geht wohl aus dem Obengefagten deutlich genug hervor. Findet er nur erst neben den nothwendigen Kenntniffen rüstige, ausreichende Arbeitskräfte und bei dem gehörigen Fleiße auch Ausdauer, so kann er mit feinen westlichen und südlichen Kollegen guten Muthes in die Schranken treten, ohne befürchten zu müffen, von ihnen zu sehr in Schatten gestellt zu werden.

Mannigfaltiges.

– Der Pontifche Krieg im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Unser Mitbürger, Herr Prof. Theodor Mundt hat die Gelegenheit, die ihm als Bibliothekar geboten ist, nähere Einficht von archivalischen und handschriftlichen Schätzen zu nehmen, zur Ausarbeitung eines trefflichen Werkes über die Geschichte des Kampfes um die Beherrschung des Schwarzen Meeres, vornehmlich unter der Kaiserin Katharina II., benutzt.“) Obwohl augenscheinlich Gelegenheitschrift, hat dieses Buch doch das Verdienst, nicht blos für das größere Publikum eine Erscheinung zur rechten Zeit zu fein, sondern auch selbst dem mit der Geschichte vertrauteren Leser manchen neuen Aufschluß über Ereigniffe und Situationen zu gewähren, deren Nachwirkungen noch bis auf den heutigen Tag wahrnehmbar sind. Der französische Moniteur hat vor kurzem durch Hinweisung auf eine diplomatische Korrespondenz aus den ersten achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts etwas recht Pikantes mitzutheilen gemeint, indem er die Aehnlichkeit der damaligen und der jetzigen Stellungen Frankreichs, Englands, Oesterreichs und Preußens, der Türkei und Rußland gegenüber, darzulegen fuchte. Wie dürftig erscheinen jedoch diese Enthüllungen aus den zweideutigen diplomatischen Berichten des bekannten Unterhändlers und Ministers Ludwigs XV. und Ludwigs XVI., Grafen v. Vergennes, neben dem von Mundt aufgedeckten „Einfluß Voltaire's auf das orientalische Weltprojekt Rußlands!“ Der französische „Esprit“ hat die Entfaltung des russischen Einfluffes in den Angelegenheiten Europa"s weit mehr gefördert, als die französische Diplomatie jemals dagegen zu wirken vermochte – wenn diese es überhaupt mit ihrer Gegenwirkung ehrlich gemeint hat. Aus der Korrespondenz Voltaire's mit Katharina II. theilt Mundt über jene Einwirkungen die intereffantesten Details mit. Nicht minder anziehend find aber auch einige andere geschichtliche Situationen geschildert, die der Eroberung der Krim durch Rußland vorangegangen, namentlich der Friede von Kainardschi, die ersten Schritte zur Eroberung der Krim, mit dem Einblick in die Zustände der dortigen Tataren-Wirthschaft, worüber wir auch Berichte aus der Feder eines Preußen erhalten; ferner die Schilderung der Besuche, welche Kaiser Joseph II. in St. Petersburg und der Prinz von Preußen (nachmals Friedrich Wilhelm II.) am ruffischen Hofe abgestattet. Wir glauben, daß sich der Verfaffer durch dieses Buch ein großes Verdienst eben fo um die Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, wie um das Verständniß des heutigen Pontischen Krieges, erworben hat.

– Barker's Geschichte der Krim. Zeitungslesern zu empfehlen ist des bekannten englischen Orientalisten Barker „historische Ueberficht der Krim“,“) die von den ältesten, halb mythologischen Zeiten bis zur russischen Occupation herabreicht und die wechselvollen Geschicke der Halbinsel, die feit Jahrtausenden zum Tummelplatz so verschiedenartiger Nationalitäten dient, in recht anschaulicher Weise darstellt. Am ausführlichsten ist die Geschichte der Tataren-Chane behandelt, welche ihre Herrschaft auf den Trümmern der genuefischen Kolonieen gründeten und, ehe sie den Waffen und den Künsten Rußlands erlagen, in ihren unaufhörlichen Kämpfen mit dem Zarenreiche mehr als einmal bis nach Moskau gelangten, die rusfische Hauptstadt verbrannten und die Einwohner niedermachten oder in die Sklaverei schleppten. Dagegen läßt die Beschreibung des heutigen Zustandes der Krim, die der historischen Darstellung folgt, Manches zu wünschen übrig, und es ist offenbar, daß bei diesem Abschnitte wenigstens der Kompilator nicht, wie er versichert, „die besten Autoritäten“ zu Rathe gezogen hat. So spricht er z. B. von Kertsch als von einem elenden „nur von einigen Hundert griechischen Fischern“ bewohnten Dorfe, womit er dieser jetzt leider so schmählich verwüsteten Stadt großes Unrecht thut. Auch müffen wir die vielen bei den Namen vorkommenden Druckfehler rügen – denn als solche können wir es nur betrachten, wenn die Sueven sich in Schweden verwandeln, Kafimir von Polen als „Kasimir, König von Podolien“ figuriert und Karl Gustav mit feinem Enkel Karl XII. verwechselt wird.

