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zu unterscheiden, das Meiste liegt noch in Kisten und Ballen verpackt, des Tages der Erlösung harrend. Der interessanteste Theil der Ergänzungs-Galerie ist jedenfalls wohl der westliche, denn dort find die Maschinen aufgestellt, welche in Bewegung gesetzt werden sollen. Man hat zu diesem Zweck außerhalb der Galerie, und zwar auf einem mächtigen, über dem Seine-Uferrande errichteten Pfahlwerke, fieben Dampfmaschinen von zusammen dreihundert Pferdekraft aufgestellt, welchen das Waffer vermittelt einer hydraulischen Horizontalmaschine zugeführt wird. Diese Dampfmaschinen fetzen eine eiserne Welle von beinahe dreizehnhundert Fuß Länge in Bewegung, welche vermittelt Kolben mit den ausgestellten Maschinen in Verbindung gesetzt ist. Die Welle ist nicht unter dem Fußboden angebracht, sondern sie ruht auf fechzig gußeisernen Pyramiden von achtzehn Fuß Höhe, über welche eine Galerie hinführt, um mit Leichtigkeit jeden Punkt des riesigen Mechanismus den Aufsehern zugänglich zu machen. Die Dampf- und die Waffer-Röhre liegen unter dem Fußboden. Dem Urtheile der Sachverständigen nach, ist dieses Maschinenwerk mit großer Geschicklichkeit und Sachkenntniß angelegt und ist an und für sich schon ein sehr intereffantes Ausstellungs-Produkt. Neben den Trieb- und Dampfmaschinen befindet sich auch ein Probierzimmer, in welchem die Verfertiger der Maschinen letztere den Geschworenen auf Verlangen erklären werden. Den mittleren Raum der Galerie nehmen Lokomotiven und andere, besonderes Intereffe darbietende Gegenstände ein. Im Mittelpunkte des Saales befindet sich ein Springbrunnen, defen Strahlen hoffentlich die drückende Hitze dieses Treibhauses etwas mildern werden. Daß wir endlich nicht der halboffenen Galerie vergeffen, welche neben dem Hauptgebäude und zwar zwischen demselben und der Mafchinengalerie erbaut worden ist; dort werden die Ackerbaugeräthe, die Wagen und die Sattlerarbeiten aufgestellt. Und so hätten wir die Industrieausstellung in allen ihren Theilen durchwandert, und einen ersten Ueberblick über dieselbe gewonnen. Es bleiben uns für heute nur noch einige Bemerkungen über die Beziehungen des Publikums zu der Ausstellung hinzuzufügen. Die Unternehmer des Industriepalastes haben bei der Gründung ihres Unternehmens die Sitten und Gewohnheiten der Franzosen zu berücksichtigen vergeffen. So lange es in Frankreich Kunst- und Industrie-Ausstellungen gegeben hat, find dieselben dem Publikum stets unentgeltlich geöffnet gewesen. Höchstens wurde ein Tag in der Woche für zahlende Besucher reserviert, und der Eintrittspreis überstieg dann nie einen Franc. Der Pariser liebt Schaustellungen und Schauspiele aller Art mehr, als alle übrigen Hauptstädte der Welt, aber fiel dürfen ihm nichts kosten. Mag man dies kritisieren wie man wolle, die Thatsache steht nun einmal fest, und man muß mit derselben rechten. Statt defen aber haben die Unternehmer für fünf Tage der Woche den Eintrittspreis auf 1 Fr., für den Sonntag auf 20 Cent. und für den Freitag auf 5 Frcs. festgesetzt. Die Folge hiervon wird fein, daß die große Maffe, die doch immer noch aus Franzosen besteht, am Sonntage die Ausstellung besuchen wird, so daß an den übrigen Tagen die Fremden allein die Gäste fein werden; mag die Zahl der letzteren auch noch fo bedeutend werden, durch fiel allein werden die Unternehmer schwerlich existieren können. Durchaus problematisch scheint uns der Erfolg die Fünffranken-Tage zu fein, wenn auch die ersten vierzehn Tage allerdings nicht maßgebend sein können, da sich natürlich wenige Leute bereit finden ließen, für das Beschauen leerer Schränke 5 Fres. zu zahlen. Neuerdings hat man davon gesprochen, daß die Regierung das ganze Unternehmen käuflich an fich bringen und dann den Eintritt, mit Ausnahme von zwei Tagen in der Woche, gänzlich freigeben wolle. Wir können nicht sagen, ob dies Projekt wirklich zur Ausführung kommen wird, im Publikum findet es, aus den erwähnten Gründen, großen Anklang. Der Fremdenbesuch in Paris ist bis jetzt noch weit entfernt von jener Höhe, welche die Herren Gastwirthe und Restaurateurs seit einem Jahre geträumt hatten. Das fchlechte Wetter und der notorisch unvollendete Zustand der Ausstellung tragen wohl die Hauptschuld davon. Man kann sich kaum einen Begriff von der Verwirrung machen, welche dadurch in sehr vielen Handels-Unternehmungen entstanden ist. Sanguinisch, wie die Franzosen find, glaubten sie nicht anders als von Anfang Mai an würden die Fremden millionenweise nach Paris frömen. Da wurden denn nun in aller Eile Hotels, Speiselokale, Kaffeehäuser, Bazare angelegt, Alles in der Hoffnung, daß der starke Fremdenbesuch die ersten Anlagekosten mehr als hinreichend decken würde. Diese übertriebenen Illusionen sind nun zerstört, zum größten Glück der Reisenden, welche jetzt sicher find, ihre Bedürfniffe nicht viel theurer zu bezahlen, als unter gewöhnlichen Verhältniffen.

