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Aegypten. Das Serapäum bei Memphis.

Es ist in diesen Blättern bereits mehrfach die Rede gewesen von der für die Wiffenschaft fo folgenreichen Entdeckung, die der französische Gelehrte, Herr Mariette, im Herbste des Jahres 1851 in der Todtenstadt des alten Memphis zu machen das Glück hatte. Nach mehrfachen Andeutungen in wissenschaftlichen Zeitschriften oder Reiseberichten, wie fie z. B. Brugch darüber gegeben, hat endlich Herr Mariette zum ersten Male etwas Genaueres über das Ergebniß feiner Forschungen mitgetheilt, und zwar im archäologischen Bulletin des Athenaeum Français (Mai, 1855, S. 75). Wir können nichts Befferes thun, als die gewonnenen ficheren Resultate fo vor dem Leser aufstellen, daß er ein möglichst klares Bild von der Thatsache selbst erhalte, wie wir es uns selbst zu machen eifrig bemüht gewesen find. Hieran wollen wir Einiges fügen, was das Verständniß des Ganzen zu erleichtern und die Wichtigkeit der Entdeckung ins gehörige Licht zu fetzen im Stande ist.

Weltberühmt im Alterthume war der von den Aegyptern göttlich verehrte Stier Apis zu Memphis, von den ältesten Zeiten bis zum Verfall des Heidenthums. Schon die Griechen der mythischen Zeit kennen den dafelbst von der kuhgestaltigen Jo gebornen Epaphos in Stiergestalt, von dem die alten Danaerkönige, welche vor den Atriden im Peloponnes herrschten, ihr Geschlecht ableiteten. In ihm gipfelte die Thierverehrung der Aegypter, die, wenn auch sonst im ganzen Heidenthume nachweisbar, doch bei keinem anderen Volke eine so systematische, streng geregelte Form hatte. Man weiß mit Bestimmtheit, daß Apis, wie auch andere heilige Thiere, als ein Bild der Seele des Ofiris, als lebendige Verkörperung einer Zeitperiode, eines Ofirislebens galt, weshalb er nur eine bestimmte Anzahl Jahre lebte und dann an dem Schluffe der Periode getödtet wurde, um seinem Nachfolger Platz zu machen. Tödtung wie Aufsuchung und Einführung des neuen Apis waren mit einer Menge fymbolischer Ceremonien verknüpft, und es darf uns nun nicht Wunder nehmen, wenn wir demgemäß gewaltige Gebäude und Räumlichkeiten finden, in welchen dieser Kult geübt wurde. Bisher wußte man eigentlich nur etwas von dem Tempelhofe, in welchem der lebendige Apis gehalten wurde; er war von Psammetich in dem großen und prachtvollen Reichstempel des Ptah oder Hephäftos angebaut worden, obschon bereits früher eine ähnliche Räumlichkeit vorhanden sein mußte; denn der Kult des Apis beruhte auf der Religion des Ptah, indem er die Namen dieser Form des Ofiris (Ptah, Sokari, Husirc) selbst führte und für Ptah angefehen wurde. Es waren in diesem Hofe zwei Häuschen (Thalami von den Griechen genannt) angebracht, in welche er nach Belieben eintreten konnte, zugleich aber dadurch, je nachdem er in das eine oder das andere ging, den Aegyptern Heil oder Unheil ansagte. Ein drittes war für die gleichfalls hochverehrte Mutter des Apis bestimmt. An Rasenplätzen, Baum-Anlagen, Springbrunnen wird es in diesem Aufenthalte des Gottes der Aegypter nicht gefehlt haben. An diesen Ort knüpfte sich also der Kultus des lebendigen Apis, oder habi anech, wie er ägyptisch heißt; hier wurde er gepflegt, um Orakelsprüche durch Zeichen befragt, bei der Fütterung von den betreffenden Priestern mit den Gottesprädikaten angesungen, von hier aus an seinen Festen, worunter die sieben Geburtstage gehörten, im feierlichen Umzuge bei Gesang und Musik durch die Straßen von Memphis und zurück geführt.

Wenn er starb, sei es natürlichen Todes oder nach den religiösen Vorschriften, so wurde nach festem Ritual eine Todtenklage durch ganz Aegypten um ihn angestellt, und seine Mumie unter mystischen Ge

bräuchen von den Osiris-Priestern an einem unterirdischen Orte bei

gesetzt. So viel wußte man bis jetzt. Die Vermuthungen, welche der einst berühmte Aegyptolog Jablonsky über denselben machte, beruhten auf ganz unzureichenden Vorlagen und haben sich daher als unhaltbar erwiesen, doch muß erwähnt werden, daß bereits damals der franzöfische Reifende Lucas bei Memphis Apis-Mumien entdeckt zu haben