[merged small][merged small][ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors][merged small][merged small][merged small][ocr errors][merged small][merged small]

China.

England, befungen von einem Chinesen. (Mit Anmerkungen von einem Deutschen in London.)

Wu-tan-fhin, ein vornehmer Chinese aus dem Innern des Landes, kam im Jahre 1842 zu den Engländern in Linghai auf der Insel Chuan, wo sie in dem herrlichen Hafen ihren Handel und Einfluß fo weit ausgedehnt hatten, daß der Hof von Peking, mißtrauisch und eifersüchtig geworden, bald darauf beschloß, den englischen Handel von dort auszuweisen und auf Canton und Shanghai zu beschränken. Wutan-fhin führte sich als ein Feind der herrschenden Tataren-Familien ein, als revolutionairer nationaler Chinese, und erbot fich, den Engländern mit Rath und That beizustehen, falls sie die Güte haben wollten, den Thron in Peking wieder für einen echten Chinesen zu räumen und zu reinigen. John Bull fand in einem Rathe dieser Art kein gutes Geschäft und lehnte die Dienste des Chinesen ab, der aber doch als Perfon aufgenommen ward. Er lebte namentlich lange in dem Hause eines englischen Lehrers des Chinesischen, der schon gut Chinesisch verfand und es nun von seinem Gaste vollends erlernte. Im Jahre 1843 reisten Beide von Ningpo durch das Land bis zu dem 1300 (englische) Meilen entlegenen Canton, von da nach England, dann zurück nach Shanghai und vollendeten hier die Uebersetzung der Bibel ins Chinefische, womit die Engländer mehr erobern, als mit ihrem KriegsMiferium. Wu-tan-fhin ist jetzt Secretair des englischen GeneralKonsuls und Regierungs-Bevollmächtigten, Mr. Medhurst, in Hongkong. Seine Erlebnisse und Eindrücke in der englischen Gesellschaft, die er während feines Aufenthalts in London u. f. w. (1844–45) empfangen hatte, beschränken sich auf die höheren und höchsten Kreise, fo daß er in der verfiffizierten Schilderung Englands. Alles „en beau” malt, um so mehr, als er John Bull eigentlich nie in seiner Praxis, sondern nur das höhere und höchste normannische England, und dieses immer nur „im Wichs“, in full dress, bei „Dinner- und Tea-Parties“ zu sehen bekam. Doch sah er meist richtig und klar und skizziert die Oberflächen der guten englischen Gesellschaft genauer, als mancher voluminösere Tourist vom Kontinente. Er giebt z. B. fogar die Kleinigkeit des berühmten Doppelschlags des englischen Briefträgers richtig an, während ein dichterischer Berliner in einem „Sommer in London“ den Leuten versichert, der Mann klopfe dreimal. Niemals fo lange in England Briefträger klopfen, hat sich einer dieses Vergehens schuldig gemacht. – Der gelehrte, poetische Chinese schrieb feine „Angliade“ zunächst nur für seine näheren Freunde in der Manier chinesischer Verskunft, worüber das, Magazin“ früher das Nöthigste mitgetheilt hat; doch fand sie ihren Weg bald in das große Publikum, erst im Original und dann prosaisch übersetzt in dem zu Shanghai erscheinenden North China Herald, und zwar von der Feder feines Freundes und englischen Lehrers des Chinesischen. Wir geben hier eine möglichst wörtliche Uebersetzung aus der chinesisch-englischen Zeitung, da sie an sich nicht uninteressant ist, wesentlich richtig schildert und eine Vorstellung von chinesischer Anschauungsweise für die ferne Civilisation des Westens giebt. Die Chinesen haben durch diese Angliade das erste authentische Bild von einer Kultur bekommen, welche fo lange als bloße „rothborstige Barbarei“ verhöhnt, verachtet und gehaßt ward. Das Gedicht oder die Schilderung englischer Gesellschaft von Wu-tan-fhin lautet: „Ich ging unter Segel eines fremden Schiffes für den fernen Westen, umherzustreifen in England. Im Ganzen war ich ziemlich drei Jahre abwesend von meinem Geburtslande. „Wollte ich Alles niederschreiben, was ich von den Sitten und Gebräuchen des englischen Volkes gesehen, oder die Produkte ihres Landes, würde ich kein Ende finden. Deshalb wähle ich blos, was mir am meisten auffiel und die mächtigsten Eindrücke zurückließ. „Von dunkelem und wolkigem Wetter ist in Großbritannien durchaus ein Ueberfluß und Regen in Fülle. In meinem Lande sagt ein Sprüchwort: „Im Westen sind die Himmel leck“ Das ist nicht