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ausführlich besprochen und hierbei erwähnt, daß sich mit diesem für die Kulturgeschichte des ausgehenden Mittelalters höchst wichtigen Gegenstande in Deutschland nur Maßmann beschäftigt habe. Die neueste Leistung eines unserer hervorragendsten Germanisten, welche denselben Stoff behandelt, wurde dabei übersehen. Wilhelm Wackernagel lieferte vor kurzem in Moritz Haupt’s Zeitschrift für deutsches Alterthum Bd. IX. S. 302–365 eine fehr intereffante Abhandlung über den Todtentanz, welche füglich als wichtiger Nachtrag zu Kastner's oben genanntem Werke betrachtet werden kann, obwohl beide, wie es fcheint, unabhängig von einander geschrieben wurden. Der Verf. entwirft zuerst ein Bild der staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert, das als ein in jeder Beziehung freudeloses und abschreckendes fich darstellt; Kriege wütheten und rafften, ohne, von höheren Ideen getragen, Begeisterung zu erwecken, Tausende und wieder Tausende von Menschen dahin, und alle Schrecken der Natur, Pest, Erdbeben, Ueberschwemmungen, Hungersnöthe durchzogen verheerend Europa von einem Ende zum anderen. So, um nur ein Beispiel anzuführen, wurde Bafel im Jahre 1314 von einer Pest, an welcher 14.000 Menschen starben, und darauf von einer Hungersnoth bis zu den Gräueln der Verzweiflung, 1349 vom schwarzen Tode, der noch schrecklicher wüthete, 1356 am Lukastage von einem Erdbeben und in späteren Jahren wiederum von Erdbeben und Seuchen heimgesucht. Und im funfzehnten Jahrhundert brach im Jahre 1439 über dieselbe Stadt und auch über das in ihr versammelte Konzil eine furchtbare Pest herein, nachdem schon während des Jahres vorher eine schwere Theurung geherrscht hatte. Diese Umstände zusammengenommen mögen die damalige Menschheit oft zur Betrachtung der Vergänglichkeit der irdischen Dinge und zur Beschäftigung mit dem Gedanken an den Tod gebracht haben. Daher die zahlreichen artistischen und literarischen Werke jener Jahrhunderte über diesen Gegenstand. Vor dem vierzehnten Jahrhundert geschah die Verbildlichung des Todes meist noch ohne Zuthun des Humors in einem einfachen, aber durch die Einfachheit großartigen Style. Für die Neigungen und Anschauungen des vierzehnten Jahrhunderts aber waren diese Bilder zu heldenhaft einfach, zu unmittelbar; man ließ sie fallen und griff dafür nach Bildern, welche dem Alltagsleben näher standen und die den Eindruck des Erhabenen dadurch machten, daß sie das Große in verhältnißmäßig Niederes und Geringes, ja Gemeines kleideten, z. B. verglich man das Leben mit dem Schachspiel, den Tod mit dem Matt oder mit dem Aufräumen der Figuren, oder der Tod wird als ein Fest dargestellt, welches die Welt den Menschen giebt. Hieran denn endlich lehnt sich die Zusammenstellung des Todes mit Musik und Tanz. Nun geht Wackernagel auf diejenigen literarischen und artistischen Werke über, in welchen uns solche Todtentänze im engeren Sinne des Wortes überliefert sind, und bespricht zuerst diejenigen Fälle, wo die Personifizierung und Verbildlichung des Todes nur gelegentlich und nur vorübergehend in den Denkmälern unserer alten Literatur entgegentritt; dabei jedoch ließ man es nicht bewenden, man schritt zu abgesonderten und abgeschloffenen Darstellungen weiter fort, und fchon im vierzehnten Jahrhundert ward der musizierende und mit den Menschen davontanzende Tod zum Gegenstande dramatischer Dichtung und Schaustellung gemacht. Solche öffentliche Aufführungen des Todtentanzes laffen fich im funfzehnten Jahrhundert für Deutschland, Frankreich zu Paris (1424) und Besançon (1453) und für Italien zu Florenz nachweisen. Sie standen in naher Beziehung zur Kirche, wurden von Geistlichen veranstaltet und geleitet, in und bei den Gotteshäusern aufgeführt, und es scheint, daß ursprünglich auch die in der Legende f. g. Makkabäer, d. h. der fieben Brüder fammt der Mutter und Eleasar, die unter Antiochus Epiphanes den Märtyrertod erlitten, in den Todtentänzen eine vorzügliche Rolle gespielt haben, falls man nicht blos die Aufführung derselben zuerst an deren Fest verlegte; nur so oder so erklärt sich der in Frankreich altübliche Name la Macabre, chorea Maccabaeorum. Die alte Kirche hat nur zweierlei ungetauften, blos in ihrem Blute getauften Heiligen eigene Feste gewidmet, jenen Makkabäern und den unschuldigen Kindlein, und zu Paris fanden die Tänze der Maikabäer „aux Innocents", im Kloster der unschuldigen Kindlein, statt. Von Frankreich ging der Todtentanz schon im vierzehnten Jahrhundert nach Spanien über, wo er zuerst unter dem Namen danza general und im fechzehnten Jahrhundert als ein schon sehr allegorisiertes FrohnleichnamsSpiel erscheint. Die Anschauung vom Todtentanze wurde in Spanien nie so heimisch, wie sie es in Frankreich und in Deutschland war. Der altfranzösische Todtentanz ist durch Schrift und Malerei auf uns gekommen; den Todtentanz, welcher auf der Kirchhofmauer des Klosters aux Innocents, wo man den Todtentanz zu fpielen pflegte, gemalt war, haben wir in Druck und Holzschnitt vom Jahre 1485; außerdem ist in Frankreich der Todtentanz von Angers und der in der Abteikirche von La Chaise-Dieu erhalten. Eben so wie nach Spanien gelangte der Todtentanz auch von Frankreich aus nach England. Frankreich hat neben den Bildern das Gedicht fast durchweg fallen laffen, ebenfo Spanien und England, welche beide erst durch den französischen Vorgang angeregt wurden; Deutschland hingegen wurde von der dichterischen und von der bildenden Behandlung des Stoffes länger, mannigfaltiger und eigenthümlicher angeregt und beschäftigt als irgend ein anderes Land. Die bedeutendsten Todtentänze Deutschlands find: ein Gemälde in einer Kapelle der Marienkirche zu Lübeck aus dem vierzehnten Jahrhundert, mehrfache handschriftliche oder in Holz geschnittene Aufzeichnungen aus der ersten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts in den Bibliotheken zu Heidelberg, München und an einigen anderen Orten; dann in dem ehemaligen Frauenkloster zu Klingenthal in der Kleinstadt Basel aus dem vierzehnten Jahrhundert und diesem nachgebildet an der Kirchhofmauer des Klosters der Predigermönche in Großbafel, an den inneren Wänden der neuen Predigerkirche zu Straßburg und an der Kirchhofmauer des Predigerklosters zu Bern, gemalt im zweiten Jahrzehnte des fechzehnten Jahrhunderts von dem als Maler, Dichter und Staatsmann berühmten Nikolaus Manuel, und endlich Hans Holbeins imagines mortis, welche wohl nur uneigentlich den Todtentänzen beigezählt werden dürfen. Eine bildliche Darstellung, welche diesen französischen und deutschen Todtentänzen ihrem Stoffe nach nahe verwandt ist, ist das treffliche Wandgemälde, den Triumph des Todes darstellend, von Andrea Orcagna (gestorben 1389) in der Bogenhalle des Campo santo in Pifa.“) So finden wir diese kulturhistorisch hochwichtige Erscheinung in den drei letzten Jahrhunderten des Mittelalters durch alle Länder WestEuropa's: Deutschland, Frankreich, England, Spanien und Italien, verbreitet und gepflegt, und zwei Kunstgattungen, Poesie und Malerei, tragen zur Durchführung derselben bei; Grund genug, ihr in jeder Beziehung volle Aufmerksamkeit zu schenken. J.

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Mannigfaltiges.