Berlin, Donnerstag den 12. Juli

1855,

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vorgiebt.“) Durch Herrn Mariette"s Ausgrabungen hat man nun auch den umfangreichen Grabtempel des verewigten Apis (Osiri habi, des zum Ofiris, d. i. felig gewordenen) oder, wie der Grieche es nannte, des Serapis entdeckt und damit einen wichtigen Beitrag zu der Religionsgefchichte des alten Aegyptens gewonnen. In der Todtenstadt von Memphis, bei den Pyramiden von Sakarah, wo ein Hügeldamm bisher die Spur dieser darunter begrabenen Denkmäler bewahrt hatte, fanden durch eine von Ost nach West gehende Sphinx-Allee verbunden, die fchon zu Strabo's Zeiten im Sande verschüttet lag, zwei Serapäen, nach Westen zu das ägyptische, eben jenes Grab der Apisleichen, und östlich das griechische, das unter Ptolemäus Soter I. gegründet wurde und wieder mehrere Gebäude (das Pastophorion, Anubidium, den Tempel der Astarte und des Aeskulap) umfaßte. Was das ägyptische Gebäude betrifft, so war es, wie die meisten Tempel in diesem Lande, mit einer viereckigen Mauer eingehegt und zerfiel in den oberirdischen Theil (Kapellen und andere Gebäude) und den unterirdischen, von dem gleich näher die Rede fein foll. Wären die Gräber der Apistiere in ihrem ursprünglichsten Zufande geblieben, fo würde es eine leichte Arbeit für den Gelehrten gewesen sein, die Ordnung derselben aufzufinden und demgemäß die geschichtlichen Thatsachen festzustellen; so aber find sie bereits in sehr alter Zeit erbrochen und theilweise verwüstet worden. Schon als man noch Hieroglyphen lesen konnte, wie das Auskratzen des Apisnamens z. B. beweist, war man in diese unterirdischen Räume eingedrungen, wahrscheinlich als Theodosius das Aufhören der heidnischen Religionen geboten hatte; eine spätere Verwüstung fand durch die Araber unter dem Chalifen Mamun statt, und so ist es gekommen, daß die Mumien aus ihren Zellen geschleppt, die Statuetten, Votivtafeln u. f. w. durcheinandergestreut find, daß eine Unordnung herrscht, welche erst langer Sichtung und Prüfung bedurfte, um Jedem womöglich feinen ursprünglichen Platz anzuweisen. Herr Mariette hebt diesen Umstand namentlich hervor. So ist es ihm denn gelungen, das Vorhandensein von 64 Apisleichen nachzuweisen, deren älteste der Zeit Amenophis III. angehört. Seine Regierung fällt nach der Aera des Amofes, die mit 1667 anfängt, von 1550 bis 1520 v. Chr. Die Zahl der größeren und kleineren Denkmäler, die sich in diesen Räumen vorgefunden, beträgt etwa 7000; doch beziehen sich deren nur etwa 3000 auf den Apis selbst. Die Art und Weise der Bestattung war zu verschiedenen Zeiten verschieden, und es ist die Feststellung dieser Perioden eines der Hauptergebnisse dieser Nachgrabungen, da sie deutlich bestimmte Abschnitte in der Religionsgeschichte des alten Aegyptens anzeigen. I. Die Bestattungsweise der ältesten Zeit bis Amenophis III, welche, wie wir freng geschichtlich beweisen können, nur gegen 600 Jahre beträgt, ist unbekannt. II. Periode von Amenophis III. bis zum dreißigsten Jahre Ramses II., d. i. von 1550–1354. Während dieser Zeit wurde jeder Apis in einer eigens dazu hergerichteten Grabkammer bestattet, zu der schief hinunter ein Gang führte, während gerade über derfelben eine Kapelle in Form der gewöhnlichen Tempelpylone fand. Die Thür war nach Osten gerichtet, und Apis lag in einem hölzernen Sarkophage, worin überdies Statuetten mit Titel und Namen der jedesmal zu der Zeit der Bestattung lebenden höchsten Beamten der Stadt sich befanden. III. Von Ramses II. bis ins zwanzigste Jahr Pfammetich I., d.i. von 1354–651 v. Chr. Ramfes (oder vielleicht schon fein Vorgänger) hatte eine große unterirdische Galerie gebaut, welche bereits auf lange Jahrhunderte hinaus die Kammern der Apismumien enthielt. Sie war an 100 Meter lang und enthielt zu beiden Seiten des Ganges je vierzehn derselben, ziemlich roh gearbeitet. In der Mitte jeder dieser länglich viereckigen Zellen stand ein Sarkophag aus Stein mit halbmondförmigem Deckel, auf defen Boden fich die Statuetten der betreffenden Obrigkeiten befanden. Die zu den Gräbern gehörigen Kapellen standen oberirdisch gerade über den Zellen und enthielten die

*) Voyage troisième de Paul Lucas. T. 1, p. 346.

Votivtafeln, welche fromme Besucher dem betreffenden Apis geweiht hatten. Später wurden dieselben auch in dem Korridor der Galerie angebracht, nur nicht in den festverschloffenen Zellen felbst, während die Statuetten darin, ja selbst bisweilen im Innern der Mumie selbst sich befinden. Dies ist auch sehr begreiflich, denn die Bilder mit den Namen hoher Obrigkeiten find etwa das, was bei uns die in den gelegten Grundstein u. f. w. eingemauerten Münzen, Schriftstücke u. f. w. Unter Psammetich fand ein schrecklicher Einsturz in diesen Katakomben statt, indem die Decken von vier Kammern herabfielen, und dies gab wohl Veranlaffung, eine neue Art der Bestattung anzufangen. Seitdem sind die Kammern gewölbt, 25–30 Fuß hoch und die Decken mit weißem Steine künstlich bekleidet, die Wände dagegen mit Fliesen aus den Steinbrüchen der arabischen Kette belegt. Die Sarkophage find von Stein, aus einem einzigen Blocke des feinsten Gramites gearbeitet, dabei ungewöhnlich groß, indem ihre Länge funfzehn bis fechzehn Fuß, ihre Höhe zwölf bis vierzehn Fuß beträgt. In ihnen fanden dann die Holzsärge. Die Kammern waren ganz gefchloffen, und die Stellen befanden sich draußen. Ohne Zweifel ist die nun eingeführte größere Pracht und Kostbarkeit in der Bestattung zugleich ein Zeichen für eine gewisse Veräußerlichung der Religion, die um diese Zeit eingetreten sein muß. Die einfache Weise der früheren Zeit spricht für mindere Hochhaltung der Apisgräber und des daran geknüpften Todtenkultes. Denn aus diesem hat sich jedenfalls die Religion des Serapis, d. i. Osir-hapi, „des verewigten Apis,“ entwickelt. Indem man diesen als die zu ihrem Ursprung und Ausgang zurückgekehrte Verkörperung der Gottheit, als die heimgegangene, verklärte Ofiris feele anfah, knüpfte sich an die betreffenden Ceremonien namentlich die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und einem befferen Dasein. Daher wurde Serapis als Hades, Sol Inferus (unterirdische Sonne), Pluto u. f. w. erklärt und in einem nach griechischer Form eingerichteten Kulte, welcher die Moschreligion des griechisch-ägyptischen Reiches war, verehrt. Die Einführung des Serapisdienstes als politischen Mittels, eine religiöse Einheit für Ureinwohner und Griechen zu schaffen, ist bisher noch nicht ganz erkannt worden, kann aber nur von diesem Standpunkte aus begriffen und gewürdigt werden. Was von geistigem Leben in der ägyptischen Religion noch lebend war, rettete sich in diesen Kult herüber. Unter Nektamebus (um 370 v. Chr.) wurde eine neue Galerie angelegt, die einen Umweg machte und fich am Ende wieder mit der ersten vereinigte. (Schluß folgt)

Nord - Wlmerika. New-Yorker Literatur-Berichte. (Schluß)