weit von der Wahrheit. Während der Hundstage ist die Hitze nicht sehr groß, denn die Menschen find dann noch im Stande, mehrere verschiedene Kleidungsstücke zu einer und derselben Zeit zu tragen. Da für denkt aber auch Niemand in der größten Winterkälte an baumwollen wattierte Kleider, wie wir. „In ihren Städten kreuzen und wieder kreuzen sich die Straßen, und darin hört man beständig das Rollen von Wagen und Roffegestampf. Zuweilen ist die Volksmenge so dicht auf den Straßen, daß Schulter an Schulter fich berühren, aber die Riechwerkzeuge werden nicht beleidigt durch unangenehme und ekelhafte Gerüche.“) In diesem dichten Volksgetriebe magst Du den Policeman an feiner blauen Kleidung und dem ernsten Blick erkennen, den Briefträger an seinem rothen Kragen und dem Doppelschlage am Hausklopfer, wenn er die Briefe abliefert. Den Dragoner erkennst Du an dem rothen SeidenKamme auf der Krone feines Helmes, dem Zeichen feiner großen Tapferkeit. Militairische Offiziere magst Du zählen an dem zierenden Flecken von Goldzwirn auf ihren Schultern. „Die Seiten der Straßen entlang stehen Pfähle mit schönen Laternen, welche, wenn des Nachts angezündet, die ganze Ausdehnung den Himmel erleuchten. Die Luft, welche in diesen Laternen brennt, wird aus Kohlen gewonnen, eine wundervolle Entdeckung, ohne Frage. Diese Luft strömt eine Flamme aus von hellerem Lichte, als die Wachskerze oder die Oellampe geben kann. Durch fiel erfreuen sich ganze Familien des Lichts, und Tausende von Häusern werden gleichzeitig erleuchtet. Auf Marktplätzen und öffentlichen Hauptstraßen ist fie foklar und hell um Mitternacht, als wenn Mittag wäre, und, wenn ich nicht irre, eben so lustig, als unsere Laternenfeste. Eine Stadt, fo erleuchtet, kann wohl eine Stadt ohne Nacht genannt werden, denn man kann die ganze Nacht bis zum Tage umhergehen, ohne eine Laterne zu brauchen. Ueberall findest Du daffelbe Licht, Du magst gehen, wohin Du willst. „Wagen mit Feuer, getrieben von Dampf, fliegen so schnell, wie der Wind, und auf den Schienen ihrer Eisenbahnen haben sie eine fehr geistreiche Art, ihre Lokomotiven umzudrehen. „Dampfböte, im Allgemeinen sehr reich geschmückt, laufen mit erstaunlicher Schnelligkeit durch das Waffer, vermittelt Schaufelräder. Auf Flüffen und in Buchten laufen schöne Dampffähren, welche das Reisen sehr leicht und billig machen. „Ich habe auch einen Wagen gesehen, fo gebaut, daß er blos von der darin fahrenden Person getrieben ward, wie man ein Boot rudert. Er lief bewundernswürdig und schien sehr paffend zu fein für Reifen über das Land. Die Maschinen, welche gebraucht werden, um ihre Kanäle und Flüffe unten zu reinigen, müffen von ungeheurem Nutzen fein für Schifffahrt durch das Land. „Die Gräber des englischen Volks erheben sich nicht zu Höhen, noch sind sie mit Bäumen bepflanzt, wie bei uns. „Die Häuser sind so dicht zusammen, wie die Schuppen auf dem Rücken eines Fisches. „Vor dieselben pflanzen sie Bäume oder haben Blumengärten. Die Häuser erheben sich mehrere Etagen. Man lebt größtentheils in den oberen Etagen und macht beständigen Gebrauch von Treppen Häuser, aufschießend bis zu den Wolken, mit weißen Mauern und Fenfern und Thüren von Glas, sehen wie Gebäude aus, mit kostbaren Steinen besetzt. Balustraden von Metall winden sich um Fenster und Säulen. „Thüren und Fenster sind alle versehen mit Scheiben von Glas, und helles Licht wird von jedem Theile des Zimmers zurückgeworfen, so daß man darin sitzend sich für einen Besitzer des Mondes halten an.“ Die Schlafzimmer sind so luftdicht, daß kein Stand hinein kann „n den Wind blos an den Läden draußen blasen hört. Deshalb fühlt man die kalten Schauer des Herbstes kaum Außerdem werden "Feuer in ihren Kamingittern stets erhalten, so daß die Temperatur

[blocks in formation]
« ForrigeFortsæt »