– Dr. Petermann's geographische Mittheilungen. Die beiden jüngst erschienenen Monatshefte von Dr. A. Petermann's „Mittheilungen aus der geographischen Anstalt von Perthes“ (Nr. III. und IV) find wieder eben fo reich an neuem Material zur Erdkunde, als wohl ausgestattet durch die beigegebenen Kärtchen, die als wahre Muferblätter zu betrachten sind, fowohl was die Genauigkeit und Zierlichkeit der Zeichnung, als was die Sauberkeit und Schärfe des Druckes betrifft. Besonders die füdatlantische Klippen-Insel Tristan da Cunha (in Nr. III), zur Zeit der Gefangenschaft Napoleons auf St. Helena eine englische Truppen-Station, und der arktische Archipelagus der Parry-Infeln (in Nr. IV) können als Bereicherungen der neueren deutschen Kartographie betrachtet werden. Dieselben beiden Hefte bringen zugleich zwei über fehr verschiedene Gebiete sich verbreitende, jedoch in gleicher Weise das geographische Intereffe in Anspruch nehmende Abhandlungen über die Reifen des Dr. H. Barth in Central-Afrika (wobei einige bisher noch nicht bekannte Briefe desfelben an feine Verwandten und an den Ritter Bunsen mitgetheilt werden) und über die Ergebnisse der Belcher'schen Expedition in die Gewäffer des arktischen Amerika, vom Sept. 1852 bis zum Sept. 1854. Die letztgedachte Expedition hat eben durch Aufnahme vieler neuentdeckten, arktischen Küsten zu der obengedachten Karte des Archipels der Parry-Inseln (vom 73. bis zum 78. Gr. N. Br.), durch welche die bisher auf unseren Karten eingetragene Gestalt dieser Polar-Region eine wesentliche Berichtigung erhält, Anlaß gegeben. Es wird Niemand, der mit den Fortschritten der geographischen Wiffenschaft au courant bleiben will, der Kenntnißnahme der Petermannschen Mittheilungen fich entschlagen können.

– Richard Lalor Sheil.“) Sheil war Katholik und Irländer, zwei Eigenschaften, die ihm bei einem hochkirchlichen Engländer aber nicht zur Empfehlung gereichen konnten. Und es mag daher als ein unverdächtiges Zeugniß gelten, daß Sheil zu den feltensten Erscheinungen gehört habe, wenn der Referent der untengenannten Schrift in The Critic fich ungefähr also über ihn vernehmen läßt: „Sheil war kein gewöhnlicher Mensch. Wenn feine schrille, barsche Stimme mit einiger Intensität und Herbe die kurzen, gedrängten, heftigen und energischen Gedanken ausströmte: dann fühlte jeder Hörer, er sei hier in der Gegenwart einer hervorragenden, wenn auch nicht der hervorragendsten Persönlichkeit. Auch dem Leser muß diese oratio pressa das Geständniß abnöthigen, der Verfaffer sei ein Meister – der Worte. Das glitzert und funkelt und sprüht in erdenklich buntester

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Mannigfaltigkeit nach allen Seiten hin, und die sprühenden Funken fallen in die Ohren nicht gleich dem Thau auf den Cithäron, nicht gleich Nestor's honigsüßen Worten; eben fo wenig dröhnen fiel gleich dem Rollen des Donners; aber wie dieser, wenn etwas milder gestimmt, rauschen sie hernieder unter goldenen, blendenden Schauern. Seine Reden gemahnen uns an die Feenmärchen, in welchen der Wanderer durch nimmer endende Reihen von Gärten, auf goldenem Boden, zwischen dichtgepflanzten Bäumen streift; diese tragen aber nur Edelfeine statt der Früchte. Der hungernde und verschmachtende Pilger sieht fich nach einer Pomeranze, nach einem Apfel um; verlangt mindestens nach einem Biffen Brod, nach einem Trunk Waffer – vergebens: Nichts, denn Gold und Diamanten. So durchwandert Untereins die schimmernde Wüste der Sheilschen Reden. Bilder-Reichthum, Metaphernfülle, fcharfgespitzter Ausdruck, getaucht in Schwefelsäure, mitunter in Natterngift – das Gepräge ist jeder Periode aufgedrückt. Es ist eine Sprache, die, eingeständlich, Wunden schneiden und fie obendrein aufreißen und vergiften will; es durchweht sie ein dörrender Ost, scharf und doch sonnig, wolkenlos und doch schwül; sie ist beruhigend für das Auge und peinigend für das Gefühl; sie erweckt keine Sympathie im Herzen, keine Saite der Leidenschaft klingt nach – nur der Verstand findet bei ihr feine Rechnung. Sie hat zu dem leichtentzündbarsten Volke, an das fie sich ursprünglich wandte, und zu den phlegmatischen Mitgliedern des englischen Parlaments, freilich in weit schwächerem und minder ficherem Takte, gesprochen. Dort wirkte sie, wie alles Kühne, Stürmische, Phantasiereiche auf solche Hörer zu wirken pflegt; hier verdankte sie ihren Eindruck zum Theil dem paradoxen Ton, zum Theil der Wahlverwandtschaft des bleiernen Temperaments zum Quecksilber. Aber es fehlte dem Gesammtbild einer Sprache an jenen Naturzügen, die, wie man fagt, alle Menschen zu Brüdern machen. Ihre Darstellung schon verrieth das innere Wesen; die helle, durchdringende, eintönige und bis zum Geschrei überspannte Declamation, die so oft „eine Leidenschaft in Fetzen reißt“ zeigte den klaren Verstand, die schlagfertige Logik, die lebhafte Phantasie, sie fagte aber Nichts, was von jener Brüderschaft mit den Millionen gezeugt hätte. Sheridan spaltete das Herz mit dem zweischneidigen Schwerte seines Witzes; Curran entlockte Thränen; Grattan entflammte zum Muth; unter O'Connell's Sarkasmen wanden sich die Zuhörer vor Lachen; man erinnert sich aber nicht, daß Sheil fein Auditorium je zu Thränen, zur Wuth, zum Lächeln gebracht hätte; es lauschte mit Bewunderung und ließ gelegentlich die ruhige Aeußerung hören: Prächtiger Vergleich Klarer Schluß! Geistreicher Einfall! – Uebrigens besaß er eine schöne wiffenschaftliche Bildung, war ein leidlicher Jurist, ein guter Diplomat und ein feiner, angenehmer Gesellschafter, vertrat aber in keinem hervorragenden Grade irgend ein großes Prinzip, irgend eine große Partei. Seine gelehrten Schriften, die ihrer Zeit einen zweideutigen Ruf hatten, werden nicht mehr gelesen, und kaum steht zu erwarten, daß eine Reden und feine übrigen Werke der Vergeffenheit entgehen werden; ein Schicksal, das in unseren Zeiten. Alles unausbleiblich und schnell ereilt, was nicht zum höchsten Rang des wissenschaftlichen Genius gehört. Nach und nach werden sie fossil werden; indeß besprechen fie Themata, die mit den Intereffen des Tages zusammenhängen, und verdienen immer noch Aufmerksamkeit, als das Vermächtniß eines unbestritten tüchtigen Mannes.“

– Gemästete Kinder. Der bekannte großartige Marktschreier Barnum hat eine neue Art von Industrie-Ausstellung, eine „Babyshow”, angekündigt. Er bietet in amerikanischen Blättern die höchsten Preise aus für schöne fette Kinder, die er in den Sälen feines New- . Yorker Museums ausstellt. Für die drei schönsten stärksten Säuglinge unter einem Jahr fetzte er drei Preise von 50, 15 und 10 Pfd. Sterl. aus, für die drei schönsten Zwillinge 70. Für Drillinge das Doppelte. Für das fettte Kind unter sechzehn Jahren wird der verhältnißmäßig höchste Preis ausgesetzt, vermuthlich weil das Wachsthum in den Jahren vor der Reife dem Fettwerden am meisten Hindernife in den Weg legt. Ob die Kinder weiß fein müffen oder schwarz sein können, wird nicht gesagt; wahrscheinlich ist Letzteres gestattet, denn weiße Aeltern werden schwerlich ihre Kinder wie Mastvieh ausstellen und bezahlen laffen.