Aber welch ein ingeniöser Kopf hat denn die abnorme Idee ausgeheckt, den Amerikanern in Paris amerikanische Hotels zu erschließen? Soll denn „Uncle Sam“ im feinen Paris, der Metropole der modifchen Eleganz, nicht den hinterwäldlichen Anstand fahren laffen? Soll der goldklimpernde, speiende Yankee gar noch zum Modell fitzen, für neue Sitten und Manieren, da die bisherigen den Reiz der Neuheit nicht mehr in sich tragen? Doch nein, das kann nicht fein! Oder glaubt man vielleicht den Tittle bat Titmoufe der Nationen aller Kultur unfähig, und fein Benehmen derart, daß man ihn, wenn auch mit Kratzfüßen, so doch aus dem Saal der feinen Welt hinaus in isolierte Gemächer komplimentiert? Dann möge man Erbarmen mit dem Bedauernswerthen haben, der das mit Außerachtlaffung aller Rücksichten erworbene Geld noch nicht auf „noble“ Weise zu verschleudern versteht; man umgebe ihn mit ausgesuchtem feinen Luxus, damit er die erschreckliche Geschmacklosigkeit und Ueberladung des feinigen erkenne; man gebe ihm Gelegenheit, das Benehmen feiner gebildeter Gefellfchaften feiner eigenen Unbeholfenheit und, fprechen wir es nur offen aus, Rohheit entgegen zu halten. Wie, wenn sich die Pariser „Inventeurs des Modes” wie sich hier die Schneider zu nennen belieben, bei ihrem Haschen und Schnappen nach Neuem, dahin verstiegen, die sich jetzt dort aufhaltenden Amerikaner zum Patron zu nehmen? Gott und der ästhetische Sinn der ehrbaren Schneider-Vernunft möge fie davor bewahren, den kurzen Taillen, den langen Schößen, in welchen nur eine fleischigere Unterlage fehlte, um dem Weiberrock ebenbürtig zur Seite zu stehen, den immensen umgekippten Vatermördern, neue

Gedanken abzulauschen. Doch halt, das haben wir nicht zu befürchten,

denn eine solche Erhöhung der körperlichen Reize ist ohne langen Hals durchaus nicht denkbar, und diesen Vorzug bietet der Franzose in seiner Constitution nicht auf. Verlaffen wir dieses Thema mit dem aufrichtigen Wunsche, daß unser Heimatsland, wenn es in der That den „freien, hochherzigen Republikaner der schönen Gefilde Nord-Amerika's,“ hoch, höher als eine eigenen Bewohner schätzt, sich in feinem voreiligen Enthusiasmus nicht so weit ergehe, das Präsentieren der Fußfohlen und des unteren Knochenbaues, das splendide Preisgeben des

mittelt der Kauwerkzeuge fabrizierten Tabaks-Extrakts, das nachdenkliche Fallenlaffen des Hutes auf den Rockkragen und die damit verbundene Verschloffenheit der die nackte Stirn durchkreuzenden Gedanken und vor Allem den fmarten Humbug „originell“ und deshalb nachahmenswerth zu finden! Humbug! Wie wäre es möglich, auch nur einen kurzen Abriß der amerikanischen Welt zu geben und dieses unübersetzbare Wort zu umgehen! Eine gewandtere Feder, als die meine, hat es versucht, den Lefern Ihres Blattes „Humbug“ philosophisch und logisch zu erörtern; wir wollen daher von einem neuen Versuch absehen, und zwar um fo mehr, da einen Hiefigen das Wort fchon fo anwidert, daß man sich einer Definition gern überhoben sieht. Dürften wir es nur als Leiche betrachten, wie gern wollten wir es dann feziren. Wenn auch jenseits des Oceans Manches im Geschäfts- und Gesellschaftsleben vorkömmt, was der Kategorie des Humbugs angehört, der echte Humbug, wie er uns hier auf jedem Schritt und Tritt, bei jedem Blick begegnet, ist drüben, Gott sei Dank! ungekannt. Möge sich jedes Land, jede Stadt dem Einzug dieses unsauberen Gesellen widersetzen. Daß Deutschland je davon heimgesucht werde, fürchten wir nicht; da muß erst der Rechtsfinn des Volkes der Geldgier Raum geben, die Kraft und Reinheit der deutschen Sprache weichen und zur größeren Bildungsfähigkeit von Superlativen eine neue Grammatik eingeführt werden. Man sehe nur, wie linkisch, wie steif und hölzern fich die deutschen Humbugs-Anzeigen in den hiesigen Blättern ausnehmen. In der amerikanischen, denn gesundes, kerniges Englisch ist diese Sprache auch nicht, geht so etwas leicht und geschmeidig die Kehle hinab, aber auf Deutsch ist der Brei gar zu trocken und will nicht rutschen. Uebrigens verkennen wir auch hierbei nicht das Zeichen kommender Befferung. Die letzten Jahre haben den Humbug fo entwickelt, fo in Schuß gebracht, daß dem guten Onkel Sam doch etwas schwül zu Muthe geworden. Den prachtvollen, zehn Meilen weit sichtbaren Aushängeschildern mit riesenhaften Buchstaben an den Häusern und den riesigen Flaggen auf den Dächern gingen andere, bösartigere, gefährlichere Aushängeschilder zur Seite; ruchlose Aufschneidereien und kraffe Lügen wurden ausgesteckt und damit das Vertrauen zu kirren gesucht. Wie hart und durchgreifend der ganze Handel und Wandel auf diese Weise behumbugt ist, will der brave Mann gern mit beiden Händen zudecken, aber das willfo recht nicht gehen, da der Handelsstand hüben und drüben und damit auch ein Jeder es empfinden mußte, wie Humbug hier regiert und gehaust. Statt nun wie bisher den losen Gesellen mit freudigem Grinsen und Schmunzeln zu begrüßen und bei seinen tollsten Streichen freundlich zustimmend ein Auge zuzudrücken, schiebt er öffentlich trotzig die Hände und Arme tief in die Taschen der Unaussprechlichen hinein und fähilt ihn einen windbeuteligen Lumpen, aber, aber, insgeheim drückt er dem treuen Gevatter dennoch die Hand und betrachtet ihn als feinen besten Rathgeber. Doch die Erkenntniß ist zur Reife gediehen, daß Humbug verwerflich sei, und ist ein Individuum, ein Volk dahin gekommen, ein Laster, einen Fehler, deren es bisher fich nicht geschämt, mit denen es sogar geprunkt, als Laster und Fehler zu erkennen, so ist der Weg zur Befferung angebahnt. Freilich ist vom Schein bis zur Wirklichkeit auch noch ein weites Ende. – Barnum, der Lehrer und Prophet der neuen Lehre, hat dieser Lehre des öffentlichen Betrugs und der dreisten Lüge selbst den Todesstoß versetzt, als er fiel auf die Spitze treiben wollte und Proselyten durch fein schamloses Werk zu werben fuchte. Vielleicht, daß er durch seine Lebensbeschreibung in manchem planschnellen Kopf kühne Ideen erweckt, das fchadet nichts, denn seine Jünger werden bald inne werden, daß des Humbugs schon zu viel gewesen, gewiß ist aber, daß der größere und darunter der beffere Theil der Amerikaner das Erscheinen seines Buches als ein Unglück betrachtet, denn der dunkle Schlagschatten, den er durch offene Darlegung des Betrugs und der abgefeimten Heuchelei mit auf den Mational-Charakter wirft, konnte ihrem Blicke nicht entgehen. – Demgemäßfehen wir auch Barnum und fein neuestes Kunststück, die KinderAusstellung (Baby-show),“) der unwürdigsten Schmach, die der rohe Materialismus dem Gemüthe zuführen kann, schon feit längerer Zeit von den Theatern unverhohlen persifliert, was früher sicher nicht gefchehen wäre, es sei denn im Intereffe Barnum's, um das Aufsehen zu erhöhen. Namentlich zeichnet sich bei dieser Gelegenheit Perham's Opera burlesque aus, die Barnum im Propheten-Ornat jeden Abend mehrere Wochen hindurch inmitten seiner Wundermenschen, der bärtigen Dame, dem 650 Pfd. fchweren Mädchen, General Thumb, der Riesenfrau, Jenny Lind, der Amme Washington's und Anderer mehr, von einem feinerthierischen Ungeheuer zerreißen und daffelbe, statt eines warmen Herzens, in dem Innern des Mannes eine große Flagge mit der Inschrift „Humbug“ finden läßt. Dazu kömmt noch, daß Ladies, die Barnum mit feiner weltbekannten Frechheit ohne Weiteres als Preisrichter für feine Baby-show in den Tagesblättern und auf feinen rie