– Zur Theuerungsfrage. Die Revue des deux Mondes erzählt unter ihren „vermischten Nachrichten“, eine neue Zugabe des Blattes, daß seit 1700 bis 1855 der Preis des Brodtes sich verdreifacht hat; des Preis des Fleisches hat sich vervierfacht, dagegen sind fast alle Produkte der Industrie billiger geworden: Tuch, Wolle, Seide, Baumwolle haben den dritten oder vierten Theil ihres Preises, aber auch ihres Werthes verloren.

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Abdruck. Wie viel große Männer der Neuzeit find nichts Anderes, als Affen des Alterthums! Herodot erzählt uns, daß der König Kambyfes, bei dem es nicht ganz richtig im Kopfe war, im Traume feinen Bruder Smerdis auf dem Throne filzen und mit dem Haupte das Firmament berühren fah. Kambyfes glaubte an Träume. Sofort entfandte er einen vertrauten Diener nach Susa, der ihm den gefährlichen Bruder vom Halse schaffte. Bald darauf starb Kambyfes felbst. Nun lebte in Persien ein Mann von Kopf, feines Gewerbes ein Magier, dem es einkam, fich für den feligen Smerdis auszugeben, was ihm um fo leichter gelang, als Kambyfes todt war und der Mörder des Präfumtiverben sich wohl hütete, fein Werk bekannt zu machen, da der verantwortliche Redakteur ihn nicht mehr decken konnte. Dieser Magier, das muß man doch fagen, wenn er das Schelmenstück erfand, war groß in feiner Art. Unglücklicherweise hatte er keine Ohren; der hochfelige Kambyfes hatte sie ihm, ich weiß nicht, um welche Lumperei, abschneiden laffen. Eine der Sultaninnen kam dahinter und steckte es einigen Großen, die zu stolz waren, um einem ohrenlosen König zu gehorchen. Nach einigen Monaten seiner Regierung wurde der falsche Smerdis in feinem Palaste erwürgt. Man vergaß mit der Zeit fein tragisches Ende und erinnerte sich blos, daß er eine Weile Herr des ungeheuren Reiches, Besitzer der Schätze Cyrus', Nutznießer des Harems Kambyfes, war, und man zog die Moral daraus, daß der Btrug gelingen konnte, wenn der Schelm Ohren gehabt hätte. Ob Perkin Warbeck, der sich für Richard IV. ausgab, den Herodot gelesen, weiß ich nicht; aber darauf möchte ich schwören, daß der falsche Dmitri in Rußland vom falschen Smerdis etwas gehört hat; denn ich finde, daß er in einer feiner Ansprachen die Gelegenheit vom Zaune bricht, die Affyrer und Meder anzuführen. Hier guckt, wie mir fcheint, das Langohrläppchen aus der Löwenhaut hervor und das Gewiffen verräth den Plagiarius. Dem fei, wie ihm wolle, genug, der kühne Magier hat mehr als Einen Nachtreter gefunden und zur Stunde lebt irgendwo in Amerika ein Reverend, Eleafar Williams, protestantischer Missionär, Irokese von Geburt und wie die Leute munkeln, von fchwachem Glauben, der, nach Herrn Hanson, in der unten genannten Schrift,“) kein Anderer wäre, als Ludwig XVII., König von Frankreich und Navarra. Bis jetzt übrigens – das sei in aller Eil bemerkt – hat der Reverend noch keinen Versuch gemacht, den Thron feiner Väter in Anspruch zu nehmen; er scheint hauptsächlich mit der Bekehrung der Mohawks, ob Götzendiener oder Papisten, befchäftigt; denn so wie fo dünkt ihm ihr Seelenheil gefährdet. Der Biograph dieses neuen Prätendenten ist ein Mann von Geist, den Europa ziemlich fchlecht, Frankreich gar nicht kennt; überdies ein pfiffiger Advokat, ein scharfsinniger Haberecht, ein gewandter Wortverdreher, der Euch in den einfachsten Ausdrücken einen versteckten Sinn wittert. Mit Einem Worte, er spaltet Euch – wie man zu jagen pflegt – ein Haar in vier. Vor hundertfunfzig Jahren würde er wahrscheinlich einen großen Ruf als Genealogist erlangt haben, wenn er fich darauf gelegt hätte, den reichgewordenen Findlingen in der Straße Quincampoir Adelstitel zu verschaffen. Nach einem schon etwas verbrauchten Rezept aller Advokaten, die eine kitzliche Sache übernommen haben, fängt Herr Hanson damit an, die Geschichte des wahren Dauphins, Sohnes Ludwigs XVI., ganz gehörig durch einander zu werfen. Zu diesem Behuf übersetzt und kommentiert er in seiner Weise das Werk des Herrn A. v. Beauchêne, ') Unsere Leser werden sich des neuen Ludwig XVII. erinnern, welchen amerikanische Blätter vor zwei Jahren, mitten unter Indianern als Missionär lebend, erstehen ließen. Nachstehende Darstellung aus der Feder des Verfassers

der Geschichte des falschen Demetrius, Herrn P. Merimée, dürfte mit Intereffe gelesen werden. - - - D. R