*) Wäre Barnum uur noch der Erfinder dieser bizarren Idee! Aber vor ihm haben die Sklavenhalter des Südens schon mehrere solcher „Cattleshows" arrangiert.

figen Affichen ausgab, ihm die Schmach, welche er ihnen insbesondere und der Menschheit überhaupt angethan, mit fchwerer vollwichtiger Münze zurück erstatteten. Bei dem herrschenden Geist kann der Gedanke nicht Raum gewinnen, daß dies etwa neuer Humbug, auf Erregung von Aufmerksamkeit spekulierend, fei. Angesichts der Entrüstung, die Barnum's Buch schon provoziert, wäre ein solches Spiel doch zu gewagt. Wir find überzeugt, daß feine Baby-show fich als eine durchaus verfehlte Speculation ausweisen wird.“) Fährt Barnum fort, auf diese Weise zu wirken, so wünschen wir ihm ein recht langes Leben; er wird sich dann felbst überleben. Oder liegt es vielleicht in feinem Plane, vom Schauplatz zurückzutreten und hinter sich die Brücke abzubrechen? Dann könnten wir uns gar noch mit ihm aussöhnen, denn er würde seinem Volke gewiß einen großen Dienst erweisen. Getrost dürfen wir aber annehmen, daß die öffentliche Meinung schon laut aufschreiend von dem Humbug fich abwende; daß dies jetzt erst stattfindet, ist freilich ein Fleck, den die Nation trotz ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit gegen das Urtheil der verachteten Foreigners gern verhüllen möchte. Der politische Humbug nach Außen und die schmerzenden moralischen Ohrfeigen, die fie dafür vom mißachteten Spanien erhält, die Geringschätzung, die sie allenthalben hinnehmen muß (!) regt fie doch zum Nachdenken über die Ursache der schiefen Stellung, worin die „freie stolze Republik“ gerathen, auf, und sie fühlt, daß ihre Verachtung gegen das Fremde, ihr unüberwindlicher Eigendünkel, die Schuld tragen. Dieses Gefühl mag auch Veranlassung gewesen sein, daß Tammanyhall, die längst verstummte Citadelle der Demokratie, die für Begünstigung des fremden Elements und somit als Gegner der „Natives” auftritt, in diesen Tagen mit einigen Freudenschüffen für den halben Sieg der Demokratie in Virginien aufzutreten wagte. Möglich ist, daß die Demokratie wieder erstarkt und die eigentlichen ErzHumbuger, die Knownothings, zu Paaren treibt. Sie kann dies aber nur, indem sie den Humbug ihren Gegnern überläßt und selbst fich mit Intelligenz und ruhigem Urtheil gürtet. Leider find folche Transparente, wie sie Tammanyhall an jenem Festabend schmückten, als: „Tammany-hall is always right”, eben nicht sehr geeignet, uns, die wir nicht auf den Zinnen der Parteien stehen, eine baldige Schwächung des Hauptfeindes der Kultur Amerika's, des Humbug, erwarten zu laffen, aber hoffen wir dennoch daß der Einfluß der Europäer durch die Spaltungen der Parteien zunehmen und die Ansichten läutern werde. Sonst wäre die Republik der United States bald nur ein großer Humbug, worin viele, viele kleine Humbugs eingeschachtelt sind. Doch, der unglückselige Humbug hat uns so viel des Raumes geraubt, daß wir eine ausführliche Besprechung dessen, was die Literatur uns letzthin geboten, für das nächste Mal aufsparen müffen. Heute fei nur noch in aller Kürze bemerkt, daß der religiösen Werke und Werkchen genug erschienen, die aber, sollen wir vom Standpunkt der fpeziellen Partei, welcher der Verfaffer angehört, aus urtheilen, für das Ausland kaum der Erwähnung werth find. Von der schönen Literatur liegt. Mehreres vor, worüber ich Ihnen nächstens schreibe. Da werde ich auch der Mrs. Harriet Beecher Stowe zu gedenken haben. – Eben so enthalte ich mich der Berichterstattung über die philosophifchen Erscheinungen auf dem Büchermarkt, wobei ich aber nicht die Ergießungen eines mormonischen Menschenkenners am Salzsee, sondern Werke tüchtiger Männer der Wiffenschaft im Auge habe. Solche Bücher find zwar noch äußerst vereinzelt; defenungeachtet scheinen sie dem Ajankee, der wohl am Wenigsten mit metaphysischen Sätzen fich zerarbeiten würde, noch zu viel zu sein. Wie mächtig muß doch die Herrfchaft des Geistes fein, daß sie einem so thatsächlichen Volke, wie den Amerikanern, noch Dichter und Philosophen abzwingen kann! – Zur befferen Charakterisierung des Volkes laffe ich dann auch die Journale, die einzige Lektüre der bei weitem überwiegenden Mehrzahl, die Revue paffiren und geleite den geneigten Leser in unsere „Academy of Music", das Opernhaus, in das „größte Theater des Weltalls“, das Bowery-Theatre, in „den herrlichsten Tempel der gesammten Welt“, das Metropolitan-Theatre, und suche noch mehr der Superlative und Supersuperlative der neuen Welt in Schrift und Thatsachen zu durch

forschen. S. Frankreich. Aufzeichnungen des Herrn Dupin.*)

Obgleich es mehrere Männer mit dem Namen Dupin gegeben hat und giebt, und obwohl drei Brüder diesen Namen gleichzeitig berühmt gemacht haben, so nennen die Franzosen doch stets einen ohne alle Vornamen, Titel, Aemter und Würden und fetzen voraus, daß

*) Neueren Korrespondenznachrichten zufolge, hat der Spekulant auch hierbei gute Geschäfte gemacht. Die Kinder-Ausstellung, die übrigens nicht von schwarzen, sondern durchgehends von weißen Babies beschickt war, wurde in den ersten Tagen nach ihrer Eröffnung im Monat Juni täglich von 15–20.000 Menschen besucht. D, R.

*) Vgl. Nr. 44 des „Magazin“, Art. „Mannigfaltiges.“

jeder Leser oder Hörer den ältesten der drei Brüder, mit Vornamen André Marie, darunter versteht. Der auf betitelte Wohlgeborenheit und Hochwohlgeborenheit eifersüchtigen Gewohnheit Deutschlands gegenüber ist die auch sonst übliche Nacktheit in der Personal- Bezeichnung der Franzosen auffallend genug, aber es zeigt zugleich von Abwerfung alles Titelprunkes und von stolzem Selbstgefühle, wenn die Schriftsteller ihren Werken blos den eigenen Namen und M. (Monsieur) vorsetzen. Die deutsche Art verbietet zu erwarten, daß etwa einer der Brüder Grimm ein Werk herausgebe mit der Bezeichnung: „von Herrn Grimm“: Dupin d. Ae. giebt jetzt eine Aufzeichnungen heraus unter dem einfachen und stolzen Namen: „Mémoires de M. Dupin" und er weiß, daß ihn das Publikum kennt und nicht mit dem im gleichen Fache berühmten Bruder Philipp und nicht mit dem in anderem Fache berühmten Bruder Charles verwechseln wird. Ein Blick in das Buch selbst belehrt, daß der Verfaffer allerdings eine Persönlichkeit von hervorragendem Namen ist. Von den Memoiren dieses vielseitig merkwürdigen Mannes liegt der erste eben bei Henri Plon in Paris erschienene Band vor, auf deffen Titelblatte gesagt wird, daß sich Verfaffer und Verleger das Recht vorbehalten, das Buch in alle fremde Sprachen zu übersetzen oder übersetzen zu laffen, und daß sie jede Uebersetzung von fremder Hand nach internationalen Verträgen verfolgen werden, und der deutsche Lefer ist dadurch einigermaßen ficher, daß ihm keine verstümmelte Arbeit aus einer unberufenen Uebersetzungs-Fabrik aufgedrungen werden wird. Uebersetzt ins Deutsche sollte das Werk aber bald werden, denn

es würde für die Uebersetzungen so vieler schlechten Werke entschädi

gen; es würde eine literarische Bereicherung für den Juristen, den Geschichtsforscher, den Geschichtsfreund und gebildeten Leser überhaupt fein, dem das jedenfalls theure Buch weniger zugänglich ist. Dupin hat in diesem ersten Bande, der den besonderen Titel „Souvenirs du barreau" trägt, das Bild eines großartigen, juridisch verbürgten Stückes Weltgeschichte aufgerollt, in welchem er selbst in Lebensgröße den Fguren sich anschließt, und welches er durch hinreißende Einfachheit beschreibt. Das Werk zerfällt in vier Abtheilungen, deren erste die politischen Prozeffe enthält, darunter der des Marschalls Ney, der Mörder des Marschalls Brune, der drei Engländer Bruce, Hutchinfon und Wilson, welche die Flucht Lavalette's beschützten, der Prozeß des Generals Gilly und anderer. In allen war Dupin Vertheidiger oder Rathgeber. Die zweite Abtheilung handelt von Preßprozeffen, worunter der gegen Béranger und der gegen das Journal des Débats wegen defen ominösen Artikels: „Malheureux roi! malheureuse France!" sich auszeichnen. Die dritte Abtheilung enthält Civil-Angelegenheiten, darunter der Prozeß wegen des Testaments Napoleon's zwischen den Exekutoren und Laffitte, die Angelegenheit der Prinzen Savoyen-Carignan, die Heirat eines Priesters ac. Die vierte Abtheilung umfaßt die Civil-Angelegenheiten Ludwig Philipp's, deffen Familien-Rath Dupin seit 1818 theilte und später präsidierte. Als wäre es Absicht des Verfaffers und nicht chronologische Bedingung, bildet die Reihenfolge der Abtheilungen einen Gefühlwechsel in der Theilnahme des Lesers, einen Prozeß, von Erbitterung und Abscheu zu Versöhnung übergehend: In der ersten Abtheilung ist im Gemälde der blutige Ausdruck wüthiger Partei-Leidenschaft, mit welcher die feige Ultra-Reaction den französischen Ruhm straft, um den Besiegern Frankreichs eine theils geforderte, theils verschmähte Genugthuung zu geben; in der zweiten ist gleichfalls Verfolgung der National-Ideen geschildert, nur daß die Verfolgungen hier nicht in die Rechtstätte münden, sondern ins Gefängniß; in der dritten Abtheilung schweigt die Parteiwuth und läßt wieder das Recht des Besitzes zu Worte kommen; und endlich tritt die vierte Abtheilung auf, um durch Rührung zu fühnen. Es ist diese Abtheilung eine Feier der bürgerlichen Tugenden Ludwig Philipps und feiner Familie, namentlich der frommen Königin, und sie macht dem Herzen Dupin's eben so große Ehre wie dem Gegenstand, dem so zärtlich und voll Anhänglichkeit hier ein Denkmal gesetzt wird, und zwar in einer Zeit, wo es zwar nicht gefährlich ist, Ludwig Philipp zu loben, doch aber auch nicht belohnt wird. Dupin zeigt sich überall als unabhängiger Charakter; in dieser letzten Abtheilung wird man veranlaßt, feinen Herzensadel zu ehren.

Um eine Probe aus dem durch Thatsachen und Darstellungskraft so anziehenden Buche zu geben, kömmt man in Verlegenheit; die Auswahl aus so vielen Zügen des Genies und der Aufopferung, gegenüber der feigen Bosheit und Unsittlichkeit, wird schwer. Es fei erlaubt, eine Episode zu wählen, die uns in die Hütte eines französischen Tagelöhners protestantischer Religion führt, wo wir einen berühmten General verkleidet finden, der uns an Kalaf im Hause des treuen Barak erinnert, eine Episode, die inmitten der damaligen Gräuelthaten tröstet und erhebt.