*) The Lost Prince, by John A. Hanson. New-York, 1854

der über die letzten Augenblicke des unglücklichen Kindes fo viele und fo mühsame Untersuchungen angestellt hat. Sobald es ihm gelungen ist, einen Zweifel über irgend ein Thatfächelchen anzuregen, fäumt er nicht, bemerklich zu machen, daß er feine Argumente einem Schriftsteller entlehnt habe, der von dem Tode des Dauphin überzeugt ist, und zieht daraus, wie aus dem Zugeständniß eines Gegners, feinen Vortheil. Beauchêne, ein bis zur Peinlichkeit gewissenhafter Geschichtschreiber, hat keine Nachweisung vernachlässigt und mußte hin und wieder mehr oder minder bestreitbare Zeugniffe zulaffen. Er unterwirft fie übrigens einer strengen Kritik, ünd mit großer Behutsamkeit benutzt er die Mittheilungen, die ihm lange nach dem Tode des jungen Prinzen zugehen. Man begreift, daß die Menschen, die während feiner Gefangenschaft in feine Nähe gekommen, nothwendig etwas verdächtige Zeugen find. Einige mochten die Thatsachen entstellen, um ihr Benehmen zu entschuldigen oder geltend zu machen; Andere, ohne irgendwelchen eigennützigen Beweggrund, ließen fich von dem so gewöhnlichen Hang leiten, ihre klägliche Erzählung auszuschmücken. Fern fei es, die zarten und gefühlvollen Worte, die, nach der Aussage feiner Wächter, dem Prinzen in den letzten Tagen feines Todeskampfes entschlüpft fein follen, in Zweifel zu ziehen! Die furchtbare Umwälzung, welche die Todesnähe in einem Kranken hervorruft, erklärt die außerordentliche Entfaltung der Intelligenz hinlänglich. Bis jetzt war man der Meinung, daß das unglückliche Kind, dem man durch den Schrecken jene fchmachvollen Aussagen abgedrungen, und das feitdem ein hartnäckiges Schweigen beobachtet hatte, später nachgab und mit den Personen sprach, die ihm keine solche Ungeheuer fchienen, wie feine frühere Umgebung. Mit dieser Erklärung giebt fich Herr Hanson nicht zufrieden. – „Der junger Prinz war mehrere Wochen freiwillig fumm; einige Tage vor dem Tode sprach er. Wiffet Ihr, was das beweist? Es beweist, das Kind, welches einige abgebrochene Sätze hören ließ, das war ein anderes, als das früher hartnäckig fchweigende. Der Gefangene wurde entführt, ein anderer Knabe untergeschoben, und daran ist um so weniger zu zweifeln, als ein Nationalgardist, der den Dauphin in den Tuilerieen gesehen hatte und später den Gefangenen durch die halb offene Thür auf feinem Bette im Tempel liegen fah, erklärte, das entfleischte Gerippe dünke ihn weit größer, als der Prinz. Folglich war dieser Gefangene nicht der Dauphin.“ – Das Argument ist fo schlagend, daß ich keinen Anstand nehme, es zu einem kleinen Korrektiv in der Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts zu verwenden. Nicht Heinrich von Guise war es, der zu Blois ermordet wurde, wie das einige Schriftsteller leichthin behauptet haben. Und der Beweis? Nun, Heinrich III., der den Leichnam auf dem Boden ausgestreckt von fern betrachtete, fagte: „Ich hielt ihn nicht für so groß.“ Ein anderer Beweis: Im Jahre 1815 verfehlten die Offiziösen nicht, den Ort anzuzeigen, wo der Sohn Ludwigs XVI. begraben liegt. Drei Stellen wurden bezeichnet, jeder hatte einen glaubwürdigen Zeugen. Der König Ludwig XVIII, von den Liberalen durch ihre Spöttereien über dieses Aufsuchen von Gebeinen geneckt und überdies die Unmöglichkeit einsehend, aus drei einander widersprechenden Behauptungen die Wahrheit herauszufinden, untersagte es, die Nachfuchungen fortzusetzen. Herr Hanson hat errathen, warum der König dem weiteren Forschen ein Ziel gesetzt. Dieser ehrgeizige und grundfatzlose Fürst wußte beffer, als irgend wer, daß der Dauphin nicht todt war. War er es ja, der ihn aus dem Tempel entführt, um an defen. Statt zu regieren. Freilich hätte er das unglückliche Opfer unter den Händen feiner Henker an der Auszehrung können sterben oder feine präsumtiven Gebeine nach Saint-Denis bringen laffen; aber er hatte feine Gewissens-Aengstlichkeiten. Was wollt Ihr? Es giebt keine vollkommene Fürsten, wie sie aus Macchiavell's Schule hervorgehen müßten. Man wird vielleicht neugierig sein, zu erfahren, wie der Prinz, im letzten Stadium der Schwindsucht, aus dem Tempel entführt werden konnte? In der That läßt sich Herr Hanson auf keine Erklärung ein; indeß, was ist leichter als das? Man durfte nur die Wächter gewinnen, die Konventskommission bestechen, die Gendarmen und Nationalgardisten berücken, sich ein Kind von demselben Alter und

an derselben Krankheit leidend verschaffen, ihm empfehlen, fich durch

kein Wort zu verrathen, es heimlich in die Nähe des Tempels führen, den wirklichen Dauphin fortbringen, den Arzt, der ihn behandelt, vergiften, damit er die Austauschung nicht merke u. f. w. In alten Zeiten sagten die Rechtsgelehrten: „Agenti incumbit probatio rei" (dem Kläger liegt der Beweis ob); das hat sich aber Alles bei uns geändert. Wollen unsere Leser nun einen Abstecher nach Amerika machen und fich die Knie- und Handgelenke des Reverend Eleasar Williams besehen, so werden sie daran Narben bemerken, und man weiß, daß der Dauphin Geschwulste an den Knieen und Handgelenken gehabt. Noch mehr, der Reverend hat ein Impfungsmaal am Arm, ein fehrfeltenes Faktum, und, was noch außerordentlicher, er erinnert fich nicht, je geimpft worden zu sein. Das ist aber noch nicht Alles: wir werden Ludwig XVII. felbst sprechen hören. . . . Doch zuvor muß ich erzählen, was man von dem anscheinenden Leben in Amerika des wundervoll geretteten Prinzen weiß. Man hielt lange dafür, er sei in den Vereinigten Staaten geboren und sei der Sohn eines gewissen Thomas Williams und einer Indianerin Maria Anna Konawatewenleta. Thomas Williams selbst war der Sohn einer Anglo-Amerikanerin und eines Indianers. Durch Erziehung und Lebensweise war er ganz Indianer; er hatte das Englische, wenn er es je gekannt, völlig vergeffen, lebte, jagte und prügelte sich mit den Irokesen; sonst ein guter Ehemann und Vater von acht oder neun Kindern; die Zahl ist ungewiß. Acht find bei ihrer Geburt in das Kirchenbuch von Caughnawaga, feinem Sprengel, eingetragen worden, wo Ihr ihre Namen lesen könnt. Suchet nicht nach dem Namen Eleasar oder Lazau, wie die Irokesen sprechen. Dieser Name ist nicht eingetragen; folglich ist Eleasar nicht der Sohn von Thomas Williams; denn, in Anbetracht der Regelmäßigkeit, womit die Civil-Register bei den Irokesen geführt werden, ist es nicht wahrscheinlich, daß man darin vergeffen haben folte, feine Geburt zu vermerken. Eben fo wenig ist anzunehmen, Thomas Williams habe als Vater vorausgesetzt, daß Eleafar anderswo als in Caughnawaga geboren sei,