General Gilly ward im Jahre 1815 geächtet, weil er sich dem von Elba zurückkehrenden Napoleon angeschloffen und den Herzog von Angoulême besiegt, gefangen und auf das liebevollste behandelt hatte; er entzog sich einen Blutrichtern durch die Flucht und wurde in contumaciam verurtheilt. Hören wir, wie nach den eigenen Mittheilungen des Generals, Dupin die Lage beschreibt: „Der General Gilly ist im Departement des Gard geboren, er ist Katholik, aber die Humanität der Protestanten war ihm fo bekannt, daß er gerade bei einem derselben ein Asyl suchte. Er fand es in der Hütte eines Bauern zu Topezargue im Kreise Anduze. Dieser Mann heißt Perrier; sein Name verdient auf die Nachwelt überzugehen. Er ist Tagelöhner und hat kein anderes Einkommen, als das von seiner täglichen Arbeit. Der General wird in die Familie auf genommen, und man fragt nicht nach feinem Namen; fein Unglück und feine Gefahr genügen. Man kömmt überein, daß er sich verkleide und in der Nachbarschaft für einen Vetter Perriers ausgebe. Der General lebt so einige Monate in dieser Verborgenheit, nicht ohne Beunruhigung, da bewaffnete Streif-Abtheilungen das Land durchziehen, die sich gerade bei den Protestanten die schärfsten Haussuchungen herausnehmen. Oft mußte er mitten in der Nacht halbnackt davon eilen und sich in einem Kornfeld oder hinter einem Busche verbergen. Diese ununterbrochene Angst entriß ihm manchmal Klagen über fein Schickfall. Eines Tages suchte der aus dem Städtchen Anduze heimkehrende Perrier feinen Gast zu trösten und Muth einzuflößen: „Klagen Sie nur“, sagte er, „Sie sind doch fehr glücklich im Vergleich zu den armen Teufeln, auf deren Kopf ich heute einen Preis fetzen gehört, als wären sie Verkaufs-Produkte des Marktes: Herr Brière, einer unferer Geistlichen, 2400 Fr., Herr Breffe, gewesener Maire, 2400 Fr., General Gilly, 10.000 Fr.“ „Was!“ rief dieser lebhaft. „Ja, ja!“ antwortete der Bauer. Man denke ich die Stimmung des Generals Indeffen suchte er seine Bestürzung zu verbergen, und um den armen Perrier, den er so ungerecht war, für des Verrathes fähig zu halten, auf andere Gedanken zu bringen, stellte er sich nachdenklich und fagte dann: „Ich bin dieser Lebensweise müde, ich will ihr ein Ende machen; Du selbst bist arm und mußt wünschen, Geld zu erwerben; nun, ich kenne den General Gilly und sein Versteck, komm, wir wollen ihn denunzieren, Du sollst die vollen 10.000 Fr. haben, und ich bekomme meine Freiheit.“ Bei diesem Antrag wird Perrier wie versteinert und kann kein Wort vorbringen. Aber ein ältester Sohn, der im 47. Linienregiment gedient, ein 27jähriger Mann, am Heerde sitzend und bisher dem Gespräch ruhig zuhörend, springt plötzlich auf, stürzt auf den General und spricht mit drohender Stimme in Ausdrücken, deren Energie wir zu mäßigen gezwungen find: „Monsieur! Bis jetzt haben wir geglaubt, Sie wären ein Ehrenmann, da Sie aber einer jener elenden Denunzianten find, die auf den Tod ihres Nebenmenschen fpekulieren, fo ist hier die Thür, entfernen Sie sich, oder ich werfe Sie augenblicklich zum Fenster hinaus!“ Gilly will unterhandeln, seine Absichten näher erklären, allein der Soldat, statt sich auf Verhandlungen einzulaffen, führt einen kräftigen Arm auf den General und schickt sich an, feine Drohung zu realisieren. Der General, feine Gefahr sehend, schrie: „Nun denn, ich felbst bin der General Gilly!“ Man versucht vergebens, das auf diese Worte folgende Entzücken der ganzen Familie Perrier zu schildern. Der Soldat springt dem General an den Hals, um ihn zu umarmen, der Vater, die Mutter, die jungen Kinder umringen ihn, küffen ihm Hände und Kleider und versichern ihm unter Schwüren, daß er in Sicherheit sei, daß man fie eher tödten kann als ihnen ihr Geheimniß entreißen. General Gilly blieb noch längere Zeit bei diesen guten Leuten, die, man muß es zu ihrem Lobe erwähnen, trotz ihrer Armuth, nichts von dem annehmen wollten, was er ihnen, nach feiner Befreiung, als Entschädigung für Mühe und Ausgaben angeboten. Erst viel später konnte er sie vermögen, von seiner Erkenntlichkeit Gebrauch zu machen. Ihre kostbarste Belohnung fanden fiel sicherlich in der Wahrnehmung, daß sie keinen Undankbaren verpflichtet hatten, und daß ihr Schützling für die eine lebhafte Anerkennung bewahrt, die er ihnen nicht glänzender bezeugen konnte, als durch den feinem Advokaten gegebenen Auftrag, ihr edles Verfahren zur Kenntniß der Richter und Frankreichs zu bringen.“ Der in contumaciam verurtheilte General stellte sich fünf Jahre später freiwillig vor feine Richter und zur Haft im Gefängniß L'Abbaye. Sein Vertheidiger Dupin aber stellte dem Kriegsminister Latour-Manbourg vor, wie eine große Niederlage für die Regierung in Aussicht stehe, wenn sie den völlig Unschuldigen zur öffentlichen Vertheidigung vor Gericht treibe. Es würde neben der gewissen Freisprechung auch der großen Welt erzählt werden, wie der Herzog von Angoulême an der Spitze von regelmäßigen Truppen von Gilly, der blos, eine Handvoll Bauern hinter sich hatte, geschlagen und gefangen wurde, und wie der Sieger feinen Gefangenen auf das schonendste und zarteste behandelte. Der betroffene Minister forderte Dupin auf, das ihm eben mündlich Gesagte niederzuschreiben, damit er es im Ministerrath vorlegen könne. Es geschah, und zwei Tage darauf war eine Or

donnanz des Königs unterzeichnet, die Gilly die Freiheit gab. Der Dauphin felbst wirkte die Ordonnanz aus. Diese Ordonnanz datiert vom 11. Febr. 1820, aber die nöthigen Formalitäten hätten die Ausführung noch mehrere Tage verzögert. Durch Dupins Thätigkeit und das besondere Wohlwollen des Justizministers Siméon kam Gilly am 13. Nachmittag 4 Uhr frei. Es war die höchste Zeit! Sieben Stunden später wurde der Herzog von Berry ermordet; die Parteiwuth brach aufs neue in helle Flammen aus, und die Ordonnanz wäre ohne Zweifel zurückgenommen und Gilly geopfert worden.

Mannigfaltiges.