denn würde der brave Mann wohl versäumt haben, bei feiner Heimkehr ,

dem Pastor davon Notiz zu geben? Das Zeugniß der Frau Williams, geborenen Konawatewenleta, würde entscheidend fein; aber man kann nicht recht klug daraus werden, wie sie darüber denkt. Hanson theilt uns einige Erklärungen dieser Dame mit, worunter eine, zu größerer Deutlichkeit, im Irokefischen abgefaßt ist. Aus der einen geht hervor, fie fei die Mutter, aus der anderen, fie fei es nicht und habe ihn nur an Kindes. Statt angenommen. Bei der letzteren Aussage hat man sie freilich zu fragen unterlaffen, wer ihr das Kind übergeben oder wo fie es gefunden. So viel ist gewiß, sie hat unter diese beiden abgegebenen Erklärungen ihr Kreuz gesetzt; nur bleibt die Frage, ob Madame Williams gewußt, was fie thue, als fiel das ehrwürdige Zeichen hinkritzelte. Ich habe niemals mit Irokesen verkehrt, bin aber in vielen barbarischen Ländern herumgekommen und weiß, daß man sich mit Hülfe von einem Gläschen Branntwein folche Kreuze zu jeder beliebigen Vaterschafts-Anerkennung verschaffen kann. Der Reverend Eleafar, der sich nicht erinnern kann, je geimpft worden zu fein, kann uns, felbstverstanden, keine genaue Auskunft über feinen Geburtsort geben. Leute, die ihn in der Familie Williams gesehen, behaupten, er wäre in den ersten Jahren der Kindheit fast blödfinnig gewesen. Eines Tages fiel er kopfüber in den George-See auf einen Stein, der ihm den Schädel spaltete. Da erwachte fein Verstand. Seitdem Minerva aus dem Haupte Jupiters durch einen Beilhieb hervorging, ist man über die Wirksamkeit dieses drastischen Mittels einig. Inzwischen hatte der Stein unserem Eleasar zu keinem guten Gedächtniß verholfen. Es feien ihm, sagt er, nur fchwache Erinnerungen geblieben an ein großes Haus, in welchem er auf der Schleppe einer schönen Dame geseffen habe, ein recht auffallender Umstand; denn die Irokefinnen tragen keine Schleppen, im Gegentheil haben ihre Unterröcke eine abnormale Kürze. Er erinnert fich auch eines abscheulichen Gesichts, das ihn erschreckte. Ihr begreift ohne Weiteres, daß dieses abscheuliche Gesicht keinem Andern, als dem Schuster Simon gehörte. In New-York zeigte man ihm eines Tages das Bild dieses Elenden, und sofort erkannte er das Gesicht wieder, das ihn erschreckte. Wer malte den Bürger Simon? War das NewYorker Bild getroffen? Kein Zweifel. Es giebt mehr denn einen Kupferstich, mehr denn eine Lithographie von dem Henker des Dauphins, und erscheinen diese Bilder auch nicht nach einem und demselben Original gefertigt, gewiß ist, daß sie alle einem garstigen Schurken ähneln. (Schluß folgt)

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raten für ihn gethan, und es zu buchen, wie ein Kaufmannsdiener an feinem Pulte: Barometer, Thermometer, Hygrometer, Richtung und Stärke des Windes u. f.w, Alles wird gefragt, examiniert, eingetragen und in das große Conto eingereiht. Das ist fo Außen- und Nebenarbeit. Jetzt folgt die genaue Untersuchung aller Theile der Apparate, dann die mikrometrische Meffung der Stellung der Torsionsruthe, welche in der Nacht sich in der Regel Freiheiten erlaubt, so daß sie durch die Schraube oben wieder von ihren Irrpfaden zurückgebracht werden muß. Er guckt durch Spiegel und Teleskope und Mikroskope, und wenn er fich durch diese Behörden endlich überzeugt hat, daß Alles in Ordnung ist, beginnt das Geschäft. Die großen Bleisphären werden leise und unhörbar gedreht. Die Torfionsruthe fängt gehorsam an zu vibrieren. Diese Vibrationen find die geheimnißvolle Sprache, welche in Winkel und Sekunden übersetzt, in Zahlenreihen Jahre lang unter einander gesetzt, verglichen und excerpirt endlich die große Zahl geben müffen. Wie weit schwingt sie? In wie viel Zeit? Das ist die Attraction der Kugel. Wie viel Linien betrug die Entfernung der großen von der kleinen Kugel? Wie – doch wir wollen und können nicht in die Sache selbst eingehen. Eine Vorstellung aber wird sich bald Jeder bilden können. Dieses fille, dunkele, geheimnißvolle Gefchäftstreiben des Mannes, der Jahre lang jeden Tag so arbeitete, ohne auf Beförderung, ohne auf Geldgewinn, Orden und Ehren zu spekulieren, von Nichts erfüllt, als feinem großen Thema, das nur Wenige würdigen, das Niemand mit feiner kühnsten Phantasie, mit feinem schärfsten Verstande in einem Resultate faffen und begreifen können wird, mit 500 Pfund von der Regierung ausgestattet und während der vier Jahre feiner einsamen Arbeit Tausende opfernd, dieser Mann und diese Thätigkeit hat für uns etwas Erhabenes, Heroisches, auch ohne daß wir ihn und sein Werk wissenschaftlich ergründen und begreifen. Zuweilen macht er sich auch einen freien Tag. Ein Gewitter im Sommer, ein Schneesturm im Winter rufen ihn, wie andere Leute umgekehrt schönes Wetter, ins Freie. So schließt er sein Geschäft und genießt Natur mit Gewitter oder Schnee, bis die Sonne wieder freundlich scheint und das Wetter einen soliden Charakter angenommen, So experimentierte der Mann erst 18 Monate lang, ehe er an fing und die Goldpapiere anbrachte. Die 1300 Experimente dieser Zeit waren Vorbereitungen, Prüfungen, Examina der Apparate und Untersuchungs-Beamten. Erst als sich dadurch Alles, jedes Faserchen und Fädchen als treu und zuverlässig bewährt hatte, begannen die wirklichen Arbeiten. Diese wurden später durch einen brutalen OmnibusKutscher lange unterbrochen. Als Mr. Bailey aus einem Omnibus stieg (solche Priester der Wiffenschaft haben keine eigenen Equipagen), hieb der Kutscher an, ehe er feinen Fuß von der Stiege genommen, so daß er so heftig auf die Erde stürzte, deren Dichtigkeit er noch nicht kannte, daß er bewußtlos in das benachbarte Charing-Croß-Hospital gebracht werden mußte, wo er nur langsam aus wirklicher Lebensgefahr gerettet ward. Dies war nach dem 964ften Experimente. Das 965fte fing er in seinem großen Buche mit den Worten an: „Unterbrochen durch einen Zufall vom 24. Juni bis 7. August.“ Seine vier Jahre lang fortgesetzte Arbeit enthält 2153 HauptExperimente in 62 Abtheilungen mit einem wirklichen Haupt-Resultat, an welchem nur noch Reductionen, Korrekturen und Computationen zu machen übrig bleiben, die aber die große Zahl selbst nur unbedeutend affizieren können. Bailey's Erdwiegungs-Apparat, von dem wir eine Vorstellung zu geben suchten, ist eine Combination verschiedener Erfindungen zu einem großen, neuen Ganzen. Coulomb, der zuerst die Drehungen eines Cocon-Seidenfadens zum Meffen der kleinsten Quantitäten Elektrizität oder Magnetismus anwandte, brachte zu Ende des vorigen Jahrhunderts J. Mitchell auf die Idee, daffelbe Mittel zur Erforschung der Dichtigkeit und Schwere der Erde anzuwenden. Er hinterließ den Gedanken dem berühmten Wollaston, der einen Apparat zu diesem Zwecke ausann, der aber erst von Cavendish wirklich konstruiert ward. Der Apparat wurde in einem besonderen abgelegenen Hause zusammengefetzt, eingeschloffen und von außen durch ein Teleskop betrachtet. Die Experimente und Resultate find in den Philosophical Transactions von 1798 mitgetheilt. Neuerdings konstruierte ein deutscher Physiker einen ähnlichen Apparat und theilte die Resultate seiner Beobachtungen der Versammlung von Naturforschern in Prag (1837) mit. Aber Baileys Arbeiten übertreffen an Umfang, Akkurateffe, Genialität und Ergebniß alle früheren. Einige andere Methoden der Erdwiegung, zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Naturforschern angestellt, begannen mit Newton, der den Vorschlag machte, ihre Schwere aus Pendel-Schwingungen auf hohen Bergen zu berechnen. Ein derartiges Experiment ward im Auftrage der französischen Akademie auf den Höhen des Chimboraffo vorgenommen. Dr. Maskelyne fuchte die Frage durch Vergleich der Dichtigkeit und Schwere eines großen Gebirges des Schiehallian in Perthshire mit der der Erde zu lösen, nur mit dem Fehler, daß er sich um das Gewicht dieses Gebirges felbst nicht genau bekümmert hatte und es durchweg für gleich dichten Felsen hielt. Der Mathemathiker Hutton baute darauf weiter, aber Profeffor Playfair und Lord W. Seymour ermittelten hernach, daß die Zahl der Dichtigkeit und Schwere dieses Gebirges, welche von Dr. Maskelyne mit 45 bezeichnet war, mindestens 50 fein müffe. Das gab einen Fehler, der schwerer wog, als ein ganzer Erdtheil. Bis jetzt sind demnach Bailey's Experimente die genauesten und zuverlässigsten, die zunächst von Profeffor Airy's PendelExperimenten möglicherweise übertroffen und korrigiert werden mögen. Aber wie schwer ist denn nun die Erde eigenlich? Mr. Bailey's Hauptfazit unter unendlichen Zahlenmaffen lautet ganz nüchtern: „D. = 56747 mit einem wahrscheinlichen Fehler nicht über "0038“ Aus der fachwiffenschaftlichen Formelsprache frei übersetzt, lautet dies etwa so: Die Erde ist mehr als 54 mal fchwerer, als sie fein würde, wenn sie blos aus Waffer bestände, doppelt fchwerer, als die dichteste Felsformation auf der Oberfläche, etwas leichter als etwa Zinn oder Zink, halb so schwer als Blei. D. (Dichtigkeit) in Schwere und in Tonnen à 20 Centner übersetzt giebt das Gewicht der Erde in folgender Zahl: 1,256,195670000000000000000 Tonnen. Die Erde wiegt eine Quadrillion, zweihundertsechsundfunfzigtaufend einhundertundfünfundneunzig Trillionen, fechshundertundfiebzigtausend Billionen engl. Tonnen. Nun können wir freilich mit all unserer Phantasie und Geisteskraft erst recht sagen, daß wir nun noch viel weniger wifen, wie schwer die Erde sei, da sich das größte Genie nicht einmal von einer einzigen Billion eine Vorstellung bilden kann, geschweige von Tausenden von Trillionen mit der Quadrillion dahinter. Selbst dieses Aeußerlichste und Körperlichste unseres Erdatoms im Weltall ist zu erhaben für unseren Geist, wie viel mehr ihr Leben, Wesen und Wirken in deren Innerstem, in deren Substanz. Der wahrscheinlichste Fehler, den Bailey zugiebt, ist fo klein, daß er in einem Kubikfuß-Meffer, welcher 624 Pfund wiegt, noch nicht den hundertsten Theil eines Grans betragen würde. In der Erdgewichtszahl wächst dieses Hundertstel eines Grans zu 385 Billionen Tonnen, das heißt, wieder etwa zu einer Billardkugel reduziert, zu einem Sprunge in der Politur, den man kaum mit bloßen Augen entdecken würde. Was sollen wir nun mit diesem ungeheuren Fazit anfangen? Kein mathematischer Heros, keine exaltierteste Phantafie, kein durchgebildetster Scharfsinn, keine tiefste und höchste deutsche Gelehrsamkeit kann es faffen und begreifen. Wir werden am Ende gleichgültig gegen die erste Eins in der Zahl und kümmern uns nicht drum, ob Einer da eine Quadrillion oder tausend Quadrillionen fage, Beides ist ganz gleich, insofern uns Eins fo unzugänglich bleibt, wie das Andere. Die Natur ist nicht da, um Moral zu predigen, fie ist fogar nach unseren Begriffen in vielem Schalten und Walten äußerst unmoralisch; aber eine Moral liegt ohne Weiteres in dieser Zahl: Sie bedeutet die Schwere eines unsichtbaren Atoms im Weltall, eines Stäubchens am lebendigen Kleide der Gottheit, das Aeußerlichste, Materiellste eines Nichts in der Körperwelt des Weltalls, und ist gleichwohl fo erhaben, daß eine ganze versammelte Gesellschaft von Naturforschern, in einem Geiste zusammengeschmolzen, diese wichtige materielle Kleinigkeit nicht faffen und begreifen könnte. Und doch machen fie von dem quadrillionsten Theile dieses Nichts, den fie fachmäßig beexperimentiert und in föchiometrische und logarithmische Formeln übersetzt haben, Schlüffe auf das Ganze dieses Nichts, des ganzen Weltalls. Diese Schlüffe sind viel lächerlicher, als wenn etwa Jemand von den Stiefeln eines aus Australien zurückgekehrten Freundes eine Mefferspitze voll Schmutz abschabte und auf Grund dieses Materials eine Geologie Australiens schriebe. Der Mann hätte eine ganze Mefferspitze voll Beweise für fich; die Logik der Natur-Materialisten kann nicht so viel aufweisen, als in den Poren des blankgeputzten Meffers vom australischen Dr. übrigbleiben würde.

Serbien.

Weihnachten der Serben. (Aus dem Serbischen.)