– Delphine Gay-Girardin. „Frau Emile de Girardin ist todt!“ ruft Herr Theophile Gautier in einem tief empfundenen Nachruf im Moniteur. „Was wir in ihr beweinen, ist nicht die Dichterin, nicht die Schriftstellerin, welche Frankreich an die Seite der Frau v. Staël und George Sand's stellt, nein, es ist die Frau, die Freundin . . . Niemals nahte sich ihr ein gemeiner, niederer Gedanke. Welche schöne Stunden haben wir mit ihr unter dem atheniensischen Säulen-Porticus jenes griechischen Tempels verlebt, defen Muse fie war, inmitten unter hohen Bäumen und reizenden Blumen thronend. Jetzt ist die Pforte dieses Tempels geschloffen und die Muse, ach! für immer entflohen.“ – Delphine Gay war im J. 1808 in Aachen geboren, wo ihr Vater Receveur-Général (Obersteuereinnehmer) der kaiserlichen Regierung war. Ihre Mutter, Madame Sophie Gay, ebenfalls Schriftstellerin, ernährte sich und ihre Tochter nach dem Tode ihres Gatten von den Früchten ihrer talentvollen Feder. Delphine zeigte früh Anlagen zur Dichtkunst und trug bereits im J. 1824 einen ihr von der französifchen Akademie zuerkannten Preis davon. Seitdem war die junge Dichterin eben so ihrer Schönheit wie ihres Talentes wegen ein gefeierter Gegenstand aller Pariser Salons. Ludwig XVIII. bewilligte ihr eine Pension, die sie jedoch nachmals durch ein schönes Gedicht auf den General Foy wieder verscherzte. Im J. 1831 verheiratete sie fich mit Emile de Girardin, dem Gründer des „Voleur", der „Presse" und vieler anderen gelungenen Unternehmungen, die ihn als eine Art „Barnum“ von Paris charakterisieren, wenn er auch kein fo ordinairer Marktschreier wie der Barnum von New-York ist. Girardin’s glücklichste Eroberung war und blieb jedoch feine Frau, die auch, merkwürdig genug, bis zu ihrem Ende eine große Verehrung für ihren Gatten bewahrt hat.

– Das Erdbeben eine elektrifche Erfcheinung. Hr. Ferd. Hoefer hat über diesen Gegenstand eine Abhandlung an die Pariser Akademie der Wiffenschaften eingesandt, die in einer ihrer letzten Sitzungen vorgetragen wurde. Das Erdbeben ist, nach feiner Theorie, ein wahres Gewitter, welches, je nach dem gasartigen oder festen Medium, in welchem es erscheint, unter drei Formen auftritt: 1) als atmosphärisches, 2) als irdisches, 3) als atmosphärisch-irdisches oder gemischtes, je nachdem der elektrische Strom von der Luft auf die Erde oder umgekehrt übergeht. Bei dem letzteren namentlich erleidet die Erdoberfläche die bekannten Katastrophen; die Erdbeben (Erdgewitter) können dann den Charakter eines Luftgewitters oder des Gewitters im gewöhnlichen Sprachgebrauch annehmen, und umgekehrt können die Gewitter die Wirkungen eines Erdbebens haben. – Diese Hypothese, meint Hoefer, werde durch entsprechende Experimente, die man vor hundert Jahren angestellt, um die Ursache des atmosphärischen Gewitters zu beweisen, ihre Bestätigung finden. Inzwischen hat sie schon den Vorzug, daß sie beffer, als jede andere Theorie, mit den Einzelnheiten der Beobachtung übereinstimmt; daß sie ein helles Licht auf die Natur der Vulkane wirft. Dies sind Heerde oder Behälter von Brennstoffen, die in keiner Verbindung mit dem sogenannten, noch unerwiesenen Centralfeuer zu stehen brauchen; vielmehr können diese Heerde, eine Art Pulvermühlen, vom Blitze eines unterirdischen Gewitters getroffen, fich entzünden und explodieren. Erneuern sich die verzehrten Brennstoffe, dann find die Vulkane permanent; diese find aber jetzt fo selten, wie fie früher häufig waren. Erschöpfen sich die Stoffe, dann erlischt der Vulkan; die erloschenen Vulkane sind die zahlreichsten, und ihre Zahl nimmt immer mehr zu. Wenn endlich in den Pausen durch chemische Thätigkeiten oder durch Einsickerung falzhaltiger Substanzen die Brennstoffe sich von neuem erzeugen, so haben wir die aussetzenden Vulkane, die gegenwärtig fast alle in der Nachbarschaft des Meeres liegen.

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Semitische Sprachen und Literaturen. Die synagogale Poesie des Mittelalters, von Dr. Zunz“)

Ausgerüstet mit gründlichster, das ganze, unabsehbare Gebiet der biblischen und nachbiblischen Literatur umfaffender Gelehrsamkeit – mit dem beharrlich eisernen Fleiß des Sammlers, der dem scheinbar Unbedeutenden dieselbe Sorgfalt, dieselbe Liebe wie dem Wichtigen zuwendet – mit dem Talente, den ins Unglaubliche angehäuften Stoff zu bewältigen, zu ordnen und zu kleinerem oder größerem Ganzen zu gestalten; durchglüht von religiöser Begeisterung für das überlieferte Erbe der Väter, von Pietät gegen das Vermächtniß eines Schriftthums, das in der Urzeit auf dem Horeb wurzelt und bis auf die neuesten Tage herab feine Aeste und Zweige in die fernsten Lande streckt, ohne daß diese Begeisterung und Pietät den Blick des Philofophen und Humanisten, in des Wortes edelstem Sinne, befingen und trübten, der in jedem besonderen, nationalen Schriftthum nur das Glied fieht eines Makrokosmus, einer Weltliteratur, in dem sich der Geist der Menschheit verleiblicht und offenbaret: fo schreitet der gelehrte Zunz unermüdlich fort auf der Bahn, die er seit einem Menfchenalter eingeschlagen hat. Und diesem unablässigen Streben, die jüdische Literatur ihrer Isoliertheit zu entreißen, sie aus dem Ghetto, in das fie, mit dem angehängten gelben Lappen „rabbinisch“ gezeichnet, durch die Theologen gebannt und von der frischen, freien Luft des Weltliteraturmarktes verwiesen worden, zu erlösen und ihr die Anerkennung der Ebenbürtigkeit neben ihren anderen Schwestern zu erringen – diesem Streben verdanken wir das angezeigte Werk, das sich feinen zwei Vorgängern (1. die gottesdienstlichen Vorträge der Juden, historisch entwickelt c, Berlin 1832, A. Asher; 2. zur Gefchichte und Literatur, Berlin 1845, bei Veit u. Comp.) in Gehalt, Form und Geist würdig anreiht. -

Auf 363 Seiten behandelt das Werk feinen Gegenstand unter folgenden Ueberschriften: 1. Psalmen; II. Leiden; III. Piut, Selicha; IV. Selicha-Dichter; V. Zwei neuere Jahrhunderte. Außerdem sind auf S. 365–491 Beilagen in 26 Nummern und zwei Verzeichnisse gegeben.

I. Aus dem ersten Schlafe sinnlicher Gebundenheit wurden die Völker durch orphische Klänge und Prophetenstimmen zur Ahnung des Göttlichen geweckt; der Mensch fing an zu beten, fein Leben auf das Göttliche zu richten; er wurde fromm. Aus der Gottesidee, dem Exgebniß einzelner Verkündigungen und Orakelsprüche, geht die Frömmigkeit, aus der Lehre das Gebet hervor. Der das Allen Verhüllte geistig Schauende und Erkennende wird der Seher feines Volkes und, weil der göttliche Geist aus ihm und durch ihn redet, der Verkündiger und Prophet, er offenbart als Bote (Angelus), Engel, den Willen Gottes in freier Rede. Prophetie und Freiheit find unzertrennlich. Mit dem Tode der Freiheit starb die Prophetie. Wenn die Kultur zur Knechtschaft und die Knechtschaft ins Elend geführt hat, dann wird die Klage laut, die das Bewußtsein der Sündhaftigkeit und der Schmerz über die Leiden hervorrufen. Wenn die Propheten verstummen, reden die Psalmisten. Der Prophet beleuchtet die Handlungen und bestimmt die Zukunft, der Psalmendichter beklagt die Leiden und kann nur hoffen. Die ganze Vergangenheit, in der Propheten Munde ein Epos, wird im Psalm zur Elegie. – Das Psalmbuch ist ein Manifest des unterdrückten jüdischen Volkes. Und bei aller Verschiedenheit der Einzelheiten in Motiv und Ausführung hat das Ganze einen durchgehenden Inhalt, den der Verfaffer fehr glücklich mit Normalpfalm bezeichnet. Der Verlauf der Gedankenreihe ist: Betrachtung – Aufforderung zum Gebet – Schilderung der unglücklichen Lage – Gram, den der Gegensatz der Leidenden und Frommen zu den glücklichen und gottlosen Unterdrückern hervorruft – die Abtrünnigen halten es mit den Haffern – Rückblick in die Vorzeit, woran sich Betrachtungen über die Nationalgeschichte knüpfen – Exinnerung an den Bund Gottes – Uebergang zum Bekenntniß der Schuld, zur Reue und Kraft des Gebets – Strafrede – Gegenüber

*) Berlin, Springer, 1855

- fellung des fündhaften, hinfälligen Menschen gegen den heiligen, gerechten, doch barmherzigen Gott – Lob des Schöpfers, des Gesetzes, Israels, als des Erwählten und Gotterkennenden, Zions, des Heiligthumus – Sehnsucht nach dem Heiligthum, Liebe zur Lehre, Vertrauen in die Verheißungen – Werth eines frommen, fittlichen Lebenswandels, Kraft des Gebets, das höher denn Opfer – Wunsch nach Demüthigung der Feinde, Verwünschungen gegen fie, Ohnmacht der Götzen – Gott ist Beistand der Unterdrückten u. f. w. Den Schluß bildet bald Klago, bald Freude und Hoffnung, daß einst alle Nationen Gott erkennen. Schon früh werden Psalmstücke, die sich als Hymnen und Gebet charakterisieren, zum Tempeldienst verwendet. Prophetie und Psalmodie verkörperten fich allmälig in zwei Personen: Moses und David. Jener brachte das Wort Gottes an Israel, dieser trug das Wort Israels Gott vor; beide weisen fest und unwandelbar, jener auf die Vergangenheit, dieser auf die Zukunft. Dieses Gepräge blieb auch der Synagoge aufgedrückt: die Lectionen hatten das Gesetz, die Vorträge die Prophetie zum Inhalt; Psalmen und Psalmenverfe lieferten den Gebetsstoff Nach dem Falle Jerusalems und Bathers war die politische Nationalität vernichtet, aber der jüdische Geist lebte unbesiegt in Synagoge und Talmud. In den fabbathlichen und festlichen Vorträgen vertritt der Weise den Propheten, der Vorbeter (auch Abgeordneter der Gemeinde genannt) den Pfalmisten; doch waren deffen Compositionen, weil die Tempelmusik fehlte, nicht rhythmisch. Die Ideen des Psalmisten erfüllen den Midrasch; die Vorträge der Weifen, die Aussprüche der Prophetie, die Begebenheiten älterer Zeiten werden auf die Gegenwart angewandt und ihr angepaßt. Die Fremden und Tyrannen, denen Propheten den Untergang verkünden, die Pfalmisten hoffend anwünschen, haufen als Legionen in der heiligen Stadt; das verhaßte schadenfrohe Edom ist Rom. Die Erlösung aus Aegypten ist die Bürgschaft des Messiah, aus dieser zuversichtlichen Hoffnung schöpft Israel den Muth und die Kraft, zu dulden und seiner Lehre treu zu bleiben. Umsonst werden unter Hadrian Beschneidung und Gesetzesstudium mit dem Tode bedroht: Israel bewies feine Entfchloffenheit, nicht in das heidnische Rom aufzugehen. Das mittlerweile christlich gewordene Rom brachte den Juden keine Früchte; das heidnische Rom unterdrückte, das christliche haßte fie. Die Bischöfe nahmen für sich den Namen Israel in Anspruch und hatten für die schwächeren Nichtchristen nur Erniedrigung, Hohn und Verfolgung. Unter diesen Verhältniffen bildete sich die Vortragsweise der Hagadisten aus, und der Wiederklang derselben tönte in den Gebeten, wie früher in dem Psalm der Wiederklang der Propheten . . . . . . So ward im Laufe der Jahrhunderte das Gebet, oder eigentlich der den Tempelkultus vertretende öffentliche Gottesdienst, das Banner, um welches das gemeindliche wie das religiöse, das denkende wie das dichtende Israel sich schaarte. Dem Gebete fielen allgemach die gejammten geistigen Schätze zu; darin ward aufgenommen: Nationalgeschichte und Leiden, Vergangenheit und Zukunft, das Verhältniß des Geistes zum Urgeist, des Einzelnen zur Menschheit, des Menschen zur Natur. Die in Schrift und Hagada aufgehäuften Stoffe wurden von Dichtern der Synagoge bearbeitet, und so ist aus den einfachen Elementen des ältesten Rituals: dem Schema (Bekenntniß der Einheit Gottes), der Tefilla (dem eigentlichen Gebet), der Keduscha (dem Hymnus zur Verherrlichung Gottes), die reichste gottesdienstliche Ordnung hervorgegangen, in sich allein eine Fundgrube von Religion und Geschichte, von Poesie und Philosophie. Je mehr fich Judas" ben und Sprache in die Synagoge zurückzog, desto mehr Reiß hatte es für das jüngere Geschlecht, das im Beten Empfundene, in den Vorträgen. Gelernte, sich in dichterischem Schmuck der heiligen Sprache vortragen, vorfingen zu laffen. So wurden in Piut und Selicha die Propheten und Psalmen verjüngt. Für den geschichtlichen Stoff zu Vorträgen und Psalmen des Mittelalters sorgten: II. Die Leiden. Diesen Abschnitt leitet der Verfaffer mit den Worten ein: „Wenn es eine Stufenleiter von Leiden giebt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen

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