Die Serben nennen Weihnachten bozic (boshitsch), wie die Slovenen, aber den heiligen Abend nennen sie nicht svet vecer (swjet wetscher), wie diese, sondern badnji dan, Klotztag. Vor Weihnachten haben die Fastenzeit, welche fechs Wochen dauert und so streng gehalten wird, wie die griechische Kirche es vorschreibt. Man enthält sich nicht blos des Fleisches und aller Eier- und Schmalzspeisen, sondern ißt auch nicht einmal täglich Fisch. Zu Weihnachten entschädigt man fich dafür. Wenn das Fest kömmt, wird ein ganzes Ferkel gebraten. Es heißt auf ferbisch pecenica (petschenitza), in Montenegro pecivo (petschwio). In der Herzegovina nehmen sie anstatt des Ferkels ein Schaf, welches zaoblica (zaoblitza) genannt wird. Das pecenica

muß gewöhnlich so groß sein, daß der ganze Haus stand eine Woche hindurch davon zu effen hat und auch alle Gäste damit bedient werden können. Daher wird es immer schon lange vorher ausgewählt und forgfältig gemästet. Arme, welche kein eigenes Ferkel haben und fich auch keines kaufen können, erhalten von den Reichen eines zum Geschenk. Oftmals wird auch neben dem Ferkel noch ein Schaf gebraten. Gefchlachtet wird am Tage vor dem heiligen Abend, daher dieser Tag auch Schlachttag (tucen dan, tutschen dan) genannt wird – gebraten aber erst am heiligen Abend, und zwar von Allen, deren Haus zu klein für ein so großes Feuer ist, um das Ferkel ganz braten zu können, im Walde an einem eichenen Blocke. Nur die Städter, welche kalten Braten nicht lieben, braten erst am Weihnachtsmorgen. Für den heiligen Abend schneidet man für jedes Haus im Walde drei Klötze ab, welche badnjaci heißen, und fchafft fiel bis ans Haus, dort bleiben sie liegen, bis es zu dunkeln anfängt. Dann trägt fie das Familienhaupt ins Haus und legt sie aufs Feuer. Wenn er mit dem ersten über die Schwelle schreitet, sagt er: Guten Abend, den Klotztag in Ehren! Bei diesen Worten bewirft er die, welche im Hause find, mit Korn und erhält von ihnen zur Erwiederung: Gebe Gott einen guten Abend und Glück und Ehre dem Klotztag! In Rifan und anderen Gegenden umwinden die Mädchen und Frauen die Klötze mit rother Seide, mit Bändern und Golddrath, fchmücken sie mit Lorbeerblättern und Blumen und zünden an den Thürpfosten Lichter an, wenn fie ins Haus getragen werden. In Montenegro trägt man dem Klotze einen Krug Wein und ein Laib Brod entgegen, und wenn er auf dem Feuer liegt, trinkt man ihm zu, begießt ihn mit Wein und trinkt dann zur Ehre Gottes, indem jeder Hausgenoffe etwas aus dem Becher trinkt. Wenn die Klötze an zu brennen fangen, nimmt das Familienhaupt Stroh, freut damit in Haus und Küche und ruft ähnlich einer Gluckhenne: kro! kro! kro! Die Kinder halten sich dann an feinen Kleidern fest und krähen wie die Hühnchen: piu! piu! piu! In Rifan spricht man vorher: wo das Stroh, da der Ruhm. Am Abend erzählt man fich Geschichten, damit die Nacht leichter vorübergehe. In Rifan wacht. Einer fortwährend beim Klotz und begießt ihn, wenn er zu rasch verbrennen will, mit Wein. Dieser Gebrauch ist überaus alt, und feine wahre Bedeutung läßt sich nicht mehr erkennen. Sogleich nach Mitternacht fängt man von allen Seiten an, mit Pistolen zu schießen, so begrüßt man auch den Anbruch des Tages, und je näher er kömmt, desto mehr wird gefchoffen. Wer am Morgen zuerst nach Waffer geht, nimmt stets etwas Korn mit und freut das in den Brunnen oder den Bach. Mit dem Waffer, welches sie so geholt, kneten sie das ungesäuerte WeihnachtsBrod, das sie cesnica (tschesnitza) nennen und in das fiel Geld hineinbacken. Am Mittag wird dieses Brod info viele Theile zerschnitten, als Personen am Tische sind, und Jeder erhält fein Theil. In wessen Theil das Geld gefunden wird, von dem glauben fie, daß er das kommende Jahr über vorzugsweise glücklich fein werde. Auch darauf wird besonders geachtet, wer am Morgen zuerst ins Dorf kömmt, und es ist ihnen nicht recht, wenn sie ein Bettler zuerst besucht: es ist von schlimmer Vorbedeutung. Um es zu verhüten, pflegen fiel besondere Besucher, welche fiel polaznici nennen, vorher einzuladen und außer ihnen den Morgen über Niemand anzunehmen. In Serbien kömmt der Besucher ganz früh am Morgen; er hat Korn bei fich, bleibt vor der Schwelle des Hauses stehen und freut mit den Worten: Christus ist geboren! Korn ins Haus. Jemand aus dem Hause antwortet ihm: Er ist in Wahrheit geboren! und bewirft ihn dabei mit Korn. Darauf tritt der Besucher zum Klotz, schürt das Feuer an und klopft mit der Zange so stark auf den Klotz, daß die Funken nach allen Seiten hin sprühen. Dabei fagt er: So viel Schafe, so viel Ziegen, Kühe, Ferkel u. f. w.. und wirft einige Geldstücke in die Asche, oder auch auf den Klotz. Hier und da tragen fiel auch ein Bund gehechelten Flachfes bei sich und hängen es über der Thür auf. Ist alles dies geschehen, fetzen sie sich zum Frühstück nieder. Haben sie gefrühstückt, gehen fie nachhause und kommen zu Mittag wieder. Da werden fiel abermals bewirthet und mit einem Schnupftuch, einem Hemd oder etwas Geld beschenkt. Auch einen großen Weihnachtskuchen nehmen fie stets mit nachhause. Reiche gehen häufig zu Armen als Besucher und bringen dann Speisen und Getränke mit, damit jedes Haus fchmaufen könne. In Rian kömmt der Weihnachts-Besucher erst zu Mittag und bringt einen Krug Wein mit, der schön mit Bändern geschmückt ist. Wenn er kömmt, wird es mit Schüffen verkündigt, und ehe er geht, wird ihm außer den gebräuchlichen Geschenken auch fein Krug wieder vollgefüllt. Setzt man sich zu Tisch, so wird es durch Schießen angekündigt. Der Tisch wird mit Säcken bedeckt, in welchen Korn oder Mehl aufbewahrt wird. Bevor sie sich fetzen, beten fiel zusammen, indem Jeder dabei eine brennende Kerze in der Hand hält. Ist das Gebet geendigt, fo küffen sie sich alle mit den Worten: Gottes Friede fei mit Dir, Christus ist geboren, ist in Wahrheit geboren, neigen wir uns vor Christus und feiner Geburt! In Rian küßt man sich in der Kirche Der Geistliche fängt bei den Bildern an und küßt dann der Reihe

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